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Die Götter warten

GoetterLange bevor der Ausspruch modern wurde: "global denken, lokal handeln", faszinierte Katherine Tingley ihre Zuhörer in Vorträgen auf der ganzen Welt mit einer Vision von einer globalen Einheit, in der ein jeder seine Verbindung mit allen anderen erkennen wird und wissen wird, dass es keine Unbeteiligten geben kann – alle haben Anteil, denn "die menschliche Natur an einem beliebigen Punkt zu berühren heißt, mit der gesamten Menschheit in Verbindung zu stehen".

Die Götter warten ist eine Zusammenstellung aus ihren Vorträgen und ist geprägt von der Atmosphäre, welche aus der Sensitivität und der Authentizität der selbstgemachten Erfahrung resultiert, angereichert mit esoterischen Einblicken, mit praktischen Illustrationen und viel gesundem Menschenverstand.

Die Lebendigkeit von Katherine Tingleys Botschaft strahlt durch die Zeit und ihre aufrüttelnde Redekunst kommt in geschriebener Form ohne Abstriche zum Ausdruck. Sie appelliert an das Herz, den Verstand und die Intuition, und sie zeigt die Wurzeln der "Inhumanität der Menschen gegenüber den Menschen" auf und hebt die Notwendigkeit von Erziehung, Weltfrieden, Freiheit von Dogmen, Reformierung des Systems der Kriminalrechtssprechung und der persönlichen, familiären sowie nationalen Verantwortlichkeit hervor.

Dieses Buch ist angewandte Theosophie: ein inspirierendes Plädoyer für sozialen Wandel und für individuelle Erneuerung auf der Basis von Selbsterkenntnis, Mitleid und der angeborenen Göttlichkeit des Menschen.

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Theosophical University Press, Pasadena, Kalifornien | Theosophischer Verlag GmbH, Eberdingen

Übersetzung der zweiten überarbeiteten Ausgabe von „The Gods Await“ © Theosophical University Press 1992, ISBN 3-930623-17-X

Deutsche Übersetzung: © Theosophischer Verlag GmbH, 1995, Eberdingen

Alle Rechte vorbehalten

 


Vorwort

Zu lange waren wir Hörige der „blindmachenden und lähmenden Tyrannei von Glaubensbekenntnissen und Dogmen“. Es wird Zeit, aus dem Schatten von Angst und Selbstzweifel herauszutreten und „die Freiheit in Anspruch zu nehmen, die weite, süße Luft des Lebens einzuatmen und die Unendlichkeit in uns selbst zu finden; …wir sind unsterblich, Erben alles Guten im Universum“ (Seiten 12-13). Die Götter warten von Katherine Tingley ist eine dringende Aufforderung an uns alle, genau das zu tun. Es ist der leidenschaftliche Appell aus dem mitleidsvollen Herzen eines Menschen, der unermüdlich daran gearbeitet hat, die Würde und Hoffnung für jene wiederzuerlangen, die seelisch und körperlich enterbt waren; es ist ihre Verteidigung der Erkenntnis, daß jeder Mensch – ganz gleich, in welchen Verhältnissen er lebt oder wie er gestrauchelt und gefallen sein mag – von göttlicher Abstammung ist, zu unermeßlichen Erkenntnissen fähig, wenn nur seine feineren Impulse gefördert und seine niedrigeren Instinkte gezähmt und kontrolliert werden.

Das Material zu diesem Buch stammt aus improvisierten Ansprachen Katherine Tingleys, die sie vor vollen Hörsälen in Europa und Amerika und vor ihren Studenten gehalten hat. Als inspirierte Rednerin forderte Katherine Tingley ihre Zuhörer zu erhabenen Höhen heraus, von denen sie niemals gedacht hätten, sie erreichen zu können. Wenn man die Seiten aufs Geratewohl durchblättert, so wird man den Schimmer reiner Inspiration finden, praktische Weisheit, freimütige Kommentare, Verständnis, Größe der Vision und, in bezug auf das Ganze, eine völlige Identität mit jenen, die leiden.

Sie war von Natur aus und durch ihre Handlungsweise ein Altruist. In den frühen neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtete sie in New York Citys East Side Suppenküchen und soziale Hilfsstationen, und später gründete sie philanthropische Organisationen für Waisenkinder, unverheiratete Mütter und notleidende Familien. Nach vielen Jahren der Unterstützung von Armen und Behinderten wurde sie durch die ungeheure Aufgabe immer mehr entmutigt, die schrecklichen Lasten derjenigen zu lindern, die in Lebenslagen gefangen waren, die sie nicht mehr kontrollieren konnten. „Mir brach fast das Herz, als ich so viel entsetzliches Elend sah und wußte, daß alles, was ich tun konnte, erbärmlich wenig war, zu unwirksam, um sie aus ihrem momentanen Elend herauszuholen und sie vor gleich Schlimmem oder gar noch Schlimmerem morgen oder am nächsten Tag zu bewahren“ (Seite 61).

Während des Streiks der Textilarbeiter von 1892-1893 in New York City wurde sie eines Tages von William Q. Judge{footnote}Mitbegründer der Theosophischen Gesellschaft und Generalsekretär der Amerikanischen Abteilung.{/footnote} zu Hause angerufen. Als stummer Zeuge ihres sozialen Engagements hatte er intuitiv erfaßt, daß sie nach einer befriedigenden Erklärung für die ihr täglich begegnenden grausamen Ungerechtigkeiten suchte, nach einer Philosophie, die nicht nur umfassend und mitleidsvoll genug war, um unabhängiges Denken zu erlauben, sondern auch praktisch genug, um sich mehr mit den Ursachen als lediglich mit deren Auswirkungen zu befassen. Er erzählte ihr von Theosophie mit ihrer umfassenden Weltanschauung; daß ein Funke des Göttlichen im Geringsten genauso wie im Größten wohnt, in jeder Lebensform sämtlicher Naturreiche. Das fesselte ihr Interesse, denn für sie war die Natur ein heiliger Tempel, jeder Teil ein lebendiger Gott, für einen göttlichen Zweck auf Erden inkarniert. Sie nahm die Idee der Reinkarnation als eine gerechte und mitleidsvolle Sache bereitwillig an, die jedem eine Chance gewährte, nicht nur seinen Charakter zu erneuern, sondern auch Unrecht, das man sich selbst und anderen angetan hatte, wieder auszugleichen; und auch die Idee von Karma – was ihr säet, das werdet ihr ernten – als ein auf allen Ebenen wirkendes universales Gesetz, ob es die Reiche der Götter oder die Welt der Moleküle und Zellen betrifft, akzeptierte sie. Was die heimgesuchte Seele betrifft, so hat jeder Mensch, ganz gleich wie tief er gesunken sein mag, in sich einen göttlichen Funken und die gottgegebene Kraft, aus seinen Fehlern zu lernen und sich selbst zu ändern. Wir brauchen keinen Vermittler, um unsere Seele zu retten: wir sind unsere eigenen Zerstörer oder unsere eigenen Retter.

Mit einer solchen Lebensphilosophie änderte sich ihre Einstellung und ihr Leben grundlegend. Sie trat in die Theosophische Gesellschaft ein und wurde eine enge Mitarbeiterin von Judge. Als er im März 1896 starb, folgte ihm Katherine Tingley als offizielle Leiterin der TG. Innerhalb weniger Monate unternahm sie eine Weltreise; während dieser Reise veranstaltete sie „Bruderschafts-Speisungen“, wo immer es möglich war. Mit ihrem bewegenden Bericht über ihr Treffen mit H. P. Blavatskys Lehrer in Indien „wurde uns ein Talisman übergeben“ (Seite 125). Sie merkte alle diejenigen vor, die sie später einladen wollte, ihr nicht nur beim Aufbau eines internationalen Zentrums für Theosophisches Licht zu helfen, sondern auch beim Aufbau einer Schule für Kinder, von der sie schon lange geträumt hatte. Als sie über Point Loma in Kalifornien, wo sie Land für künftige Zwecke gekauft hatte, nach New York zurückkehrte, gründete sie das Internationale Bruderschaftsbündnis, um ihre philanthropischen Aktivitäten zu festigen und zu erweitern. Sie reorganisierte die Gesellschaft unter dem Namen „Universale Bruderschaft und Theosophische Gesellschaft“, während sie unentwegt ihr Hilfswerk weiterführte, wo die Not am drängendsten war.

Im Jahre 1900, als die Internationale Hauptstelle der Gesellschaft von New York City nach Point Loma verlegt wurde, wurde ihre Kindheitsvision von einer Stadt im Goldenen Westen langsam, aber sicher, verwirklicht. Hier wollte sie eine Gruppe von Menschen in der Atmosphäre der Mysterien des alten Griechenland schulen, wobei Musik, Theater und die Künste ein wesentlicher Teil des Lehrplans ausmachen würden, der auch von hohen ethischen Grundsätzen durchdrungen sein sollte. In dieses Zentrum wurden Poeten, Schriftsteller, Erzieher, Geschäftsleute, Minister, Ärzte und gelernte und ungelernte Arbeiter eingeladen. Sie kamen als „Studenten“, um zu lernen und ihre Hingabe und ihre Talente für den Bau eines Erziehungszentrums für Kinder und Erwachsene anzubieten, das alle ihre spirituellen, mentalen, moralischen und physischen Fähigkeiten zum Erblühen bringen würde. Es wurde erhofft, daß sich die höchsten Ideale des Menschentums dort verwirklichten und daß die Schule den Tag verkündigen würde, an dem Kriege und ihre Frucht des Bösen undenkbar wären, und Frieden und Bruderschaft überall praktiziert würden.

Ein Hauptaugenmerk ihrer philanthropischen Arbeit legte sie auf die Arbeit in Gefängnissen – die Ursache und die Heilung von Kriminalität und die Wiedereingliederung von Gefangenen waren ein Anliegen, das sie ganz in Anspruch nahm. Von 1911 bis 1929 wurde The New Way [Der neue Weg] herausgegeben, eine acht Seiten umfassende Zeitschrift, die an „Gefangene und andere, ob hinter Gittern oder nicht“ unentgeldlich weitergegeben wurde. Die Herausgeber vermittelten theosophische Ideen in vielfältiger Form, hoben die Eigenverantwortlichkeit hervor, und daß Besserung, ungeachtet dessen, wie schrecklich das Verbrechen auch war, immer möglich sei, wenn jemand den Willen und den Wunsch hätte, sein Denken und seine Einstellung zu ändern.

Wahrscheinlich stand Katherine Tingley nichts näher als Frieden, denn ohne ihn kann es keine Stabilität geben; ohne Stabilität leiden das Familienleben und die Kinder. Alles ist eng miteinander verbunden. Ihre persönliche Begegnung mit „den Schrecken des Krieges“ in sehr jungen Jahren und seine herzlosen und die Menschen verkrüppelnden Auswirkungen hatten nachhaltige Narben in ihrer sensiblen Natur hinterlassen. Der Schrecken und das Leid, deren Zeuge sie bei Soldaten auf beiden Seiten während des Bürgerkrieges geworden war, hatten sie zu einem glühenden Befürworter des Friedens und der Bruderschaft unter allen Nationen und Rassen gemacht und verstärkten ihre Überzeugung, daß Kinder in frühem Alter die Verheißung der Schönheit und des Friedens erfahren sollten, bevor sie von dem „Ruhm“ der Schlacht verdorben würden. Unter ihren Bemühungen um den Frieden war eine Reihe von Friedenskongressen und -parlamenten zwischen 1913 und den 1920er Jahren bemerkenswert.

Tingleys wohltätige Anliegen waren Legion, ihre Art, Theosophie „unermeßlich nützlich“ zu machen, wo immer es am notwendigsten war: gegen Vivisektion und ihre verheerenden Mißbräuche; gegen die Todesstrafe – nicht nur, um den zum Tode Verurteilten die Möglichkeit zu geben, zu leben und ihr Leben neu zu gestalten, sondern auch wegen ihres entwürdigenden und manchmal verhängnisvollen Einflusses auf die Menschheit, mitunter sogar auf die Ungeborenen; und gegen das vorherrschende Kriegssyndrom, daß jeder Gesinnungskonflikt zuletzt mit Gewalt zu lösen wäre. Kein Detail war in ihren Augen zu unwichtig, um nicht wenigstens überprüft zu werden, keine Idee zu grandios für sie, um nicht einen Versuch zur Hilfe zu unternehmen, wenn der Zeitpunkt dafür richtig war.

Als im Jahre 1926 The Gods Await [Die Götter warten] zum ersten Mal veröffentlicht wurde, löste dieses Buch Begeisterung aus und wurde in verschiedene Sprachen übersetzt; aber nach 3 Jahren starb die Autorin und ihre Bücher wurden mit der Zeit nicht mehr aufgelegt. Heute, sechs Jahrzehnte später, wird Katherine Tingley von vielen Menschen für ihre praktische Darlegung grundlegender theosophischer Ideen in klarer, inspirierender Sprache und für ihre verständlichen Beispiele bezüglich Familienleben und Erziehung geschätzt. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, hat die Theosophical University Press eine überarbeitete Ausgabe von The Gods Await als Begleitband zu dem ersten Buch der Autorin Theosophy: The Path of the Mystic (3. Ausgabe 1977) [Theosophie: Der Pfad des Mystikers] herausgegeben. Die Überarbeitung wurde mit der einfühlsamen Fachkenntnis von Sarah Belle Dougherty und den Mitarbeitern des Redaktions- und Verlagsstabes der TUP geleistet. Beide Bücher tragen die wunderbare Botschaft weiter, daß wir Menschen keine Sünder sind, nicht zum Versagen verurteilt, sondern Wesen des Lichtes, verwandt mit den Unsterblichen, fähig zu großartigen Siegen der Seele, wenn wir nur wagen, an unser göttliches Selbst zu glauben.

– GRACE F. KNOCHE

Pasadena, Kalifornien

21. März 1992


I – Dogma versus den Gott im Menschen

Menschen und Parteien, Sekten und Schulen sind ja nichts als Welten-Eintagsfliegen. Die Wahrheit, auf ihrem Fels von Diamant, ist allein ewig und vollkommen.

– H. P. BLAVATSKY, Isis entschleiert, Vorwort

Helena Petrovna Blavatsky

Menschen haben selbstlose Stimmungen, aber dennoch sind selbst ihre großen Vorsätze unbeständig und schwankend: heute sind ihre Bestrebungen vorhanden – und morgen schon wieder vorbei. Wie also könnte jemand wie Helena Petrovna Blavatsky zu ihrer Zeit verstanden worden sein? Sie wird für immer ein Mysterium bleiben – außer für diejenigen, die herausgefunden haben, daß das irdische Leben nicht die erfreuliche Angelegenheit ist, auf die es Anspruch erhebt, die an seine Grenze gestoßen sind und Ehrgeiz und Selbstsucht als Täuschungen erkannt haben. Diejenigen, die sie verstanden haben, müssen sich schon in einem früheren Leben der Unwirklichkeit und Unbeständigkeit der Dinge bewußt gewesen sein, die den Menschen am meisten am Herzen liegen; und dann müssen sie sich der Realität bewußt geworden sein, die dahintersteht und die von uns den Willen zu wachsen und den Willen zu dienen erfordert.

Obwohl HPB in mancher Hinsicht ein Mysterium bleibt, ist es eine bestimmte Größe an ihr, die uns zur Suche nach der inneren Bedeutung der Dinge und zu dem Bemühen drängt, den innersten Teil unserer Natur zu erwecken, in dem die gesamte Wahrheit auf unsere Entdeckung wartet. Für diese Bedürfnisse war sie gekommen und hat ihr Leben auf dem Altar der Wahrheit geopfert. Sie sah, wie sich die Menschheit durch die Jahrhunderte treiben ließ, in Unkenntnis ihres Geburtsrechtes und ohne sich ihrer Würde bewußt zu sein: wie die Unbestimmtheit moderner Ideen den Verstand der Menschen verwirrt hatte und überall Unsicherheit und hilflosen Zweifel hervorgerufen hatte; wie die essentiellen Wahrheiten der Religion von den unaufrichtigen Kräften der Falschheit durchsetzt worden waren, die den Fortschritt der Menschheit verzögern. Sie hinterließ der Nachwelt eine Sammlung von Lehren, die die Kraft in sich haben, die ganze Welt zu verändern und gleichsam den unsterblichen Teil des Menschen vom Tode zu erwecken. Sie war der Bote und Fürsprecher der Seele, des lebenden Gottes im Menschen, und sie war gegen totes Dogma und konventionelle Meinung, gegen jegliche Art von verdummender Irrealität und gegen alles Böse, das die Menschheit zerstören würde.

Der Fluch des Dogmas

Die von der Mehrheit akzeptierte Lebensphilosophie hat die Menschen unaufhörlich von ihren erhabensten Möglichkeiten hinweggeführt. Wir essen, schlafen, leiden und sterben in unserem Gehirnverstand und in dem niedrigeren und unwirklichen Teil von uns selbst und verschließen die Kammern der Seele durch Türen gegen unser eigenes Eintreten.

Betrachtet die Gesichter auf der Straße, und ganz allgemein das Aussehen der Menschen in der Öffentlichkeit: sie fangen bereits an, den Tod zu fürchten; der Gedanke an den Tod ist ihr ständiger Begleiter. Angst liegt uns im Blut und wird im Blut unserer Nachkommen liegen. Unsere jungen Männer werden alt, bevor sie jung waren, und unsere Frauen sind niedergedrückt und freudlos. Wir sind in unserem Intellekt, in unserem Herzensleben und physisch begrenzt; und dort, wo viele von ihnen Riesen sein sollten, sind sie nur ein armseliges Abbild eines Menschen – und all das nur deshalb, weil uns über Jahrhunderte hinweg nur Halbwahrheiten übermittelt wurden. Die großen und universalen Wahrheiten über das Leben wurden hinter Formen und Zeremonien, hinter Beweisführung, Argumenten, Hoffnungen und Glauben verborgen, bis wir nicht mehr wußten, wo wir stehen.

Die meisten Männer und Frauen denken überhaupt nicht wirklich darüber nach – sie bilden sich nur ein, es zu tun, aber sie tun es nicht – und das ist eine der großen Schwierigkeiten von heute. Sie entlehnen ihre Meinungen von äußeren Quellen und ignorieren die in ihrem Inneren schlafende Göttlichkeit. Der äußere Anschein gilt als Wahrheit, der Buchstabe wird dem Geist vorgezogen, und während wir die Gedanken des einen oder anderen übernehmen und versuchen, ihnen zu folgen, sind die größeren und hilfreicheren Gedanken in uns selbst unerweckt und warten darauf, erkannt zu werden.

Wir hungern und dürsten nach der Oberfläche der Dinge und wollen nie lange genug in den Kammern des unsterblichen Menschen verweilen. Oft kommen wir in spirituellen Dingen keinen Schritt vorwärts, weil unser Verstand derartig in Bücher vertieft ist, meist überladen mit einer Art Gelehrsamkeit, die das Herz der Menschheit zerstört, und das Universum und alles, was darin existiert, nur vom Standpunkt der Materie und des Verstandesdenkens ausgehend erklärt. Selbst wenn wir Millionen von Büchern lesen und studieren würden und die größten Lehrer zu unserer Unterweisung hätten, würden wir keine Wahrheit finden, solange wir nicht an unser eigenes inneres Selbst glauben; und auch daran, daß Mensch zu sein mehr bedeutet als menschlich zu sein –, größer, als es sich die Welt vorstellt, oder als Dogmen und Glaubensbekenntnisse es erlauben würden – denn in unserem Inneren ist etwas, das zu absolutem Wissen fähig ist und nicht ohne Selbsterniedrigung aufhören kann, zu glauben.

Viele, die sich nach Wahrheit sehnen, sind dennoch nicht bereit, um ihretwillen auch nur eines ihrer mentalen Hindernisse aufzugeben, denen es an jeglicher Beziehung zur Wahrheit mangelt: vorgefaßte Meinungen, die in den Hallen ihres Gedächtnisses lauern, Meinungen, die aus ihren eigenen Launen heraus geboren wurden oder aus dem psychologischen Einfluß ihrer Nachbarn oder aus Büchern, die sie gelesen haben, oder aus ihrer Umgebung, aus den konventionellen Ansichten, die sie aufgrund ihrer Erziehung übernommen haben, als ihnen gelehrt wurde, scheinheiliges Gerede als Ersatz für vitale Realitäten zu akzeptieren.

Denkt über das Gebot nach, daß wir unsere Nachbarn lieben sollen wie uns selbst. Wir lesen es gewöhnlich oberflächlich in der Kirche an Sonntagen und erneuern es mit einer gewissen Selbstgefälligkeit bei der Wiederholung; aber was haben wir davon in unserem täglichen Leben? Konventionelle Phrasen, die Höflichkeit ausdrücken, und eine konventionelle Haltung des guten Willens; abgedroschene Lippenbekenntnisse, nach denen jeder, der gegen gewöhnliche Gepflogenheiten verstößt, für unfreundlich und unhöflich gehalten wird. Es kommt uns nie oder nur selten in den Sinn, daß es sich, wenn wir sagen „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, nur um eine leere Wiederholung handelt – Lippenbekenntnis, scheinheiliges Gerede, ja sogar Heuchelei –, wenn nicht wirkliches Fühlen hinter den Worten liegt, das unser Leben und Handeln beherrscht.

Wir sind unseres Bruders Hüter: wie können wir unsere Pflicht irgend jemandem gegenüber erfüllen, solange der Inhalt unserer Meinungen weder Denken noch Wahrheit ist, sondern Schlagworte, banale Phrasen und konventionelle Begriffe? Welchen Platz in dem System der Dinge können wir in passender Weise einnehmen, solange wir die Gezeiten unserer Gedankenströme als Substanz für unsere mentale Aktivität annehmen? Wir dürfen nicht an unser unbedeutendes Selbst denken, an unsere einengende Umwelt und die kleinen Götter, die wir in unseren Herzen und Heimen aufgestellt haben, so als ob die Zeit und das höhere Gesetz auf jeden Menschen warten würden. Wir müssen uns von der Oberflächlichkeit befreien, die alles moderne Leben durchdringt.

Viele Menschen, die sich danach sehnen, ehrlich zu sein, oder die es zu sein scheinen, sind unter den Leidtragenden. Nehmen Sie zum Beispiel einen Anwalt, einen typischen Vertreter der menschlichen Gesellschaft. Er geht täglich in sein Büro und repräsentiert für die Gesellschaft einen hervorragenden Vertreter des Gesetzes. Zu Hause, im Kreise seiner Familie, die er liebt, nimmt er regelmäßig am Gottesdienst teil und spendet großzügig für die Kollekte. Er gibt seine Bankette, er ist ein hoher Beamter des Staates, er befriedigt die Launen des einen und des anderen, gehört der einen oder anderen politischen Partei an – und weil die Welt auf den Fortschritt des Einzelnen gerichtet ist, wird er als ein hervorragender Mann bezeichnet. Jedermann sucht seine Gesellschaft, besucht ihn in seinem Heim und ist bestrebt, ihn zum Freund zu haben. Er ist durch die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Welt geschmeichelt und fühlt, daß er seinen Platz im Leben erlangt hat und hegt fortan nicht mehr den Willen oder Wunsch zu wachsen.

Dann stirbt sein Körper; ihm werden große Ehren erwiesen, und er bekommt ein öffentliches Begräbnis; die Zeitungen loben seine Größe – und das alles ist Unsinn. Das alles ist inhaltslos: nichts Reales, nichts Dauerhaftes. Unter all dem Streß von Ehrgeiz, Zurschaustellung und Publizität konnte nichts heranwachsen. Es war nur ein bestimmter Aspekt des Menschen, der aktiv war – seine materielle Seite –, und er wußte nie, wie er zu den wirklichen, tiefen Hilfsquellen seiner Natur, die in seiner Seele liegen, zurückkehren konnte; und zuletzt verschied er blind und ohne etwas gelernt zu haben.

Niemand kann im Licht wandeln, ohne sich selbst von dieser Oberflächlichkeit befreit zu haben. Der menschliche Verstand muß seine Unabhängigkeit erreichen, weitergehen und für Größeres als bloße gesellschaftliche Statussymbole einstehen. Welchen Wert hat es, mit weniger als der Wahrheit zufrieden zu sein? Solange wir verwirrt sind und unser Denken durch die Ideen der alten religiösen Systeme völlig fehlgeleitet ist, solange wird es für uns unmöglich sein, die wahre Natur des Menschen zu verstehen, denn das Wesentliche für ein solches Verstehen liegt zur Gänze im göttlichen, Höheren Selbst des Menschen, im innersten Heiligtum des Lebens.

Wir wissen, daß in jedem Menschen diese beiden Wesen existieren: die niedere Natur, die danach trachtet, ihren eigenen Neigungen zu folgen; und der unsterbliche Teil unserer Natur, eingekerkert in das Fleisch, der sich nur durch die Erhabenheit des Charakters manifestieren kann. In dem einen Teil werden die Schätze von Begierde und Eigendünkel festgehalten und gehortet, von dort stammt diese wütende, knurrende und immer unzufriedene Selbstsucht, die sich wie eine Schlange in das Leben stiehlt. Von dem anderen rühren alle unsere goldenen Momente her, erfüllt mit heiligem Sinn: die Freude des Dienens und die Freude daran, das Beste zu geben, das man hat und kann; und nur das ist es, was im Leben von Wert ist, der kostbare Schatz, den Geld nicht kaufen und Zeit nicht verwüsten kann: Imagination, der Künstler in uns, der wie ein Engel des Lichtes aus den Kammern der Seele kommt, und das Leben zu vollkommener Schönheit entfaltet. Um erfolgreich zu leben, müssen wir lernen, sicher zwischen diesen beiden zu unterscheiden. Wir müssen lernen, durch Wissen zu überwinden, oder es wird uns beigebracht werden, durch Leiden zu überwinden. Wie kann ein Mensch jedoch lernen, wenn seine mentale Vorstellungskraft so ungeschult ist, daß er nicht zwischen Konvention und Tatsache unterscheiden kann, zwischen lebendiger Wahrheit und totem Dogma?

Errette Dich selbst

Einer der größten Stolpersteine auf dem Pfad der Menschheit von heute ist die Leichtigkeit, mit der sich Irrtum und Wahrheit vermischen; sonst hätten wir nicht überall auf der Welt diese sich widersprechenden Gedankensysteme. Für den begrenzten menschlichen Verstand ist es absurd, die Endgültigkeit irgendeiner Glaubensrichtung zu proklamieren. Derjenige, der auf blinden Glauben baut, baut sein Haus auf Sand. Würde immer noch der Geist der Wahrheit die Religionen der Welt leiten und heiligen, dann gäbe es keine dieser tief verwurzelten Uneinigkeiten unter den Menschen, denn wir alle sind in Wahrheit Glieder des universalen Systems, Brüder in Hinblick auf alles, was in unserem Leben wahrhaftig ist.

Das Himmelreich ist in uns; es ist nicht weit weg. Göttlichkeit durchdringt das ganze Universum. Sie ist unpersönlich und unerkennbar, ganz gleich, wie weit wir uns ihrem Licht nähern. Sie ist das Absolute, das Ziel, zu dem wir emporsteigen, und das wir niemals erreichen; zu dem wir unaufhörlich emporsteigen, indem wir ständig lernen und wachsen, in dem Wunsch und der Kraft zu dienen, indem wir unaufhörlich neue und größere Ideale erwerben von jenem, zu dem wir emporsteigen. Wer das erkennt, weiß, was die Würde des Menschen ist, und daß die einzige zu unserer angeborenen religösen Natur passende Religion ein universales System menschlicher Bruderschaft sein wird, das auf dem Wissen beruht, daß wir essentiell göttlich sind – ein System, das unsere Herzen durch die Erkenntnis erwärmen wird, daß es nichts außerhalb von uns gibt, das uns retten oder verdammen kann, daß wir selbst es sind, die alleinig unsere eigene Erettung erarbeiten müssen und können.

Es war Emerson, der sagte: durch das Leben zu gehen und dabei von irgendeiner äußeren Kraft abzuhängen, um die eigenen Seele zu retten, wäre so, als würde man Rechnungen unbeglichen lassen in der Absicht, daß jemand anderer sie bezahlen wird, ohne daran zu denken, sie je selbst zu bezahlen. Es ist völlig sicher, daß derjenige, der auf eine so dumme Errettung hofft, gegenüber den Tatsachen und der Vernunft blind ist. Diese Einstellung hat uns unseren höheren Interessen gegenüber ziemlich gleichgültig werden lassen: sie hat den inneren Glanz verdunkelt und uns lediglich den Gehirnverstand und den unfruchtbaren Glauben als unsere Führer gelassen. Auf das drängende Rufen des Herzens hat sie keine Antworten gegeben, sondern Formen, Riten und Halbwahrheiten, die oft gänzlich verfälscht werden, so daß die Furcht vor Strafe, entstanden aus dem Lehrsatz der Erbsünde, uns über Jahrhunderte hin gefangenhielt und unterdrückt hat; wir wurden hin- und hergerissen, ausgelaugt und durch den psychologischen Einfluß der Angst in die Ecke gedrängt. Unser Leben und unsere Kräfte wurden dadurch in der Entfaltung behindert und entartet – Angst vor dem Tod, Angst vor der öffentlichen Meinung, Angst vor einem eingebildeten, rachsüchtigen Gott.

Es hätte keinen Grund für eine Lehre von der Erlösung gegeben, wenn die Lehre von der Verdammung niemals gepredigt worden wäre, um unser Verständnis für spirituelle Dinge abzutöten, um einen Schleier zwischen uns und unsere erhabeneren Möglichkeiten zu legen, und uns von dem Pfad des Forschens abzubringen, dem zu folgen die Seele von uns fordert, und uns mit der Ungewißheit und der Verzweiflung um unsere Mitbrüder an kahlen Küsten gestrandet zurückzulassen, verfolgt von Enttäuschung und bedrängt von Fragen, die wir nicht beantworten können.

Ich würde das Wort Sünder abschaffen. Ich würde Sünde aus den Wörterbüchern, aus der Sprache und dem Gedächtnis der Menschen streichen. Solange die Menschheit von religiöser Furcht hypnotisiert ist, können wir nicht in den Reichtum des wahren Lebens eintreten. Wir können nicht unser wahres Selbst sein, solange diese pessimistischen und unedlen Ideen die mentale Atmosphäre vergiften. Söhne Gottes, die wir sind, erarbeiten wir hier unser herrliches Schicksal für uns selbst und für die Welt, in der wir leben, um dem Göttlichen für einen Augenblick den Zutritt zu unserem Verstand zu gewähren. Ist das Lästerung gegen das ewige Gesetz? Anstatt der blindmachenden und lähmenden Tyrannei von Glaubensbekenntnissen und Dogmen sollten wir Freiheit haben, um die weite, süße Luft des Lebens einzuatmen und die Unendlichkeit in uns selbst zu finden; wir sollten zu der Überzeugung stehen, daß wir unsterblich sind, Erben von allem Guten im Universum. Es gibt keine Bestrafung – es gibt nichts zu fürchten außer dem, was wir in uns selbst erzeugen.

Wie ist doch die spirituelle Natur des Menschen vernachlässigt worden – wie ausgehungert, wie übersehen und vergessen! Der Gott im Menschen wurde für viele Zeitalter begraben, und das äußere Leben wurde die alles beherrschende Kraft. Alles Böse im Leben ist das Resultat von Ignoranz und falschen Lehren, die das Licht außerhalb von uns selbst suchen und jene innere Quelle ignorieren, von der alles spirituelle Licht ausstrahlt. Und nun sitzen wir hier, völlig verstummt, und warten darauf, daß sich die Zeiten ändern, oder auf Offenbarungen, die vom Himmel fallen; und die ganze Zeit über sind wir es selbst, die die Schlüssel zu all unseren Möglichkeiten in der Hand halten. Wenn wir es wollen, können wir in einer Stunde oder in einem Moment das Tor im Inneren finden, das den Zugang zu Regionen eröffnet, von denen wir niemals geträumt haben, wo Glückseligkeit weilt, denn dort werden alle unsere Probleme gelöst. Dort wird wahrhaftig ein Selbstvertrauen angeboten und erreichbar sein, das jegliches Verstehen übersteigt. Es ist die Essenz der theosophischen Lehre, daß wir Angst ausmerzen und an ihre Stelle Liebe pflanzen sollen.

Jeder von uns kann und muß schließlich auch sein eigenes Gesetz werden: denn jeder hat diese göttliche Kraft latent in sich und ist grundlegend mit der großen Ursache, der Quelle und dem Zentrum des Lebens verbunden – bewußt damit verbunden, wenn er die Angst und alle anderen pessimistischen Gedanken und Gefühle ausschaltet. In uns liegt immer eine große Inspiration, ein Hauch und eine Kraft aus dem Innersten, die von keiner Begrenzung, von keinen gängigen Vorstellungen oder von intellektueller Kritik berührt werden kann. Man kann es die Liebe des Allerhöchsten nennen, denn es ist königliches Mitleid, welches das Herz und die Essenz aller Existenz ist. Um das Wissen zu erlangen, das den Menschen erretten kann, braucht er kein Buch aufzuschlagen oder auch nur ein einziges Mal seine Stimme im Gebet zu erheben, oder auf seine Wiedergeburt oder die Vergebung von einem persönlichen Gott oder auf irgendeine Hilfe von außerhalb zu warten.

Er selbst ist es, der sich verzeihen muß, indem er sich auf das Gesetz verläßt, das alles Leben kontrolliert; indem er Hilfe sucht und auf seine stärkere, seine ewige Seite vertraut; indem er durch Imagination in den göttlichen Reichen der Gedankenwelt verweilt und sich als Teil der immerwährenden Schönheit empfindet. Denn in den Kammern der Seele gibt es keine dunklen Stellen: dort ist nur lebendiges Licht und Wissen. Wir müssen nicht außerhalb von uns nach der Größe und der Hilfe suchen, nach der sich unsere Herzen sehnen. Das Geheimnis und der Schlüssel für alle Situationen ist in unserem Herzen. Alle Wahrheit ist im Inneren. Seit Zeitaltern war sie in diesen Bereichen und liegt noch immer schlafend im spirituellen Teil des Menschen.

Niemand kann es in Worten ausdrücken, niemand kann es in Sprache oder Schrift übermitteln – niemand kann uns das Geheimnis des Lebens enthüllen. Schlüssel und Hinweise können gegeben werden, Enthusiasmus kann geweckt werden, Herzen können entflammt und der Verstand zur Tätigkeit angeregt werden, aber die Wirklichkeit ist etwas, das jeder für sich selbst finden muß. Größer als alle Bücher, die jemals geschrieben wurden, größer als alle Weisheit, die die Lehrer der Alten den Menschen brachten, sind die Bücher der Offenbarung, in denen ein Mensch in seinem Inneren lesen kann.

Zieht hinaus in die Bereiche der Gedanken, wo Wirklichkeit ist, und ihr werdet eure theologischen Bücher zurücklassen, und ihr werdet aufhören, eurer eigenen Seele gegenüber ungerecht zu sein. Euer persönlicher Gott wird in eurem Verstand eines natürlichen Todes gestorben sein. Er wird nicht länger abseits in den Weiten des Raumes sitzen und seine Gefühle der Liebe oder Rache nähren oder euch nach einem einzigen Leben jeder Möglichkeit berauben, Erfahrungen zu sammeln oder zu dienen, und den Glanz der unendlichen und ewigen Existenz von euch fernhalten – diese gesamte phantastische Schöpfung des menschlichen Gehirnverstandes wird entschwinden. Das göttliche Bewußtsein im Inneren wird jedoch wachsen wie die Blumen wachsen. Es wird euch möglich sein zu erkennen, wie die Harmonie und die schützende, universale Freude, die wir die Liebe Gottes nennen können, durch alle Welten und Geschehnisse und Völker strömt; und ihr werdet erkennen können, wie ihr, die ihr Bewohner der Ewigkeit seid, von der Zeit abhängig geworden seid. Wir gehören zur Ewigkeit. Sie ist die Bühne zur Entfaltung unseres Lebens: die Schule, die Arena und die ursprüngliche Wohnstätte der Seele.

Bewohner der Ewigkeit

Der Mensch ist, wie wir wissen, von Natur aus religiös. Jedes menschliche Wesen, auch das niedrigste, neigt zur Religiosität, denn sie alle stammen aus einer göttlichen Quelle. Wie auch immer der Verstand oder sogar das Leben eines Menschen sein mag, der Gott ruht dennoch im Inneren. Dieses grundlegende Wissen, daß der Mensch essentiell göttlich ist, kann alle Probleme lösen, die uns oder unsere Vorväter vor uns gequält haben; durch dieses Wissen könnte die Menschheit aus all ihrer Verzweiflung und Begrenzung emporgehoben werden. Der unmittelbar daraus entspringende Gedanke ist, daß wir unsere Evolution mit unseren eigenen Händen erschaffen und lenken, daß unsere Rettung nur aus uns selbst und durch unsere eigenen Anstrengungen kommen kann. Man muß nur seine eigene höhere Natur erwecken und dabei die Reichtümer des Göttlichen in seinem eigenen Wesen wahrnehmen und erkennen; und die Antwort darauf wird so sicher folgen wie der Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Wurde nicht gesagt, daß das Himmelreich in uns gefunden werden sollte?

Wir suchen nach Wundern: der Verstand ist neugierig und neigt dazu, nach dem Unbekannten und weit Entfernten zu greifen; dabei setzen wir unsere Gedanken und Hoffnungen auf ferne Bereiche, auf einen Punkt im Raum jenseits der Sterne. Die Menschen werden jedoch von dem, was in ihnen diese Liebe für das Wunderbare erweckt, nicht zu ihrer höchsten Pflicht geführt. War es nicht im Herzen, in den Kammern des Herzens – hier und nur hier – wo das Reich des Himmels entdeckt werden kann?

Formen, Glaubensrichtungen und Dogmen können das Licht im Inneren nur verdunkeln. Solange der Verstand durch sie geleitet wird – ganz gleich wie hoch die Prinzipien eingeprägt zu sein scheinen –, kann er nicht anders, als zumindest die Hälfte des Sinns des Lebens verfehlen, kann er nur mit Halbwahrheiten abgespeist werden und taub sein für die innere Stimme. Da kann es weder Glanz noch Inspiration im Leben geben: die Seele wird wie ein einsamer Wanderer weitersuchen, um den Verstand zum Wachstum anzuregen und dem Leben einen edleren Charakter zu geben. Sie wird danach trachten, das bewußte Selbst, die ganze Persönlichkeit, mit der Fülle und der Größe ihrer Kraft zu überfluten – und es vergebens versuchen. Deshalb treibt die Menschheit nun hinaus in diese Ozeane der Unruhe, und deshalb werden wir von Schatten überwältigt, die wir nicht durchdringen können: wir verstehen uns selbst nicht.

Und nun werden alle alten Theorien umgestoßen, Sitten und Glaubensbekenntnisse werden aufgegeben. In der Welt ist jetzt eine Kraft am Werk, die uns dazu zwingt, die Armseligkeit unseres religiösen Lebens und Denkens zu erkennen. Vor dem Weltkrieg (1914-1918) lag ein großer Teil der Menschheit im Halbschlaf. Gläubige dogmatischer Glaubensrichtungen waren selbstzufrieden mit ihren Religionen; jetzt aber sind die Menschen überall durch eine neue Unruhe aufgewühlt: der Glaube, der vorher so beständig schien, behält nun keinen solchen absoluten Einfluß mehr bei. Dogmen und Glaubensrichtungen sterben langsam, und so wenige Menschen nehmen an den Gottesdiensten teil, daß der Klerus überall alarmiert ist. Warum? Weil die Menschen nach dem Brot des Lebens hungern und nicht mehr die leeren Hüllen ertragen können, die ihnen über Jahrhunderte hinweg ausgeteilt worden waren.

Es ist ein Faktum, daß wir essentiell göttlich sind, geboren, um uns zu entwickeln. Dafür sind wir hier, und nicht um unter einer Last von Irrtümern zu verweilen. Die Möglichkeiten der menschlichen Natur sind nicht begrenzt, und es ist nicht schwer, die Wahrheit zu entdecken, wenn wir nur unvoreingenommen danach suchen. Aber wir müssen ohne vorgefaßte Meinungen sein, wir dürfen nicht an einen persönlichen Gott glauben oder daran, daß wir nur ein Leben auf Erden haben; denn Ideen wie diese lähmen den Verstand und führen zwangsläufig zu Angst und Unruhe. Um diese Unendlichkeit in uns zu finden, müssen wir mit der Suche richtig beginnen, indem wir unseren Verstand von all jenen Erinnerungen befreien, die für immer die Erkenntnis des Zieles verhindern würden.

Wahre Religion kann nur durch unsere innere Natur wirken: nur durch sie können wir die Beziehung zwischen Mensch und Mensch, dem Menschen und dem Universum, dem Menschen und der Gottheit erkennen. Deshalb wird der Weise seinen Verstand von Dogmen befreien und die Seele in sich einströmen lassen wie die Gezeiten die Küste umspülen: denn die Dinge sind, wie sie sind, und mit dem auf das innere Leben konzentrierten Blick, kann er die innere Schönheit erschauen; er kann die Seele erblicken, die so natürlich wächst und evolviert, wie es die Blumen tun; das gesamte Leben der Menschheit, von dem alle unsere Hoffnungen, Sehnsüchte und Ideale kommen, kann sich durch den Weisen ausdrücken, so einfach und perfekt, wie die Schönheit einer Rose durch ihre Form, Farbe und ihren Duft ausgedrückt wird.

Denn wir sind hier als Krieger des universalen Gesetzes, um auf herrliche Weise für die spirituelle Manifestation des Menschen zu kämpfen, damit diese trüben Dinge, die unseren Verstand verschleiern, von der Sonne vertrieben werden, die alles erhellt: vom Licht der Seele, der Erleuchtung des höheren Selbst, dem ewigen, spirituellen Widerschein der inneren Göttlichkeit des Menschen. Was wir von der Menschheit sehen, sogar in ihrer besten Verfassung, ist nichts als ein Schatten des Realen, das unmanifestiert ist und für immer nach Manifestation strebt; und das ist der höhere, unsterbliche Teil des Menschen.

Das Leben ist ein wissenschaftliches Problem und muß wissenschaftlich angegangen werden. Wir können nicht falsche und unnötige Vorstellungen mit uns herumtragen und dabei unser Leben zu einem Erfolg führen, denn irgendwo auf dem Weg werden wir darüber stolpern und zu Fall gebracht werden; dann müssen wir wieder von neuem beginnen. Wir alle werden an den Punkt gelangen, an dem das Gesetz und das Leben Verzicht von uns fordern werden; und das kann nicht länger hinausgeschoben werden. Dann werden wir ein riesiges Grab für die dummen und viel zu sehr geliebten Irrtümer brauchen, die unseren Weg blockiert haben. Das war es, was Jesus meinte, als er sagte, daß ein Mensch nicht in das Reich Gottes eintreten kann, bevor er nicht wie ein kleines Kind geworden ist. Es ist eine Reinigung des eigenen mentalen Hauses – eine Vorbereitung des Verstandes auf eine größere Vision und Ausstattung.

Wo Vorurteile und Mißverständnisse, die uns über Jahre hinweg eine Last waren, abgelegt werden, kann neues Leben in den Verstand einströmen, wie Musik aus der Welt des Himmels. Die universale Harmonie kann in unser Leben eindringen: wir werden hellere Reiche des Denkens und Strebens betreten und vor uns ein Ziel erblicken, das herrlicher ist als alles, was wir erträumt haben; und das Wissen darüber bestärkt uns und ist ein sicheres Fundament, auf dem wir unser Leben und Denken aufbauen können.

Ein neues Gefühl für Verantwortung beginnt, denn die Größe des Lebens wurde verstanden, und der Wille ist auf Selbstevolution gerichtet; und wir wissen, daß das Leben ewig ist und gestaltet werden kann, wie man es möchte. Es kann gestaltet werden, wie man es möchte – und das trifft nicht nur für unser eigenes Leben zu. Auf diesem Weg nimmt der Mensch seine Gefährten mit; er kann ihn nicht allein beschreiten. Er ist ruhelos und unglücklich, bis er schließlich erkennt, daß er der gesamten menschlichen Rasse dient. Er weiß, daß das Leben und das Universum nicht für das Individuum existieren, nicht für ihn selbst, sondern für die Menschheit; daß es in Wirklichkeit kein Getrenntsein gibt; daß er im Innersten nicht im geringsten von der Menschheit getrennt ist; daß es nur für die äußeren Aspekte des Lebens zutrifft, bei denen dieses getrennte Wesen und diese vielen Unterschiede des Denkens, des Wachstums und des Fühlens gefunden werden können. Er hat eine innere Erkenntnis von der Einheit gewonnen: er ist in dieses tiefe Wissen darüber eingedrungen, das den höheren Bewußtseinszuständen innewohnt. Er hat die Natur von einem neuen Standpunkt aus gesehen. Die Bedeutung ihres Lebens, die Kombination und das Zusammenspiel ihrer Kräfte, die er sieht, sind alle auf eine große Einheit hin ausgerichtet, wenngleich äußerlich Uneinigkeit herrschn mag und er vieles nicht versteht; die Tendenz ist gänzlich auf eine mächtige Musik und Harmonie gerichtet. Denn das Universum strömt, so wie die menschliche Seele, aus der zentralen Quelle aller Existenz hervor.

Unentwegt werden ihm neue und größere Erkenntnisse des Lebens und der Pflicht bewußt. Er überläßt es dem Sektierer, sich einzubilden, er hätte alles ihm mögliche getan. Für seinen Teil fühlt er, daß alles, was auch immer er getan hat, weniger als gut gemacht war, weil es nicht völlig verstanden wurde. Er fühlt, daß er immer gefehlt und viel weniger als genug getan hat, weil er nicht verstanden hat. Er überläßt es dem Sektierer, sich einen Lohn vorzustellen, der ihn im Himmel erwartet, und Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit, denen er in einer Welt jenseits des Todes teilhaftig wird. Er könnte nicht mit sich selbst zufrieden oder selig sein – obwohl er nichts anderes als Glück gesehen hat, niemals Leid oder Tod, niemals könnte er mit sich selbst zufrieden sein, solange ein Mensch leidend oder ohne Licht zurückbleibt.

Denn in diesem inneren Bewußtsein, an dem wir alle teilhaben, fordert uns eine nicht zum Schweigen zu bringende Stimme auf, Hilfe zu leisten. Und obwohl sie sich in unserem Verstand und unseren Herzen kein Gehör verschaffen kann, weil uns die Schatten umnebeln, und obwohl wir glauben können, daß wir zufrieden sind, weil unsere Augen auf die objektive Welt gerichtet sind, ist es dennoch für jeden einzelnen Menschen in Wahrheit gänzlich unmöglich, sicher, in Frieden und unbesorgt zu sein, solange ein anderer Teil in Gefahr oder unterdrückt ist, denn im Inneren und in Wirklichkeit sind wir eins.

All das weiß er – daß das Leben heilig ist, die Verantwortung des Menschen grenzenlos und jeder Augenblick der Zeit unendlich wertvoll. Jeglicher Zweifel und Pessimismus sind von ihm gewichen; sich seiner Stellung bewußt, betritt er den edlen Pfad. Seine Zuneigung zur Menschheit – für das ganze lebende Universum – wächst mit dem Wachstum seines Pflichtgefühls: Er erkennt, daß es in Hinblick auf das Dienen Tag für Tag mehr und mehr zu tun und zu denken gibt. Er wird sich dieses höheren und universalen Selbst in seinem Inneren immer mehr bewußt, dem er zu allen Zeiten all seinen Dienst schuldet, seine höchste Pflicht für immer.

Sein Körper ist für ihn nun lediglich zu seiner äußeren Hülle geworden, in der er lebt. Er sieht sich auf dieser Ebene als einen Teil des großen Lebensplanes, um hier seine göttlichen Ziele zu verwirklichen, die ständig seinen Verstand antreiben und sein Wachstum zu dem Typ des vollkommenen Menschen hin fördern, der er werden soll. So hat er sein physisches Leben zu Vollkommenheit gebracht, hat sich sowohl physisch als auch mental gereinigt. Seine Art zu denken und zu empfinden haben seinen gesamten Organismus durchdrungen und die Erschaffung des neuen Typs begonnen, der auf keine andere Weise geboren werden kann. Die Seele hat die Herrschaft über den Körper und gestaltet für sich ein wunderbares und schönes Schicksal, jenseits unseres Vorstellungsvermögens.


II – Krieg versus Patriotismus

Das Menschengeschlecht wird niemals von seinem Elend erlöst werden, bevor nicht wahre und echte Philosophen an die Staatsverwaltung gelangen, oder die Regierenden unserer Städte durch das Walten der Vorsehung ernsthaft zu philosophieren beginnen.

– PLATO, Der siebente Brief, § 326

Mein erster Kontakt mit dem Krieg

Ich war noch ein Kind, als ich im Jahr 1861 das erste Mal mit den Schrecken des Krieges in Kontakt kam. Mein Vater hatte kurz zuvor in Massachusetts eine Kompanie organisiert und nach Virginia gebracht, wo sein „New York Mozart“-Regiment an der Straße nach Fairfax stationiert war. Bald danach folgten ihm meine Mutter und wir Kinder nach und lebten einige Zeit in einer alten Villa in Fairfax County, um in seiner Nähe zu sein.

Entlang des Weges, auf dem wir dorthin reisten, waren Tausende von Bäumen gefällt worden, Schützengräben waren nach allen Richtungen hin ausgehoben worden, und in der Ferne konnte man überall Kasernen sehen. Soldaten waren auch überall: einige exerzierten, andere lungerten in ihren Zelten herum, aber alle mit diesem finsteren, erstarrten und angespannten Ausdruck im Gesicht, der mich sogar damals an die vielen Tragödien in den Schlachten denken ließ, die sie geschlagen hatten und noch schlagen würden. Ich ritt oft mit meinem ältesten Bruder in das Camp und die Strecke entlang, an der das Regiment stationiert war, und es waren immer diese grimmigen, schreckenerfüllten Gesichter, die mich beeindruckten. In der Kriegsatmosphäre war überall das Leiden enthalten, das mir Furcht einflößte, und es schien kein Gegenmittel zu geben.

Nach der zweiten Schlacht von Bull Run sah ich die Lazarettwagen mit den Toten und Sterbenden zurückkehren, gefolgt von den Soldaten der Konföderation, zerlumpt und halb verhungert, krank und ausgelaugt, während sie von den Soldaten der Union, die sie gefangen hielten, zum alten Capitol-Gefängnis getrieben wurden. Ein anderes mal, in einer Nacht kurz nach der Sieben-Tage-Schlacht vor Richmond, versuchten die Soldaten, das Feldlager außerhalb Alexandrias zu erreichen. Zu dieser Zeit waren wir in jener Stadt, und Ellsworth’s Zuaven biwakierten in der Straße vor unserem Haus – ich kann sie noch sehen, auch den Schein ihrer Kiefernfackeln, denn in jenen Tagen gab es keine Straßenbeleuchtung. Ich war aus meinem Bett gestiegen, stand vor dem Fenster in dem dunklen Zimmer und beobachtete alles – und da schleppten sich die Verwundeten herein; sie waren den ganzen Tag über von der Front hierher marschiert und versorgten dabei so gut sie konnten auf ihre Wunden. Das medizinische Personal wurde, so weit ich mich erinnere, aus dem Hinterland gebracht, um mit ihnen hier in Alexandria zusammenzutreffen, war aber noch nicht angekommen.

Plötzlich konnte ich es nicht länger ertragen. Ich forderte meine Mutter auf, mit mir in die Küche herunterzugehen. Hier beluden wir uns mit einer Menge von Dingen, nahmen alles, was wir gebrauchen konnten und gingen hinaus zu den Soldaten. Stunden später war ich vermißt, und mein Vater fand mich nach einigem Suchen nach Mitternacht in der Straße bei den Soldaten, als ich ihre Wunden verband.

Ich glaube, es war kurz nach der Schlacht von Bull Run, als Mc Clellan das Kommando über die versprengten Soldaten der Union übernahm, um sie am Potomac neu zu organisieren, als ich anfing, die Abscheulichkeit und den Schrecken des Krieges voll zu erkennen, obwohl die Schlacht, solange sie dauerte, für mich ein Phantom des Grauens gewesen war. Ich hatte das tödliche Donnern der Kanonen in der Ferne gehört und gewußt, daß Menschen zu Tausenden niedergemäht worden waren – ich konnte nicht verhindern, mir das alles vorzustellen.

Es war der Tag der großen Inspektion der Armee von Potomac, und mein Bruder und ich wurden Zeugen des eindrucksvollen Schauspiels. Mc Clellan war da, und ebenso Präsident Lincoln und Tausende von Zuschauern aus Washington und anderswoher. Das historische Schauspiel bestand aus achzigtausend Infanteristen, achttausend Kavalleristen und ungefähr zwanzig Batterien der Artillerie, was in jenen Tagen für wirklich bemerkenswert gehalten wurde. Aber all ihre prächtige Aufmachung brachte nichts als Tränen in mein Herz und meine Augen, denn in mein Gemüt schlichen sich ständig die Bilder von dem ein, was geschehen war, was sein würde, warum sie hier waren. Ich betrachtete all das voller Verzweiflung. Mein Herz schlug dem Norden und dem Süden gleichermaßen voller Mitgefühl entgegen, mich verband mit der einen wie mit der anderen Seite tiefe Sympathie.

Sie waren alle Opfer des Wahnsinns dieses Zeitalters: des Wahnsinns der Unbrüderlichkeit, den dieser Krieg so wie alle Kriege mit sich gebracht hatte. Vor meinem inneren Auge entstand Bild um Bild vom Ende und Ziel all dessen, und Frage um Frage erfüllte mein Denken. Wie könnte sich der göttliche Geist brüderlicher Liebe durchsetzen, um die Rasse der Farbigen in ihrem wahren Fortschritt zu unterstützen, wenn er nicht einmal das Abschlachten hatte verhindern können? Ich brachte es nicht übers Herz, an den angeblichen Glanz des Krieges zu denken: die Kanonen und den Pomp, den „Ruhm der Generäle und das Hurra-Geschrei“. Was meine Vision erfüllte, war die Inhumanität des Menschen dem Menschen gegenüber und wie dringend notwendig ein neues Evangelium oder eine Offenbarung aus dem großen Zentrum des Lichtes ist, um dem Kriegshandwerk Einhalt zu gebieten und das zu bewirken, wodurch der Krieg für immer abgeschafft werden würde.

Viele Jahre sind seit damals vergangen, aber die Menschheit ist noch immer nicht weiser geworden. Auch jetzt werden Anstrengungen unternommen, das Land für einen Krieg vorzubereiten, und viele fühlen, daß das eine Notwendigkeit ist; aber ich weiß, daß das nicht so ist. Krieg und die Vorbereitung zum Krieg und Gedanken, die auf Krieg gerichtet sind: das sind Eingeständnisse von Schwäche. Frieden zu erhalten ist der Beweis und die Manifestation von Stärke. Ich würde es nicht wagen, den Patriotismus eines ehrlichen Menschen zu kritisieren oder auf irgendeine Weise diejenigen herabzusetzen versuchen, die das tun, was sie als ihre Pflicht erachten; des Menschen Widersacher finden sich jedoch in seinem eigenen Haus, und so ist das auch bei einer Nation. Unsere Feinde sind nicht außen, sondern innen: in unserem eigenen nationalen Denken, und in den Sitten, in unserer nationalen Aggression und Unzulänglichkeit. Wir mißtrauen unseren Nachbarn, weil wir uns selbst mißtrauen. Ich meine damit nicht nur die eine oder andere Nation, sondern alle auf der Welt. Wir sollten alle weniger darüber sprechen, wie stolz wir auf unser Land sind, sondern vielmehr für seinen spirituellen Fortschritt und seine Erneuerung arbeiten.

Es sind universale Ideale, nach denen die Welt heute verlangt. Wir müssen mehr als je zuvor verstehen, daß unsere Verantwortung nicht nur uns selbst gilt, nicht nur unseren eigenen Ländern, sondern der gesamten Menschenfamilie. Staatsgebilde und Handel mögen viel bedeuten, nationale Ehre mag viel bedeuten, aber die allgemeine Rettung der menschlichen Gesellschaft hier auf dieser Welt – das umfaßt alles.

Wahrer und falscher Patriotismus

Das fundamentalste Bedürfnis eines jeden Volkes auf der Erde ist dauerhafter Friede; um dauerhaften Frieden zu erlangen, müssen wir einen internationalen Geist oder einen Weltpatriotismus schaffen und unterstützen, der das Resultat der Erkenntnis sein wird, daß das, was auf eine Nation Einfluß hat, alle beeinflußt; daß alle anderen Völker so weit zu den Höhen des Wissens und der Wohlfahrt aufsteigen, wie eine Nation voranschreitet; und daß ebenso alle Nationen so weit in die Tiefe oder niedrigere Natur der Dinge hinuntergezogen werden, wie eine von ihnen von ihren Idealen zu nationaler Selbstsucht hin abweicht; und daß jede Nation an dem guten und schlechten Karma aller anderen Völker teilhaben muß.

In einem Land, das sein Leben gänzlich auf dem Prinzip und dem Geist der menschlichen Bruderschaft aufbaut, wäre Patriotismus alles in allem eine gute Sache, und sein Ziel wäre nicht, die Herzen beim Klang der Trommel zum Schlagen zu bringen, sondern die Gemüter aller zu einer weitherzigeren Auffassung des Lebens hinzuführen. Würden alle Nationen den Patriotismus und die nationale Loyalität dieser Art fördern, wäre die Welt bald in einem universalen Wohltätigkeitssystem vereint.

Nationale Interessen sollten uns teuer sein, so teuer, daß wir gerne unser Leben dafür hingeben – aber im Leben, nicht im Sterben – um die Wirklichkeit zu bewahren, das innere Leben und die geistige Schönheit unserer Länder; um künftige Generationen zu schützen und ihnen ein Erbe edlen Lebens zu hinterlassen, eine unzerstörbare Erhabenheit der Kultur, wie sie Geld nicht kaufen, noch brutale Gewalt gewinnen oder verteidigen kann.

Das höchste Gesetz unseres Seins fordert, daß wir unsere Nationen auf dem Felsen dieser dauerhaften Weisheit errichten sollten, die zu der göttlichen Seele des Menschen gehört, und daß wir unsere Kinder dementsprechend erziehen, damit sie und ihre Nachkommen nach ihnen die Sorgen, die wir kannten, nicht kennenlernen, sondern auf den reichen Resultaten unserer Bemühungen das Fundament der großen Republik der Seele gestalten – jener inneren Republik, in der alle Seelen Bürger sind – daß sie „wie im Himmel so auf Erden errichtet“ sein möge. Jedoch ausschließlich und engstirnig für sein eigenes Land einzutreten, ist ein selbstmörderischer Ersatz für Patriotismus. Schließlich ist das eine Vergiftung des vor uns liegenden Zieles der Hingabe, denn das bedeutet, gegen das allgemeine Ziel des Lebens und die spirituelle Gesundheit der Welt zu arbeiten, wovon das Leben und die spirituelle Gesundheit jeder Nation abhängen. Wir können uns nicht von der Menschheit trennen.

Der Fluch unserer Nationen ist das Getrenntsein. Wir haben keine Übereinstimmung über beliebige Muster des Lebens oder des Denkens oder Handelns. Wir sind einer vom anderen durch die eingebildeten Interessen des täglichen Lebens getrennt, und der zu weit getriebene Wettkampf läutet die Todesglocke unserer Zivilisation. Geld ist zu einer solchen Macht geworden, daß die Menschen dazu gebracht wurden, den Blick für ihre Seelen und ihr Gewissen zu verlieren und zu vergessen, daß sie ein Teil des universalen Lebens sind. Durch unser geteiltes Interesse an uns selbst – Hingabe an das äußere und Vergessen des inneren und wahren Selbst – wird das Tor zu den tieferen Regionen des Denkens, wo die Wahrheit wohnt, vor uns geschlossen und verbirgt vor uns die Manifestation der wahren und schönen Göttlichkeit, die latent in jedem von uns vorhanden ist.

Die Gier der Welt ist der Tod der Welt. Ein Mensch, dessen Denken damit beschäftigt ist, Kontrolle über andere zu erlangen, damit er in der Öffentlichkeit als mächtig und erfolgreich gilt, dieser Mensch befindet sich, vom Standpunkt seiner Seele aus betrachtet, im Todeskampf.

Wir vergessen, daß eine Zukunft auf uns wartet – wahrlich, die Götter warten – und daß es mehr als nur dieses eine Leben zu leben gibt. Wir ignorieren den spirituellen Willen im Menschen und diesen gottähnlichen Teil unserer eigenen Natur, der jetzt mehr denn je aktiviert werden sollte, denn dies ist der Beginn eines Zyklus, eine Wendezeit in der Geschichte der Menschheit. Jedes Zeitalter hat seinen Grundton: es gab eine Periode politischen und religiösen Despotismus; die jetzige ist eine des Forschens, des Wachstums und des Zweifels. In dem Verhältnis, in dem wir jetzt Verständnis für die Wahrheit erlangen, wird das Böse ausgerottet, das die Welt plagt, während der Zyklus seinen Lauf fortsetzt. Wir errichten die Zivilisation der Zukunft, und es ist die erste Pflicht der heutigen Rasse dafür zu sorgen, daß das Bauwerk großartig wird.

Und dennoch ist es jetzt und heute so, daß uns unter der Oberfläche und in den Unterströmungen des Lebens, in bestimmten Schichten der Gesellschaft – diese Schichten müssen wir hier nicht erklären – eine Kraft zur Untätigkeit verführt, die wie ein Märchenmonster Tag für Tag an Macht, Energie und Vorsorge für den eigenen Vorteil gewinnt. Was ist der Sinn all dieser hinterhältigen Propaganda, dieses Drängens zu bewaffnetem Frieden und diese Vorbereitung für den Krieg, dieses stete Beharren auf dem Irrtum, daß der Mensch, um seinen Platz zu behaupten, bereit sein muß, sich seinem Mitbruder mit Gewalt zu widersetzen? Für mich ist es eines der schrecklichsten Dinge auf der Welt, wenn ich höre, daß Gutes aus dem Abschlachten hervorgehen kann, oder daß es möglich ist, die Lebensbedingungen der Welt richtig zu ordnen, indem die Menschenrechte verletzt werden.

Haben wir nicht gesehen, wie schnell der psychologische Einfluß des Bösen und Selbstsüchtigen über einen ganzen Kontinent hinwegfegen kann, wie leicht das Denken einer Nation von den richtigen in die falschen Kanäle geleitet werden kann? Es wäre besser für die Völker der Erde, in Schlaf zu versinken und die Sonne nie wieder zu sehen, als einen weiteren solchen Krieg zuzulassen, wie den, unter dem wir unlängst gelitten haben. Ich denke an die Soldaten, die in der Schlacht sterben – bemitleidenswert, Mann gegen Mann, die unter dem Druck ihrer bitteren und blutdürstigen Gefühle, ihres Hasses, ihrer Raserei und im Wahnsinn des Konflikts verlöschen – und ich frage mich, zu welchem Zustand ihre Seelen hingezogen werden. Ich frage mich wirklich, denn Haß bringt Haß hervor, und Gewalt bringt Gewalt hervor; und wenn wir auch einen ungeheuren Intellekt hätten und allen Reichtum der Welt, so könnten wir die göttlichen Gesetze der Natur dennoch nicht nach unserem Wunsch gestalten.

Ich denke auch wieder an die Auswirkungen des Krieges auf die folgenden Generationen: wie etwas im Leben all derer verlorengeht, die in Kriegszeiten geboren werden, so daß Ungeheuerlichkeiten entstehen und seltsame Exemplare der menschlichen Art – eine neue Rasse, die die Atmosphäre des Hasses atmete und die von Geburt an und schon vor der Geburt verbittert ist – nicht einige wenige nur hier und da, sondern eine ganze Generation der Unausgewogenheit.

Wenn jedoch der geringste Hinweis gegeben wird, daß das Land bedroht ist – und die Zeitungen lieben es, solche Hinweise zu drucken und sind voll davon –, stürzt sich die Mehrheit der Gemüter sofort auf die Vorstellung der Verteidigung durch Brutalität und Gewalt, so daß wir neue Kriege haben werden, die die edelsten unserer Männer hinwegraffen und diejenigen töten werden, deren Leben am meisten erhalten werden sollte, um unsere Zivilisation aufzubauen. Dann rühmen wir uns unseres Patriotismus und unserer Opfer! Ich sage, bevor wir die Trommeln zu schlagen beginnen, und wir den Marsch unserer Lieben in den Tod hören – bevor das Phantom des Todes im Land umgeht und alles verschlingt – sollten wir Banner einer erhabeneren Art von Patriotismus hissen!

Könntet ihr bewaffneten Frieden in eurer Familie haben, im Umgang mit euren Kindern und mit denen, die ihr vorgebt zu lieben? Könnte es dort einen Frieden geben, der reguliert ist, aufgezwungen und aufrechterhalten mit Schwertern, Bajonetten und Feuerwaffen? Diese Idee entbehrt jeder Grundlage: sie ist völlig falsch. Ein auf Waffen gegründeter Frieden ist zwangsläufig nur ein vorübergehender Notbehelf, und sein Ende führt zwangsläufig zu schlimmerem Blutvergießen und Schrecken.

Visionen eines edleren Friedens

Angst und die Furcht vor Kriegen werden zu einer chronischen Krankheit unter allen sogenannten zivilisierten Völkern: eine alte Krankheit, die uns anhaftet und nie geheilt werden wird, bis die Welt das Geheimnis des wahren Patriotismus entdeckt. Furcht ist nichts Edles. Sie ist etwas, das gänzlich in den Reichen der Persönlichkeit, des Niederen und der Selbstsucht entsteht, und sie hat absolut nichts mit dem Höheren Selbst zu tun, das der Held im Menschen ist. Kein Individuum und keine Nation kann den geringsten Fortschritt zum Besseren machen, solange nicht Angst aus ihrem oder seinem Wesen beseitigt wurde.

In Zeiten des Friedens, so wird uns gesagt, sollten wir uns auf den Krieg vorbereiten. In Zeiten des Friedens sollten wir uns, wären wir wirklich furchtlos und hätten auch nur die geringste spirituelle Einsicht, ausschließlich auf einen höheren Frieden vorbereiten; und Frieden in jedem folgenden Zeitalter sollte etwas Edleres und Größeres bedeuten. Anstelle der bestehenden Heere und der Marine sollten wir die Weisheit des höheren Menschen haben, die das Wissen einschließen würde, wie wir unseren Brüdern begegnen, nicht brutal in der Schlacht, sondern wie göttliche Wesen gleichermaßen göttlichen Wesen begegnen sollten.

Denn die große Kraft des göttlichen Universums ist in jedem menschlichen Herzen, sogar in dem schlechtesten und unglücklichsten, und ein Mensch braucht nicht ein ganzes Leben, nicht einmal ein Jahr, um den Gott in seinem Inneren zu entdecken. Wenn er den Mut hat, die Herausforderungen anzunehmen, kann er ihn in einem einzigen Augenblick finden. Laßt denjenigen, der die Wahrheit sucht, die Tore seiner Seele aufbrechen und die ganze menschliche Natur wird ihm offenbart werden. Laßt ihn Zugang dorthin finden, und die Wünsche und Leidenschaften, die ihn sein Leben lang gequält haben, werden verschwinden. Das Licht der Seele, das auf das Gemüt scheint und das Leben des Menschen färbt: das ist der Glorienschein Gottes, das ist die Verherrlichung des Menschen, das ist die Errichtung immerwährenden Friedens. Denn jeder von uns ist ein Universum im kleinen, und jeder hat alle Geheimnisse der Zeit in sich.

Wir könnten von den Blumen in ihrer stillen Reinheit lernen, daß unsere Seelen für die Ewigkeit Blüten treiben sollten, und daß Tage und Momente, Menschen, Ereignisse und Dinge uns unentwegt neue Aspekte voller Verheißung und Ermutigung offenbaren, bis wir zu der Überzeugung gelangen, daß das Leben, das einst so trostlos und tragisch erschien, in seiner innersten Essenz Freude ist. Denn das ist wahrhaftig Leben: die Nähe des Unendlichen zu fühlen, das große Wissen im eigenen Herzen zu finden, im Hause der Selbstlosigkeit zu ruhen und das großartige Fundamentale in allen Dingen zu suchen, die Schönheit und das alte Gesetz. Das ist wahrhaftig Leben: die Entwicklung der Seele, die zu dem erhabenen Geist heimkehrt, zu dem Licht des Lichtes, zu dem Leben des Lebens, zu dem Wissen des Wissens.

Wenn wir den Blick für das Ewige im Vergänglichen verlieren versäumen wir, den Sinn des Lebens zu finden. Hätten die Menschen ihre wahre Menschlichkeit entdeckt, dann würden sie wissen, daß brutale Gewalt niemals, in keinem Fall, unter keinen Umständen, einen einzigen, wirklichen Sieg oder überhaupt irgend etwas Wertvolles erreichen kann. Wenn wir dadurch gewinnen, verlieren wir; diese Siege sind unsere ärgsten Niederlagen. Es ist die Ignoranz und die Kleingläubigkeit des Zeitalters, die uns behindern, und die Spuren beider können auf das Erbe und die langen Generationen der Vergangenheit zurückverfolgt werden. Jeder Mensch und jede Nation sind eine verkleinerte Darstellung der gesamten Menschheit, und der zerstörende Glaube an das Getrenntsein beweist, daß unser Blick völlig von dem Wahren abgewendet und auf die objektive Ebene fixiert ist.

Es gibt nur ein wahres und legitimes Schlachtfeld: das Gemüt des Menschen, wo uns die Dualität unserer Natur ununterbrochen im einzigen berechtigten Krieg festhält – dem Krieg des Gottes in uns gegen das niedrigere Selbst. Das Königreich des Himmels ist im Inneren, und niemand ist so weit weg vom Licht und von der Wahrheit, daß er nicht morgen umkehren und es finden kann. Dann wird er für die Ehre Gottes arbeiten und das Geheimnis dieser Arbeit kennen, denn Gott ist im Menschen und kann durch das Herz des Menschen manifestiert werden. Und die Ehre Gottes ist die Ehre der Menschheit: der Männlichkeit, der Weiblichkeit und der Mutterschaft, eines starken Familienlebens, rein und schön, eines bürgerlichen Lebens, das aller kleinlichen Eifersüchteleien und Differenzen entledigt ist, eines internationalen Weltpatriotismus, der auf der fundamentalen Bruderschaft der Menschen beruht.

Es ist soweit gekommen, daß wir von unseren äußeren und weltlichen Interessen überladen sind und daß wir dieses natürliche, menschliche Gleichgewicht verloren haben, durch das wir ungestört in der spirituellen Seite unserer Natur leben können und dabei unser Denken als ein Mittel zum Dienen und zum Wachstum benutzen und zum Untergebenen unseres wirklichen Selbst machen. Denn wir sollten die Vorstellung, nationale Differenzen durch brutale Gewalt zu regeln, als Beleidigung der Würde der spirituellen Natur des Menschseins betrachten. Wir sollten erkennen, daß die Männer, die wir für den Krieg ausbilden – und sie werden bei der Ausbildung dazu erniedrigt, ob sie das wissen, oder nicht – anstelle dessen wunderbar für den Frieden geschult werden könnten: um Staatsmänner und Lehrer zu sein, die tüchtigsten Wächter des Friedens ihrer Nationen.

Wir sollten nicht länger versuchen, so wie es seit Jahrhunderten geschehen ist, uns gegen unsere Nachbarn zu bewaffnen. Unsere gesamte Fürsorge sollte darauf gerichtet sein, unsere Nachbarn vor unserem eigenen Niederen Selbst zu beschützen. Fördert die Angst vor einer Invasion, und ihr bewegt euch sofort weit weg von der Gerechtigkeit, weit weg von der Pflicht. Schande über das Volk, das seinem Höheren Selbst und seinen göttlichen Fähigkeiten so sehr mißtraut, daß es sich unfähig fühlt, der Invasion durch andere Mittel zu begegnen als durch brutale Gewalt!

Alle Nationen hatten von Anfang an ihre großen Erfolge und Zeiten großer Leistungen, denen die anderen Zeitalter der spirituellen und physischen Schande des abwärts gerichteten Teils der Zyklen folgten. Wir befinden uns jetzt sicherlich in einem zyklischen Niedergang und in einer dunklen Zeit und nicht am hellen Tag und im Glanz, denn wir verstehen nicht im mindesten den wahren Sinn des individuellen und nationalen Lebens. Unser Patriotismus ist abscheulich grob geworden, und wir reflektieren seine groben Aspekte auf andere Nationen, so wie sie ihre groben Aspekte auf uns reflektieren.

Erkennen diejenigen, die an Aufrüstung interessiert sind, und die glauben, daß ein Land durch brutale Waffengewalt gut geschützt werden kann, erkennen sie die Macht der psychologischen Suggestion? Grausame Einflüsse können durch ständige Wiederholung bewirkt werden und in das Gedankenleben einer Rasse eindringen, und das Drängen darauf, daß eine andere Macht kriegerische Pläne gegen uns hätte, ruft in Wahrheit kriegerische Pläne sowohl in dem anderen als auch in uns hervor.

Diejenigen, gegen die sich unsere Propaganda gegen den Hass richtet, und die zu unseren morgigen Feinden gemacht werden können, sind unsere Brüder; und es gibt einen Weg, sie zu erreichen – und das nicht durch Gewalt oder Drohung oder Beleidigung oder psychologische Beeinflussung, die durch die Anhäufung von Waffen erzeugt wird. Wir haben unsere Pläne des Gehirnverstandes, unsere Gewehre und Schiffe und Festungen, wir arbeiten darauf hin, daß unsere Jugend für den Kampf ausgebildet wird und ruhelos ist durch die von den äußeren Umständen aufgezwungene Untätigkeit; und all das ist eine Bedrohung und eine Herausforderung fremder Länder. Wir fordern sie heraus und stacheln sie an, herzukommen und sich mit uns zu messen; wir teilen ihnen unsere Meinung mit, daß wir und sie gleichermaßen blind sind.

Wir sind so daran gewöhnt anzunehmen, daß der Sieger im Recht ist, daß es bei uns eine Art Glauben geworden ist, und wir erziehen selbst unsere Kinder dazu, daran zu glauben. Die Seite, die gewinnt, ist im Recht, die Seite, die verliert, im Unrecht: Es ist alles eine Angelegenheit brutaler Gewalt. Und wir gebrauchen unsere Religion und unseren sogenannten Gott, um unsere schreckliche Theorie zu unterstützen. Das ist Wahnsinn – der Wahnsinn des Zeitalters! Nur Wahnsinn kann brutale Gewalt mit Macht verwechseln.

Und dennoch gibt es heute genug Heroismus auf der Erde, um die Erde in einen Himmel zu verwandeln. Wenn die für kriegerische Vorbereitungen verschwendete Energie und Zeit zur Vorbereitung des Friedens benützt worden wären, dann wären unsere Nationen jetzt stärker und unendlich besser geschützt als jemals zuvor. Die Seele einer Nation – die lebendige Essenz ihres Wesens – ist die Ansammlung ihrer Gedanken, Gefühle, Handlungen und Ideale, die durch die göttliche Qualität des Gottes im Inneren gestützt wird. In dem Ausmaß, in dem ein Land seine nationale Seele mit dem Gedanken dieser spirituellen und gottgleichen Art nährt, in dem Ausmaß ist ein Land geschützt, uneinnehmbar, außerhalb der Reichweite von Zerstörung. Betrachtet das mit Vernunft und ihr müßt einsehen, daß es die Wahrheit ist; wenn ihr aber den alten, verachtenswerten Irrtum in eurem Gemüt und in eurem Herzen bewahrt, daß moralische Siege durch Gewalt gewonnen werden können, dann werdet ihr weiterhin durch Dummheit hinters Licht geführt werden und für euch selbst durch das Aussäen der Saat des Krieges Elend heraufbeschwören.

Der Balken ist in deinem eigenen Auge

Nation gegen Nation, Bruder gegen Bruder und Familie gegen Familie: wir werden immer im Kriegszustand sein, solange wir uns von unserer niederen Natur – von physischer Gewalt oder von selbstsüchtigem Interesse – zur Regelung solcher Angelegenheiten abhängig machen lassen, die nur durch die spirituelle Seite der menschlichen Natur geregelt werden können. Ihr dürft nicht denken, daß ich die Menschen von heute zu sehr tadle. Wir sind die Nachkommen, sowohl spirituell als auch physisch, von unseren Vorfahren, so wie sie von ihren. Jahrhundert um Jahrhundert haben die Menschen in Unwissenheit gelebt und den Blick vom Bruderschaft bedeutenden universalen Lebensplan abgewendet – ein Ideal, das wir, so sollte man meinen, mindestens mit dem halben Interesse hochhalten sollten, das wir für unseren engstirnigen Nationalismus und für die Vorbereitungen auf einen Krieg aufbringen. Der Einfluß der Vergangenheit liegt dunkel auf der Gegenwart. Über Zeitalter hinweg hat sich die Menschheit an Unbrüderlichkeit, Selbstsucht und Ungerechtigkeit gewöhnt, und die Menschen sind gewachsen: nicht näher zusammen, sondern weiter auseinander.

Das gilt für alle, so daß wir, wenn ein Krieg ausbricht, kein Recht haben, diesen oder jenen Menschen oder diese oder jene Nation zu beschuldigen. Wir müssen damit aufhören, über unsere Nachbarn Gericht zu halten, wenn wir das göttliche Licht in uns finden wollen. Darauf können wir erst dann bauen, können die Seele unserer eigenen Nation erst dann unterstützen oder erwecken – den Teil, der die Mühe wert ist – wenn sich unser Gemüt nicht mehr so eindringlich mit den vermeintlichen Fehlern und verschiedenen Fehltritten irgendeiner anderen Nation beschäftigt. Diejenigen, die gelernt haben, zwischen dem Sterblichen und dem Unsterblichen in ihrem Inneren zu unterscheiden, sind die gütigsten Menschen auf der Welt: sie wissen, wie leicht es für jemanden ist, in die falsche Richtung zu treiben, der seine eigene göttliche Natur nicht kennt.

Viele sind hinlänglich bereit, die Dualität in einem anderen zu erkennen, sie sind aber in sich selbst blind dafür: sie wollen weder zwischen den beiden Seiten unterscheiden, noch die Hindernisse als solche erkennen, von denen sie immer wieder überwältigt werden, denn sonst wären sie frei vom Laster des Fehlersuchens. Ihre einzige Kritik würden sie gegen sich selbst richten, und so würden sie zu Freiheit des Geistes und Erleuchtung des Gemütes gelangen.

Menschen und Nationen, es ist dieser stete Gedanke an das Ich, der unser Verderben ist. Wir entschuldigen uns selbst; oft glauben wir, wir würden unser eigenes Leben für die Menschheit opfern, obwohl wir in Wirklichkeit nicht die kleinste Laune opfern würden. Manchmal kann ein kleiner, unbedeutender persönlicher Wunsch die gesamte Natur wenden und unbeschreibliches Gewicht der Last der Zukunft hinzufügen; wir können es nicht sehen und haben keine Ahnung, daß es uns niederdrückt. Wir säen die Samen unseres Unglücks in den Augenblicken, in denen wir die kleinen Dinge nicht opfern können, die wir in unser Herz geschlossen haben.

Wir sollten keine Ehrfurcht empfinden vor der Anmaßung unserer Mitbrüder, daß sie sich etwas selbst verzeihen, für das wir uns selbst ganz leicht rechtfertigen, weil wir vermeintlich in anderer Hinsicht gut dastehen. Wir laden uns selbst mit kleinen, unerwarteten Dingen Bürden auf, die wir in unserem mentalen Leben verstecken und von denen wir denken, sie wären von geringer Tragweite. Wir können uns nicht vorstellen, daß sie in uns zu etwas heranwachsen können, und so halten wir daran fest. Es sind jedoch die kleinen störenden Einflüsse, an denen die großartigsten Unternehmungen scheitern; und geringfügig Böses frißt das Herzensleben des Menschen auf. Es gäbe niemals einen Mob, es sei denn, einer oder zwei Einzelne beginnen damit; dann kommen zwei oder drei weitere, und dann immer mehr und mehr, bis man endlich das, was sich da zusammengeschlossen hat, nicht für Menschen halten würde, sondern für Geistesgestörte. Was für Individuen gilt, gilt auch für Nationen. Große Staaten sind an der kleinlichen Selbstsucht unbedeutender Menschen zugrunde gegangen; und die Vernachlässigung einer geringfügigen Pflicht eines Menschen kann den Fortschritt einer Nation um Jahre verzögern.

Selbstanalyse sollte uns zu unerschöpflichem Mitleid bringen. Wir sollten immer im Gedächtnis bewahren, daß jedes lebende Ding ein Ausdruck des Unendlichen ist, ganz gleich, wie seine äußere Erscheinung beschaffen ist. Unsere mutmaßlichen Feinde oder die Menschen oder Nationen, die wir beschuldigen, wurden genau wie wir dazu erzogen, das Leben nur von der Außenseite zu betrachten. Es wurde uns allen eingeprägt, Generation um Generation, bis der Makel schließlich in unserem eigenen Blut und Wesen floß, daß nämlich Eroberung durch Gewalt mitunter möglich und legitim sei. Und nun haben wir die spirituellen Kräfte ganz vergessen, durch die allein Erfolg errungen werden kann.

Was können wir denen sagen, die den Menschen von seiner Kindheit an zu einem moralischen Schwächling brandmarken und ihn zu der Vorstellung hypnotisiert haben, daß er Rettung weder bei sich erlangen, noch Respekt oder innere Gesundheit durch eigene Anstrengung gewinnen kann? Solche Ideen haben ihn von der Erforschung der spirituellen Regionen in sich hinweggeführt und ihn dazu gebracht, alles Licht und alle Hilfe in äußeren Kräften zu suchen, die er nicht kontrollieren kann; und das Resultat sind die gottlose Moral und der weitverbreitete Unglaube unseres Zeitalters. Es ist die Natur der menschlichen Gesinnung, sich dem großen Mysterium unpersönlich zu nähern, mit Freude, Hingabe und Ehrfurcht. Wenn uns jedoch diese tödlichen Begrenzungen des Denkens aufgezwungen und wir gelehrt werden, uns nur mit unserem persönlichen und niederen Selbst zu identifizieren, verkümmert unverzüglich unsere Auffassung von Unendlichkeit. Die Existenz von Freude, Ehrfurcht und Hingabe erstarrt und an ihrer Stelle werden die Samen von Verbitterung und Engstirnigkeit gesät, weil im persönlichen Selbst alle kleinlichen und bösen Eigenschaften wohnen und nur dort wachsen können.

Wen wundert es dann, daß wir so anfällig für das Kriegsfieber geworden sind, und daß diese brutalen Tendenzen uns so leicht übermannen, daß wir keinen Ausweg wissen, um unsere Rechte zu verteidigen oder unsere Differenzen beizulegen, als – vielleicht nach einem kleinen, vom Verstandesdenken diktierten Streitgespräch – zu Bajonetten und Gewehren Zuflucht zu nehmen, und zu all dem Chaos und der Agonie, wodurch Tausende von Leben in einem Augenblick ausgelöscht werden? Und die ganze Zeit über beten beide Seiten gegeneinander, jede um den Sieg über die andere, jede darum bemüht, den Allmächtigen und das Unendliche zum Komplizen des Schreckens und jeder Art von Gewalt zu machen.

Daß der Mensch immer noch auf den Beinen ist und überhaupt stehen kann, ist Beweis genug für seine essentielle Göttlichkeit. Unsicher, veränderlich, umherirrend, verzweifelnd, schwankend, absteigend und immer wieder aufsteigend, mit einem Denken, das nichts versteht von der Tiefe, Schönheit und Größe des Wissens, das sein Inneres tatsächlich besitzt – überdauert er doch irgendwie. In der Hölle, die er sich selbst geschaffen hat, macht er unbeirrt weiter und wird nicht ausgelöscht: Welch größeren Beweis seiner inneren Göttlichkeit könnte man sich vorstellen? Wäre er in seiner Essenz und in seiner Möglichkeit weniger als göttlich, dann würde er seinen Kopf hängen lassen und aufhören zu sein.

Die Seele weiß: sie hat in dieses Leben Erinnerungen aus anderen oder vergangenen Leben, von früheren Niederlagen und Siegen mitgebracht. Sie weilt für immer im Licht und singt mit den Sternen und der Stille Gottes. Ohne Trennung vom Körper schwingt sie sich in die Unendlichkeit hinauf, denn es gibt keine Begrenzung für die essentielle Göttlichkeit des Menschen. Wir könnten eine Vision von der ewigen Existenz erlangen, indem wir über unseren Verstand hinaus zum wahren Selbst im Inneren vordringen und dort die reale Kraft finden, die uns vom Sinnesleben hinweg und über die hohen Mauern unseres Verstandes hinausträgt. Aber wir ignorieren die Existenz dieses Gottes in uns und haben ganz und gar vergessen, daß die Mentalität, ganz gleich wie hoch sie geschult ist, nie zu etwas anderem bestimmt war als sein Instrument zu sein. Solange der Mensch das nicht erkennt, kann er all das nicht werden, was er sein könnte. Der Verstand, das mentale Wesen, ist nicht das Selbst. Er ist ein Werkzeug, welches das Selbst zu seinem Gebrauch und als Mittel für den Fortschritt erworben hat.

„Größeres als dieses sollt ihr vollbringen“, sagte der Nazarener, und er meinte nicht durch Gelehrsamkeit oder mentale Fertigkeit oder wissenschaftliche Entdeckungen oder Erfindungen. Er sprach als Theosoph, und Theosophie spricht dem Menschen das Recht zu, ewig zu sein, aus dem Dunkel und dem Unwissen diese ewige Seite seiner Natur hervorzurufen, die die große Seele ist, unsterblich über die Zeiten hinweg. Menschen können nicht tief und genau denken, solange sie nicht in das Licht dieser göttlichen, menschlichen Natur eingegangen sind. Alles, was je gesagt wurde, und was wahr und wunderbar und offenbarend war, wurde durch sie zum Leben gebracht: Selbst der Materialist kann durch sie so inspiriert werden, auch wenn er an seinen materialistischen Doktrinen arbeitet, daß er tatsächlich spirituelle Höhen erreicht und trotz seiner Veranlagung das Unendliche berührt. Denn das Höhere Selbst ist allemal mächtiger als der Verstand und kann letzteren gegen seinen Willen antreiben. Es ist göttlich von Natur aus und seinem Ursprung nach: Durch unendliche Erfahrung ist es in diese Höhen vorgedrungen. Es wohnt auf den Gipfeln des Seins: betrachtend, erkennend, liebend.

Es sind nur unsere Gedanken, die so verwirrt sind, daß sie das höhere Selbst nicht fühlen: sie hören nicht seinen Gesang, der die Stille durchdringt, sie sehen nicht, was sichtbar vor ihnen liegt. So sitzen wir im Schatten und schließen uns selbst den Ansammlungen der Verzweiflung an. Wir verfallen in Trägheit, finden weder etwas für uns, noch suchen wir etwas für andere; wir bauen uns Welten des Leidens, jeder auf seine eigene, selbstsüchtige Weise. Es ist das Vertrauen auf den Gehirnverstand und den rein mentalen Teil, was uns von unserer Größe abhält. Wir haben unser Bewußtsein gefesselt und gebunden, wir haben uns selbst eingeschlossen und unseren Wohnsitz im Schatten erbaut, währenddessen wir die große Vision der Götter hätten benützen können und der edle Ausdruck des universalen Lebens wären.

Mit nichts anderem als dem Gehirnverstand und der Gelehrsamkeit, wie groß sie auch immer sein mag, ist ein Mensch im Halbschlaf. Er hat sich selbst oder den Schlüssel zum Leben nicht gefunden. Er kann nicht vorausschauen, er hat keine Vision. Die Vernunft hat ihren Platz, es ist jedoch der Geist seiner Arbeit, der einen Menschen zum Gott macht; und so wie sein Leben ist, so wird sein Verständnis sein. Natürlich hat das Ansammeln von Wissen und das Schärfen des Verstandes einen großen Wert, aber da ist etwas, das unendlich viel wichtiger ist: im Inneren die geheimnisvollen Tiefen der Seele zu entdecken, die Vorgänge, die das Herz erleuchten und das Denken mit spirituellem Licht beleben. Charakter ist höher als der Verstand, aber am höchsten von allem ist das spirituelle Leben.

Daraus folgt, daß keines der großen Weltprobleme durch reine Klugheit gelöst werden kann. Der Mensch, der lediglich Klugheit hat, kann nichts aus alledem machen. Unter der Führung des Verstandes sind unsere Fähigkeiten immer und notwendigerweise begrenzt. Er ist nicht jener Teil von uns, der unsterblich und ohne Schranken ist. Deshalb kann Krieg nicht durch Argumente und politische Intrigen oder Manipulationen abgeschafft werden, sondern nur dadurch, daß bei unseren internationalen Fragen die Gaben und die Inspirationen dieser Göttlichkeit hervorgebracht werden, die jetzt im Hintergrund des menschlichen Bewußtseins stehen und den Ruf einer Menschheit erwarten, die sich doch endlich der ungeheuren Würde des menschlichen Seins bewußt geworden ist.

Während die Schatten noch über uns sind und Dunkelheit uns umgibt, sollten wir unseren Blick nach Osten richten und erkennen, daß wir aus diesen Todeskammern des Körpers und des Verstandes herausschauen können und, noch verschleiert und vielleicht weit entfernt, die Verheißung eines neuen, glorreicheren Lebens für die Menschheit sehen. Die göttlichen Gesetze sind größer als die menschlichen. Sie sind dauernd und ewig, und sie ändern sich nie: sie werden weder von politischen Systemen berührt noch von sektiererischen Einflüssen verdorben. Rechtes Denken und Handeln können uns jetzt, immer, auf die Ebene der Seele erheben, und wenn wir dort sind, führen wir die gesamte menschliche Rasse zur Ebene ihrer Rechte, der Möglichkeiten und des spirituellen Erbes hin.

Wir müssen nur diese zentrale Idee aufgreifen, daß niemals jemand durch bloße Ausübung der Gedankentätigkeit den Weg der Seele finden oder sich dem großen universalen Schema des Lebens anpassen kann, daß der Gehirnverstand die Nationen niemals zu stabilem Frieden führen oder irgendeine echte Bruderschaft oder Einheit hervorbringen kann. Es muß dieses hinter der Mentalität ruhende gemeinsame göttlich-menschliche Etwas geben. Die Seele muß das Zepter halten und die Leitung der Dinge übernehmen. Wenn nur einige wenige ihre Pflicht in dieser Angelegenheit verstehen könnten, würden sie mit großer und weitsichtiger Vision in die Zukunft schauen; sie würden jeden Irrtum und jedes selbstsüchtige Ziel beiseite schieben, um für die Menschheit eine Zivilisation vorzubereiten, in der Krieg unmöglich wäre. Ihre edlen Bemühungen wären auf Zusammenschweißen gerichtet, zuerst in ihren eigenen Ländern, dann in der ganzen Menschenfamilie, in eine unzerstörbare Einheit.

Sie könnten den Krieg vielleicht nicht sofort und für immer beenden; Karma wird sich von alleine auswirken. Aber sie würden der Herrschaft der brutalen Gewalt die Stirn bieten. Sie würden Himmel und Erde bewegen, um das Aufhetzen der Presse zur Bewaffnung gegen dieses oder jenes fremde Land zu stoppen. Und sie würden sehen, daß es, soweit sie es ermöglichen können, eine allgemeine Erkenntnis des Sinns und der Konsequenzen bestimmter Dinge geben muß, die wir gestatten und sogar in unserer Mitte in Friedenszeiten und immer fördern: die Grausamkeiten, die Unterstützung brutaler Gewalt gegen Anstand und Gerechtigkeit, den Schrecken, der als Todesstrafe bekannt ist, das Laster, das unsere Gleichgültigkeit zu blühen erlaubt, die unvorstellbare Schande der Vivisektion.

Einige Worte zur Vivisektion

Nun noch ein oder zwei Worte zu diesem Thema: es ist nur der Wahnsinn des Jahrhunderts, der uns die Vorstellung gestattet, daß wir Leben retten können, indem wir uns gegen das Leben versündigen, oder daß wir Gutes erreichen können, indem wir etwas tun, das so offensichtlich schlecht ist. Das höhere Gesetz ist deutlich: man kann nicht damit spielen oder es mißbrauchen. Wer Vivisektionen durchführt, sät Samen in seine Natur, deren schreckliche Ernte er einst wird einbringen müssen. Er verhärtet seine innere und feinere Sensibilität, reißt einen Teil des höheren Gefüges seines Wesens nieder, mißbraucht seinen Verstand und verletzt die höheren Qualitäten seiner Natur und verliert etwas, das er nie wieder finden wird.

Bedenkt, was das bedeutet. Mit jeder Funktion und mit jedem Organ des Tieres wird experimentiert: das Gehirn wird in Scheiben geschnitten, galvanisiert und mit rotglühenden Eisen zerquetscht; an der Wirbelsäule wird mit Pinzetten und Skalpell minutiös herumexperimentiert; das Blut wird es aus dem lebenden, sich wehrenden Tier heraus- und wieder zurückgepumpt. Die Opfer werden bei lebendigem Leib gekocht und verbrannt; giftige Gase werden durch ihre Kehlen eingeströmt; sie werden rasiert und in eisigem Wasser gebadet, um zu sehen, wie lange es dauert, bis sich eine Lungenentzündung entwickelt!

Denkt an den psychologischen Einfluß eines Arztes, der, wie rein auch immer seine Motive sein mögen, sich selbst zu einer solchen Entschlossenheit hypnotisiert hat, seine Arbeit mit Mitteln wie diesen fortzuführen. Er bemerkt nicht, daß er jedesmal, wenn er solch ein Experiment macht, seine eigene Natur vergewaltigt und damit ebenso die seiner Nachwelt, oder daß er das Tor zu dem höheren Wissen verschließt, das zum Vorschein käme, wenn seine Bemühungen auf höheren Ebenen verliefen. Denn auch hier verläßt man sich wieder auf nichts Besseres als auf die Vorstellungen des Gehirnverstandes, und in der Tat auf die niedrigsten Phasen davon, um ein Wissen zu erwerben, das wirklich nur durch Ausübung der spirituellen Seite der Natur gewonnen werden kann – gerade dieses Höhere Selbst, das der Mensch durch die Ausübung der Vivisektion verunglimpft, ausschließt und zurückhält. Immer ist das Mitleid der Schlüssel zum Höheren Selbst.

Je mehr diesen Irrtümern des Zeitalters gefolgt wird, umso mehr werden brutale Gewalt und Kriege, zerstörte Heime, zerbrochene Leben, Gefängnisse, ungesunde Asyle und neue und unbeschreibliche Formen des Lasters regieren. Mutige Seelen müssen den Weg suchen und entdecken oder die Menschheit muß wegen ihrer Frevel zugrunde gehen und ausgelöscht werden, bevor viele weitere Generationen verstrichen sein werden.

Das wahre Heilmittel

Wenn wir so leicht von diesem Kriegsfieber und den psychologischen Wellen der Konfusion erfaßt werden, warum sollten wir dann nicht durch die entgegengesetzte Kraft zu Höhen klaren Unterscheidungsvermögens gehoben werden, und uns darauf einstellen, die Gärten des Lebens unserer eigenen Länder von ihrem Unkraut zu befreien, anstatt Fehler bei fremden Ländern zu suchen und uns auf Kriege mit ihnen vorzubereiten? Warum sollten unsere Augen nicht auf kommende goldene Zeitalter gerichtet sein, wenn die Saaten des Genies, die jetzt in der gesamten menschlichen Natur schlummern, im Glanz und im Sonnenlicht des unendlichen Gesetzes entwickelt sein werden? Die Berge werden von den Selbstlosen und Mutigen bevölkert sein, die die zerklüfteten Pfade mit zum Licht gerichteten Augen beschreiten und sie werden in das Tal des Schattens zurückschauen, das hinter ihnen liegt, und dort nicht länger Herzeleid, Sorge, Ignoranz und Entartung entdecken. Denn ihr Mitleid und ihre Liebe werden die Herzen der Bewohner der Dunkelheit erleuchtet haben, und auch sie werden den großen Aufstieg begonnen haben.

Kein Mensch kann einen Schritt vorwärts in Richtung auf das Ziel der menschlichen Vollkommenheit machen, ohne sich bewußt zu werden, daß Hunderte auf dem Weg sind, die vor ihm aufgebrochen sind und jetzt einen Vorsprung haben. Er kann sie mit seinen Augen nicht sehen, fühlt jedoch ihre Nähe. Das Licht, das jedes Goldene Zeitalter der Vergangenheit erleuchtet hat, ist immer noch wahrzunehmen; für Menschen und Nationen kann jedes Morgen gleichermaßen ein neuer Tag sein, ein königlicher Tag des Sieges und der Beginn eines Fortschritts, der niemals enden wird. In den menschlichen Angelegenheiten ist ein Unterton und die Harmonie der pulsierenden Sphären; eine Hymne singt sich selbst durch die hinter dem Leben stehende Stille, singt für die Menschen dieser Welt und ruft sie heimwärts.

Gott ist im menschlichen Herzen: laßt nur diese Göttlichkeit erwachen, bis sie göttlich und mächtig hervorbricht und das allgemeine Denken der Rasse von dem von ihr angehäuften Unrat der Lügen befreit, damit die Menschheit sieht, wie herrlich das Leben ist. Die großartigste Musik, die je gehört wurde, kann diese Glorie und Macht des Göttlichen in uns und im Universum nicht zum Ausdruck bringen. Dennoch können wir Hinweise darauf in unserem eigenen Leiden, unserem Sehnen, unseren Idealen und Opfern finden, und Mut fassen, um weiterzumachen. Und wenn wir die Runde unserer Erfahrungen durchlaufen haben, werden wir in unserer Enttäuschung, unserer Unrast und Einsamkeit zu der großen Wirklichkeit zurückkehren und uns vor der inneren Göttlichkeit verbeugen. Sie verbleibt im Menschen, auch dann, wenn der Mensch sie am meisten ignoriert, obwohl sie aus dem Leben ausgeschlossen und nur hier und da ein Schimmer von ihr erhascht wurde, und obwohl die vom Gehirnverstand auferlegten Begrenzungen ihr Licht gänzlich verdunkeln.

Wenn ein Mensch von dem Pfade abweicht und irrt, kann er in der Ökonomie der Natur nicht verlorengehen: niemand ist so weit von dem Glanz der Wahrheit entfernt, daß er nicht morgen umkehren kann und sie in sich entdeckt. Er kann über all die Hindernisse im Leben hinauswachsen und auf sie hinunterschauen und sie überwinden, denn wir sind dieses gewisse Etwas mehr als wir zu sein scheinen – die höchsten Ausdrucksmöglichkeiten des Lebens, die wir kennen.

Die verborgene Wahrheit über uns ist, daß wir unsere Nächsten wirklich lieben wie uns selbst, obwohl wir den Weg nicht gefunden haben, um die Liebe auszudrücken, von der wir nicht einmal wissen, daß sie existiert. Aber sie ist da: Die Liebe zu unseren Mitbrüdern schläft latent in unseren Herzen, mit der Göttlichkeit, die dort wacht. Obwohl wir uns dessen nicht bewußt sind, schließt gerade unsere Menschlichkeit ihre Existenz in sich ein. Sie ist in den innersten Tiefen der Natur sogar der Brutalsten und Entwurzelten: in uns und gleichermaßen in den Menschen, die wir morgen als unsere Feinde betrachten könnten, die wir töten würden und uns darüber freuen könnten, würde morgen der Krieg erklärt. Denn wo auch immer menschliches Leben existiert, versucht der Gott sich zum Ausdruck zu bringen. Er würde seine Blätter austreiben wie die Bäume; er würde blühen wie die Blumen, und seine Blüten wären Taten und Gedanken, erfüllt von Güte, Mut und Schönheit. Er möchte singen wie die Vögel singen, und sein Gesang wäre Ehre, Freundschaft und Gerechtigkeit, der durch die klare Heiterkeit unseres Lebens klingt.

Sobald der göttliche Impuls sich durch die Gedanken in unser Leben zu schieben und zu drängen beginnt, werden wir sein Licht immer heller und heller in der Welt wachsen sehen, solange, bis auch wir den Geist seiner Größe widerspiegeln und vom Glanz derjenigen umhüllt sein werden, die uns auf dem Weg vorangegangen sind.


III – Für die Unterdrückten und die Ausgestoßenen

Denn das Auge der Seele, das uns zur Vision des Guten leiten kann, wenn es nur in die richtige Richtung blickt, wird üblicherweise von den Sorgen der Seele um die niederen Dinge gefesselt; und weil das so ist, kann es uns im Erkennen der Dinge schulen, die nicht wahr sind, und kann uns helfen, weit voranzuschreiten – in die falsche Richtung; aber es kann uns niemals zum Licht führen, solange nicht unsere Seelen umgewandelt werden.

E. J. Urwick, The Message of Plato, Seite 123

Meine erste Begegnung mit William Quan Judge

Lange bevor ich Leiter der Theosophischen Gesellschaft wurde, hatte ich vieles gesehen, das mich zu der Überzeugung brachte, daß wir weder wissen, welche Hilfsmittel wir gegen Verbrechen und Armut anwenden könnten noch wie wir sie gebrauchen sollten. In meinem Herzen breitete sich Entsetzen darüber aus und ich wurde krank und entmutigt, weil ich so viel Grausamkeit und Gleichgültigkeit sah: so viel Leid, und so wenig wurde getan, um es zu lindern. Schulen zu errichten, um diese Zustände zu verhüten – das war mein Traum. Er entstand nicht plötzlich, sondern aus der langen Erfahrung der Arbeit mit den Armen in New York, hauptsächlich auf der East Side. Er hat sich während vieler Besuche in den dortigen Gefängnissen und auf Ellis Island sowie in der umfangreichen Sozialarbeit mit den Unglücklichen in den Straßen in meinem Gemüt eingeprägt.

Es war klar zu erkennen, daß wenig getan werden konnte, um ihnen wirklich und dauerhaft zu helfen. Was notwendig war, war ein neues Erziehungssystem zur Verhinderung der Zustände, die ich vorfand. Die menschliche Natur neu zu formen, wenn sie bereits den Glauben verloren hatte, auf die falsche Bahn geraten war, unehrlich war, skeptisch und zynisch geworden war, erschien beinahe oder gänzlich unmöglich. Ich erkannte, daß die einzige Chance darin lag, den Charakter der Kinder während der formbaren, ersten sieben Lebensjahre zu bilden, und dann, auf eine etwas andere Art, zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr.

Diese Gedanken und Gefühle wurden in einem bitteren Winter akut, als die East Side von einem Streik der Textilarbeiter ernsthaft betroffen war. Tag für Tag forderten diese Menschen ihre Rechte, und die Armut war schrecklich geworden. Sie hatten kein Geld mehr, und die Kinder waren dem Hungertod nahe. An einem Morgen starb ein Baby in den Armen seiner Mutter vor der Tür der Do-Good-Mission, einer Nothilfestation, die ich eingerichtet hatte, mit der Hauptstelle in einem alten Mietshaus in der Gegend, wo die Not am größten war – Massen von Menschen kamen täglich dorthin, um Suppe und Brot zu beschaffen und was ich sonst noch für ihre Hilfe auftreiben konnte.

Ich erinnere mich gut an diesen Tag. Schnee fiel, als ich am Morgen zu der Mission ging, um mich mit diesen entmutigten Menschen in ihrer Armut zu treffen; ein normaler Schneesturm begann, ohne Anzeichen für den schrecklichen Blizzard, der später am Tag wüten sollte, dessen Gewalt aber sichtbar wurde, als ich ankam. In dem heftigen Sturm, der nun ständig zunahm, warteten mehr als sechshundert Frauen und Kinder in der Straße auf Hilfe. Sie waren nur halb bekleidet – die meisten hatten den Großteil ihrer Kleider versetzt – sie kamen vor Kälte um; viel von ihnen klagten laut und riefen um Hilfe.

Die Zimmer, die wir gemietet hatten, waren im ersten Stock – die besten, die wir bekommen konnten, obwohl das Haus alt und baufällig war; und der Versuch, die sechshundert Menschen hineinzubringen, hätte den Tod für die meisten oder für alle von ihnen bedeutet. Der Hauseigentümer warnte mich auf das entschiedenste, daß der Boden kaum dem Gewicht von fünfzig Menschen standhalten würde, ohne zu kollabieren und in den Keller zu fallen. Und die ganze Zeit über klang das Jammern dieser Frauen in meinen Ohren. Ich konnte sie nicht hungrig wegschicken, und es würde noch eine Weile dauern, bevor das Essen, das gerade zubereitet wurde, fertig sein würde.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als hinauszugehen und zu ihnen zu sprechen, um sie so gut wie möglich bei Laune und geduldig zu halten, während sie warteten. Ich hatte eine große Gemüsekiste auf den Gehsteig neben die Türe gestellt und stand darauf, erzählte ihnen, warum ich sie nicht hereinbitten konnte, und daß die Suppe noch nicht ganz fertiggekocht und das Brot noch nicht vom Bäcker geliefert war, aber in sehr kurzer Zeit würde beides fertig sein. Die ganze Zeit über nahmen das Gedränge und der Sturm immer mehr zu, und mit ihnen mein eigener Kummer, bis mir schließlich fast das Herz brach, als ich so viel entsetzliches Elend sah und wußte, daß alles, was ich tun konnte, so erbärmlich wenig war, so wirkungslos, um diese Menschen aus ihrem momentanen Elend herauszuholen und sie vor gleich Schlimmem oder Schlimmerem morgen oder am nächsten Tag zu bewahren.

Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit auf ein blasses Gesicht am äußeren Rand der Menge gelenkt – das Gesicht eines Mannes, der unter einem Schirm stand, mit hochgeschlagenem Mantelkragen und seinen Hut tief ins Gesicht gezogen – eindeutig nicht einer der Streikenden; ein Gentleman, dachte ich, der plötzlich verarmt war und sich schämte, mit den anderen vorzutreten und um Essen zu bitten, das er wohl sehr brauchte. Ein fein geschnittenes Gesicht und auffallend edel im Ausdruck, mit einem Blick von tiefer Traurigkeit und auch von Krankheit – zweifellos hervorgerufen durch Hunger. All das durchzuckte meine Gedanken in diesem einen Augenblick. Ich drehte mich um, um eine unserer Helferinnen zu rufen, um sie zu ihm zu schicken. Aber als ich mich wieder umdrehte, war er verschwunden.

Zwei Tage darauf gab er bei mir zu Hause seine Karte ab; es war William Quan Judge, Leiter der Theosophischen Bewegung und Nachfolger von H. P. Blavatsky. Er erzählte, daß er von meiner Arbeit bei den Armen gelesen hatte, und dorthin gegangen war, um es persönlich zu beobachten. Er hielt es so weit für praktikabel und gut, sagte er; aber er erkannte auch meine Unzufriedenheit damit und meinen Hunger nach etwas, das viel tiefer gehen, die Gründe für das Elend beseitigen und nicht nur dessen Auswirkungen erleichtern würde. Als ich ihn damals kennenlernte erkannte ich, daß ich meinen Platz gefunden hatte. Je mehr ich mit ihm und seiner Arbeit vertraut wurde, desto sicherer fühlte ich, daß einige meiner alten Träume und Hoffnungen jetzt wahr werden könnten. Ihn umfassend und richtig zu beschreiben übersteigt meine Fähigkeiten, so sehr überragte er den Durchschnitt der Menschen an tiefer Weisheit und Erhabenheit des Charakters. Er hatte Theosophie zu einer lebendigen Kraft in seinem Leben gemacht, und niemand konnte ihm gegenüber so unfreundlich sein, daß sich seine Toleranz oder sein Mitleid erschöpft hätten.

Er war es, der mir als erster eine Ahnung von der Macht des Denkens vermittelte und mich erkennen ließ, wie es das Schicksal eines Menschen aufzubauen oder zu zerstören vermag. Auf diese Art hatte er mir gezeigt, wie man in der Theosophie eine Lösung für alle Probleme finden kann, die mich beunruhigt hatten: wie sie den Weg zur rechten Behandlung der Unterdrückten und Ausgestoßenen der Menschheit und zu den wahren Heilmitteln für Armut, Laster und Verbrechen zeigt. Zu all diesen Themen sagt die Theosophie als erstes folgendes: derjenige, der den Pfad betritt, der zur Wahrheit führt, muß die Fehler und Irrtümer seiner Mitmenschen anders verstehen lernen. Er muß das Gesetz der ewigen Gerechtigkeit verstehen lernen – Karma, daß „ein Mensch, was er auch immer sät, wird ernten müssen“ – und das Wissen um die Notwendigkeit erfordert unbesiegbares Mitleid, weil diejenigen, die irren und straucheln, immer durch Ignoranz irren. Kriminalität ist immer das Ergebnis von Ignoranz, und das Übel kann nicht geheilt werden, bevor das erkannt wird.

Die höheren und die niedrigeren Naturen

Was weiß z. B. ein Krimineller über den Gott in seinem Inneren oder über seine Verantwortung als Mensch oder über das große Endziel des Lebens? Was weiß er über die Macht des unsterblichen Selbst? Weil diese Unglücklichen gar nichts über die Unterschiede zwischen dem Gehirnverstand und dem göttlichen Leben wissen, zwischen dem Engel und dem Dämon in ihrem Inneren, sind sie blindlings weiter abwärts geschritten und haben sich vom besseren Leben entfernt.

Wenn die Wahrheit bekannt wäre, so wüßte man, daß ihre Kriminalität aus der Idee entstanden ist, die Angst vor Bestrafung sei die richtige, natürliche und einzig erfolgreiche Abschreckung vor Kriminalität und das einzig vernünftige Motiv, um Missetaten zu vermeiden. Und was ist das anderes als die natürliche Folge der alten, mißverstandenen Lehren? Sobald ein Mensch dem Irrtum verfallen ist – sobald er seinen ersten Fehler gemacht hat und den ersten Schritt abwärts getan hat, die Dinge herausgefordert und den Bann durchbrochen hat, wie man sagt, obwohl er nur einen Laib Brot gestohlen hat um seinen Hunger zu stillen – wird er sehr wahrscheinlich eine ernstzunehmende Bedrohung für die Gesellschaft werden. Und ist es nicht Unwissenheit, die ihn dazu führt? Unwissenheit: diese falsche, schädliche Furcht vor Gewalt oder Mächten, vor einer Gottheit außerhalb seiner selbst; dieser Mangel an unumschränkten Wissen über den Gott im Inneren.

Wie kommen wir dann nur dazu, irgend jemanden zu verdammen? Woher wissen wir, was wir selbst getan hätten, wären wir an deren Stelle gewesen, in anderen, längst vergessenen Leben? Sogar die besten von uns können genauso große Fehler gemacht haben wie ein beliebiger Sträfling im Gefängnis. Woher könnten wir das wissen? Der Pfad zur Kriminalität ist der Pfad der Unwissenheit; derjenige, der die Gewißheit hat, daß er ihn nie mit seinen Füßen betreten wird, sollte großherzige Toleranz für alle und großes Mitleid mit den Irrenden entwickeln. Er sollte sich vor strengem Urteil hüten, sonst wird ihn diese Belastung durch viele Leben hindurch verfolgen. Die Seele wird durch das göttliche Gesetz gerichtet, nicht durch den Menschen. In dem Augenblick, in dem wir unseren Nachbarn verurteilen, verurteilen wir uns selbst. Denn wir sind alle ein Teil und ein Stück des anderen: Bruderschaft ist in der Tat ein Faktum in der Natur, eine Wahrheit, die offensichtlich wäre, wären wir nur nicht während unseres Lebens in dieser Persönlichkeit oder in unserem fehlerhaften Selbst verhüllt; und wir bemerken nicht das wahre Selbst, das göttlich ist.

Es ist notwendig, daß die Idee der Bestrafung völlig abgeschafft wird, und an ihre Stelle Besserung tritt, Wiedergutmachung. Ich würde das Wort Kriminalität aus den Wörterbüchern und der menschlichen Sprache streichen. Kriminalität ist eine Krankheit, sie verlangt nicht nach Bestrafung, sondern nach Heilung. Wir müssen mit denjenigen, die betroffen sind, streng und gütig umgehen. Sie brauchen Krankenhäuser – brüderlich, erzieherisch, karmisch – weise geführt, und nicht Gefängnisse und Zellen und Schafotte.

Wir sollten es nicht wagen, zufrieden oder gleichgültig zu sein, wenn wir von einem Menschen im Gefängnis hören. Jemand, der so durch seine Unwissenheit und seine Irrtümer leidet, sollte unser Schützling werden, nicht auf eine Art, daß er verweichlicht wird oder seine Schwächen vermehrt werden, sondern daß er auf den Pfad geleitet wird, auf dem er diese überwindet. Jemand, der auf dem falschen Pfad entlanggeht, sogar so schlimm, daß er einem Menschen das Leben genommen hat, sollte unser Schützling werden, damit wir ihn umwandeln und zu einem nützlichen Bürger machen. Er ist ein Invalide und sollte als solcher behandelt werden. Er wurde von den psychologischen Einflüssen des Zeitalters infiziert. Er ist ein Opfer seiner Unwissenheit, niedergedrückt vom Zwang seiner Verhältnisse und beladen und hoffnungslos durch die Last seiner eigenen Fehler. Dennoch ist er empfänglich für heilende Behandlung; er kann zu einem wertvollen Mitglied der Rasse werden. Irgendwo in seiner Natur, auch in der unglücklichsten, pulsiert immer noch das spirituelle Leben, scheint noch ein Strahl der großen Ewigkeit. Ein für die Gesellschaft verlorener Mensch, wie man so sagt, nach seiner eigenen Meinung und der der Welt völlig heruntergekommen, kann immer noch aufgerichtet und auf seine eigenen Beine gestellt werden. Die höhere Natur kann immer noch in ihm erweckt werden.

Studiert die Entwicklung der Ansichten und des Charakters der sogenannten Kriminellen, und im Laufe der Zeit werdet ihr entdecken, daß es die Agonie des in ihrem Leben stattfindenden Kampfes ist – in dem das Bewußtsein des höheren Selbst energisch versucht, sich durchzusetzen und daran arbeitet, sie von den Versuchungen des Niederen zu befreien –, die sie kraftlos und abnormal gemacht haben. Erkundigt euch nach der inneren Geschichte des von der Morphiumsucht befallenen jungen Mannes, und ihr werdet wieder und wieder feststellen, daß er nach der Droge griff, um sein Bewußtsein zum Schweigen zu bringen. Das ist bei allen Alkohol- und Drogenabhängigen die Wurzel des Übels, außer bei den durch Vererbung verursachten Abhängigkeiten. Das Gewissen, jenes Licht aus der Ewigkeit, das ein Teil jeden menschlichen Lebens ist, ist so stark und mächtig in ihnen und wirkt in ihrem Leben, es macht sie so elend, daß sie etwas tun müssen, um dem zu entfliehen. Sie würden sich selbst töten, aber zu ihrem eigenen Glück haben sie meist nicht den Mut dazu; und so greifen sie zu diesem schrecklichen „Allheilmittel“, und die Gewohnheit verfestigt sich.

Es gibt keinen Menschen, der ein Verbrechen begeht, der nicht in Beziehung auf diese Tat abnormal, geistesgestört, ist. Jeder Knabe und jedes Mädchen, jede Frau und jeder Mann hinter Gittern ist unzurechnungsfähig. Sie verstehen die Gesetze des Lebens nicht, sie befinden sich in der Gewalt ihrer eigenen Unwissenheit. Wie können wir daran zweifeln, daß ein Mensch in dem Moment, in dem er in seinem Herzen den Drang zum Mord verspürt, die Grenzen des gesunden Verstandes überschritten hat? Wenn die niedere Natur mit Groll, Haß oder Angst derartig erfüllt ist, daß sie bereit ist zu töten, hat der wahre Mensch die Kontrolle über den Verstand gänzlich verloren. Die Impulse des dämonischen Selbst, wenn es zu einem bestimmten Grad erregt ist, werden unkontrollierbar: der Verstand ist verwirrt und aus der Bahn geworfen, der Mensch ist krank.

Wenn ein Mensch eines Verbrechens beschuldigt und vor Gericht gebracht wird, um verhört zu werden und seine Strafe zu empfangen, was wissen wir dann, was wissen der Richter und die Jury über die Umwelt, in der er aufgewachsen ist? Über seine vorgeburtlichen Bedingungen, seine Erbanlagen, seine physischen Gebrechen? Über seine Erziehung oder seinen Mangel an Erziehung? Wie viel wissen die, die ihn verurteilen, über sein inneres und äußeres Leben? Ein kranker Körper kann leicht mentales oder moralisches Leiden verursachen. Die Erbanlagen eines Menschen können so sein, daß er, obwohl seine Ziele gewöhnlich hoch und sein Bestreben rein sind, abgleiten kann und auf den falschen Pfad gelangt durch einen Mangel an Selbsterkenntnis. Der Makel wurde ihm vor der Geburt auferlegt – die Anlage der Familie mag zu dem Träger, der ihn hervorbrachte, beigetragen haben.

Dennoch brandmarken wir solche Menschen immer wieder als Kriminelle und verhängen Strafen über sie, anstatt Maßnahmen zur Abhilfe zu ergreifen. Isolierung ist immer Bestrafung, ernsthafte Bestrafung: Isolation und für Monate oder Jahre in eine Zelle gesperrt zu werden, je nach Art ihres Verbrechens und dem Urteil des Richters, der nicht mehr über den zu verurteilenden Menschen weiß, als über die Atome in den tiefsten Teilen des Ozeans – der weder sich selbst kennt, noch je seine eigenen göttlichen oder dämonischen Möglichkeiten entdeckt oder analysiert hat, und sich deshalb nicht auf diese feinen Quellen seines eigenen Wesens verlassen kann, die ihn dazu befähigen würden, seinen Mitmenschen gegenüber wirkliche Gerechtigkeit auszuüben.

Und weiter, laßt selbst die besten von uns sich prüfen und ehrlich entscheiden, ob uns eine so große Kluft von dem Gefangenen hinter Gittern trennt. Ein Mensch mag im Inneren gemein und von selbstsüchtigem Charakter sein, und dennoch als ein Vorbild von Ehrbarkeit durch das Leben gehen, weil er zu träge und schwach war, oder zu feige, um das Gesetz zu brechen: es ist möglicherweise nicht der schlechteste Mensch, den wir hängen oder einsperren. Bei vielen Kriminellen ist es so, daß gerade die Kraft, die sie für ihr Verbrechen aufgebracht haben, sie zu hervorragenden Dienern der Menschheit machen könnte, wenn nur ihre kriminelle Veranlagung geheilt würde.

Ein Mensch kann heute ein Held und ein Heiliger sein, und morgen, durch den Impuls seiner niederen Natur, durch eine ungewöhnliche Versuchung, zu Fall gebracht werden. Das schwankende Gemüt ist heute im Licht und morgen im Schatten: es kann unter das Niveau des Seelenlebens fallen und verheerende Dinge anrichten. Auf einer Seite ist das Göttliche, die Erleuchtung, das hohe Bestreben und das Ziel; und dennoch, einem plötzlichen Impuls folgend, in einem Augenblick – wegen einer Bagatelle, einem Nichts – kann das höhere Selbst ausgeschaltet und ausgeschlossen werden, so daß das sterbliche, tierische Selbst die Oberhand und Macht gewinnt.

Ich erinnere mich an einen Redner mit der Weisheit der Götter, so könnte man sagen, in seinen Reden, und dennoch lauerten, eingenistet in versteckten Plätzen seiner Natur, Dämonen, die er zwar unterdrückt, aber nicht besiegt hatte. Er war vordem niemals irgendeiner wirklich großen Versuchung ausgesetzt worden; und in seinem Egoismus und seinem dummen Stolz hatte er in seinem Herzen die Idee gepflegt, daß er sich auf dem richtigen Wege der Evolution befinde. Die ganze Zeit über fraßen sich jedoch diese heimtückischen, verborgenen Feinde in der leidenschaftlichen und selbstsüchtigen Seite seiner Natur wie ein Krebsgeschwür in das Gewebe seines Wesens. Als die große Versuchung kam – wie sie in allen solchen Fällen kommen muß –, wurde der Intellekt überwältigt und das Herz verlor den Überblick; und die Leidenschaft des Mannes, die ein paar Wochen zuvor nur ein schwacher Wunsch gewesen war, wurde zur dominierenden Macht in seinem Leben. Der spirituelle Wille wurde beiseite geschoben, und was von ihm blieb, war ein brutales – ein moralisches Wrack und eine komplette Umkehrung des Mannes, den die Welt gekannt hatte.

Er, der gestern von aller Welt bewundert worden war, der vielleicht versucht hatte, das Richtige zu tun, kann morgen hinter Gittern sein und in der schrecklichen Stille der Todeszelle auf die Schritte der trübseligen Prozession warten, die ihn zur Hinrichtung führen wird; und das aus keinem anderen oder unmöglicheren Grund, als daß in seinem Charakter ein Ungleichgewicht bestand, ein Ungleichgewicht in seiner Erziehung: Übertreibung auf der einen Seite, Vernachlässigung auf der anderen.

Die Todesstrafe

In Wahrheit gibt es nur ein Verbrechen, das rechtskräftig ausgeführt wird; und das ist jene Art von Mord, die Todesstrafe genannt wird. Das Leben eines Menschen gehört nicht nur der Gemeinschaft. Es ist Teil des universalen Lebensmusters. Jeder von uns ist durch das göttliche Gesetz für göttliche und universale Zwecke hierher gestellt, und nichts gibt uns das Recht, menschliches Leben zu nehmen. Wir begehen selbst ein Verbrechen, wenn wir das erlauben, und es ist ein Verbrechen gegen den Heiligen Geist, gegen das höhere Gesetz.

Schaut unter die Oberfläche der Erscheinungen; schaut in die Tiefe des Lebens. Ein Mann soll morgen für sein Verbrechen aufgehängt werden: wir wissen, was mit seinem Körper geschehen wird, aber wie steht es mit der Seele, zu der dieser Körper gehört? In welchem Zustand wird sie weitergehen – etwa in Mitleid mit der Menschenrasse, in Frieden mit den Menschen und der Welt? Im Gegenteil, wenn dieser Mann aus dem Leben scheidet, wird er nur wenig von der Liebe der Menschheit beeindruckt sein, oder von der Liebe zum Guten, Schönen und Wahren. Er weiß so gut wie nichts über die göttliche Art in seiner menschlichen Natur: wenn er gequält in der Todeszelle sitzt, gibt es für ihn keine Atmosphäre, keine Erinnerung an göttliche Dinge, weder innen noch außen.

„Liebe deinen Nächsten!“, sagte der große Nazarener: unser Mann aber, der für sein Verbrechen gefangengenommen wurde, hatte nichts, was er lieben konnte, und auch niemanden, von dem er geliebt wurde, nichts als die eisernen Gitter seines Kerkers, wo er in schrecklicher Stille gehalten und wo ihm in jedem Moment klar wurde, daß er verurteilt ist, ein Ding, alles in allem ein von der Menschheit Ausgestoßener. Er wurde dazu gebracht, die Menschen zu hassen – die ihm im übrigen nie Anlaß dazu gegeben haben, anders zu handeln. Er ist mit seinem gesamten Umfeld im Krieg; sein ganzes Wesen ist erfüllt von Verbitterung gegen diejenigen, die ihn verurteilt haben, von dem Verlangen nach Rache, erfüllt von der Angst vor dem, was auf ihn zukommt. Er hat Predigten von dieser und jener Lehre gehört, von dieser oder jener Kanzel, das eine oder das andere Mal, aber nie ein Wort oder einen Gedanken, die ihm wirkliches Verständnis über sich selbst gab.

Er hat nicht die Erleuchtung, um zu erkennen – wie sollte er auch? – daß wir das ernten, was wir säten. Er hat im Leben alles versäumt, was ihm hätte helfen können, und er hat wahrscheinlich all das gefunden, was ihn behindern und zugrunde richten kann; und er hat in der niederen Seite seiner Natur geschwelgt, bis er endlich in den Augen der Welt das Schlechteste auf Erden ist. Soweit wir es vermögen, lassen wir ihm nur diese Erinnerung: daß er verworfen und unfähig ist zu leben, und daher wird er mit allen Mitteln der Erniedrigung in das große Unbekannte hineingestoßen. Alles, woran er denken kann, ist: Wie kann ich meinen Körper davor retten, gehängt zu werden? Er ist verrückt durch die Pein der Gedanken und kann nicht für einen Augenblick ruhig sein, und in seinem Gemüt ist eine Hölle der Höllen, von der wir nichts ahnen.

Die Seele ist da – eine menschliche Seele ist da – er hat immer noch den göttlichen Funken in sich, wie schwach auch die Erkenntnis davon sein mag. Denn er ist ein Mensch, er ist essentiell göttlich. Wir wissen immer noch so wenig vom Leben. Von diesem Mann kann nur so viel gesagt werden: obwohl die Seele aus seinem Bewußtsein unentwegt ausgeschlossen worden war und keinen Weg gefunden hat, sich in seinen Handlungen zum Ausdruck zu bringen – obwohl er getrennt von der Seele gelebt hat und in die tiefste Erniedrigung gesunken ist – hält ihn das unveränderliche Gesetz, das alles Leben regiert, in seiner Obhut, so wie auch die Größten der Heiligen; und ich weiß, daß irgendwo, jenseits des Todes, diese Göttlichkeit ihm Visionen der Hoffnung und die Erkenntnis bringen wird, daß der Weg, dem er gefolgt war, ein Irrtum war, und daß ihm neue Chancen gegeben werden.

Das göttliche Gesetz ist in der Tat barmherziger als das menschliche: jenseits des Todes ist Friede und Erkenntnis unseres höheren Selbst und Entschädigung für all die Ungerechtigkeiten, die die Welt uns angetan haben mag. Wir Menschen sind göttlich – geboren, um zu evolvieren! Wir sind Söhne Gottes, inkarnieren hier, um für uns und die Welt, in der wir leben, herrliche Schicksale zu erarbeiten. Aber wir sollten darüber nachdenken, welchen Vorrat an Gedanken der Mensch gleichsam am Rand dieser Welt hinterlassen hat und erkennen, daß er, wenn er auf Grund des göttlichen Dranges des Gesetzes wieder seinen Platz auf Erden sucht, was er tun wird – was wir alle tun müssen – und wenn er die Last, die er abgelegt hat, wieder aufnimmt, wir ihn weder in den Hallen der Fortgeschrittenen finden werden noch an den Plätzen, wo Schönheit und Wahrheit wohnen. Notwendigerweise wird er in eine Gegend kommen, die seinen Gedanken und Gefühlen, mit denen er weggegangen ist, verwandt ist: So wie das Tor bei seinem Weggehen war, so muß das Tor bei seiner Wiederkehr sein.

Ich möchte an einen anderen Aspekt dieser Sache erinnern: Um unserer selbst, unserer Kinder und unserer Zivilisation willen sollten wir uns von dieser legalisierten Ungerechtigkeit abwenden. Wir müssen den Einfluß der Gedanken berücksichtigen, die gleichermaßen in die mentale Atmosphäre des zukünftigen Kindes gedrängt werden, und die hier seinem Charakter ihr Bild einprägen. Manches Verbrechen wurden verübt und hat in den Zeitungen Aufsehen erregt. Viele Gefühle wurden gegen den Mann, der verdächtigt wird, es begangen zu haben, erregt – der Fall wird in vielen Familien diskutiert – und eine Frau bekommt gerade ein Kind. Sie hört bei ein oder zwei solcher Diskussionen zu; und unter dem psychologischen Einfluß der allgemeinen Meinung läßt sie in ihrem Gemüt den Gedanken zu, daß der Mann gehängt werden sollte – sie drückt das sogar in Worten aus und sagt, „ich würde ihn gerne hängen sehen.“

Denkt an die Auswirkung eines solchen Gedankens, eines solchen Gefühls, eines solchen Wunsches, die wie Gift in ihrem Gemüt aufgenommen werden, und als Gift in ihr Blut fließen, denkt an den Charakter und die Zukunft ihres ungeborenen Kindes. Denn wenn jemand seine niedere Natur zu einem Wunsch nach Rache stimuliert, weckt er Kräfte, die sofort ein wirkliches Gift in seinem Körper werden. Die Menschen zerstören sich selbst täglich mit ihrer Lust auf Vergeltung und ihrem Haß; dabei zerstören sie nicht nur ihre höheren und mentalen Möglichkeiten, sondern sie vergiften buchstäblich auch ihr eigenes Blut in ihren Adern. Jedes Atom wird beeinflußt; und so bereiten sie Bestrafung für sich selbst vor, nicht weit weg in einer anderen Welt oder in einem anderen Seinszustand – es wird nicht mit irgendeiner Hölle gedroht – aber in dem Moment, in dem der Gedanke gefaßt wird, hier auf dieser Erde, in ihren gegenwärtigen Körpern, physisch, fängt das Gift an, Wirkung zu zeigen. Man muß nur das Leben der Menschen verfolgen, die entschlossen sind, falsch zu handeln, um zu erkennen, wie diese Kräfte sie zerstören.

Gefängnis und Gefangene

Schaut auf unsere Gefangenen, diese Mahnmale der Ungerechtigkeit, und behauptet dann, daß unsere Religion und unsere Politik den Lebensstandard angehoben hätten! Ist es nicht offensichtlich, eine Binsenwahrheit, daß jede Besserungsanstalt selbst die Mittel und die Macht haben sollte, um zu korrigieren und wiedergutzumachen; und von welchem Nutzen sind unsere legalen Systeme und unsere Gefängnisse für die moralische Besserung des Verbrechers? Welche ihrer Eigenschaften sind dazu bestimmt oder angelegt und wirksam, den Verbrecher aus dem Unrat, dem Schatten und der Finsternis der Verzweiflung zu erheben? Was gibt es im Gesetz, das auch nur im mindesten zur Besserung beiträgt? Nichts – und es war auch niemals beabsichtigt, daß es so sein sollte. Alles, woran gedacht wird, ist diese gänzlich sinnlose Idee der Bestrafung, die keinem guten Zweck auf Erden dienen kann. Ein Mann begeht ein Verbrechen und wird hinter Gitter gebracht; und die ganze Überlegung zielt darauf ab, ihn hart und streng zu bestrafen – niemand denkt auch nur im geringsten daran, irgend jemandem zu dienen oder etwas zu irgend jemandes Nutzen zu leisten.

Wie leicht ist es, jemanden zu einem Kriminellen zu machen! Wenn es in einer Familie Armut gibt, oder Unwissenheit, oder eine erbliche Krankheit, die unter Druck ausbricht – ansonsten würde sie niemals ausbrechen –, kann ein Kind heranwachsen, ohne jemals einen dieser spirituellen Bewußtseinszustände erfahren zu haben, die normal und notwendig für innere Gesundheit sind; es mag in keinem Augenblick gefühlt haben, daß es aus der göttlichen Welt und dem großen Mysterium kam, und daß von der Natur auf vielfachen, wunderbaren und feinfühligen Wegen für es gesorgt wird. Wie soll jemand, innerlich so unbewaffnet und ohne Verteidigung, gegen die Versuchung gefeit sein, wenn sie kommt?

Oder denkt an einen Knaben, der in einem Elternhaus erzogen wurde, in dem wirklich alles zartfühlende Freundlichkeit war, aber in dem die alten sektiererischen Ideen die Atmosphäre erfüllten. Entweder stimmt er mit diesen Ideen überein, und ist dadurch darauf vorbereitet, sein Leben in völliger Unkenntnis der Wahrheit über das Leben zu verbringen; oder er wird wahrscheinlich, ungefähr mit sechzehn oder siebzehn Jahren, in einen Zustand heftiger Rebellion geraten, der für ihn verhehrend sein kann. Das Aufbegehren seiner erwachenden Mentalität gegen die kindische Falschheit der alten Lehren können sich in seiner gesamten Natur ausgebreitet haben und diese mit Zweifel und Verachtung für das moralische Gesetz befallen haben.

Wir mögen einen solchen Jungen heute abend wegen Landstreicherei aufgreifen. Er hat gegen seine Eltern rebelliert, deren Autorität in Frage gestellt und sein Elternhaus verlassen. Sehr wahrscheinlich ist er betrunken, vielleicht unter dem Einfluß von Drogen. Was können Detektive und Polizeioffiziere tun? Ihr einziges Hilfsmittel ist das Gefängnis; er kann an keinen anderen Ort gebracht werden. Und man kann nicht erwarten, daß sie oder die Beamten des Gerichts oder des Gefängnisses, die sich in der Folge mit diesem Knaben befassen müssen, die spirituellen Gesetze, die unser Wesen leiten, verstehen könnten. Zweifellos versuchen sie alle, ihre Pflicht zu tun. Sie können lediglich ihr Urteilsvermögen benützen, unser armseliges, vom Gehirnverstand geleitetes Urteilsvermögen, das nur zu oft als einziges vorhanden ist.

So wird dieser Knabe also ins Stadtgefängnis gebracht, wo er auf sein Verfahren wartet, er wird in etwas, was sie Zelle nennen, gefangen gehalten werden – und das sind Zellen und keine Zimmer. Er wird dort eingeschlossen, nicht alleine, sondern höchstwahrscheinlich in Gesellschaft der verzweifeltsten Menschen der Stadt: derjenigen, die so tief gefallen sind, daß es ihre zweite Natur wurde, die abscheulichsten Dinge, zu denen Menschen fähig sind, zu tun und andere zu lehren, diese auch zu tun. Hier sind sie nun, stoßen diesen Knaben herum, der gerade seinen ersten Fehler gemacht hat, wahrscheinlich aus Unwissenheit, und der weder von dem göttlichen Geist in seinem Inneren noch von der niederen Natur, die der Versucher ist, gehört hat – und was soll aus ihm werden?

An seiner Seite ist der Drogenabhängige: wild und stark, nach dem Gift hungernd, das er nicht bekommen kann, grimmig, profan, obszön und schmutzig. Da ist auch der professionelle Dieb, der ihn auslacht und sich über seine Erfolge freut; den die Welt nicht freundlich behandelt hat, der sein Gewissen, seinen Weg und seinen Sinn für rechtes Handeln verloren hat und nun abwärts geht, so schnell er nur kann. Auch er stößt diesen jugendlichen Neuling der Verbrecherszene Tag und Nacht herum: sie schlafen dort; sie nehmen dort ihre Mahlzeiten ein. Die ganze Atmosphäre dieser Zelle ist erfüllt mit etwas, das den abgebrühtesten Menschen in der Welt mit Schrecken erfüllen würde. Der menschliche Intellekt ist nicht dazu bestimmt, auf diese Weise zu leben. Müßiggang ist aller Laster Anfang – überhaupt ruft Müßiggang nirgendwo jede Art von Bösem so hervor, wie in diesem Umfeld der Gefängnisse!

Ein Gedanken bringt einen anderen hervor: der Einfluß des Gedankens, der himmlisch sein kann, kann auch über alle Maßen schrecklich sein. Laßt ein labiles Gemüt und einen schwachen Willen mit jemandem in Kontakt kommen, der hauptsächlich pessimistisch und entmutigt ist, und sie werden sich gegenseitig gefährlich beeinflussen. Jemand, dessen Denken negativ und depressiv ist oder in niedrigeren Bahnen verläuft – und das Gemüt des Knaben wird zweifellos von all dem etwas an sich haben – kann mit einem Menschen in Kontakt kommen, der anscheinend wirklich ehrenhaft ist und ihn niemals mit hypnotisierenden Absichten betrachtet, und dennoch wird sich das Böse in der Natur dieses Menschen, ähnlich dem, was in dem Jugendlichen noch unerweckt und nur potentiell vorhanden ist, unvermutet in das Gemüt des Letzeren einschleichen, so daß sich der eine die Schwäche des anderen, welche auch immer, zum Teil aneignet und dessen Färbung annimmt. Deshalb können unsere Gefängnisse Brutstätten des Lasters sein. Die Gewalt der Gesinnung eines schwer verbrecherisch veranlagten Menschen wird dominieren und jede schwache oder unausgeglichene Natur, die in seine Nähe kommt, vergiften. Es gibt immer solche Menschen in den Gefängnissen, und wir stellen ihnen immer neue Opfer zur Verfügung.

Ist es daher ein Wunder, daß uns das ungeheuerliche Laster näher ist als wir wissen; daß so viel bis an die Türen unserer Häuser und in die Kammern unseres Lebens gelangt – Laster in all seinen schockierenden Formen, mit immer neuen und nicht zu bezeichnenden Ausdrucksweisen –, eine große psychologische Macht, die ihr Opfer nicht auswählt, jedoch alles, was sie kann, festhält und verschlingt? Sie schleicht sich unbemerkt durch die negativen Seiten in unsere Familien, durch die Schwäche der Kinder, durch eine erbliche Belastung, so daß Samen reifen, von denen wir nicht einmal träumen, schon bevor das Kind zur Schule geht oder in die Welt hinauszieht. Im Laufe der Zeit werden sie in der einen oder anderen Form ausbrechen, und die Frucht davon sein kann, daß die ganze Natur zugrunde gerichtet wird und das Leben ein Versagen ist.

Ist es daher ein Wunder, daß Unzufriedenheit die gesamte Atmosphäre durchdringt, in der wir leben, und daß sie alt, verdorben und ungesund ist? Daß unsere Herzen niedergedrückt werden und ermattet sind vom Kampf der Zeit? Gewiß, wenn man Jugendliche sieht, die eingesperrt werden, sieht man etwas, das mehr Überlegung erfordert, weiteres Denken; und wenn man sieht, wie die verhärteten Kriminellen eingesperrt werden, sieht man etwas, das noch mehr Überlegung erfordert, weiteres Denken!

Irgendwann einmal wird unser Jugendlicher vor Gericht gebracht und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Würde ich angeklagt, für zehn Monate eingesperrt und dann dem Gericht zur Verhandlung vorgeführt, könnte ich mir vorstellen, daß alles, was ich hörte und mir jemals falsch erschien, den Widerstand gegen die ganze Sache und das System wahrscheinlich in mir anstacheln würde. Der Richter hat vielleicht die edelsten Motive der Welt, und dennoch ist er nicht unfehlbar: die geringste Unpäßlichkeit zum Beispiel kann sehr wohl sein Urteil beeinflussen. Er schickt den jungen Mann ins Gefängnis – er kann nicht anders handeln: die Gesetze stehen in den Büchern und müssen befolgt werden. Ins Gefängnis, mit all den begleitenden Umständen: der Agonie, der Entmutigung und dem Schrecken, der Bestrafung, die über allem geschrieben steht, dem Sonnenlicht, das gänzlich aus dem Leben ausgeschlossen ist, dem generellen Druck von Gewehr und Knüppel, mancherorts immer noch der Prügelstrafe und mentaler Tortur.

Er beendet seine Haftstrafe und kommt hinaus in eine Welt, die ihn vergessen hat, und die er aller Wahrscheinlichkeit nach zu hassen gelernt hat. Um in ihm einen neuen Glauben an die Menschheit und an sich selbst aufzubauen, seinen Haß auf die Gesellschaft zu vermindern, hat er in seiner Tasche ein paar Dollar, und er trifft überall, wohin er sich wendet, auf Hartherzigkeit, Vorurteil und Unbrüderlichkeit. Er war wie ein Hund eingesperrt und mehr als in Ketten gelegt. Jetzt ist er in Schande gefallen, sogar in seiner eigenen Einschätzung. Er ist überempfindlich – er kann sich von dem Gefühl nicht befreien, daß die ganze Welt weiß, daß er ein Sträfling war. Und in diesem Zustand macht er sich auf, um nach Arbeit zu suchen, und er muß welche finden, solange die wenigen Dollar noch reichen.

In seiner Erscheinung ist natürlich etwas, das die Menschen beinahe vor ihm zurückschrecken läßt. Er hat keine Arbeitszeugnisse; nach ein oder zwei Tagen hat er kein Geld mehr. Er schleppt sich mühsam von einem Ort zum anderen auf der Suche nach Arbeit, und er muß auf der Straße übernachten, oder im Schutz eines Heustadels oder irgendeines alten Bootes am Ufer: sonst gibt es nichts für ihn. Alsbald gelangt er in die Bereiche der Unterwelt, wo er seinen Whisky oder sein Kokain bekommen kann, und wo werden wir ihn nach dem ganz natürlichen Lauf der Dinge in ein oder zwei Wochen wiederfinden? Zurück in das Gefängnis muß der junge Mann. Als wir ihn zum ersten Mal einsperrten, verurteilten wir ihn zu einem Leben im Elend, ständig im Gefängnis und in Verbrechen verstrickt, fast ohne Chance oder Hoffnung auf etwas Besseres. Nun bieten wir ihm keine bessere Möglichkeit, als in die Zelle zurückzugehen: keine Chance zur Erholung, keine Chance, sich selbst zu erretten, keine Chance, wiedergutzumachen.

Warum gibt es nicht in jeder Stadt – um unserer selbst willen und zum Schutz der Gesellschaft – eine über Kritik erhabene Institution, wo der Mensch, der das Gefängnis verläßt, Arbeit finden und sich selbst festigen kann; wo er beschützt und behütet wird, jedoch nicht bei anhaltender Untätigkeit; wo er eine Chance findet, anständig zu leben und nicht wieder in den Sumpf der Verzweiflung geworfen zu werden?

Unter diesen Umständen ist der Rest seiner Geschichte bald erzählt. Als er das erste Mal im Gefängnis war, mußte er täglich den Erzählungen der Schwerkriminellen zuhören; jetzt, schwächer und verrohter als er es damals war, muß er ihnen wieder zuhören. Die Diebe versäumen nicht ihn wissen zu lassen, in der lebhaften Sprache, die sie beherrschen, wie leicht es ist, mit den Mitteln zu leben, die sie kennen, und zu Geld zu kommen – Geld zu bekommen und ein Leben des Vergnügens zu führen – und er hört nun mit wirklichem Interesse zu. Er hat seine Erfahrungen gemacht mit dem Versuch, ehrlich zu sein, und ist zu der Überzeugung gelangt, daß ihm die Welt nicht gestatten wird, das zu sein. Er stellt das Leben, das sie ihm ausmalen, dem gegenüber, das er durchgemacht hat, und es dauert nicht lange, bis er im Denken und Fühlen völlig einer der ihren wird.

Wie viele von den Menschen, die niemals der Ehrbarkeit abtrünnig geworden sind, würden besser handeln? Der Häftling müßte wahrlich ein Held sein, um herauszuragen. So schenkt er ihnen Beachtung und ist nicht länger der Jugendliche, der sehr wohl hätte zu einem hervorragenden Bürger heranwachsen können, der sich eher irrt als daß er böse ist, dessen Fehler korrigierbar ist, weil er in Unwissenheit und Gedankenlosigkeit geschieht und nicht aus Bösartigkeit. Diese ganze Phase ist vorbei. Er ist jetzt ein professioneller Dieb, ein Krimineller. Er ist in dieses Geschäft unter der Anleitung erfahrener Professioneller eingestiegen; er ist ein Feind der Gesellschaft, eine Bedrohung und eine Gefahr für den Staat. Die Kriminellen, in deren Gewalt wir ihn wohl oder übel gestoßen haben, haben ihn völlig in der Hand, und von nun an ist er ihr Opfer und Handlanger. Sie stoßen ihn weiter – sie schicken ihn an die gefährlichen Stellen und stehen selbst in Sicherheit. Sie lehren ihn, ein Gewehr zu bedienen, damit er sich selbst im Notfall verteidigen kann.

Er kommt zum zweiten Mal aus dem Gefängnis frei, und nun weiß er ganz genau, wohin er gehen kann. Er friert nicht länger und hat keinen Hunger, er muß auch nicht im Heustadel schlafen oder in dem alten Boot; er läuft nicht mehr länger ungepflegt und schmutzig herum. Er ist ein neuer Mensch, schick und gut gepflegt, wieder aufgebaut durch den psychologischen Einfluß der Diebe auf das Modell des Diebes. Zu gegebener Zeit wird er in die Enge getrieben, zieht seine Pistole, schießt, wird gefangen genommen, vor das Gericht gebracht, verurteilt und gehängt.

So produzieren wir Kriminelle – das Regime, das wir tolerieren, tut genau das. Es gibt dabei keinen Versuch zur Korrektur oder zur Reform. Es kultiviert ganz einfach Kriminalität, als ob sie unser höchstes Gut wäre. Dabei verschwendet es die Menschlichkeit, verletzt die Nation und die Rasse und gefährdet das moralische Leben unserer Kinder und Kindeskinder. Ob die Opfer unserer Dummheit hängen oder nicht, das System selbst ist verdorben. Sie werden eingesperrt und sitzen ein, ohne daß das Licht vom blauen Himmel auf sie scheint und ohne jemals den Gesang der Vögel zu hören. Niemals streckt sich eine freundliche Hand aus, um ihnen zu helfen; statt dessen ist da von allen Seiten die unerbittliche Hand der Gesetze, um zu drohen, zu behindern oder auf sie einzuschlagen. In ihrer Rebellion gegen das, was sie zu erleiden haben, schaffen sie eine bestimmte Atmosphäre, mental und moralisch; und indem sie darin leben und sie einatmen, sinken sie weiter und weiter ab. Sie steckt jeden an, der mit ihr in Kontakt kommt. Die Ansammlung solch tödlicher Gedanken in einem Gefängnis ist schrecklich: sie verunreinigen unsere gesamte Zivilisation und verletzen nicht nur die Lebenden, sondern auch die Ungeborenen.

Drei oder vier Wochen der von ihnen durchgemachten Behandlung würden aus uns allen Rebellen machen; wir könnten sie nicht ertragen. Ihre Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit sind so beschaffen, daß alles in ihnen, das niedrig war, niedriger wird, und daß alles Hohe sich zurückzieht. Wäre ich dauernd mit Menschen zusammen, die einige meiner Schwächen entdeckt hätten und mich immer wieder daran erinnern würden, mit oder ohne Worte, es würde doppelt auf mich zurückfallen und zum wichtigsten Teil meines Lebens werden. Ich hätte vielleicht nicht die Kraft, mich gegen diesen Druck zu wehren. In vielen Gefängnissen bestehen solche Bedingungen. Die Häftlinge leben in einer Atmosphäre der Verzweiflung. Sie haben Fehler gemacht und können sich nicht selbst befreien: zuerst sind sie völlig entmutigt, und es ist diese schreckliche Entmutigung, die der Nährboden ist, auf dem Kriminalität gedeiht. Dann gibt es diejenigen, die mit den Unglücklichen sprechen und vor allem Nachdruck darauf legen, daß sie sich an ihre Sünden erinnern. Das hat nie etwas Gutes bewirkt und wird auch nie etwas Gutes bewirken. Sie sind krank und erschöpft von der ermüdenden Art, in der Menschen vorgehen.

Der Gefangenenbetreuer im Gefängnis, der irgend etwas Gutes bewirken will, muß jeglichen Gedanken an Verdammung beiseite schieben und sollte zu den Menschen nicht über ihre Fehler und Irrtümer sprechen, sondern mit allergrößter Überzeugungskraft über ihre latenten, gottähnlichen Qualitäten: die gottähnlichen Qualitäten, die jedem Menschen innewohnen. Er muß mit großem Edelmut des Herzens beginnen und sein Denken gänzlich darauf richten, wie er ihnen dienen und helfen kann. Wenn wir den Meisterschlüssel von Zuneigung und Bruderschaft anwenden, der größer und besser ist als Mitleid, werden wir die Weisheit erlangen, die den Weg zu rechtem Denken und rechtem Handeln erleuchtet. Sympathie ist immer erfinderisch und bringt wahre Erkenntnis darüber, was notwendig ist. Derjenige, der sie benützt, fühlt seine eigenen Quellen anwachsen und daß sie ihn selbst vor Zerstörung schützt. Sie macht das Gemüt des Menschen so formbar, daß es für ihn kaum der Worte bedarf, um den Grund für den Kummer des anderen herauszufinden. Sie verwandelt sich selbst in Handlung, fast ohne die Notwendigkeit der vermittelnden Sprache.

Laßt einen Menschen, der die Sympathie hat, das Äußerste tun, was er mit seinen Mitteln erreichen kann, und Kraft wird durch ihn ausgestrahlt werden und sie wird weit genug reichen. Er wird sie durch sein Verhalten zum Ausdruck bringen, gleichsam unbeabsichtigt. Worte können nichts Wahres darüber aussagen. Eine Blume oder ein Buch zu verschenken kann etwas aussagen; dieses aufrichtige Interesse, das völlig darauf verzichtet, auf die Fehler oder die augenblickliche Situation des Gefangenen Bezug zu nehmen, drückt das vielleicht am besten aus. Behalte im Gedächtnis: Sympathie ist der Schlüssel und der geheime Talisman; nur sie allein kann den Weg zu diesem göttlich-menschlichen Teil öffnen, der auch noch in dem am weitesten Heruntergekommenen vorhanden ist. Und niemand – weder der größte Reformator noch der gelehrteste Mensch – kann das Mittel für die Erlösung von den Leiden des Lebens finden, außer er hat den Schlüssel in seinem Inneren gefunden.

Die Ursachen des Verbrechens

Der selbstmörderische Wahnsinn unseres Gefängnissystems kann nicht behoben werden, bevor wir uns nicht von dem Geist des Verdammens abwenden und auf die Ursachen des Verbrechens zugehen. Viele der jetzt Gefangenen hatten zu Hause, als sie Kinder waren, schlechte Vorbilder. Da gab es Disharmonie, zu große Nachsicht, Gleichgültigkeit oder schreckliche Ignoranz, Bestialität oder Selbstsucht und Laster, verborgen unter dem Deckmantel der Ehrbarkeit. Auf eine Ehe, die in gegenseitigem Verständnis eingegangen wurde und heilig gehalten wird, kommen Hunderte und Tausende, die aus selbstsüchtigen Gründen geschlossen wurden: wegen physischer Attraktivität oder wegen des Wunsches von Eltern und Freunden, aus Selbstinteresse oder aus Rücksicht auf gesellschaftliche Gepflogenheiten.

Kein Mensch gerät in einer einzigen Minute auf die schiefe Bahn. Niemand zerbricht sofort in Stücke. Kriminalität setzt sich in der Natur eines Menschen nicht in einem Augenblick oder einem Tag fest. Sie ist unter der Oberfläche gewachsen: in der allgemeinen negativen Beschaffenheit des Charakters, in dem Kultivieren der Begierden, bis die Nerven schwach sind und die Verdauung ruiniert ist. Dann kommt die Stimulierung und die mentale Unruhe und das Schwächerwerden des Willens. Dann das erste Verbrechen – das kann ein Diebstahl bei den Eltern oder bei einem Nachbarn sein –, und um den Diebstahl zu vertuschen, Betrug und Lüge. Die niedere Natur gewöhnt sich schrittweise und durch Übung an das falsche Handeln.

All diese Kräfte der niederen Natur sind notwendigerweise in einem Kind vorhanden: die unvollkommene, tierische, unentwickelte und unspirituelle Seite ist mit ihren Neigungen und ihren Wünschen vorhanden. Das Kind hat sie in dieses Leben durch sein Erbgut mitgebracht, durch oberflächliches Erinnern: diese starren und wirkungsvollen Tyrannen wurden in der Vergangenheit nicht besiegt oder verbessert, und nun kommen sie zum Vorschein und gewinnen die Oberhand. Eine Mutter, die ihrem Kind erlaubt, einen Wutanfall zu bekommen, und die nicht hier und jetzt den Schlüssel findet, mit ihm fertig zu werden, kann vielleicht etwas nähren, das im Ruin des Lebens des Kindes endet, und das, obwohl sie sich nie dessen bewußt war, daß etwas hätte getan werden müssen, das nicht getan wurde. Warum? Weil es da im wahrsten Sinne kein religiöses Leben gab: es gab keine Erleuchtung und damit keine Vorstellung von den inneren Bedürfnissen des Kindes.

Es ist das Verlangen, das in der Natur eines Menschen schläft und ihn zum Verbrechen führt; vielleicht wurde es zuerst während seiner Kindheit in ihm ermutigt und entstand aus einem dieser kleinen Wünsche, denen Eltern so oft nachgeben: trivial erscheinende Dinge, leicht zu erfüllen und nicht so leicht zu verweigern. Dennoch bewirkt das Nachgeben oft, daß der Weg für Katastrophen geebnet wird, denn es bedeutet, das Leben des Kindes in den Kanal der Begierde münden zu lassen, die gleichsam in dem unedleren Aspekt seiner Natur angehäuft wird, und daß es sich in seinem tierischen Teil zu Hause fühlt. Das bedeutet eine Stärkung seines Charakters auf der falschen Seite, so daß der Mensch, während er noch auf wackligen Beinen steht, schon auf den Weg des Verbrechens geleitet werden kann.

Es gibt so viele Facetten im Leben eines Kindes, die faszinierend und süß erscheinen, und die die Eltern in ihren Herzen pflegen und in ihren Kindern gerne wachrufen möchten, die jedoch keineswegs das best mögliche sind. Denkt daran, wie eure Kinder eure Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, indem sie neue und erstaunliche Dinge vollbracht haben; und wie ihr dann ihren Egoismus entfacht habt und sie zu einem Gefühl der eigenen Wichtigkeit angestachelt habt: indem ihr dem äußeren Selbst und dem persönlichen Stolz schmeichelt und diese seltene und königliche, unpersönliche Würde, die die höhere Seite im Leben des Kindes ist, ignoriert – ja eigentlich vertreibt.

Ein unrechter Gedanke kann auf Erden eine Hölle erzeugen. Eine Mutter kann oft unbeabsichtigt die Eitelkeit ihrer kleinen Tochter durch zu große Konzentration auf ihre äußere Erscheinung entfachen. Ich erinnere mich an ein kleines Mädchen, sehr attraktiv und äußerlich interessant, und mit all dem Charme kindlicher Unschuld, das dennoch Eitelkeit von Natur aus in sich hatte. Als es dann zu einer jungen Frau herangewachsen war, die nicht mehr unter dem Schutz ihres Elternhauses stand, führte ihre Vorliebe für Schmeichelei zu ihrem Untergang.

Die Samen wurden in der Kindheit gelegt: zuerst für die Selbstsucht, dann für die Eitelkeit und falschen Stolz, und später für den Betrug. Obwohl die äußere Schönheit und der Charme erhalten blieben, trat dann der bessere Teil ihrer Natur in den Hintergrund: es war kein Platz für seine Aktivität vorhanden, er fand keinen Raum für sich in ihrem Gemüt. Die Feinde im Inneren – die Feinde ihres eigenen Heimes – hatten ihr gesamtes Denkvermögen erobert und in Besitz genommen; und sie trieb der Gefahr immer weiter zu. Welche Sorge breitete sich jetzt in dem Elternhaus aus, das sie verlassen hatte! Die Mutter wunderte und fragte sich und wiederholte immer und immer wieder, daß sie ihren Liebling immer beschützt hatte, ihr das beste Beispiel gegeben hatte, ihr die besten Bücher zu lesen gegeben hatte, sie regelmäßig zur Kirche und in die Sonntagsschule gebracht hatte. Dieser Fall ist typisch. Es wird sowohl für die Mutter als auch für die Tochter selbstverständlich, jedem und allem außer sich selbst die Schuld zuzuschieben, denn keine der beiden weiß oder keiner wurde etwas über ihre wahre Natur gelehrt oder wie man den Feind im Inneren erkennt und ihm widersteht. Der Tochter wurde nie gelehrt, daß in ihrem Inneren die Kraft zur eigenen Erlösung liegt, und daß die Verurteilung der Welt gleichsam ein Nichts ist im Vergleich zu diesem königlichen, inneren Talisman, den sie in ihrer eigenen Seele besitzt.

Vielleicht hat sie sich an einem bestimmten Punkt in ihrer Verzweiflung auch an andere um Hilfe gewandt, jedoch nur, um fromme Hände zu finden, die sich ihr im Grauen entgegenstreckten, oder fromme Lippen, jedoch kein Wort der Hoffnung oder des Trostes, sie sehen nur Sünden, und daß sie ihre Seele durch den Sumpf der Gewissensbisse und der Reue schleppen sollte. Solche „gute Botschaften“ sind vor allen anderen Dingen diejenigen, die sie am wenigsten zu hören bekommen sollte – die ihrem Gemüt am allerwenigsten hilfreich sind.

Verurteilt nicht; viele gehen unter, in der Regel nicht durch Verdorbenheit oder durch die Vorliebe für schlechte Handlungen um ihrer selbst willen, sondern weil ihnen die Gesellschaft keine weitere Gelegenheit gibt, und weil sie sich nirgends hinwenden können, um Hoffnung zu schöpfen. Wir könnten ihre Besserung bewirken, hundertemale, indem wir ihnen eine Möglichkeit aufzeigen, einen Tag des Sonnenscheins und Friedens zu sehen.

Und was war bei den meisten von ihnen der Anfang von allem? Es war die Eitelkeit, die die Mutter in ihrem Kinde nährte. Und noch weiter zurück, wenn man die Spur zurückverfolgen könnte, würde man seine Samen im Gemüt der Mutter in der pränatalen Periode finden. Können wir nicht die Samen der Harmonie säen, dort wo jetzt diese ganze Blindheit und die Mißverständnisse sind? Es gibt Frauen, die über diese Dinge ernsthaft nachdenken und während der Schwangerschaftsmonate die Haltung von Priesterinnen der Götter einnehmen, aber nicht viele. Zank, Trivialitäten und Streit füllen das Leben der meisten aus. In den Elternhäusern und in der Kindheit beginnt das Trümmerfeld menschlichen Lebens. Keine Frau ist geeignet, eine Mutter zu sein, bevor sie nicht diese Mysterien des Lebens versteht. Kein Mann sollte es wagen, die Verantwortung der Vaterschaft zu übernehmen, bevor er sich nicht selbst gereinigt und geläutert hat und selbst erkannt hat, was es bedeutet, ein Kind in die Welt zu setzen. In dieser Hinsicht so zu leben, wie die Mehrheit es tut, untergräbt die göttlichen Gesetze unseres Daseins – und das ist wahrhaftig am Totenbett der Menschheit zu stehen.

Die Idee eines persönlichen Gottes, der straft und in das Gemüt des Kindes zu einer Zeit eingegraben wird, in der es allen Sonnenschein und alle Freude und Liebe haben sollte, die ihm gegeben werden können, erzeugt dort Furcht – dieses schreckliche Ding, dem nie gestattet werden sollte, in das Gemüt der Kinder überhaupt einzudringen. Denn sobald die Furcht einmal eingedrungen ist – sobald dem Kind beigebracht wurde, Gott oder den Teufel oder irgend etwas anderes zu fürchten – beginnt es, furchtsam heranzuwachsen und entwickelt einen Instinkt, seine Fehler und Schwächen zu verstecken, und das ist sicherlich der Anfang des dunklen Wegs.

Stellt euch einen kleinen Buben vor, der sehr vielversprechend zu sein scheint, der physisch und mental alles an sich hat, um die Herzen der Eltern vor Freude höher schlagen zu lassen, der von Natur aus kultiviert und mit feinen Neigungen ausgestattet ist, aber dennoch eine andere Seite in seinem Charakter hat – denn es gibt immer eine andere Seite. Er könnte von beiden Eltern eine starke, leidenschaftliche und entschlossene Natur geerbt haben, die eine große Kraft zum Guten in seinem Leben werden könnte. Sie kann im Leben seines Vaters und seiner Mutter eine große Kraft zum Guten gewesen sein, weil sie in der rechten Weise geleitet wurde. Der Bub hat jedoch auch andere Neigungen, und wenn er das Alter erreicht, in dem ein Jugendlicher mit Weisheit und Sorgfalt beschützt werden sollte, wenn er den Mysterien der Geschlechtlichkeit von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht, hat er Probleme.

Seine Mutter und sein Vater können ihm diese Dinge nicht erklären, denn sie kennen sie nicht. Niemand ist da, der ihm diese Impulse, mit denen er sich jetzt konfrontiert sieht, erklären kann – die Leidenschaft, die in einer Stunde aufbricht, wodurch und warum, kann er nicht sagen, ein Verlangen, das zwingende Forderungen an ihn stellt. Hier und dort sieht er die anscheinend rechtschaffenen Menschen, die hohe Stellungen einnehmen und gute Beispiele darstellen, und wenn er überhaupt etwas bemerkt, so die andere Seite ihres Lebens. Und mit seiner gefühlsbetonten Natur folgt er vielleicht ihrem Beispiel.

Oh, es gibt junge Menschen, die es schaffen, gewisse gefährliche Punkte im Leben tugendhaft und stolz oder sogar gewissenhaft zu umgehen, was sich mit der Zeit in ihrem bewußten Selbst äußert; aber es gibt auch Tausende und Abertausende, die sich einfach treiben lassen. Die Versuchungen sind für diesen jungen Menschen mit der wachsenden Heftigkeit der Natur immer da. Er mag zum Alkohol neigen, oder zu schlimmeren Dingen; doch wenn er erst einmal seinen ersten Fehler gemacht hat, dann wird es eine Seelenqual für ihn sein, überhaupt nur daran zu denken. Er ist gefallen und in seinen eigenen Augen in Schande gefallen. Er weiß nicht, warum er es getan hat, noch was es war, das ihn auf den Weg gebracht hat, den er nicht für sich gewählt haben würde. Sein Gott, so denkt er, hat ihn verlassen, als er ihn brauchte, und hat ihn nun gänzlich im Stich gelassen. Er weiß nicht, daß dieser erhabene und heroische Teil seines Selbst, sein innerer Gott, die ganze Zeit über da war und ist, und daß er nur bei ihm seine Zuflucht nehmen und ihn anrufen muß, denn der Gott im Inneren wartet. Er hat nie von der dualen Natur und den Unterschieden zwischen dem Höheren und dem Niederen gehört. Alles, was ihm beigebracht wurde, war, daß er in Sünde geboren wurde und ein Sünder ist, weil er ein Mensch ist; daß er kein Selbstvertrauen haben kann, um tapfer zu sein, denn da ist nichts Vertrauenswürdiges in ihm.

So wuchsen die Saaten der Katastrophe in diesem Menschen von Kindheit an, unter dem Schatten der Liebe und Fürsorge seiner Eltern. Mit all der Erziehung, die sie ihm angedeihen ließen, hat er nie etwas über das Leben gelernt, und jetzt findet er sich in einem psychologischen Meer von Problemen, dessen schrecklichen Gezeiten er ausgeliefert ist. Vielleicht schließt er eine Freundschaft oder Kameradschaft und hat nicht das Unterscheidungsvermögen, den jungen Menschen, den er trifft, so zu sehen, wie er wirklich ist. Seine feinere Natur ist nicht so feinfühlig geworden, um ihn zu warnen, auf der Hut zu sein. Er schlittert impulsiv und bereitwillig in die Situation hinein, ohne die geringste falsche Absicht und ist sofort unter dem Einfluß dieses anderen. Und zu den Feinden, die in ihm wohnen, und mit denen er vordem täglich zu tun hatte, kommen nun zusätzliche Legionen von anderen; denn diese Impulse werden oft in der Gemeinschaft mit den falschen Gefährten verdoppelt oder verdreifacht. Schlechter Geschmack wird genährt, und so wie der stärkere Wille immer mehr abnimmt, folgt das Schwächere.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Mann von einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahren in San Quentin, der dort seine Strafe für Urkundenfälschung absaß. Nachdem ich sein ganzes Vertrauen gewonnen hatte, fragte ich ihn, was ihn wirklich dorthin gebracht hatte – was der erste Anfang und die Wurzel seiner Schwierigkeiten war. Er sagte, daß seiner Meinung nach fast alle Gefangenen die gleiche Geschichte erzählen würden, wenn man die Wahrheit aus ihnen herausbringen würde. Es begann, sagte er, als er noch ein Kind war. Aber wo waren seine Eltern, seine Mutter? Man erzählt solche Dinge nicht seiner Mutter, antwortete er. Und das ist eine Tatsache: die Eltern sind oft die letzten Menschen der Welt, die die Dinge erkennen, die an der Seele ihres Kindes nagen.

Dieser junge Mann hatte nie ein Wort der Warnung in bezug auf die Gefahr der Selbstgefälligkeit jeglicher Art gehört. Die Mutter war eine sehr schüchterne Frau und der Vater einer jener gutmütigen, nachsichtigen Menschen, mit denen man so häufig zusammentrifft, die das Leben so nehmen wie es kommt, und die einen ungenügenden Sinn für Verantwortung haben. Sie gestatteten ihrem Sohn, ungezügelt aufzuwachsen und zu gehen, wohin und mit wem er wollte. Alles begann mit selbstgefälligen Gewohnheiten, vor deren Korrektur Mütter zurückschrecken, und die der Fluch der heutigen Welt sind – das heimtückische Wachstum der Ignoranz und der Leidenschaft, die unsere Kinder manchmal zugrunde richten, bevor sie sich selbst schützen können.

Als sein Verstand wuchs, bemerkte er, daß er keinen Willen hatte. Er wurde nervös, unruhig, übermäßig reserviert, negativ und für alle Einflüsse offen. Zu Hause mochte er voller guter Absichten sein; aber außer Haus war er jeglicher Gesellschaft, von der er sich unterstützt fühlte, ausgeliefert und hatte schlechten Einflüssen gegenüber keine moralische Widerstandskraft. Und so machte er einen Fehler nach dem anderen: er trank, geriet in den Einfluß einer Frau, nur um zu Geld für denjenigen zu kommen, für den er gerade betrog. Er liebte immer noch das Rechte und konnte zwischen richtig und falsch unterscheiden – er war noch nicht so weit vom normalen Pfad abgekommen, um dazu unfähig zu sein. Wegen seines nervösen, heftigen Temperaments und seinem Mangel an Selbsterkenntnis fiel er, und sein erster ernstlicher Fehler war gemacht. Eine Stunde vor der Tat dachte er überhaupt nicht daran, etwas Falsches zu tun; eine Stunde danach war der Schrecken über das, was er getan hatte, schon eine lange Leidenszeit und mehr als Strafe genug für das Verbrechen, das er begangen hatte. Unsere Gefängnisse sind voll von solchen Gelegenheits-Kriminellen, und man findet sie in den Zellen zusammen mit den Menschen, die bereits unverbesserlich geboren wurden, mit den Monstern in menschlicher Gestalt.

Ein Kind betritt das Leben mit der gesamten Natur und dem ganzen Glanz dieses lebendigen Universums in sich. Dennoch ist es eingeschlossen und in Düsternis, gefangen im Bann und im psychologischen Einfluß des Zeitalters; wenn es durchkommt und nicht früher oder später als Krimineller gebrandmarkt wird, dann ist das so aufgrund der großen Erfahrungen während einer anderen Inkarnation in der Vergangenheit oder weil die Eltern ihm das Gefühl für etwas gegeben haben, das sein spirituelles oder höheres Selbst berührt und erweckt hat.

Sehr oft werden Kinder ganz normal geboren und tragen dennoch latent in sich alle Elemente des Abnormalen, das sich in Form eines extrem nervösen Temperaments und physischer Schwäche manifestieren kann. Ein Kind dieser Art kann bei der Geburt völlig normal sein, aber im Laufe der Zeit kann es auf diesem großen Schlachtfeld des Bewußtseins und der Arena menschlicher Dualität, wenn diese sonderbaren Zustände und Gefühle aus der unkontrollierten, niederen Natur auftreten, und sich selbstgefällige Gewohnheiten einschleichen und an Macht gewinnen, unter dem Protest und der drängenden Kraft der höheren Natur zusammenbrechen, die gegen die andere Natur protestiert und die er nicht versteht, wobei sein Verstand, wenn er ein bestimmtes Alter erreicht hat, verwirrt werden kann.

Wenn wir unsere Kinder lieben, dürfen wir nicht zögern, die Wahrheit zu sagen. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, wie durch alle Zeitalter hindurch Kinder bestraft wurden, als ungezogen, böse, unverbesserlich und so weiter hingestellt wurden; wenn ich in die Gefängnisse gehe und die jungen Männer sehe – Knaben, 16 oder 18 Jahre alt, mit dem Zeichen der Unschuld, das noch nicht aus ihren Gesichtern verschwunden ist, und mit ihren Stimmen, die immer noch zumindest eine Erinnerung an das Merkmal des Sehnens und spirituellen Verlangens an sich haben – dann bricht es mir das Herz, sage ich, wenn ich sie irregeführt sehe, von ihren eigenen Schwächen zur Strecke gebracht, wenn sie wieder bestraft werden und aus ihrer Sicht noch weitere Demütigung erleiden. Die ganze verachtenswerte Methode ist aus dem System der Vergangenheit geboren, das immer aus der Idee der Erbsünde und Bestrafung entsprang, und immer auf die falsche Seite der menschlichen Natur blickte.

Gestern sah ich einen Bericht über zwei Mädchen, die Selbstmord begangen haben. All dem lag ein verwirrter Verstand zugrunde. Ihre Naturen waren von ihnen nicht gebändigt und ihr Wille geschwächt, so daß die dunklen und verzweifelnden Elemente des Lebens Eingang fanden und keine Kraft zum Durchhalten bestehen blieb. Es schien ihnen nichts übrigzubleiben, als sich ihrer Verzweiflung hinzugeben, und Selbstmord bot sich als einzig mögliche Befreiung an. Habt Mitleid mit ihnen – aber habt noch mehr Mitleid mit ihren Eltern, die nichts sehen oder lernen werden, die in keiner Weise handeln, keine Hilfe gewähren!

Würde die Geschichte der Selbstmorde untersucht, dessen bin ich sicher, dann würde man herausfinden, daß der Untergang vieler Menschen damit beginnt, daß sie vom Willen anderer abhängig werden. Die Basis bilden immer selbstgefällige Gewohnheiten, und das Böse wird immer wieder durch hypnotischen Einfluß in Gang gesetzt, was vermieden werden sollte; dazu gehören auch Bücher, die sich damit beschäftigen, und Menschen, die darüber sprechen und es vor allem praktizieren: das muß vermieden werden, so wie wir das vermeiden, was am gefährlichsten ist. Der Aussätzige kann seine Seele fleckenlos halten, der Mensch, der von schwerer Krankheit und all den schrecklichen Schmerzen gequält ist, die das Physische befallen, kann seine Seele rein und weiß halten, aber Hypnose tritt in das innere Leben des Menschen ein und richtet es zugrunde. Es macht ihn untauglich, zu dienen; es macht ihn für das Leben untauglich.

Ein Kind, das nichts Böses kennt, geht in die Welt hinaus und kommt in Kontakt mit einem jungen Menschen, der nur ein wenig älter ist als es selbst, und entwickelt Zuneigung zu ihm; oder es kommt vielleicht mit einem Menschen in Kontakt, denn wir haben Dämonen in menschlicher Form überall auf der Welt, und ein Knabe kann genauso wie ein Mädchen verdorben und auf die falsche Fährte gelockt werden. So werden dem kleinen, unschuldigen Kind Laster und verderbliche Dinge beigebracht, und die moralischen Prinzipien, die latent in ihm vorhanden waren, als es geboren wurde, wurden vom Standpunkt der Seele aus nicht genährt, sind nicht stark genug, um der Versuchung zu widerstehen. Das Kind entwickelt sich negativ und seine Mentalität wird beschränkt. Alle Energie, die zu seinem Aufbau verwendet werden sollte, wird zu seinem Verderben verwendet.

In dieser niederen Natur ist keine Vernunft: sie schützt sich nicht selbst, sie kann es nicht. Da ist nichts als eine wahnsinnige Leidenschaft oder der Wunsch, der die Kontrolle gewinnt, und daraus folgt die gefährlichste Art von Irrsinn. Hunderte von Eltern können sich überhaupt nicht vorstellen, daß solche Dinge sein können. Sie wären gänzlich ungläubig, würde man ihnen das sagen. „Aber nein!“, würden sie sagen, „Er ist mein Sohn; schau wie liebevoll und intelligent er ist!“ Und die ganze Zeit über machen sich diese liebevollen und intelligenten Kinder darüber lustig: die Mutter fällt auf den Sohn herein, und er lacht im Geheimen über ihre Blindheit. Warum? Weil seine Natur dekadent wird, fehlerhafte Handlungen verderben sie – und die Eltern merken wie gewöhnlich nichts, bis es zu spät ist.

Die Wurzel der ganzen Gefahr ist das Verlangen: Liebe zu den Dingen, „die ich will“, und nicht zu den Dingen, „die ich brauche“. Während die Wünsche der Kinder gehegt werden – der Ruf nach Geschmack, die Eitelkeit, die sich selbst in der Kleidung ausdrückt – können wir keine Änderung zum Besseren erwarten. Das Verlangen, das so befriedigt wird, wächst, und die Wünsche werden immer maßloser und immer verdorbener.

Das ist in Kürze die Lebensgeschichte der meisten Kriminellen: Zunächst war im Kinde der Wunsch für das, was es nicht haben konnte, und der Wunsch wuchs und wurde nicht kontrolliert, und dann kam die Jugendzeit und mit ihr die Leidenschaft – und Leidenschaft ist der Erzeuger des Verbrechens. Auf diese Weise bringt die Unwissenheit der Eltern Unglück über ihre Kinder. Eltern kennen die Gefahr nicht, die an ihren Türen lauert. Sie bemühen sich, das materielle Leben ihrer Kinder zu gestalten – sie denken vor allem darüber nach, was das Kind essen und trinken kann, und womit es gekleidet werden soll – und dann lehnen sie sich zu oft zufrieden zurück und schauen nicht weiter. Immer wieder ist es Unwissenheit , ein Mangel an moralischem Wissen, das die Tore für die Gefahr öffnet. Gänzlich unabsichtlich können Eltern ihre Kinder unter den Einfluß von jemandem bringen, in dessen innerer Natur eine Neigung oder eine Unterströmung zu Zerstörung ist, die die Natur des Kindes unmerklich unter ihrem Einfluß verdirbt.

Heilung des Verbrechens

Was können Mutter und Vater also tun? Sie können den sinnlosesten aller Wege einschlagen, das Kind zu befragen. Es wird nie etwas erzählen. Es wird die unglaublichsten Mittel wählen, den Fehler, der es zugrunde richtet, zu verbergen und zu vertuschen. Mütter, die Kinder mit herunterhängenden Schultern, blassem Gesicht und unruhigen Augen haben, oder Kinder, die immer müde sind, gereizt, sensibel und schüchtern, die in der Regel ohne Geselligkeit bleiben wollen, und dann gelegentlich wieder besonders darauf begierig sind und dadurch erregt werden – solche Mütter sollten ihre Kinder auf eine neue Art beobachten. Man kann aus dem Gang des Kindes schließen, ob es betrübt ist. Da ist eine Lustlosigkeit, eine Unfähigkeit, sich zu bewegen. Alles in seiner Natur ist außergewöhnlich.

Der einzige Weg einem solchen Zustand zu begegnen ist der, seine Opfer nicht als Sündige, sondern als Kranke zu behandeln. Das hat nichts mit Sentimentalität zu tun. Das heißt nicht, um sie zu weinen und sie mit Liebkosungen zu überhäufen. Gebt ihnen eine Umgebung, die ihnen zur Gesundheit verhilft. Gebt ihnen das beste Familienleben, die sorgfältigsten Freundschaften, nur die besten Bücher und nicht zu viele davon, und Musik. Sie müssen jeden Tag auf einfache Art und ohne Streß von der Idee beseelt werden, daß sie potentiell gut sind, daß sie die Kraft zum Siegen haben, daß es keinen wirklichen Grund oder keine Gelegenheit für sie gibt, sich der Ursache ihrer Schwierigkeiten auszuliefern. Nachsicht wird ihnen nicht helfen, aber Selbstkontrolle. Wir können die Menschheit nicht durch Emotionalität verbessern, wir können die Menschheit nicht durch Fanatismus jeglicher Art verbessern.

Wenn ein Fehler erst einmal gemacht ist, wird Reue nichts zum Besseren wenden, Gewissensbisse allein sind schlimmer als sinnlos, Versprechungen werden nichts bereinigen, genau so wenig wie Schwüre und Tränen. Das Einzige, was den Verstand von den ihn belagernden Feinden ablenkt, ist das Wissen über die Göttlichkeit im Inneren: das Gefühl ihrer Anwesenheit – für die Nähe und die Gegenwart des göttlichen Selbst.

Die Zeit wird kommen, in der falsche Lehren verschwinden werden, und mit ihnen alle äußeren Formen und vorherrschenden Phantastereien des Denkens; und wir werden eine neue, universale Philosophie haben, die das religiöse Empfinden der Menschheit im Familienleben konzentrieren wird. Ihr Tempel wird das Zuhause sein; denn jedes Heim ist potentiell eine Werkstätte menschlicher Wiedergutmachung, in welcher der formbaren Natur der heranwachsenden Männer und Frauen die Charakterstärke und Schönheit und Würde des höheren Selbst eingeprägt wird. Das zu tun bedeutet, für etwas Dauerhaftes zu arbeiten und Saaten für die Ewigkeit zu säen.

Ein Jugendlicher, der in einem Zuhause aufgewachsen ist, in dem die Gesetze des Lebens verstanden werden, und der nun selbst den Pfad betritt und nach Verständnis sucht, wird, wenn er dahin kommt, seinen Lebensgefährten zu wählen, dieser Situation auf eine Weise gerecht werden, die von der üblichen sehr verschieden ist. Mit dem Impuls wird ein Gefühl tiefer Verantwortung kommen, die mit dem Schritt einhergeht, den er gerade vollbringt, und das von ihm am Ende gegründete Zuhause wird für diesen Zweck ideal sein. Die dort geborenen Kinder werden von einer höheren als der gewohnten Art sein, denn in diesem Zuhause wird ständig all das gepflegt, was im Gegensatz zu dem steht, das dem Menschen Verderben bringt.

Seine Kinder werden von Anfang an von ihrer höheren Natur beeinflußt. Man wird ihnen von dem Moment an, in dem sie zum erstenmal eine Blume berühren oder die Sterne am Himmel bewundern, beibringen, daß auch sie, so wie die Sterne und die Blumen, ein Teil des universalen Lebens sind. Von dem Zeitpunkt an, an dem sie sprechen können, wird man ihnen beibringen, an die Kraft der inneren Natur zu glauben, um ihr Leben zu leiten. Sie werden lernen, alle ihre Gedanken und Handlungen mit dem Bewußtsein ihrer essentiellen Göttlichkeit und mit der Kraft zu beleben, alles Böse, das sie heimsuchen kann, zu überwinden.

Die Eltern werden mit ihnen nicht über das Ego sprechen, sie werden vielleicht nur sehr wenig über den Gott im Menschen sagen. Sie werden keine Katechismen haben, um die Prinzipien der Theosophie zu definieren, aber sie werden ihre Kinder in einer Weise zur Heiligkeit des Lebens erziehen, die sie erkennen läßt, daß sogar der Körper heilig ist, der vergängliche Teil, der sterben wird, und daß seine Zerstörung auch gleichzeitig eine Zerstörung all dessen ist, was in der Natur am besten und edelsten ist. Und sie werden nicht zufrieden sein, bevor sie nicht wissen, daß es für jedes ihrer Kinder völlig unmöglich wäre, jemals zu betrügen, oder sich durch Selbstzerstörung zu erniedrigen, nicht den Geist, noch den Körper. In dem Glauben, daß die Kinder an sich wie alle Menschen sind und sein müssen – nämlich göttlich in ihrer Essenz –, werden diese Eltern daran festhalten, daß die Kinder das in sich haben, was ihr Wachstum verursachen wird, wenn sie ihnen nur die richtige Umgebung, ein Vorbild und Liebe geben und unbedingt gerecht sind, so gut es ihnen möglich ist.

Sie werden nicht zu viel planen, sonst übertreiben sie und werden enttäuscht. Die Wahrheit kann aus dem Herzen nicht nur durch Vorurteile und falsche Auffassungen ausgeschlossen werden, sondern auch durch starre Pläne für die Zukunft. Viele zeichnen das Leben ihrer Kinder oder ihr eigenes bis zum letzten Detail vor, beabsichtigen damit dies und jenes; und alle ihre Pläne entspringen dem Gehirnverstand und dem sterblichen Selbst, und vereiteln im voraus die unbekannten Pläne der Seele. Sie werden nicht zu viel planen, sie werden jedoch ihr eigenes Leben nach den inneren Gesetzen des Lebens gestalten, so daß sie in den Augen der Kinder und in der Atmosphäre einen reinen Eindruck hinterlassen.

Sie werden wissen, daß bei der Erziehung mehr vonnöten ist als Intellekt, Gelehrsamkeit oder Theorie, und zwar die Schönheit des inneren, des spirituellen Lebens. Die Gefahr ist immer vorhanden, daß wir im Streben nach Kultur den höheren Pfad verlassen oder vergessen. Wir müssen die Gesetze verstehen, die unser Leben bestimmen, ansonsten schaffen wir Bedingungen, die eine Reaktion zur Folge haben. Ein Lehrer, der davon überzeugt ist, würde sich nicht mit der Übung des Verstandes und des Körpers seiner Schüler zufrieden geben, er würde vielmehr im Grundton der Natur des Kindes beginnen und danach trachten, das Göttliche in ihm zu fördern und zu entwickeln; es ist das, was Eltern wirklich in ihren Kindern lieben: das unsterbliche Selbst, auf das sie ihre wahren Hoffnungen setzen.

Und natürlich werden sie einen Begriff von Reinkarnation haben und wissen, welche Aufgaben es sind, die eine reinkarnierende Seele lösen muß; und daß die Ewigkeit hinter und vor ihnen liegt, und die Kinder für eine kurze Zeit bei ihnen sind – vielleicht nur für eine kleine Weile, aber für alle Ewigkeit, wenn sie ihre Pflicht ihnen gegenüber erfüllen. Denn wo die Verbindung zur Wahrheit hochgehalten wird, können weder Tod noch Zeit diese trennen; und wir werden über unsere dahingegangenen Lieben sagen: wenn alles in der Natur daraufhin gearbeitet hat, die Seele zu befreien, dann werde ich sie nicht mit Tränen und Trauer zurückhalten – wir werden uns einander wieder begegnen und uns erkennen, und unsere Liebe wird größer sein, als es mit Worten ausgedrückt werden könnte.

Doch die Eltern, deren Seelen und Verstand in Halbwahrheiten und Begrenzungen gefangen sind, und die das Seelenleben der Kinder ignorieren und sie von höheren Dingen ausschließen, indem sie ihnen nur Äußerliches und Objektives mitgeben, verlieren ihre Kinder schon in diesem Leben. Denn unsere Kinder sind Seelen; schon bevor sie zu uns kamen, existierten sie. Sie sind durch Zeitalter hindurch gereist, beladen mit Schwierigkeiten und Schwächen, die sie von anderen Vorfahren geerbt haben können, Tendenzen und charakteristische Merkmale, die sie unter dem Einfluß anderer Bedingungen und früherer Elternhäuser entwickelt haben können. Sie kommen zu uns, vom göttlichen Gesetz gesandt, um in unserer Natur etwas Höheres zu erwecken, das wir ohne sie auch in vielen Jahren nicht zum Ausdruck hätten bringen können – um gewissermaßen unsere Lehrer zu werden, um uns Lektionen aus dem Reichtum ihrer alten Erfahrungen zu erteilen, und um im Gegenzug dazu von uns das gelehrt zu bekommen, was nur wir sie lehren können.

Es ist unsere Pflicht, ihr Leben von einem größeren Blickwinkel aus zu betrachten, außerhalb der Begrenzungen des Zeitalters und unserer gegenwärtigen Lebenszeit, und unsere Naturen wie nie zuvor zu schulen und dabei unsere Stärken und Schwächen zu entdecken. Unsere Kinder wurden geboren, um etwas zu suchen und zu erhalten, das sie nirgendwo außer bei uns finden können, und wahre Liebe würde danach streben, Angst und Befangenheit aus ihrem Denken zu verbannen. Der Fluch der heutigen Menschheit ist der enge Blickwinkel.

Wenn wir in unseren Kindern mehr als etwas Sterbliches sehen – mehr als bloße Maschinen und Dinge – aus dem Nichts erschaffene Dinge –, dann müssen wir ihre Vorgeschichte besser kennen. Sie kommen in die menschliche Existenz, treten aus der göttlichen Quelle des Lichts und des Lebens hervor. Sie haben in der Vergangenheit viele Schulen der Erfahrung durchlebt und werden das auch in Zukunft tun. In ihnen sind unendliche Möglichkeiten latent vorhanden: in früheren Leben errungene Weisheit, die sich jederzeit manifestieren kann, und die ein wahres Erziehungssystem erwecken könnte.

Wenn daher so seltene und interessante Eigenschaften auftreten, und ein Kind ohne spezielle Voraussetzungen und Privilegien großes Talent für Musik, Poesie, Malerei oder ein anderes Gebiet zeigt, wird der wahre Lehrer nicht sagen: „Ich lehrte ihn das“, noch ein weiser Elternteil: „Er hat das von mir.“ Sie werden verstehen, daß es aus der Schatzkammer der eigenen Seele des Kindes kam, die mit all den hinter ihr liegenden früheren Leben eine reiche Fundgrube sein kann. Sie werden auch verstehen, daß das Kind weder bevorzugt ist, noch mit einer reicheren Begabung erschaffen wurde als die anderen, sondern daß es ganz einfach in der Vergangenheit diese Kräfte oder Talente unter Schmerzen entwickelt hat, die es jetzt entfaltet.

Wir kennen die Geschichte jener alten Zeit nicht, in der die heiligen Mysterien in ihrer Blüte standen: ein Zeitalter, das der klassischen Periode jener Zeit lange vorausging, als Griechenland angeblich den höchsten Punkt seiner Kultur erreicht hatte. Wir haben keine schriftlichen Aufzeichnungen des wundervollen Lebens, das Eltern in jenen Tagen um ihrer Kinder willen lebten. Alles, was wir wissen, stammt aus späteren Epochen, als der Verstand der Menschen umnachtet wurde und das Herzensleben und die spirituellen Bedürfnisse der Kinder nicht länger als die wichtigsten Dinge im Leben betrachtet wurden, als das Wort und die Lehre der Seele vergessen worden waren. Die Eltern bedachten nicht länger, daß ihre Kinder Seelen sind, weil Reinkarnation in der Vorstellung der Menschen nicht mehr lebendig war.

Die Botschaft der Theosophie

Ein in Gefängnissen arbeitender Theosoph würde niemals den Versuch machen, einen Menschen zu bekehren, ihn niemals daran erinnern, daß er ein Sünder ist, ganz gleich, wie heruntergekommen oder wie tief er gefallen sein mag. Er wird ihm sagen, daß er den Weg zu leben verfehlt hat – den besten oder rechten Weg. Er wird ihm von der Dualität der menschlichen Natur erzählen, und davon, wie Leidenschaften und Neigungen, Selbstsucht und Habgier verändert werden können, und wie die niedere Natur zum Diener der höheren gemacht werden kann. Ich möchte sagen, daß es unter unseren Sträflingen trotz allem genausoviel Erleuchtung und Hoffnung gibt, wie ich in einer gleichgroßen Menge von Menschen anderswo gefunden habe. Es gibt natürlich von Geburt an degenerierte Menschen, die man unberücksichtigt lassen muß; aber man kann jede Gruppe von Durchschnittsmenschen nehmen, ihnen Sträflingsgewänder anziehen, ihr Haar schneiden, sie in Zellen einsperren und als gejagte Geschöpfe behandeln – und ich frage, ob sie irgendwie sympathischer wirken würden als die Verurteilten oder ob sie mehr Anzeichen von Hoffnung zeigen würden.

Als ich die menschliche Natur in ihren tiefsten Aspekten studieren und die Dinge so erkennen wollte, wie sie sind, habe ich gerade bei denen am meisten gelernt, die als die am meisten Heruntergekommenen angesehen werden. Einige der besten Männer und Frauen, die ich je getroffen habe, sind genau aus diesem Umfeld gekommen. Einige der feinsten Mitarbeiter für die Menschheit sind diejenigen, die durch die Hölle gegangen sind, durch das Feuer, durch die schreckliche Kreuzigung des Lasters. Sie sind so stark, so ernst, so von Mitleid erfüllt daraus hervorgegangen, daß nichts sie aufhalten konnte. Aus den Tausenden, an denen ich interessiert war, und denen ich zu helfen versucht habe, haben mich neun Zehntel nicht enttäuscht, und auch der Rest hat mich nicht gänzlich enttäuscht. Wegen ihrer Erbanlagen und mancherlei unerklärlicher Umstände sind sie rückfällig geworden, aber ich habe gewußt, daß in ihrem Leben etwas gesät worden war, und daß es nach weiterem Leid wachsen würde.

Wir sollten uns daran erinnern, daß sie, spirituell gesprochen, unsere Nachkommen sind. Wir haben dazu beigetragen, sie zu dem zu machen, was sie sind, und wir müssen Vorkehrungen für ihre Rettung treffen. Wir können nicht wirklich etwas tun, um ihnen zu helfen, bevor wir nicht unsere eigenen Körper, unseren Verstand und unsere Seelen in eine so ausgewogene Gesundheit und Harmonie gebracht haben, daß wahrer spiritueller Einfluß in einem Lächeln oder auch nur, wenn wir die Hand heben, von uns auf diejenigen ausstrahlt, die ihren Weg verloren haben, und daß wir ohne Worte lebendigen Segen übermitteln. Geld wird das nicht erreichen, Verstand wird das nicht erreichen, auch nicht eine freundliche Anleitung oder unaufhörlicher Nachdruck; sondern nur die Kraft des Herzens, die aus den höheren Bereichen in die Natur eines Menschen fließt, wenn er die Schätze seines Herzens ausströmt, so daß andere bereichert werden können. Welche Inspiration, welches Aufflammen von Licht, Weisheit und Gerechtigkeit würde auf die Gemeinschaft fallen, in der diese Dinge bekannt und gebräuchlich wären!

Es kann keine wahre Reform der Gesetze geben, bevor nicht das Herz spricht. Der Gehirnverstand kann keine Pläne zur Verbesserung ausarbeiten, bevor nicht das Herz von dem Mitleid berührt wird, welches das Merkmal der Göttlichkeit im Menschen ist. Sympathie ist der wesentliche zu kultivierende Faktor, wenn wir je zu unserem Selbst gelangen wollen. Niemand kann im wahrsten Sinne spirituell wachsen, bevor er nicht gelitten hat, und sein Herz und sein Verstand mit dem Kummer der Welt in Einklang gebracht wurde.

Obwohl Gerechtigkeit im Buch der Natur und in allen heiligen Schriften der Welt in einer wunderbaren Sprache geschrieben steht, ist unsere Hauptsorge, so scheint es fast, immer noch des Menschen Unmenschlichkeit gegenüber dem Menschen; und wir fahren fort, Menschen zu erhängen oder sie ins Gefängnis zu sperren. Die Botschaft der Theosophie an diese Unglücklichen ist aber stets eine Botschaft der Hoffnung und Ermutigung: sie sagt ihnen, daß ihre Lebensweise niemals unabänderlich ist, noch ihr Fall endgültig und absolut; daß das göttliche Gesetz barmherziger und gerechter als ist das menschliche; daß es immer eine neue Chance gibt. Für den Trinker eine neue Chance; für die Prostituierte, für den Dieb und für den Mörder, eine weitere und noch eine weitere neue Chance. Sie können dabei aus ihren Fehlern lernen, ja; aber sie werden niemals ihr besseres Selbst durch Grübeln und Gewissensbisse schwächen, denn der Weg zur Besserung ist immer hoffnungsvoll und erfüllt von Freude.

Zu demjenigen, der am meisten entmutigt ist, der von Stadt zu Stadt gejagt und als Dieb oder Mörder gebrandmarkt wurde, würde ich meine Hand im Geiste der Gerechtigkeit ausstrecken – auch ihm würde ich dienen, auch ihm würde ich vergeben. Das, was wir an ihm verurteilen, ist nur ein Teil von ihm. Es ist die niedere Seite seiner Natur, und der höheren Seite wurde nie ihre Chance gegeben.

Um richtig zu leben, muß ein Mensch nahe am Sonnenlicht und in klarer Luft leben. Er muß fähig sein, sich in sein inneres Selbst in ihm und in die Luft und in das Sonnenlicht zu versenken, das wie das Aroma einer Blume ist, die wir nicht berühren können, aber von der wir wissen, daß sie da ist, und daß sie göttlich schön und inspirierend ist. Deshalb würde ich die Tore der Gefängnisse öffnen und die Unglücklichen in den Blumengarten und in Gebäude führen, wo sie Musik hören und Anleitung erhalten: Sonnenschein auch für den Geringsten, und Arbeit, die erzieht und reformiert. Ich würde die Menschheit aus dem Schatten führen und für die Rechte und die Würde des Menschen eintreten. Ich würde die Gefängnistore öffnen und die Eingeschlossenen herausbringen und die Verurteilten in ein weites Gebiet in freien Feldern und zwischen Hügeln bringen; und ich würde sie den Sinn des Lebens lehren, und wie es dazu kam, daß sie vom Wege abschweiften.

In dem Institut, das ich erbauen würde, sollten weder Zellen noch Gitter sein. Am Anfang würde ich – um vernünftig zu sein und den öffentlichen Bedürfnissen zu entsprechen, und um nicht diejenigen in eine falsche Richtung zu ermutigen, die zu weit gefallen sind, um ihre Verantwortung zu erkennen und den Sinn der Ehre zu verstehen – würde ich irgendwo eine Mauer bauen; aber sie wäre so weit weg, daß man sie kaum sehen könnte. Ich würde den Menschen ausreichend Raum zum Atmen geben, ich würde sie in den heilenden Kontakt mit der Natur bringen. Sie hätten den heilenden Einfluß von Gärten, in denen sie arbeiten könnten, und sie hätten Blumen. Ich würde ihnen hilfreiche Disziplin geben, nicht Nachgiebigkeit: strenge und nützliche Disziplin, aber nicht das Gefühl entwürdigender Haft. Hier sollte es jede Art von Arbeitsplätzen geben, wo sie ihren Beruf lernen oder praktizieren können. Ich würde jedem helfen, seine eigene Energie zu fühlen und sein eigenes Leben zu leben, und ich würde sie theosophisch erziehen.

Bekehrung im gewöhnlichen Sinne ist bedeutungslos. Aber es gibt eine Veränderung, die durch die eigene, höhere Natur des Menschen kommen kann, wenn er sich selbst ganz ehrlich und wahrhaftig gegenüber steht und die zwei, die da sind, in dem Einen erkennt; und sich ins Gedächtnis ruft, wie er zuerst den einen und dann den anderen Weg eingeschlagen hat: einmal auf dem Pfad der selbstgeleiteten Evolution und ein anderes Mal unter dem Druck der Versuchung versagend, an einem Tag auf den Höhen der Hoffnung, am nächsten in den Tiefen der Verzweiflung. So würde ich sie lehren, daß das die einzig wahre Bekehrung ist: seine eigene Position zu verändern und aus dem kleinen, mentalen Haus unserer Begrenzungen herauszukommen. Denn niemandem eröffnet sich der große, neue Blickwinkel, solange er noch immer durch die kleinen Fenster des Selbst schaut.

Was Reue und Gewissensbisse betrifft und das Beten um Vergebung der Sünden, würde ich sie lehren, weder ihre Kraft und ihr Sehnen mit der eigenen Verdammung zu verschwenden, noch überhaupt auf die Vergangenheit zurückzuschauen, denn sie ist begraben und tot, aber auch nicht ihre angeborenen spirituellen Möglichkeiten zu unterschätzen und ihren Panzer der Angst loszugurten – denn die Seele des Menschen ist unsterblich. Gleichgültig, wie finster die Schatten nun sind, oder wie viel oder wie groß die Fehler der Vergangenheit sind, jeder kann sich, wenn er will, von ihnen völlig abwenden. Die Macht der Göttlichkeit im Inneren, und die besten und edelsten Dinge, nach denen wir gestrebt und die wir vergessen haben, bleiben trotz all unserer Fehler bestehen, ein Licht, das unseren Pfad durch die Ewigkeiten erleuchtet.

Ich traue der Menschheit zehnmal mehr Tugend zu, als sie für sich fordern würde. Ich glaube an das Göttliche im Menschen: ich weiß, was ein Lächeln in das Gesicht des verdammten Mörders gebracht hat, während die Schlinge um seinen Hals gelegt wurde. Ich weiß, daß wir nur in unserem Inneren etwas erwecken müssen, um wie die Götter in Harmonie mit dem universalen Gesetz zu arbeiten. Und weil in jedem von uns dieser Funke des göttlichen Lebens ist, können unsere Leben – gleichgültig, welcher Art die äußeren Umstände oder Aspekte auch sein mögen – gänzlich zu einer Freude und Zierde gemacht werden.

Wenn wir zu leben beginnen, und Pflicht und Verantwortung Realitäten für uns werden, werden wir von der Majestät des Gesetzes gepackt, das sich in uns als die Freude zu geben, zu dienen und die Lasten der Welt zu erleichtern manifestiert. Eine neue Liebe tritt in unser Leben, die immer bei uns bleiben wird: es ist die Gesellschaft des Wahren, des Kriegers, des ewigen Menschen. Alle unsere Schwierigkeiten werden zu Erfahrungen, durch die wir an Stärke wachsen. Wir arbeiten nicht länger für uns selbst, noch leben wir das zweifelnde oder gewöhnliche Leben, sondern befinden uns auf einem offenen und edlen Pfad des Dienens, mit vielen hoffnungsvollen Möglichkeiten vor uns, und immer mit dem Gott im Menschen an unserer Seite, und dem Bewußtsein der Gegenwart dessen, das für immer versucht, sein göttliches, ewiges Selbst durch uns zum Ausdruck zu bringen.


IV – Die Philosophie der Natur

Alles stockt oder geht, so gut es geht, bis ein starker Mensch erscheint;
Ein starker Mensch ist der Beweis der Rasse und der Kräfte des Universums,
Wenn er oder sie erscheint, wird alles tief beeindruckt,
Der Zweifel der Seele hält inne,
Die alten Bräuche und Redeweisen werden geprüft, werden zurückgedrängt oder beiseite gelegt.

– WALT WHITMAN, „Song of the Broad-Axe“

 

Meine erste Begegnung mit H. P. Blavatskys Lehrer

Weil wir unsere Hoffnungen, so wie sie beschaffen sind, nicht auf Wissen sondern auf Glauben bauen – auf blinden Glauben und außerdem auf einen Glauben an eine Persönlichkeit und an Kräfte außerhalb von uns selbst –, sind wir so jämmerlich von der Inspiration und der schönen Philosophie der Natur abgekommen, die uns mit ihren Sternen und all ihren Hierarchien der Schönheit die wunderbare Lehre enthüllen könnte, wenn wir uns nur umschauen und achtgeben würden.

Ich erinnere mich sehr genau an den Morgen, als ich H. P. Blavatskys Lehrer in den Bergen in der Nähe von Darjeeling traf. Er war in einfacher tibetischer Tracht gekleidet, hatte ein englisches Taschenmesser in seiner Hand und schnitzte damit an einem kleinen Stückchen Holz. Auf dem Feld unterhalb, nicht weit davon entfernt, pflügte ein junger Hindu mit zwei Ochsen; und das Holzstückchen, so sagte er mir, sollte ein kleiner Pflock oder Stöpsel werden, der, wenn er in das Joch eingesetzt wird, es den Tieren leichter machen sollte. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Bauern, der einer seiner eigenen Chelas sei, sagte er.

„Auch wenn eine ganze Batterie feuern würde und die Granaten umherfliegen würden“, sagte der Lehrer, „er würde nicht von seiner Arbeit aufblicken. Er wäre sich tatsächlich kaum des Lärms und der Gefahr bewußt, so konzentriert ist er. Jene beiden Ochsen sind von jemand anderem kaum zu bändigen; bei ihm sind sie immer, so wie jetzt, ganz ruhig. Er führt sie nicht mit seinem Willen; seine Gedanken kümmern sich überhaupt nicht um sie. Aber du kannst selbst zum Beweis sehen, daß diese stummen Geschöpfe die Atmosphäre der Reinheit des Gedankens fühlen können.“

„Und wenn er eine Pilgerfahrt unternimmt, wird er mehr Meilen an einem Tage zurücklegen als jeder andere und wesentlich früher ankommen. Weißt du, wie die Frauen hier in Indien die Füße der Pilger waschen und einölen? Nun, seine Füße waren auch nach dem längsten Tagesmarsch niemals wund oder von der Straße verletzt. Warum? Weil er niemals die Entfernung fürchtet oder auch nur an sie denkt, sondern fröhlich seines Weges zieht; und es kommt ihm niemals in den Sinn, sich Sorgen darüber zu machen, ob er den Weg verloren hat oder nicht oder ob er die falsche Richtung eingeschlagen hat oder ähnliches. Sein Denken ist so erfüllt von der Freude des spirituellen Lebens, daß sein Körper dadurch tatsächlich leichter wird.“

„Du weißt, daß normalerweise die Atome des menschlichen Körpers durch die Lasten der Gedanken niedergedrückt werden – die unnötigen Ideen, die Vorurteile und die Ängste. Sie durchlaufen von einer Sekunde zur anderen eine Reihe von Veränderungen, da sie von den Gedanken des Gehirnverstandes beeinflußt werden. Der Mangel an Vertrauen, der Mangel an Inspiration, worunter die Menschen leiden – die Hoffnungslosigkeit – führen diese Atome fast in den Tod. Sie können jedoch durch das Feuer des göttlichen Lebens zu einer Art Unsterblichkeit wiederbelebt und mit der universalen Harmonie in Einklang gebracht werden. Die Menschen überall könnten all diese unnötigen Lasten los werden und so wie dieser junge Chela weitermachen, wenn sie das mentale Gleichgewicht hätten.“

„Wenn du von hier nach Amerika reisen müßtest,“ fuhr er fort, „würdest du nicht still sitzen und von dem Ort träumen, wo du hingehen möchtest, und dir einbilden, das würde genügen. Die Schwierigkeit mit einigen theosophischen Schülern ist die, daß sie ihre Lebenskraft dafür verschwenden, auf das entfernte Ziel zu schauen, anstatt auf den unmittelbaren Augenblick und die Sekunden, aus denen der Pfad zusammengesetzt ist, und so wird ihr besseres Selbst erschöpft. Sie sollten den strahlenden Gedanken selbst in jedem kommenden Augenblick leuchten lassen und in bezug auf das Morgen gleichmütig sein. Wenn man den Wunsch hat, kann man in jedem Augenblick das Tor zu Welten von goldener Möglichkeit finden, die Pforte zu einem wunderbaren Pfad, der in die grenzenlose Ewigkeit hinausreicht…“.

„Von der materiellen Ebene des Strebens, des Denkens und der Persönlichkeit wegzukommen – das ist es, wozu die Seele uns drängt: fortzuschreiten in die verborgenen, unermeßlichen Realitäten des Lebens und zu verstehen, daß in uns, über und um uns und in der Atmosphäre selbst, in der unsere Gedanken und Gefühle existieren, das universale Leben unentwegt als Antwort auf unsere Sehnsüchte und unsere Fragen pulsiert. Wenn die Menschen sagen, daß sie nach Glück suchen, denken sie, daß sie damit auf diejenige Stufe ihrer Evolution abzielen, auf der ihre gegenwärtigen Probleme gelöst werden. Um das zu erreichen, muß man sich von den Verlockungen des Lebens und all seinen äußeren und entmutigenden Aspekten abwenden und sich in der Einsamkeit seines eigenen Seins finden, in der Stille, die unzerbrechlich im eigenen Herzen und Gemüt ruht.“

„Das äußere Leben ist vergänglich: man muß innere Kraft gewinnen und im Geist leben, der ewig ist. Man kann nicht seelenlos in dieses Licht schreiten, ohne Konzentration gelernt zu haben; dies lehren zu können, behaupten heutzutage viele. Sie halten Vorlesungen darüber, errichten Kultstätten, führen Kurse durch und kassieren Geld dafür. Alles was sie erreichen können ist, ihre Opfer von der Wirklichkeit und weiter und weiter vom wahren Selbst in ihrem Inneren abzubringen. Denn Konzentration ist eine dem Selbst innewohnende Kraft und steht über und jenseits des Verstandes. Sie kann nicht in der objektiven Welt gefunden werden, denn dort ist sie nicht. Das Königreich des Himmels ist auf Erden und seine Pforten müssen im Herzen des Menschen gesucht und gefunden werden.“

„Der Schüler sollte also nicht über die Ausbildung von Kräften nachdenken, sondern im Lichte und in der Stärke seiner eigenen höheren Natur leben. Das göttliche Gesetz ist in jedem Mann und in jeder Frau, und jeder muß es hier für sich selbst finden, und es in seinem Leben manifestieren. Niemand kann reines Wasser in schmutziges gießen und erwarten, daß es seine Reinheit beibehält. Selbstlosigkeit erhöht, Selbstsucht erniedrigt: die Möglichkeiten des Menschen stehen in direktem Verhältnis zu seiner Fähigkeit, über sich hinauszuschauen und für andere zu empfinden… .“

„Den Verstand direkt auf Äußerlichkeiten zu richten, während er vom Schlafzustand in den Wachzustand wechselt, bedeutet, das halbe Leben des Tages zu verlieren. Man sollte am Morgen mit einem schönen Gedanken erwachen, sich daran erinnern, daß der Kampf des Tages vor einem liegt, und daß der Gott im Inneren einen Moment der Zwiesprache mit dem Verstand vor den anstrengenden Pflichten des Morgens halten möchte.“

„Der Schüler sollte in der Stille und im Sonnenlicht der ersten Stunden etwas finden, das sich mit seiner eigenen höheren Natur verbindet und Blüte und Frucht hervorbringt. Er sollte sich am Morgen in der Reinheit des Sonnenlichtes befreien und den Tag so sachte beginnen, als würde er ein kleines Kind aus dem Schlummer wecken und dabei sollte er seine wahrhaftigere und edlere Seite zum Vorschein bringen – ich meine damit nicht, es in Worte und Sprache zu fassen, sondern sich in Gedanken dem Reichtum und der Fülle des Geistes zu nähern und den Gott im Inneren in jedem Augenblick seiner Entstehung sich entfalten zu lassen. Wenn er dann seine schwierigste Pflicht begreift, nämlich zu wissen, was seine Pflicht ist und sie zu meistern, wird er das Geheimnis lernen, auf der Hut zu sein und in einer kurzen Zeit, ohne sich dessen bewußt zu sein, alle Lasten über Bord geworfen haben, die ihn behinderten. Viele haben hart und gewissenhaft daran gearbeitet, um sich von diesen Lasten zu befreien: es ist unnötig, sich auch nur einen Augenblick darum zu kümmern. Man muß nur die Zweifel und Befürchtungen ablegen, um die Kammern der Seele zu betreten und sich im Sonnenlicht und in den Kräften zu baden, die sich dort befinden.“

„Die ersten drei Stunden des Tages,“ fuhr der Lehrer fort, „sind die große Gelegenheit. Wer nicht mit der Sonne aufsteht, verliert eine riesige Menge an Kraft. Wer vor Sonnenaufgang aufsteht und bei Tagesanbruch die Pflichten dieser Ebene und was für die Körperpflege notwendig ist, erledigt hat und bereit ist, bei Sonnenaufgang hinauszugehen und mit der Sonne zu arbeiten, der hat die Mitwirkung einer Kraft, von der er wenig weiß – des vibrierenden blauen Lichts hinter der Sonne.“

„Es ist eine Schwierigkeit bei vielen unserer Schüler, daß sie zu oft beim Buchstaben beginnen und rückwärts gehen, um den Geist zu suchen. Sie sollten sich jedoch in der Stille daran festhalten und eine edle Zukunft in ihrem Herzen vorbereiten, wenn sie morgens alleine in die Ruhe der Natur hinausgehen. Indem sie sich hier von ihren alten, trübseligen Erinnerungen und allen Vorahnungen der Unannehmlichkeiten befreien, sollten sie eins werden mit diesem Licht in der Natur. Und es wird nicht schädlich für sie sein, manchmal mit Verwunderung zu den Sternen zu blicken, oder mit Freude dem Gesang der Vögel zu lauschen, oder ganze Tage in Schweigen zu verbringen und dabei über diese heiligen Dinge nachzudenken, während sie allen Pflichten nachgehen, die auf sie zukommen.“

Ich glaube, er hat ein Kleinod in unsere Hände gelegt und uns das wahre Geheimnis des Lebens gegeben.

Die ewige Verbindung

Wenn der Sieg über das Selbst errungen ist, verändert sich die gesamte Betrachtungsweise des Universums. Wir kommen mit göttlicher Liebe der Allmächtigen Mutter näher und bemerken, daß all die Jahre über die Stille und die Sterne des Himmels für uns da waren, und daß die Bäume ihre Blätter und die Blumen ihre Blüten hervorgebracht haben, und daß jeder Vogel, der sang, für uns gesungen hat, und daß alle Schönheit nur für uns da war.

Ich erinnere daran, wie Carlyle nach Jahren des Zweifels an einen Punkt in seinem Leben gelangte, an dem ihm die ganze Welt tot zu sein schien, und er keine Antwort auf seine Fragen in Büchern oder in seiner Kalvinistischen Religion finden konnte. Dann, eines Morgens, als er nach Wahrheit hungernd über die Gipfel der Hügel schaute, wurde es ihm klar: in der Pracht des Morgenlichtes über den Hügeln erkannte er die Macht und die Größe der Natur, deren verborgene Schönheit sich in seiner Seele widerspiegelte. Er fand das Göttliche in seinem Inneren, und die Wahrheit und die Botschaft, über die er später so wunderbar für die Welt schrieb, eine Botschaft des völligen Vertrauens in die Göttlichkeit des Universums und des Menschen.

Und diese Offenbarung wartet auf uns alle, denn das Unendliche ist in allem, und alle Dinge sind ein Ausdruck des Geistes. Die unsichtbaren Kräfte, die hinter der äußeren Natur stehen, sind identisch mit den unsichtbaren Kräften, die durch uns arbeiten; und in beiden sind viele verborgene Dinge, die wir nicht entdeckt haben und nicht verstehen. Der Geist, der durch die Schönheit der Morgendämmerung und des Sonnenuntergangs schimmert, sucht seine Größe und Würde in gleicher Weise auch durch unser menschliches Leben zum Ausdruck zu bringen. Der spirituelle Wille, der uns zu edlem und rechtem Leben drängt, ist ein Teil der gleichen großen Essenz, die durch die gesamte Natur atmet, sich durch die Farbe und den Duft der Blumen ausdrückt, im Flüstern und Rauschen des Windes, in der Musik der wilden Wasser und in den rollenden Wogen des Meeres.

Bei der Suche nach Freiheit, bei der Frage nach erhabener Vollkommenheit, gibt es eine ewige Verbindung zwischen Mensch und Natur. Für uns können die Wellen und die Winde den Kriegsruf hinausschreien, oder den Gesang unseres Friedens singen, oder sie können uns ihre Träume über kommende, sonnenüberflutete Zeitalter zuflüstern. Unter dem Blau des Himmels, in der freien Luft, können wir immer das finden, was uns ähnlich und was uns innig vertraut ist, eine Freundlichkeit in jedem jungen und wachsenden Wesen, und das neue Leben, das die göttliche Essenz ist, kann man überall finden. Es liegt im Plan der Evolution, daß wir uns dieser edlen, stillen Begleitung erfreuen sollen, und daß die gesamte Natur stets das anspricht und hervorruft, was in uns unpersönlich und deshalb göttlich ist.

Geh in die verborgenen Kammern deines Herzens, ziehe hinaus unter der Pracht der Sternbilder, erhebe dich zum Standpunkt der Göttlichkeit, die du in beidem finden wirst, und die Sterne selbst werden für dich neue Wunder wahr werden lassen. Du wirst sicher wissen, daß an der Stelle, an der Leben ist, auch das Göttliche ist, und daß die Schönheit des Himmels und die süße Stille der Luft, das Wunder der Musik, der Reichtum und die Vitalität der Farbe – daß all diese Dinge lediglich Manifestationen und Variationen der unpersönlichen Gottheit sind.

Du kannst dich nicht mit den Zeilen eines schönen Gedichtes beschäftigen, ohne in einem gewissen Grade diesen göttlichen inneren Glanz in dir zu erwecken. Du kannst solche Zeilen wieder und wieder lesen, bis du nach einer Weile deine Umgebung nicht mehr wahrnimmst und draußen bist in einer von Schönheit und Erhabenheit erfüllten idealen Welt – der Jammer dabei ist, daß wir dort nie lange genug verweilen, um herauszufinden, wer wir sind. Wir fangen die Untertöne der Stille dort nicht ein; wir sind in zu großer Eile, um zurückzukehren.

Suche nach dem aufwärtssteigenden und veredelnden Pfad, und du bist nicht länger allein: deine eigene Göttlichkeit ist Seite an Seite mit dir, und was du von dem umfassen kannst, was die universale Natur gewährt, ist bei dir, um dich bis zum endgültigen Sieg hin zu unterstützen. Als Musik wirst du die Symphonie des Lebens hören, und die Sterne auf ihren Umlaufbahnen werden für dich singen, die Bäume werden für dich die Hymne ihres wunderbaren Wesens im Chor singen, und die gesamte Natur wird dich mit dem Gruß des Respekts vor deinem edlen Streben grüßen. Du wirst die Herrlichkeit des Todes verstehen lernen, und du wirst den Pfad erkennen, auf dem du gehen sollst, auch wenn du das Ziel nicht ahnst, denn die Seele soll in deinem Gemüt das Wissen über ihre hohen Möglichkeiten einpflanzen. Derjenige jedoch, der den abwärtsführenden Pfad wählt und seine Energien für das Böse in sich verwendet, dem steht auch in gleicher Weise das Böse der Welt zur Seite.

Ich erinnere mich, wie mir das Wunderbare und die Kraft der Theosophie bei meinem ersten Besuch in Ägypten bewußt wurden. Dort sind die Fußspuren vergangener Zeiten sichtbar, und die Wahrheit, nach der die Menschen lebten und über die sie ehedem nachdachten, besteht noch immer und kann nicht vergehen. In der klaren, unbewegten Luft, in den Bergen und in den alten Tempeln ist eine Stille und das charakteristische Gepräge vergangener Zeiten, die die Imagination anregen. Man spürt die Gegenwart und die Wirksamkeit der Wahrheiten, die seit altersher durch die Mysterien leuchten, und daß die großen Hierophanten und Lehrer den Eindruck ihres inneren Lebens in der Atmosphäre hinterlassen haben. Jene stillen Hügel, verfallen durch das Alter – wie haben sie mich angesprochen! Sie waren erfüllt von der Macht alter Zeiten und den spirituellen Aktivitäten der großen Ägypter. Der alte Nil sprach zu mir, und der Mond über dem Nil, solange bis ich wußte, daß die größte und ausdruckstärkste Kraft in der Natur und im menschlichen Leben die Stille ist.

Das wurde mir in den Gräbern der Pharaonen bewußt. Ich erinnere mich an den Tag, als wir von Luxor aus am Flußufer entlang ritten, hinauf und hinunter über Hügel und durch Schluchten, und wie wir dann durch ein Tor an der Seite des Hügels gingen, unterirdisch vorbei an Galerien und Galerien, und über lange Treppen, die in die Felsen eingehauen waren, in einen Raum gelangten, erleuchtet von elektrischem Licht – das Grab von Seti I. Die Mumie lag dort: Der Deckel des Sarkophags war entfernt worden, und die Leuchter waren so eingestellt, daß man die Gesichtszüge des großen Königs sehen konnte. Vorher hatte ich nie verstanden, warum sie ihre Toten mumifiziert hatten, aber als wir dort hineingingen und auf das Gesicht dieses mächtigen Monarchen blickten – er war einer der allergrößten der Pharaonen – schien sich eine Ruhe über alle Teilnehmer zu senken: eine innere und majestätische Ruhe, die in sich selbst eine Symphonie der Symphonien war, als wären wir in die Gegenwart von etwas geführt worden, das immer noch da war und in seiner Essenz nicht zu vernichten war, etwas von dieser längst dahingegangenen Größe jenes Herrschers.

In alten Zeiten gab es viele Perioden, in denen die Seele besser verstanden wurde als jetzt – als die Menschen ihr Leben einfach und schön in Einklang mit dem wunderbaren Streben der Natur gestalteten; in der sie, was wir nur sehr selten tun, der Melodie des Lebens, die die Stimme der inneren Göttlichkeit ist, lauschten und auf sie hörten; in der sie mit den Sternen sprachen und in ihren Gesichtern keine Furcht geschrieben stand; in der sie keinerlei Dogmen kannten, keine Todesangst, weder spirituellen noch moralischen Terror. All das Beste aus der Geschichte dieser frühen Rassen ist in der Atmosphäre enthalten, in der wir leben. Es ist nicht verloren; es ist in der Natur. Es wurde zu einem Teil der Harmonie des universalen Lebens.

In solchen Perioden begründeten die weisen Lehrer das Osterfest zu Ehren der Großen Mutter. Sie wußten, daß die Tiefen und die Macht, die in der Natur und im Menschen verborgen sind, unendlich sind und indem sie die Schönheit und Heerlichkeit des Universums anerkannten, erweckten sie gleichzeitig die unendliche Schönheit in ihnen und in den Herzen der Menschen. Denn da ist dieser Unterton im Leben: er ist in uns allen, und wir sind unvermeidlich durch ihn miteinander verbunden, jeder ist seines Bruders Hüter, obwohl nur derjenige diesen Ton hört, dessen Größe dazu ausreicht, weil er sein wahres Selbst gefunden hat.

Im Wissen um diese Dinge und darum, daß die göttliche Essenz überall vorhanden ist, wußten diese alten Weisen auch, daß wir durch unser eigenes Streben den Schleier lüften und die Mysterien des Seins und den gesamten Sinn des Konflikts in uns verstehen können, und so unsere eigene Erlösung erarbeiten können; daß derjenige, der seine weltlichen Leidenschaften opfert, die Kraft dazu finden wird, den Stein von der Pforte seines inneren Wesens wegzurollen, in dem die Göttlichkeit begraben liegt, so wie Christus von den Toten auferstanden ist – und daß das die Wiederauferstehung und das Leben ist. Und sie gründeten Ostern in Erinnerung daran.

Wie freudvoll, wie erhaben wird unsere Existenz in dieser Welt, wenn wir sie von diesem Standpunkt aus und mit dem Schlüssel zu allen ihren Mysterien betrachten – das ist das Wissen um die essentielle Göttlichkeit des Menschen – in seinem Besitz! Im Sonnenlicht dieser Weisheit werden alle Gedanken zum Erblühen gebracht, an denen wir festhalten, und die wir wegen ihrer Reinheit lieben. Und die kleinlichen Absichten, die Vorurteile unseres Verstandes und die vorgefertigten Meinungen, die wir annehmen ohne zu überlegen, ob sie überhaupt in irgendeinem Verhältnis zur Wahrheit stehen oder nicht – wie unendlich trivial werden sie erscheinen. Wir haben die Göttlichkeit entsprechend dem Maß unseres eigenen Verstandes begrenzt und stellen uns das Unendliche als etwas Persönliches vor, weil wir alles außer dem Persönlichen in uns vergessen haben. Dennoch kann diese Selbsterkenntnis erlangt werden, die wir noch nicht haben, weswegen wir leiden; es ist ein Sich-Bewußtsein der königlichen Kräfte der Seele.

Unpersönlichkeit von Gott und Mensch

Niemand kann seine eigenen göttlichen Möglichkeiten verwirklichen, bevor er nicht die Universalität des Göttlichen erkannt und dessen Gegenwart in sich zur Geltung gebracht hat in dem Bewußtsein, daß er durch Willen und Überzeugung jede Qualität und jeden Aspekt des Göttlichen in seinem menschlichen Leben offenbar werden lassen kann. Man muß nicht vor seinen gegenwärtigen Pflichten davonlaufen, um dieses Wissen zu finden. Das pochende Leben des Göttlichen befindet sich in den innersten Räumen des Herzens, in dem alle Weisheit entdeckt werden kann, denn genau dort wohnt alle Weisheit.

Laßt einen Menschen mit der Natur arbeiten und ihre fundamentalen Gesetze verstehen und ihnen gemäß leben: indem er weiß, was sie von ihm verlangt, wird er sein Leben auf diesem Wissen aufbauen. Da er mit der Idee des persönlichen Gottes nicht einverstanden ist, laßt ihn wissen, daß Gott das göttliche Leben ist, das sich selbst durch die Kraft seiner eigenen Essenz entfaltet: das eine universale Gesetz, das inspiriert, alles durchdringt und die unendliche Verflechtung der Gesetze leitet, die sich durch das Leben ausdrücken und seine Manifestationen regieren. Und bei der Ausübung jeder kleinsten Pflicht, beim Ertragen aller Sorgen, in der Haltung bei seinen schwierigsten und entmutigendsten Kämpfen, wird ihm diese göttliche Kraft zur Verfügung stehen, dieses Wissen, das sich durch Transformation auszudrücken sucht. Denn das ist eine Kraft, deren Geheimnis im Herzen, im Gemüt und in der Seele liegt, die zusammenarbeiten; sie kann nur aus den verborgenen Bereichen in uns hervorgerufen werden, in welchen aller Glanz im Herzen des Lebens gefunden werden kann.

Wer sie in sich findet und erkennt, daß sie wunderbarerweise sein Selbst ist und die einzige Realität in ihm, der lebt ganz und gar für die Menschheit, denn die menschliche Natur an irgendeinem Punkt zu berühren bedeutet, die ganze Menschheit zu berühren, das göttliche Selbst in uns zu erwecken bedeutet, die allen Dingen zugrunde liegende Kraft anzuwenden. Das ist der Grund, weshalb sich heute niemand richtig wohl fühlt oder gänzlich mit sich zufrieden ist: Der Strahl der göttlichen Natur in jedem von uns drängt nach Selbstausdruck in einem größeren Leben, als wir es je erträumt haben. Wir sind weder zufällig in die Welt gekommen, noch in das Erdenleben geraten wie ein Wrack, das ans Ufer geworfen wird, sondern wir sind hier für unendlich edle Zwecke.

Die gesamte Menschheit sollte ihr Erbe kennen und immerfort danach streben, zu werden und zu überwinden, dabei aber niemals von Kräften außerhalb des Selbst abhängen. Beim Aufstehen am Morgen sollten wir uns unserer inneren Göttlichkeit bewußt sein; beim zu Bettgehen am Abend sollten wir vom Schutz des Gesetzes behütet sein. Denn im Plan des Lebens, an dessen überwältigendem Wohlwollen jeder Anteil hat, wird keiner übersehen, ausgelassen oder vergessen. In allen Situationen, von der trivialsten bis zur wichtigsten, bei allen Versuchungen, von der kleinsten bis zur größten, kann ein Mensch in seiner eigenen Reflexion und seinem eigenen inneren Bewußtsein das finden, was ihn überzeugen wird, daß er mehr ist als er zu sein scheint – ein Wissen, das nicht zu Egoismus oder Selbstüberheblichkeit führt, sondern zu großer Schlichtheit, Unpersönlichkeit und Ausgeglichenheit.

Denn der Mensch ist die Seele, und keine Weisheit ist so göttlich, daß er sie nicht erlangen kann: die Seele gehört zu den schönen Ewigkeiten, und wir sind hier, um alles, was lebt, schön zu machen. Für mich hätte das Leben keinen Sinn, ich könnte nicht einen einzigen Tag durchstehen, gäbe es da nicht das innere Bewußtsein, daß dieses sich rechtfertigende, kleine Selbst von mir der Tempel der Seele ist, der Schrein eines Gottes, der unentwegt nach erhabeneren Ausdrucksformen des Lebens drängt. Die Seele kann auf dieser Seite der Unendlichkeit nirgendwo ausruhen: sie verliert ihre Vitalität, wenn sie das versucht. Die ganze Ewigkeit erwartet sie; wie sollte sie mit dem halben Leben zufrieden sein, das wir leben, und mit den vielen Unvollkommenheiten, die uns beeinträchtigen? Es liegt in der Natur der Seele, immerfort dem Unbegrenzten entgegenzufliegen, zu arbeiten, zu hoffen und zu erobern, immer und immer vorwärtszugehen.

Deshalb ist es keine Frage unserer Vorlieben und Abneigungen: wir müssen vorwärtsstreben, in uns das Geheimnis unseres göttlichen Selbst suchen, das immerwährend zu uns durch die Stille singt. Wenn der Sinn und die Musik des Gesangs verlorengehen, bevor sie unser Gehör erreichen, dann deshalb, weil unsere Gedanken von den Dingen des Todes zu sehr erfüllt sind, und weil wir von unnötigen Lasten niedergedrückt werden und in unserer Jugend durch falsches Denken alt werden, indem wir unser Gemüt mit falschen Wünschen füllen, die der Selbstsucht entspringen und denen wir erlauben, anzuwachsen, bis sie, und nicht wir, die lebendige Kraft hinter unseren Handlungen werden.

Nicht nur das Gemüt, sondern das ganze Wesen muß für die Suche nach Wahrheit vorbereitet werden. Dafür gibt es weder Regeln, die gegeben werden können, noch präzise Anweisungen oder maßangefertigte Rezepte. Aber begreife, wenn auch nur für einen Tag, daß du größer bist als du dir je träumen läßt, daß du in der Essenz deiner Natur göttlich bist und nicht für ewig verdammt werden kannst; und erinnere dich, daß du niemals hättest gehen können, wenn du es nicht versucht hättest, daß du niemals hättest sprechen können, wenn du nicht einen Versuch zu sprechen unternommen hättest, daß du niemals hättest singen können, wenn du nicht in deinem Inneren den Drang des lebendigen Gottes dort verspürt hättest.

Theosophie ist so alt wie die Berge, und alle Weltreligionen basieren auf ihren Lehren, obwohl jetzt nur eine Minderheit mit ihnen vertraut ist. Sie ist weder Aberglaube noch Spekulation, weder Dogmatismus noch blinder Glaube, noch das Produkt des Gehirnverstandes irgendeines Menschen, und auch in keiner Weise übernatürlich. Sie kommt zu den Menschen wie ein alter Wanderer, der alle Wege der Erfahrung durchmessen hat, und der, wenn er nach langen Reisen volles Verständnis für das Leben erlangt hat, an den Platz zurückkehrt, von dem er aufgebrochen war, damit er denjenigen, die dort wohnen, das rettende Wissen bringen kann, das er angesammelt hat. Und das ist das Wissen über den Gott im Menschen und die Kraft des Menschen, vorwärtszuschreiten und zu überwinden; das bedeutet Evolution.

Eine oberflächliche Prüfung der theosophischen Lehren wird nichts nützen. So wie niemand durch das bloße Studium der Musiktheorie ein Musiker werden kann, so kann keiner durch Lesen zu einem Verständnis der Theosophie gelangen. In beiden Fällen ist Übung notwendig: man muß das Leben leben, wenn man das Gesetz kennenlernen möchte. Ein Künstler würde niemals Hervorragendes in seiner Kunst oder ein Musiker in seiner Musik erreichen, wenn er nicht mit den grundlegenden Prinzipien begonnen hätte.

Wo Zufriedenheit mit sich Selbst ist, dort lauert Gefahr, denn dort kann kein Wachstum erfolgen. Ein gewisser Konflikt im Inneren, ein Gedanke, ein Gefühl, muß in Gang kommen, solange bis wir etwas mehr Wissen über uns erlangen – bis wir eine Vorstellung vom Sinn des Lebens und seine Ziele, über unseren Ursprung und unser Schicksal, unsere Pflichten, Schuldigkeiten und Verantwortungen haben.

Kein Mensch kann wirklich wachsen, solange er nicht Selbstvertrauen hat. Der erfolgreiche Erfinder ist derjenige, der erkennt, daß es mehr zu wissen gibt, daß neues Wissen immer erreichbar ist und auf ihn wartet, daß das Morgen dem, was er heute hat, etwas hinzufügen wird. Er war einmal ein Junge, der ungeschickt mit seinem Werkzeug spielte, ohne etwas über die Mechanik zu wissen, aber nach einiger Zeit flüsterte ihm eine innere Stimme zu, daß er etwas vollbringen müsse. Er beschäftigte sich weiter damit, weil dieses Etwas, das ihn zum Weitermachen brachte, über und jenseits seines Verstandes war, bis er bemerkte, daß sein Denken nur eine Hilfe bei der Ausarbeitung seiner Probleme für ihn war, und daß da ein inneres Etwas ist, welches es benützt, dabei Wahrheit entdeckt und Wissen erwirbt, und daß derjenige der wahre Mensch ist, der durch erleuchtende Ideen aus dem Universalverstand inspiriert werden kann oder diese als Erinnerungen aus früheren Leben mit sich gebracht haben kann.

Er hält immer nach Wahrheit jenseits seiner Meinungen Ausschau und zieht aus, um in den weiten Sphären des Denkens zu suchen. Er befreit seinen Verstand, schreitet hoffend und vertrauend voran. Er macht sich ein Bild von seinen Zielen und glaubt, daß es in seiner Natur ganze Regionen gibt, die er noch nicht entdeckt hat, und im Vertrauen auf seine unentwickelte Seite, fordert er von dort das Wissen, das er sucht, und er fordert nicht umsonst.

Genauso wird der wahre Künstler, der Wahrheit und Schönheit liebt, in Augenblicken des Schaffens über alle Begrenzungen des Gehirnverstandes erhoben und auf eine Ebene weitergetragen, die unser normales Gedankenleben übersteigt; dort fühlt er, während sein Wesen erschauert und erbebt, die Poesie und die Inspiration einer großen Stille – dieses göttliche Licht, das in uns und ein Teil von uns ist, und immer darauf wartet, daß wir es erkennen. Ein solcher Mensch, ob Künstler oder Erfinder, der auf der Suche danach ist, was für die Welt gut sein könnte und der die tiefen Quellen seiner Natur zum Erklingen bringt, berührt die Grenze wundervollerer Welten und eigentümlicher mysteriöser Kräfte. Dagegen wird ein anderer Mensch, mit den gleichen latenten Fähigkeiten, der dieselben Probleme mit Zweifeln und zögernd angeht, oder auch mit anmaßender Selbstgefälligkeit, höchstwahrscheinlich keinen Erfolg haben. In dem Maße, in dem ein Mensch dem Äußeren huldigt, verfehlt er die innere Wahrheit.

Reinkarnation: Die Lehre der erhabenen Hoffnung

Viele Menschen, die infolge der durch die Unruhe der Zeit in ihnen verursachte Hoffnungslosigkeit den Glauben an einen persönlichen Gott und selbstgefällige Spitzfindigkeiten sektiererischer Mystiker aufgegeben haben, und die ernsthaft über das Leben und seine vielen Probleme nachdenken, haben in der Lehre über die Reinkarnation das gefunden, was den Sinn von alledem erklärt. Denn in ihr liegt eine Erklärung für die Verschiedenartigkeit menschlicher Schicksale, so daß sie nicht länger ungerecht und unerträglich zu sein scheinen; in ihr offenbart sich der Mensch im Glanze seiner angeborenen Göttlichkeit als ein Wanderer durch die Ewigkeit, der Leben um Leben durchschreitet und durch Einsicht und Erkenntnis das Wissen erwirbt, das ihn schließlich zu einem idealen, vollkommenen Menschen macht.

Wir gehören zur Familie der Götter; wir sind die höchsten uns bekannten Ausdrucksformen der universalen Gottheit. Sollen wir glauben, daß die Erfahrung, auf die wir ein Recht haben, in den wenigen flüchtigen Jahren einer einzigen Lebenszeit gewonnen werden kann, bevor unser Körper aufhört, nützlich zu sein und den Gesetzen des physischen Lebens gemäß verschwindet und in das Lagerhaus der Natur zurückkehrt? Die materiellen Dinge haben ihren Platz, aber die essentiellen und überdauernden Dinge liegen im ewigen Selbst. Sie sind die Attribute und Fähigkeiten der Seele, und diese zu entwickeln sind wir hier; dabei müssen wir mit dem gewaltigen und mitleidsvollen Herzen der Natur in Harmonie zusammenarbeiten.

Könnte sich eine mit der Melodie und dem herrlichen Zustrom der Musik erfüllte Seele selbst in der längsten Periode erfüllen, die zwischen der Geburt und dem Tod des Körpers verstreicht? Ein Mensch, der kein musikalisches Erbe oder keine Neigung hat, von der er etwas weiß, kann sich manchmal dabei ertappen, wie er überrascht zuhört und bewegt wird; und länger zuhört und tiefer bewegt wird; und immer noch verharrt und hört, bis er zuletzt von ihr überwältigt wird, so daß ruhige und wunderbare Strömungen der Vibration und des Gefühls in ihm angeregt werden. Vielleicht ist er Mechaniker in einer Werkstatt oder gefangen in der Tretmühle des Wirtschaftslebens, wo er weder Zeit noch Energie für die Musik übrig hat – das macht nichts: dieses göttliche Etwas hat ihn berührt, und es kann sein, daß in seiner Natur die Möglichkeiten eines großen Musikers verborgen liegen. Müssen sie nicht mit der Zeit hervorkommen und Ausdruck finden? Ein Versprechen von ewiger Weiterentwicklung ist in alle Menschenherzen eingeprägt; alles in der Natur verkündet es. Warum sollten wir nicht das gleiche Vertrauen in unsere essentielle Göttlichkeit haben, das die Blumen in die Wohltätigkeit der Sonne haben?

Aus welchem Grunde sind die Ideale, die wir schätzen, unausgesprochen; die geheimen, edlen und unerfüllten Sehnsüchte; die Fragen, die wir an das Leben stellen und auf die unser gegenwärtiges Leben keine Antwort gibt? Welchen Sinn haben die Agonie und die Verzweiflung, die Unruhe und das intensive Verlangen, so viel mehr zu sein als wir jetzt überhaupt erreichen können, bevor uns der Tod hinwegrafft? Wurden sie eines Tages geboren – diese unsere Gedanken, die uns manchmal fast bis zum Punkt der Enthüllung entflammen? Wurden sie aus den Erfahrungen gestaltet, die wir in den wenigen Jahren, seit unser Körper geboren wurde, angesammelt haben?

Ihre Botschaft sagt uns immer, daß wir größer sind als es scheint, daß es keine Grenzen für die Kraft der Seele gibt, daß wir, obwohl unser Verständnis für dieses herrliche Universum ständig weiterwachsen wird, niemals ein völliges Ende des Verstehens erreichen werden, daß uns die gesamte Ewigkeit zur Verfügung steht, in der wir die Schönheit des Gesetzes erarbeiten können, und daß es keine Unterbrechung in der unentwegten Kontinuität gibt; man kann heute versagen und scheitern, aber das Morgen bringt eine neue Chance, und zwar daß wir viele Leben leben, wieder und wieder essentiell derselbe sind, obgleich unterschiedlich in der Form – wir unsterblichen Wesen, Bewohner der Ewigkeit, die wir hier der Sterblichkeit und der Zeit ausgeliefert sind.

Wenige Menschen, ob sie religiös sind oder nicht, ziehen zufrieden in das große Unbekannte und in diesen Schlaf hinaus, der kein Schlaf im Sinne von Trägheit ist, sondern ein Schlaf in Aktivität und göttliches Tätigsein im Schlaf. Gleichgültig, wie edel das Leben eines Menschen auch gewesen sein mag: Ist es möglich anzunehmen, diese Erhabenheit der Perfektion habe er während eines einzigen Lebens erreicht, das seinen wahren Ausdruck in ewiger Glückseligkeit findet? Um wie viel vernünftiger ist es zu glauben, daß wir wieder und wieder leben, den Pfad der Zeitalter durchwandern, mit immer wiederkehrenden Gelegenheiten, anstatt daß wir uns als die armen Kreaturen eines einzigen Lebens ansehen, die bei unserer Geburt aus dem Nichts erschaffen und beim Tode in einen ewigen Himmel oder in eine endlose Hölle verbannt werden? In beiden ist weder Fortschritt möglich, noch liegt irgendein Ziel vor uns, noch gibt es Hoffnung auf Inspiration und Ansporn.

Könnte eine wirklich edle Seele für sich selbst Frieden akzeptieren und Glück im Himmel finden, während hier auf Erden die Menschheit immer noch leidet, in Ketten liegt und von Sorgen erfüllt ist? Die Seele schließt in sich die Eigenschaften des Göttlichen ein: sie besteht aus Mitleid, Gerechtigkeit und Verzicht. Welche Freude, welchen Selbstausdruck könnte sie in einer solchen selbstsüchtigen Seligkeit finden? Würde der Mensch den Reichtum seiner Seele erkennen – gänzlich dieses Göttliche sein –, dann könnte er diesen Gedanken nicht ertragen. Sein Wille wäre auf die Rückkehr zur Erde gerichtet, um das menschliche Leid zu teilen und den Unglücklichen den Weg zu dieser Selbsterkenntnis zu zeigen, die Frieden bringt. Er würde für immer und ewig für den Ruhm des Göttlichen arbeiten, für den Ruhm des dem Menschen innewohnenden Gottes, in dem Bewußtsein, daß wir auf Grund der Göttlichkeit in uns die Kraft haben, alles menschliche Schicksal bis zur Vollkommenheit zu gestalten. Ich sage euch, der Gott in uns wartet auf uns!

Welch ein Gesang wäre das Wissen um Reinkarnation im Herzen des blinden Bettlers am Straßenrand! Damit würde er zum erstenmal verstehen, daß eine helle Zukunft und große Taten auf ihn warten könnten; sein Schicksal würde nicht länger als etwas Mysteriöses und Schreckliches erscheinen, für das er niemals entschädigt werden könnte – nicht länger wird eine Strafe von einer allmächtigen, rachsüchtigen Kraft über ihn verhängt, sondern ein Dienst des Gesetzes, das aus Leiden erhabene Schicksale für die Menschen gestaltet, ihm angemessen, so daß er seinen Charakter für eine königlichere Geburt aufbauen kann. Er würde verstehen, daß es Hoffnung für ihn gibt, daß all seine Finsternis erhellt werden würde, daß der Tag kommen würde, an dem sein inneres Verlangen mehr sein würde als nur unerreichbares Sehnen, daß er dann und dort edles Schicksal für sich vorbereiten würde. Die Götter warten!

Das Leben ist nicht grausam. Es gibt keine Ungerechtigkeit. Im Lichte der Reinkarnation verlieren die Leiden, die wir als ungerecht empfinden, den Stachel ihrer eingebildeten Ungerechtigkeit und werden erträglich. Wir werden lernen, sie als Segnungen zu betrachten, als Mittel zur Befreiung und unseren wichtigsten Ansporn zum Wachstum. Erfahrung und Leid sind unsere Lehrer. Wir werden unentwegt durch die Schwierigkeiten, die wir zu überwinden haben, an das großartige Mitleid des Gesetzes erinnert.

Leben bedeutet zu Dienen: wir leben, damit wir dienen. Denkt daran in eurer Stunde der Mühsal, und ihr werdet eure Schwierigkeiten dankbar akzeptieren, als ein Geschenk, das gütig gegeben wurde. Ihr werdet sie nicht als Schmerzen und Lasten empfinden, die ertragen werden müssen, sondern als warme Feuer, um zu reinigen und frei zu machen. Damit meine ich nicht, daß man demütig im üblichen Sinne sein soll; wir sollten unseren Kopf hochhalten – es gibt sowieso viel zu viel von den anderen Dingen. Wir sind unseren eigenen Schwächen gegenüber eigentlich zu nachgiebig. Wenn du mit deiner ganzen Seele und mit einem unbeugsamen Willen gekämpft hast und dich der Gedanke immer noch nicht losläßt, daß sich weder deine Position verändert hat, noch dein Stolperstein entfernt wurde, wenn du dich gezwungen siehst, zu sagen, „Obwohl ich mich zu meinen Idealen erhoben habe und mich dem Göttlichen in mir täglich genähert habe, bin ich noch nicht frei“, dann fasse erneut Mut; es ist Zeit dafür, das zu tun. Das, wofür du umsonst gekämpft hast, könnte sich als Segen herausstellen. Es kann genau die rettende Kraft in deinem Leben werden, die dich an dem Platz zurückhält, wo allein du die Lektion lernen kannst, die du am nötigsten lernen mußt.

So sollte uns, obgleich unsere Gemüter von gefährlichen Schatten umhüllt waren, das Leid zugleich mit der Lösung unserer Probleme verlassen, und uns das Geheimnis der Berichtigung unseres Lebens lehren, denn es sind die Sehnsüchte unserer eigenen Seelen, die das Feuer nähren, in dem wir erprobt werden, und wir können Frohsinn im Leiden, in der Enttäuschung und im Herzeleid finden und den erhabenen Trost in dem Wechsel verstehen, der Tod genannt wird.

Wenn die Fehler der Vergangenheit nicht ihre Wirkungen hervorbringen, so daß wir daraus die Lektionen nicht lernen, die sie uns lehren sollen – wenn das Leben ohne Kampf, Arbeit und Anstrengung wäre – wären wir auf der Erde Dinge und nicht die Seelen, die wir sind. Nur durch sie können wir uns der Wahrheit nähern und ein Gefühl für die Größe des Lebens, die Unsterblichkeit und die Erhabenheit der Gesetze gewinnen, die uns in ihrer Obhut halten. Nur so können wir den Weg finden, das wahre Leben zu leben, das alles in allem freudvoll, optimistisch und strahlend von großzügiger Liebe ist; das Leben, das weder im Grabe ein Ende noch irgendeine Begrenzung bezüglich seiner Möglichkeiten in Geburt oder Tod finden kann.

Reinkarnation gibt uns also Raum und Zeit zum Wachsen, so wie die Natur für die Blumen Boden und Jahreszeiten zur Verfügung stellt – damit wir wachsen und lernen, was das Leben und die Welt uns lehren können, und um uns den Gebrauch der gottgleichen Eigenschaften unseres inneren Selbst und das in der Seele des Menschen verborgene Licht anzueignen, das allein den Pfad erleuchten kann, auf dem wir gehen müssen, und das es uns ermöglicht, die harten und schrecklichen Probleme, die traurigen Probleme, die das Leben uns unaufhörlich auferlegt, zu lösen, und um die unaussprechlichen Schönheiten gleichermaßen kennenzulernen.

Wir schreiten von Zeitalter zu Zeitalter und von Höhen zu immer größeren Höhen fort. Sobald wir das verstehen, werden die Alten wieder jung im Geiste und die Jungen betrachten die Welt mit neuer Freude. Die Tage sind lang und der Pfad ist weit: gehe also vorwärts, mit weit vorausschauender Hoffnung und mit Vertrauen, dem großen Letzten entgegen. Die Götter warten!