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Wir sind alle eins – in der Wahrheit

Wir freuen uns, daß wir unseren Lesern die Weihnachtsbotschaft Ihrer Majestät, Königin Juliana der Niederlande, übermitteln können, deren Worte wie immer die Herzen der Menschen ansprechen.1

 

 

 

Eine Ansprache zur Weihnachtszeit...

Es ist recht schwierig, zu einem bestimmten Tag etwas Passendes zu sagen, das alle Menschen oder zumindest so viele wie möglich anspricht.

Und warum ist dies so? Darüber möchte ich einige Gedanken äußern.

Wir alle sind Wahrheitssucher, oder etwa nicht? Und wir alle haben etwas von der Wahrheit erfaßt, und dennoch hat keiner, so glaube ich wenigstens, ein Monopol darauf.

Weil unser Verstand, unser Denken für die Wahrheit zu begrenzt ist, deshalb verleiht unser Charakter allen Dingen eine persönliche Färbung, und unsere eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen verleiten uns sehr schnell zu Vorurteilen. Wie verschieden reagiert doch schon jeder von uns auf ganz alltägliche Dinge! Wie oft hat jemand wirklich vollständig recht? In unserer an Informationen so reichen Zeit hören wir oft eine unvollständige Wahrheit; Gerüchte sind meist nur Halb-Wahrheiten oder noch weniger. Meine Familie und ich können ein Lied davon singen!

Man hört etwas, horcht vielleicht zu - und man hört und versteht, was man erhofft oder befürchtet. Jeder entnimmt daraus, was ihm entspricht oder was er sich bereits gedacht hat. ...

Es gibt aber nur eine Wahrheit. Etwas Wahres kann nie im Widerspruch zu etwas anderem stehen, das auch wahr ist. Es scheint nur so, weil unsere einseitige menschliche Anschauung die Dinge je nach dem Standpunkt verschieden sieht. Und wer glaubt, daß sein eigenes Stückchen Wahrheit die einzige ist, - es sind die Menschen, die immer recht haben müssen - verletzt damit nur das Wahrheitsempfinden der anderen. Wir alle wissen, zu welcher Verdrehung der Wahrheit, zu wieviel Lüge und Verleumdung, Mißbrauch und Streit dieses Verhalten manchmal führen kann.

Und dennoch müssen wir alle versuchen, in Frieden zusammen zu leben, und deshalb müssen wir einander ergänzen. Doch ich glaube, dazu müssen wir zuerst einmal gegen uns selbst aufrichtig sein.

Es gibt zwei wohlbekannte Aphorismen, der eine lautet: "Erkenne dich selbst", und der andere: "Sei du selbst." Nun hat jeder von uns sowohl gute als auch schlechte Veranlagungen, und wenn wir die schlechten in gute umwandeln wollen, dann müssen wir ihnen - so glaube ich jedenfalls - sehr offen und sehr mutig ins Auge sehen. Die Wahrheit über uns und auch über andere zu erkennen, kann sehr schmerzhaft sein. Es reinigt aber den Tisch und macht ihn für Neues und Besseres frei.

Allzuoft haben wir uns selbst zum besten gehalten. Wenn wir jedoch den Tatsachen ins Auge schauen und wirklich nur wir selbst werden, dann kommen wir los davon.

Was befreit mehr, als das Gefühl, man selbst sein zu können. So viele Dinge werden von uns verlangt: viele davon kann man, glücklicherweise, vollbringen - o ja, mehr als man glaubt. Aber unser wirkliches Selbst sollte nicht entstellt werden - wir sollten auch nicht zulassen, daß es andere tun.

Das erinnert mich wieder an die Geschichte von dem Rabbi, der versuchte, seinen Schülern einzuprägen, daß in der nächsten Welt keiner gefragt würde: Sussja, warum warst du nicht Moses - sondern: Warum warst du nicht Sussja?

Genauso wie jedem zugebilligt werden sollte, daß er vor sich und dem, was er sein kann, Respekt hat, genauso sollte man auch jedem anderen einräumen, daß er sich selbst gegenüber treu sein kann und ihn respektieren. Und wir sollten fragen: "Warum bist du so, wie du bist, Bruder, warum handelst du so, wie du handelst?" - ohne ihn zu richten. Es ist erstaunlich, daß man das eigene innere Wesen besser kennenlernen wird, wenn man dem anderen das seine zugesteht.

Vielleicht hat er auch - genauso wie Sie selbst - Eigenschaften, die Sie ganz und gar mißbilligen. Aber Sie können ihm helfen, seine wahre und wirkliche Bestimmung zu finden und ihr zu folgen. Mein Sein ist ein "mit-dem-andern-sein." Sehen Sie in ihm das, was er wirklich ist, so daß er werden kann, was er ist, aber noch nicht sein kann; und was er auf seine Art und zu seiner Zeit werden sollte. Gib ihm individuelle Freiheit und entdecke dadurch dich selbst.

In unserer Zeit besteht gerade wegen des Zusammendrängens der Menschen auf engem Raum eine Vereinsamung und deshalb eine Entfremdung wie nie zuvor. Die Menschen kennen und verstehen sich nicht. In der Masse entstehen Kälte und Aggression.

Nun, genauso wie früher, bieten wir uns gegenseitig solche schlechten Chancen.

In unserer Gesellschaft ist vieles nicht in Ordnung; die Gedankenlosigkeit, das törichte Eigeninteresse, mit dem die Erde mißbraucht und verschmutzt worden ist, reflektieren nun haargenau, was wir uns gegenseitig angetan haben - von den guten Menschen ist dabei nicht die Rede.

Die Möglichkeiten in unserer Gesellschaft sind ebenso groß wie die Risiken. Man kann jemandem das Leben unmöglich machen, indem man ihm die Gelegenheiten vorenthält, aber auch, indem man ihn mit zuviel verdirbt. Das vernachlässigte und das verwöhnte Kind sind beide im Stich gelassen worden. Der Mensch mit Hungerödem ist genauso krank wie der mit Herzverfettung. Andererseits wird jedoch eine ungeahnte Menge Möglichkeiten von unserer Gesellschaft immer noch nicht genützt.

Das gleiche gilt auch für jeden einzelnen Menschen - obwohl er selten, wenn überhaupt, erkennt, welche positive Kraft von ihm ausgehen kann. So vieles liegt bereit, das gegeben und empfangen werden könnte. Wie sehr brauchen wir uns doch gegenseitig, um diese Gelegenheiten entfalten zu können.

Im Alleinsein liegt kein Glück, in der Abgeschiedenheit keine Anregung. Jeder sollte das Tor seines eigenen Selbstes weit öffnen und vorwärtsgehen - jeder auf seine Weise - und dann mit den anderen zusammenkommen.

Sich gegenseitig finden, bedeutet Glück. Die Menschen stehen sich dann offen gegenüber und verstehen und schätzen, was in jedem von ihnen wahr ist, und warum der andere so ist, wie er ist.

Auch wenn alle Teile der Wahrheit - die von den verschiedenen Menschen mit Ehrlichkeit und Überzeugung, von ihrem Standpunkt aus gesehen - zusammengefügt würden, könnten wir immer noch nicht die endgültige, vollständige Wahrheit kennen.

Selbst Tausende guter Fotos von einer Person könnten uns nicht zeigen, wie sie wirklich ist.

Ist es nicht so, daß sich die höchste Wahrheit weit über unseren Horizont hinaus erstreckt und daß, je mehr wir über uns selbst hinauswachsen, unser Panorama größer wird, während unsere eigenen Verhältnisse uns immer unbedeutender erscheinen - was sie ja auch sind; und vergänglich - was ebenfalls stimmt.

Dann erkennen wir, daß wir von Gott abstammen, und daß von allen wahren Dingen dies das einzige ist, wodurch wir unsere wahre Bestimmung zur Wirklichkeit werden lassen. Es befreit, über sich selbst hinausgehoben zu sein, weg von den eigenen Begrenzungen, und die Möglichkeit zu haben, eine eigene Raumfahrt zu erleben.

Es gibt größere Dinge als unser irdisches Leben. Zugegeben, es ist unendlich faszinierend - aber nicht nur und nicht immer. Wie schrecklich kann es sein, wenn man sich selbst überlassen ist! Wer von uns hat das nicht schon erlebt?

Wenn man die Rufe nach Frieden und Liebe hört oder liest, wird einem immer wieder bewußt, daß wir uns tatsächlich nach einer höheren Art des Lebens sehnen. Manchmal erscheint es so unerreichbar, doch wir würden nicht danach verlangen, wenn nicht die Möglichkeit in uns verankert wäre.

Das bedeutet dann für mich, daß wir den wahren Ursprung unserer Geburt erkennen müssen, den Schöpfer, der den richtigen Plan für seine Schöpfung hat, der das Wohlergehen der gesamten Menschheit, von uns allen, einschließt. Wenn unser Wille damit nicht übereinstimmt, wenn unsere Vorstellungen zu klein oder unsere Gedanken nur auf uns selbst beschränkt sind, dann haben sie keine Zukunft. Wenn wir jedoch von diesem Plan auch nur etwas erfassen, unseren Willen darauf ausrichten und zu der Verwirklichung dieses Planes beitragen, dann werden wir die Freiheit erleben, wirklich wir selbst zu sein. Dann wird unser Leben fruchtbar, und wir werden glücklich sein, weil wir andere glücklich machen.

Wir denken zu Weihnachten an das Auferstehen eines großen Lichts. Es durchleuchtet uns auf unsere Wahrhaftigkeit. Es weckt uns auf aus unserer kleinen, dunklen Existenz. Alle Wege führen von überall her zu ihm hin; es gibt keinen Fleck, von dem ein solcher Weg nicht ausginge.

Es sind die gleichen Wege, die auch zueinander führen. In diesem Licht sind wir alle eins - in der Wahrheit.

Fußnoten

1. Gehalten am 25. Dezember 1972, Niederländischer Rundfunk (NOS-Radio). [back]