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Genius

Unter den vielen bis jetzt noch ungelösten Problemen in bezug auf das Mysterium des Geistes steht an erster Stelle die Frage nach dem Genie. Woher kommt Genialität, was ist sie, wozu dient sie, und warum ist sie so außerordentlich selten? Ist Genialität wirklich "ein Geschenk des Himmels"? Und wenn dem so ist, warum gibt es derartige Gaben nur für den einen, während das Schicksal für den anderen nur einen schwachen Verstand oder gar Idiotie bereit hält? Geniale Männer und Frauen lediglich als Ergebnis eines blinden Zufalls zu betrachten, oder hierfür allein physische Ursachen anzunehmen, ist nur für einen Materialisten denkbar. ... 

Genialität ist zweifellos, wie Coleridge definierte - wenigstens in ihrer äußeren Erscheinung -, "die Fähigkeit zu wachsen." Für das innere Verständnis des Menschen stellt sich jedoch die Frage, ob die Genialität eine übernormale Fähigkeit des Geistes ist, die sich entwickelt und wächst, oder ob das physische Gehirn, sein Vehikel, durch einen geheimnisvollen Vorgang geeigneter wird, um das eigene angeborene göttliche Wesen der menschlichen Überseele zu empfangen und von innen nach außen zu manifestieren. Vielleicht waren die Philosophen des Altertums in ihrer unverfälschten Weisheit der Wahrheit näher als unsere modernen Besserwisser. Nach den Alten besaß der Mensch eine schützende Gottheit, einen Geist, den sie Genius nannten. Die Substanz dieser Wesenheit, wobei nicht ihre Essenz gemeint ist - der Leser möge den Unterschied beachten -, und beider Vorhandensein manifestiert sich entsprechend dem Organismus des Menschen, den sie beseelt. 

Shakespeare sagt vom Genius großer Männer: das, was wir von seiner Substanz wahrnehmen, "ist nicht hier": 

Denn, was Ihr seht, ist der geringste Teil 

Von meiner Menschheit, und das kleinste Maß. 

Ich sag Euch, wär mein ganz Gebilde hier, 

Es ist von so gewalt'gem, hohem Wuchs, 

Eur Dach genügte nicht, es zu umfassen.

- König Heinrich der Sechste, 1. Teil, 2. Aufzug, 3. Szene. 

Dies ist genau das, was die esoterische Philosophie lehrt. Die Flamme des Genius wird von keiner menschlichen Hand angezündet, außer von der des eigenen Geistes. Es ist gerade die Natur der spirituellen Wesenheit, unseres Egos, beständig neue Lebensfäden in das Gewebe der Wiederverkörperung auf dem Webstuhl der Zeit zu verweben, vom Anfang bis zum Ende des großen Lebenszyklus.1 ... was wir "die Manifestationen des Genius" in einem Menschen nennen, sind nur die mehr oder weniger erfolgreichen Bemühungen dieses Egos, sich auf der äußeren Ebene seiner objektiven Form - des Menschen aus Lehm - in seinem nüchternen täglichen Leben durchzusetzen. Das Ego eines Newton, eines Aischylos oder eines Shakespeare hat die gleiche Essenz und Substanz, wie das Ego eines Tölpels, eines Ignoranten, eines Narren oder sogar eines Idioten. Und wieweit sich der beseelende Genius durchsetzt, hängt von der physiologischen und materiellen Konstruktion des physischen Menschen ab. Kein Ego unterscheidet sich von einem anderen Ego in seiner uranfänglichen oder ursprünglichen Essenz und Natur. Was einen Sterblichen zu einem großen Menschen macht und einen anderen zu einer gemeinen, dummen Person, ist, wie gesagt, die Qualität und Zusammensetzung der physischen Schale oder Hülle und die Zweckdienlichkeit oder Unvollkommenheit von Gehirn und Körper, das Licht des wirklichen, inneren Menschen zu übermitteln und ihm Ausdruck zu geben. Diese Fähigkeit oder Unfähigkeit ist wiederum das Ergebnis von Karma. Oder, um einen anderen Vergleich zu gebrauchen, der physische Mensch ist das Musikinstrument und das Ego der vortragende Künstler. Die Möglichkeit zu einer perfekten Klangmelodie liegt im ersteren - im Instrument -, und keine Geschicklichkeit des letzteren - dem Ego - kann eine fehlerlose Harmonie aus einem zerbrochenen oder schlecht gearbeiteten Instrument herausholen. Diese Harmonie hängt von der Genauigkeit der Übertragung ab - durch Wort oder Tat des unausgesprochenen göttlichen Gedankens aus den Tiefen der subjektiven oder inneren Natur des Menschen auf die objektive Ebene. Der physische Mensch kann - nach unserem Gleichnis - eine kostbare Stradivari oder eine billige, defekte Fiedel, oder auch ein Mittelding zwischen den beiden in den Händen eines Paganini sein, der sie beseelt. 

Alle alten Völker wußten das. Doch, obgleich alle ihre Mysterien und ihre Hierophanten hatten, konnten die großen metaphysischen Lehren nicht allen in gleicher Weise gelehrt werden; und während ein paar Auserwählte bei ihrer Einweihung derartige Wahrheiten empfingen, war es der Menge nur erlaubt, ihnen mit größter Vorsicht und nur bis an die entfernteste Grenze der Tatsachen nahezukommen. "Aus dem Göttlichen All ging Amun hervor, das Göttliche Wissen ..., gib es nicht den Unwürdigen", heißt es in einem Buch von Hermes. Paulus, der "weise Baumeister",2 (I. Kor. 3,10) wiederholt nur Thot-Hermes' Worte, wenn er zu den Korinthern sagt: "Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen [den Initiierten] ... wir reden Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene, ... (2: 6-7).

Wenn die Kapitel 2 und 3 des ersten Korintherbriefes jemals in dem Geist übersetzt worden wären, in dem sie geschrieben wurden - sogar ihre toten Buchstaben sind jetzt entstellt -, dann könnte die Welt unbekannte Offenbarungen erhalten. ... 

Der Okkultismus ... lehrt, daß das Vorhandensein verschiedener schöpferischer Kräfte im Menschen, die in ihrer Gesamtheit Begabung genannt werden, nicht einem blinden Zufall zuzuschreiben ist und auch nicht auf angeborene Fähigkeiten durch erbliche Veranlagung zurückgeführt werden kann - obwohl das, was als Atavismus3 bekannt ist, oft diese Fähigkeiten verstärken kann -, sondern einer Anhäufung vorangegangener persönlicher Erfahrungen des Egos in einem oder in mehreren vorhergehenden Leben. Denn, obwohl das Ego in seiner Essenz und seiner Natur nach allwissend ist, braucht es in den Dingen dieser Erde noch die Erfahrung durch seine Persönlichkeiten, um das Ergebnis dieser abstrakten Allwissenheit auf der objektiven Ebene anwenden zu können, weil es auf ihr irdisch ist. Und, so fügt unsere Philosophie hinzu, wenn man gewisse Neigungen durch eine lange Reihe vergangener Inkarnationen hindurch gepflegt hat, so muß das schließlich in irgendeinem Leben seinen Höhepunkt finden, indem ein Genie in der einen oder anderen Richtung erblüht. 

Ein großes Genie kann daher, wenn es echt und aus der natürlichen Veranlagung entstanden ist, und nicht nur eine ungewöhnliche Erweiterung unseres menschlichen Intellekts ist, nie etwas nachmachen oder sich dazu herablassen etwas nachzuahmen. Es wird immer originell, sui generis [von eigenständiger Art], in seinen schöpferischen Impulsen und Ausführungen sein. Wie die riesigen indischen Lilien, die aus den Klüften und Spalten der wolkenverhangenen und kahlen Felsen auf den Hochebenen der Nilgiri-Berge emporschießen, so braucht das echte Genie nur eine Gelegenheit, um ins Dasein zu treten und allen sichtbar auf dem unfruchtbarsten Boden zu erblühen, denn sein Kennzeichen ist immer unverkennbar. Ein bekanntes Sprichwort sagt: Ein angeborenes Genie wird, wie ein Mörder, früher oder später entdeckt werden, und je stärker es unterdrückt wurde und verborgen war, desto größer wird die Lichtflut sein, wenn es plötzlich durchbricht. Andererseits wird das künstlich erzeugte Genie - das so oft mit dem vorhergehenden verwechselt wird und in Wirklichkeit nur das Ergebnis langer, intensiver Studien und Übungen ist - sozusagen nie mehr sein als die Flamme einer Lampe, die vor dem Portal des Tempels brennt. Sie mag einen langen Lichtstrahl auf den Weg werfen, aber das Innere des Gebäudes bleibt dunkel. Und wie jede Fähigkeit und jede Eigenschaft in der Natur zwei Seiten hat - jede kann dazu benützt werden, zwei Zielen zu dienen, dem Bösen ebenso wie dem Guten -, so wird das künstliche Genie sich selbst betrügen. Geboren aus dem Chaos irdischer scharfsichtiger und fesselnder Fähigkeiten, jedoch begrenztem Gedächtnis, wird es immer ein Sklave seines Körpers bleiben; und dieser Körper wird, infolge seiner Unzuverlässigkeit und der natürlichen Tendenz der Materie zur Verwirrung, nicht aufhören, selbst das sogenannte größte Genie in sein eigenes ursprüngliches Element zu führen, das wiederum Chaos oder Unheil oder irdisches Dasein ist. 

Daher liegt ein Abgrund zwischen dem echten und dem künstlichen Genie. Das eine ist aus dem Licht des unsterblichen Ego geboren, das andere aus dem flüchtigen Irrlicht des irdischen oder rein menschlichen Intellektes und der animalischen Seele. Diese Kluft kann nur von dem überbrückt werden, der stets nach dem Höheren strebt, der niemals, auch nicht in den Tiefen des Materiellen, den Leitstern aus den Augen verliert, die göttliche Seele und den Geist, oder das, was wir buddhi-manas nennen. Das echte Genie muß nicht, wie das künstliche, kultiviert werden. Die Worte des Dichters, die erklären, daß die Lampe des Genies 

Wenn sie nicht beschützt und mit Sorgfalt genährt wird, 

Bald ausgeht oder durch flackerndes Licht unbrauchbar wird -

können sich nur auf das künstliche Genie beziehen, das Ergebnis von Bildung und rein intellektuellem Scharfsinn. Es ist nicht das unmittelbare Licht der mânasaputras, der Söhne der Weisheit, denn wahre Genialität entzündet sich an der Flamme unserer höheren Natur oder dem Ego und kann nicht sterben. Deshalb ist sie so selten. ... Der Okkultismus lehrt uns, daß die Persönlichkeit mit ihren scharfen physischen Sinnen und tattvas leichter zu der unteren Vierheit hinneigt, als sich zu ihrer [höheren] Triade zu erheben. Die moderne Philosophie weiß nichts von der höheren spirituellen Form des Genies - dem "einen unter zehn Millionen" -, obgleich sie mit diesem unteren Feld der Genialität ziemlich vertraut ist. Daher ist es nur natürlich, daß es den besten modernen Schriftstellern, die das eine mit dem anderen verwechseln, nicht gelungen ist, das echte Genie genau zu definieren. Deshalb hören und lesen wir immer wieder so manches, was dem Okkultisten recht widersprüchlich erscheint. "Genialität muß gepflegt werden", sagt der eine; "Genies sind eitel und dünkelhaft", erklärt ein anderer; während ein dritter das vorhandene göttliche Licht definieren möchte, es aber auf dem Prokrustesbett seiner eigenen geistigen Beschränktheit verkleinert. Er wird davon sprechen, wie exzentrisch das Genie ist und daß es in der Regel mit einer "leicht entflammbaren Konstitution" verbunden ist. Er wird es sogar als eine "Beute für jede Leidenschaft bezeichnen, das jedoch selten feinfühligen Takt besitzt"! (Lord Kaimes.) Es hat keinen Sinn, mit diesen Menschen zu diskutieren oder ihnen zu sagen, daß das wirkliche und große Genie die blendendsten Strahlen der menschlichen Intelligenz überstrahlt, wie die Sonne das lodernde Licht eines Feuers auf offenem Feld; daß dieses Genie niemals exzentrisch ist, obwohl immer sui generis, und daß ein Mensch, der mit echter Genialität begabt ist, niemals seinen physischen, tierischen Leidenschaften nachgeben kann. Für einen bescheidenen Okkultisten kann nur ein derart großartiger, altruistischer Charakter wie der eines Buddha oder Jesus und ihren wenigen vertrauten Nachfolgern in unserem historischen Zyklus als vollentwickelter GENIUS angesehen werden. 

 

Aus H. P. Blavatsky Collected Writings, Band XII, 12-22, nachgedruckt aus Lucifer, November 1889, Seite 227-233.

Fußnoten

1. Die Zeitspanne eines ganzen Manvantara, das aus sieben Runden besteht. [back]

2. Ein Ausdruck, der nur theurgisch, freimaurerisch und okkult zu verstehen ist. Als Paulus ihn gebrauchte, erklärte er sich damit als Eingeweihten, der das Recht hat, andere zu initiieren. [back]

3. [Atavismus: plötzliches Wiederauftreten von Körpermerkmalen, aber auch von geistig-seelischen Verhaltensweisen.] [back]