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Der Mensch – ein Teil der Gottheit

Warum wird der eine Mensch im Schoße des Glückes geboren, während ein anderer, der ebenso intelligent und ebenso gut ist, in Verhältnissen geboren wurde, wo alles dazu angetan ist, ihn niederzuhalten? Warum ist der eine durch einen kranken Körper und schwachen Geist behindert, während ein anderer physisch und geistig auf der Höhe ist? Warum ist der eine von Geburt an ein moralischer Schwächling und der andere ein Hort moralischer Stärke?

Außerdem fragen wir uns, warum es so unzuverlässige Eigenschaften im Menschen gibt, so daß es oft ein Würfelspiel ist, ob der Mensch, den wir für eine Vertrauensstellung ausersehen, unseren Erwartungen entsprechen wird oder ob er in seinem hohen Amt enttäuscht? Wie kam es z. B., daß Nero nach einer vielversprechenden, scheinbar tadellosen Jugend plötzlich scheußliche und grausame Charaktereigenschaften entwickelte? Wie war es möglich, daß die Jungfrau von Orleans, ein einfaches, weltfremdes Hirtenmädchen, unfähig, selbst das einfachste Buch zu lesen oder auch nur einen Buchstaben zu schreiben, plötzlich die Weide von Domremy verließ, um eine Laufbahn von unvergleichlichem militärischem Erfolg anzutreten? Fähig zu unterrichten, belehrte sie die größten Generäle ihrer Zeit in ihrer besonderen Wissenschaft.

Hier handelt es sich bestimmt um ein Mysterium! Aber liegt nicht in jedem Leben ein Mysterium verborgen? In der Tat, wer kann auch nur einen Augenblick an das erhabene Mysterium der menschlichen Natur denken, ohne feststellen zu müssen, daß Fragen über Fragen vor ihm auftauchen?

Verlassen wir für einen Augenblick die Fragen, die sich auf den einzelnen Menschen beziehen und wenden wir uns den Fragen zu, die die Nationen betreffen. Wie sind die Katastrophen zu erklären, die große Teile der Welt, in der Natur, der Regierung und in den Beziehungen der Menschen untereinander erschüttern? Diese Dinge können nicht dem Zufall zugeschrieben werden, denn es ist sicherlich nicht vernunftgemäß anzunehmen, daß nur der kleine Teil dieser Erdkugel, den wir unmittelbar überschauen können, vom Gesetz regiert wird, und daß Dinge, deren Ursache wir nicht sehen können, deshalb ursachlos und zufällig und der Laune einer in schlechter Stimmung befindlichen Gottheit zuzuschreiben wären.

Einer der Hauptlehrsätze der religiösen Weltliteratur ist der, daß der Mensch ein zweifaches Wesen ist mit einer physischen Erbschaft aus den Reichen der Natur und einem spirituellen Erbe von der Gottheit. Wie die alten Stoiker zu sagen pflegten, ist der Mensch wirklich ein "Teil der Gottheit" - mit einer teilweisen, unendlich wertvollen Ausrüstung, die von dauerndem Bestand ist. Diese braucht nur vom Staub und Schutt des niederen, materiellen Teiles befreit zu sein, um den Menschen reicher als einen Aladin zu machen. Aber die meisten von uns könnten sehr wohl mit Pascal ausrufen: "Welch eine Chimäre ist der Mensch! Welch ein wüstes Chaos, welch ein widerspruchvolles Subjekt! Ein ausgesprochener Kenner aller Dinge und doch ein armer Erdenwurm! Der große Bewahrer und Hüter der Wahrheit und doch nur ein oberflächlicher Stümper! Der Ruhm und die Schmach des Universums!"

Aber die alten Überlieferungen haben immer gelehrt, daß wir in Entwicklung befindliche Götter sind und haben den Menschen ermutigt danach zu streben, die in jedem von uns ruhenden göttlichen Eigenschaften zu entwickeln. Das scheint schwer begreiflich zu sein, denn so viele gehen furchterfüllt und weinend oder böse und kühn durch das Leben als hätten wir überhaupt keine spirituellen Hilfsquellen. Und doch sind wir zur gleichen Zeit tatsächlich im Besitz unendlicher Hilfsquellen, die wir nur zu offenbaren brauchen.

Ein anderes schmerzliches Problem ist das Teilen mit anderen, wobei der Geschäftsmann manchmal das Gefühl hat, daß er mehr in Anspruch genommen würde, als ihm zukommt. Die Verwirrung und Unsicherheit, die in den Beziehungen zu unseren Mitmenschen bestehen, auch der endlose Argwohn und die Schwierigkeiten, die uns in unserer Macht zu geben und zu dienen hindern, brauchten sicherlich nicht vorhanden zu sein; denn diese sind es, die die Menschen trennen und absondern. Aber die meisten von uns sind, wenn sie nachdenken, über die Blindheit beschämt, die wir in unseren Beziehungen zu anderen Menschen und bei unseren falschen Beurteilungen und unserer Unwissenheit in bezug auf ihre Natur an den Tag legen.

Quälerei, Argwohn, Haß, Furcht, Unzufriedenheit, Ruhelosigkeit, Ehrgeiz, Faulheit und das allgemeine Schimpfen über das Schicksal - diese erkennen wir auf einmal als die Grundtöne der niederen, materiellen Natur im Menschen. Während Freude, Frieden, Brüderlichkeit, Unterscheidungsvermögen, klares Schauen, Liebe zur Arbeit, Opferbereitschaft für ein Prinzip, freudige Dienstleistung für andere - anzeigen, daß der Gott im Menschen anfängt, sich bemerkbar zu machen.

Soviel über die sogenannten kleineren Strömungen, die auf das persönliche Leben einwirken. Was aber ist zu den größeren Strömungen zu sagen, die die Nationen beeinflussen? Sind dies im Grunde genommen nicht dieselben Einflüsse? Wenn ich mit meinem Nachbar, der eine andere soziale Stellung einnimmt als ich, der einer anderen Religion folgt, andere Ansichten über die Pflicht und das Leben hat und der einer anderen Rasse angehört als ich, auf gutem Fuße stehen kann, warum kann dann eine Nation nicht dasselbe tun? Die Nationen sind dazu in der Lage, sie haben es schon oft und oft bewiesen. Selbstsucht und Habgier sind in den bürgerlichen, nationalen oder internationalen Angelegenheiten so wenig vonnöten und so widersinnig, wie sie es im Leben des einzelnen Menschen sind.

Wenn wir von diesem erweiterten Gesichtspunkt aus auf das Leben und die Geschichte blicken, so erfahren unsere Gedanken eine unermeßliche Ausweitung, und die Gesetze, deren Führung wir in den kleineren Dingen anrufen, stehen in hellem Licht vor uns, als die großen, führenden Gesetze der Welt, um das, was Disharmonie, Leid und Verwirrung bedeutet, zu bändigen, und um das zu schützen, was der Harmonie, der Gerechtigkeit und dem Frieden dient.

Wir leben in einer Welt des Materialismus und des Begehrens. Wir müssen den materiellen Strömungen entgegentreten. Aber weil ein Mensch seine Füße auf die staubige Landstraße setzen muß, um zum Ziel seiner Reise zu gelangen, so besagt das nicht, daß er auch seinen Kopf dahin legen müßte. Am vernünftigsten ist es, seinen Kopf hochzuhalten in Sonne und reiner Luft und ihn vor Schmutz und Staub zu schützen. Wie könnte man sonst sehen, wohin man seine Füße lenken soll?

Die Forderung des Tages mit ihrem Appell an die Menschheit zu etwas Schönerem und Höherem zu erwachen, als es die materiellen Dinge sind, bestärkt aufs neue unseren Glauben an die Göttlichkeit des Menschen. Denn, wie beschmutzt und dornig auch die Straße zu unseren Füßen sein mag, stets ist der klare Himmel der Hoffnung über uns und die reine Luft der spirituellen Erkenntnis.