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Geburtstagsgedanken

Wie unwichtig erscheinen Geburtstagsfeste, wenn wir bedenken, wieviele wir feiern könnten, würden wir unsere ganze Vergangenheit kennen. Ist es jedoch nicht so, daß diese besonderen Tage oft eine Gelegenheit bieten, Familien- und Freundschaftsbande enger zu knüpfen und zu einem größeren Zusammengehörigkeitsgefühl beizutragen? Allein schon aus diesem Grunde mag es nützlich sein, sozusagen jede passende Gelegenheit zum Feiern zu ergreifen. Es geschieht viel zu selten. Vielleicht hindert uns unsere überzivilisierte Lebensweise daran. Menschen, die naturnäher leben, tanzen, essen und singen, wenn Neumond ist, wenn die Aussaat beginnt, wenn die Ernte da ist, wenn das erste Kalb geboren wird, wenn ein Stammesgenosse befördert wird. Kurz und gut, bei jeder möglichen Gelegenheit festigen sie das Verwandtschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ist unsere Absonderung, unsere Gewohnheit des Fürsichseins, einer der Gründe für die weitverbreitete Disharmonie? Allein zu stehen, ist nicht unbedingt falsch, aber abseits zu stehen, ist es. Ich denke dabei an die Nutzlosigkeit eines Bündels Speichen. Jede für sich, haben sie keinen Wert. Wenn sie aber auf eine Felge zusammengefaßt werden, formen sie ein Speichenrad, das durch ihre Verbindung zu einem bestimmten Ziel rollen kann. So ist es im Leben. Wir sind die Speichen oder die Strahlen des einen Ursprungs in unserem innersten Sein. Solange wir uns nicht der verbindenden Felge anschließen, kann der Wagen der Entwicklung nicht sanft rollen, sondern nur holpernd und polternd seinen Weg nehmen.

Es ist seltsam genug, daß wir dies genau wissen und trotzdem so weiterleben wie bisher. Einige nehmen an, daß die Welt als Ganzes den tiefsten Punkt ihres Abstiegs passiert hat, und sicherlich ist unser Zusammengehörigkeitsgefühl und unsere Fähigkeit, uns mit den andern zu identifizieren, stärker als je zuvor, wenn auch nicht vollkommen. Das Wachstum geht beständig weiter, gleich einer Blume, die ihre Fülle nur offenbaren kann, wenn sie aus der Knospe heraustritt. Möglicherweise schenken wir dem gelegentlichen Zusammenbruch der Schutzwälle - der äußeren Disharmonie - zuviel Aufmerksamkeit und werden nicht gewahr, was hinter ihnen geschieht. Deshalb kann es vorkommen, daß der Kurzsichtige, irregeführt durch die allgemeinen Ereignisse, sich verirrt und hinter dem stetig fortschreitenden Strom der Entwicklung zurückbleibt.

Als Eltern haben wir die schwere Aufgabe, unsere Kinder zu begeistern, sie bei der Bewahrung und Festigung ihrer innewohnenden Ideale zu unterstützen. Aber welche Rolle können Eltern spielen, die die Hoffnung aufgegeben haben, die verwirrt sind und nicht klar sehen? Doch das Leben ist nicht ziellos. Jeder, der in diese Zeit hineingeboren wurde, muß Fähigkeiten haben, die ihm oder ihr erlauben, etwas für diese spezielle Entwicklungsperiode beizutragen. Wenn nicht, dann ist Evolution sinnlos. Es ist nicht immer leicht, die richtige Aufgabe, die ausgeführt werden muß zu finden. Solange wir jedoch nach ihr suchen, können wir unsere täglichen Pflichten so gut und harmonisch wie möglich verrichten. Folgen wir dieser Handlungsweise, dann können wir sicher sein, daß wir eines Tages wissen, was zu tun ist und welchem Weg wir folgen müssen. Die Einhaltung dieses Weges würde auch Größeren, als wir es sind, mehr Zeit und Freiheit für ihre Arbeit lassen. Sie müßten sich nicht mit den kleinen Fehlschlägen und Disharmonien befassen, die wir schufen. Das erinnert mich an eine kleine Geschichte.

In einem Dorf lebte einmal ein sehr weiser Mann, der sich ganz besonders um das Wohlergehen der Dorfbewohner sorgte. Er war bestrebt, ihnen sein Wissen mitzuteilen. Die Dorfbewohner waren jedoch so streitsüchtig und kämpften so erbittert gegeneinander, daß der Weise jedesmal, wenn er ihnen helfen wollte, genötigt war, seine ganze Zeit für ihre Aussöhnung zu verwenden. Die Moral dieser Erzählung ist klar. Sie kann auf jedes Lebensgebiet angewandt werden und erinnert an den alten Grundsatz, daß der, der sich selbst überwindet, größer ist als jener, der die Welt erobert.

Es ist schade, aber die meisten von uns gewinnen nicht viel aus einem wohlgemeinten Rat oder aus einer weisen Lehre, die uns jemand gibt. Vielleicht müssen wir, zumindest in grösserem Ausmaß, durch harte Erfahrungen Stärke gewinnen, indem wir durch Versuche und Fehlschläge lernen. Einsicht kommt aus unserem Innern, darum kann sie uns nicht durch einen anderen aufgezwungen werden, so gut seine Absichten auch sein mögen. Tatsächlich hindern die meisten dahingehenden Bemühungen diese Absicht oder heben sie auf. Es ist offensichtlich, daß kein Hilfebestreben etwas nützt, wenn jemand vorzieht, abseits zu stehen und unsere Hilfe nicht anzunehmen. Andererseits kann eine freundschaftliche Gesinnung dem "Einsamen" helfen, auch wenn er es nicht erkennt.

Wenn wir uns als Zahnrädchen in einem riesigen kosmischen Uhrwerk sehen könnten, wäre es unvernünftig, andere Zahnrädchen zu beschuldigen, daß sie nicht gut arbeiten, wenn wir zur gleichen Zeit ebenfalls keine brauchbare Arbeit leisten. Natürlich hat jeder von uns seine eigenen Kämpfe auszufechten, und dies scheint der Forderung nach der Einheit der menschlichen Familie zu widersprechen, aber das ist einer der Widersprüche des wirklichen Lebens. Einerseits die universale Bindung und andererseits das Alleinstehen - dies sind die beiden Pole im Schema des bewußten Wachstums des Menschen.

Das waren einige der Gedanken, die ein gewöhnlicher Geburtstag nach sich zog. Oder gibt es wirklich etwas, so könnten wir angesichts der Großartigkeit des Lebens und der Beziehung des Menschen fragen, was gewöhnlich ist?