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Sunrise 4/1976

Da die Erde gezwungen ist, ihren Kreislauf um die Sonne in elliptischen Bahnen zu ziehen, zeichnen sich jährlich vier Punkte an diesem großen kosmischen Zeitmesser ab: die Sonnenwenden im Winter und im Sommer und die Tagundnachtgleichen im Frühling und im Herbst. Fast unter allen Völkern sind diese Punkte, oder vielmehr diese Perioden, als heilige Jahreszeiten betrachtet worden. Im Westen sind hauptsächlich zweien davon religiöse Bedeutung zugemessen worden - im Winter Weihnachten und (symbolisch) Chanukka (achttägiges jüdisches Tempelweihfest) und im Frühling das Osterfest. Allgemein gesehen sind diese Feiern Erinnerungen an höchst wichtige spirituelle Ereignisse. Aber zu diesen Zeiten finden auch Veränderungen in den physischen Rhythmen der Natur statt, besonders was die spirituellen Kräfte anbelangt, durch die den Menschen individuell und kollektiv die Gelegenheit geboten wird, die Samen für evolutionäre Erfahrung zu säen und deren Früchte zu ernten. In der modernen Theosophie werden die vier Jahreszeiten mit den vier Stufen im Leben eines Menschen verglichen. Die Wintersonnenwende, im Christentum durch die Geburt Jesu sinnbildlich dargestellt, bedeutet Geburt. Die darauffolgende Frühlings-Tagundnachtgleiche stellt sinnbildlich den Höhepunkt der Jugendlichkeit und eine Periode der Auferstehung oder der spirituellen Wiedergeburt der höheren Fähigkeiten im Menschen dar. Dann kommt die Sommersonnenwende, eine Zeit der Reife und des vollen Erblühens der Fähigkeiten, die den erhabenen Schluß des heiligen Zyklus vorbereiten: die Herbst-Tagundnachtgleiche - ein Ernten der gesamten Lebensarbeit.

Da wir uns augenblicklich zwischen der Sommersonnenwende und der Herbst-Tagundnachtgleiche befinden, ist es nur natürlich, sich Gedanken zu machen über die Wichtigkeit und die innere Bedeutung dieser oft vergessenen, aber dennoch wichtigen Verbindungen des Menschen mit der physischen und der spirituellen Natur. Wenn man liest, was über diese Dinge geschrieben wird, und wenn man die vielen darin angestellten Betrachtungen überblickt, so tritt vor allem ein Thema in den Vordergrund, das zumindest in einer Hinsicht für die gesamte Periode charakteristisch ist. Es ist der Begriff der Führerschaft.

Wenn es auch leicht ist, die Parallele zwischen Reife und Führerschaft zu sehen, so fragen wir uns dennoch, wie die Führerschaft wohl beschaffen ist, die dieser Periode ihre spirituelle Eigenschaft verleiht. Was ist es, das einen wahren Führer auszeichnet; besitzt er Macht, ist er das Haupt einer Gesellschaftsklasse, einer Körperschaft, einer Kirche oder eines Landes? Nicht notwendigerweise. Ein Führer braucht keine hervorragende weltliche Stellung einzunehmen oder Autorität zu besitzen. Wir können zum Beispiel unser eigener Führer sein und unserer Lebensführung eine positive Richtung geben. Vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet, kann sich Führerschaft auch, und zwar nicht nur im egoistischen Sinne, auf eine harmonische Vorwärtsentwicklung mit der Vorhut der Menschheit beziehen, so daß unser Leben die besten Fähigkeiten widerspiegelt, wie sie in ihrer Reinheit in den Charakteren der Führer der Rasse zu finden sind. Doch das sagt uns wenig über die wesentliche Eigenschaft der Führerschaft. Was also macht einen spirituellen Reformator, einen König, einen Präsidenten - ja sogar Sie und mich - zu einem wirklichen Führer?

Vor einiger Zeit stellte ich einem guten Freund, dessen Lebensumstände ihn in engen Kontakt mit führenden Persönlichkeiten der verschiedensten Art gebracht haben und der durch seine Arbeit einiges über diese Eigenschaft weiß, eine diesbezügliche Frage. Er sagte, wahre Führerschaft wird letzten Endes aus Dienen geboren. Das hat nichts mit Knechtschaft zu tun. Wenn man wirklich fähig sein will, andere zu führen, wenn man weise und erfolgreich in seiner Führung sein will, dann muß man zuerst wissen, wie man anderen dienen kann. Und dann fuhr er fort, daß er bei all seinen Erfahrungen nicht einen Menschen kennengelernt hat - der nach seiner Meinung ein wahrer Führer war -, der nicht durch die Prüfungen einer gründlichen und harten Lehrzeit des Dienens gegangen ist. Und die Besten von ihnen hatten jenen gedient oder dienen jenen, die selbst Dienende sind.

Dieser Gedanke hat vielleicht mehr als irgendein anderer mir nicht nur geholfen, mein eigenes Verständnis für Führerschaft zu klären, sondern er steht auch unveränderlich, wie ein Leuchtfeuer, das uns in jeder schwierigen Lage den Weg zeigt. Ich glaube auch, daß diese Verstellung vom Dienen sich direkt auf den eigentlichen Charakter der heiligen Jahreszeiten des Sommers und des Herbstes bezieht und ihn hervorragend beleuchtet - daß die jetzt der Vervollkommnung entgegengehenden Eigenschaften des Dienens und der Hingabe an die Menschheit uns die höchsten Beispiele echter Führerschaft vermitteln.

Das mit den Ereignissen der Sommersonnenwende verbundene spirituelle Drama wurde die Große Entsagung genannt. Es ist eine Zeit, in der eine hoch entwickelte Seele - in Wirklichkeit kann es jeder von uns sein - einer der größten Versuchungen in der menschlichen Erfahrung gegenübersteht: der Versuchung des persönlichen Fortschritts. Individuellen Fortschritt opfern heißt, sein Leben wirklich so zu führen, daß man zuerst an die Wohlfahrt anderer denkt und für sie wirkt, ehe man an sich denkt (wenn man überhaupt an sich denkt), es ist eine strenge spirituelle Forderung. Manche glauben tatsächlich, daß es die schwierigste aller Prüfungen ist. Doch die Geschichte zeigt uns erleuchtete und lichtspendende Einzelmenschen - Christus, Buddha und viele andere -; deren allumfassende und mitleidvolle Besorgnis für alles, was lebt, scheint ausnahmslos mit einem Martyrium in ihrem eigenen persönlichen Leben in Zusammenhang zu stehen. Wenn wir aber bedenken, welchen Eindruck ihre jeweiligen Botschaften gemacht haben und welche Lebensdauer sie hatten, so zählen sie zu den größten Führern der Menschheit. Sie alle sind lebendige Symbole altruistischer Dienstleistung gewesen - eine Eigenschaft, die man nicht über Nacht durch einen Inspirationsblitz aus der Höhe erlangt, sondern indem sie ständig auf dem großen Feld des täglichen Lebens ausgeübt wird.

Wenn man an die Herbst-Tagundnachtgleiche denkt, die manchmal das Große Scheiden oder die Große Ernte genannt wird, so scheint die Periode des Sommers eine wichtige Vorbereitung dafür zu sein. Über diesen letzten Zyklus der Heiligen Jahreszeiten wurden nicht viele Einzelheiten bekanntgegeben; es wurde nur gesagt, daß es eine sehr heilige Zeit ist, in der jene, die alle notwendigen Lektionen in der menschlichen Schule gelernt haben, nun Gelegenheit haben, dem menschlichen Blickfeld zu entschwinden und in höhere Grade überzutreten. Hier sind alle wesentlichen Elemente der vorhergehenden Jahreszeiten verschmolzen und kulminieren in der für einen Menschen höchstmöglichen Erfahrung. Wenn der einzelne erfolgreich ist, so steht er, der nun vollkommen entwickelt ist, vor einer Wahl von großer Tragweite. Er kann vollkommen in Nirvana eintauchen und sich unaussprechlicher Glückseligkeit erfreuen, wobei er alle direkten Verbindungen mit der Welt der Menschen abbricht; oder er kann andererseits das erhabene Opfer bringen, auf diese Früchte verzichten und sich zurückwenden, um weiterhin jenen zu helfen, die auf dem Pfad der Evolution nachfolgen. Somit ist die höchste Form des Dienens, die wir uns vorstellen können, gleichzeitig das größte Beispiel für Führerschaft.

Hier sehen wir eine wunderbare Steigerung des Dienens - vom Auftakt bis zur Führerschaft in seiner reinsten Verkörperung. Allerdings ist das ihre vollkommenste Form, das Resultat eines zeitalterlangen Bemühens, in denen Führerschaft und Dienen immer grundlegende, wenn auch ständig geläuterte Elemente in dem Schmelztiegel der höhergeistigen Bestrebungen bildeten.

Wenn diese höchste Erfahrung auch noch so weit entfernt scheinen mag, so ist es doch sicher, daß auch wir hier und jetzt so manches Nützliche daraus entnehmen können. Wenn unser Bestreben, bessere Männer und Frauen zu werden, ernst gemeint ist, dann ist es möglich, daß wir, wie die Saiten einer Laute, in gleichgestimmter Resonanz mit dem Grundton schwingen, der in dieser Herbstjahreszeit angeschlagen wurde. Und dabei könnten auch wir etwas von dem spirituellen Drama erfahren, das mit der großen Ernte verbunden ist. Es ist nicht leicht, in Worten die in einer Entscheidung liegenden spirituellen Eigenschaft zum Ausdruck zu bringen, die verdienten Früchte einer persönlichen Anstrengung zu Gunsten der Gelegenheit zurückzustellen, für eine höhere, edlere Sache ohne Belohnung zu arbeiten. Doch die leuchtenden Beispiele der wahrhaft großen Führer aller Zeiten sind für uns ein Ansporn.

Wir leben heute in einer schwierigen Zeit. Der Begriff der Führerschaft wird nicht nur vom nationalen Standpunkt aus einer sorgfältigen und sogar strengen Prüfung unterzogen, sondern auf jedem Gebiet der menschlichen Erfahrung. Daß unser gegenwärtiges Dilemma nur die Wirkung jahrhundertelangen falschen Denkens und jahrhundertelanger falscher Anschauung ist, darauf wurde schon hingewiesen. Vor beinahe hundert Jahren hat sich ein vorausschauender Kommentator dahingehend über die westliche Zivilisation geäußert, daß sich infolge der Betonung und Glorifizierung der Persönlichkeit, die in dem Konkurrenztrieb zum Ausdruck kommt, seinen Mitmenschen zuvorzukommen, schließlich nur ein Ergebnis einstellen würde: ein Rückfall in die schlimmsten Formen der Anarchie. Wie prophetisch das klingt, wenn wir einige der mehr tragischen Aspekte unserer gegenwärtigen Lage betrachten. Doch unsere Situation ist nicht einmalig, denn schon andere Zivilisationen litten an ähnlichen Gebrechen. Wir können aber auch Mut fassen, denn es gibt ein Heilmittel, das schon immer das gleiche war: Alle Menschen sollten sich nicht nur in Gedanken, sondern auch in der Praxis als Brüder betrachten. Und, sollte es unsere Pflicht sein, führen zu müssen - eine Pflicht, die immer aktuell ist, ob wir uns nun selbst führen oder andere -, dann sollte unsere Führerschaft mitleidsvoller Altruismus sein, geboren in der Retorte selbstlosen Dienens für alle Wesen.

Seit die Ausbreitung des Darwinismus die alte religiöse Ansicht in Frage gestellt hatte, daß die Arten durch göttliche Verfügung entstanden seien, wurde viel über das Geheimnis der Entstehung des Lebens auf der Erde nachgedacht. Viele Theorien wurden aufgestellt, von der längst aufgegebenen Idee der Urzeugung oder Abiogenese (Entstehung aus Unbelebtem) bis zu der Theorie, die der schwedische Wissenschaftler Svante Arrhenius 1908 in seinem Buch Worlds in the Making (Welten im Werden) dargestellt hat, daß die ewig existierenden Lebenskeime durch die Antriebskraft des Lichts von Planet zu Planet und von Sonnensystem zu Sonnensystem getrieben würden. Noch jünger ist die Vorstellung, daß das Leben durch chemische Prozesse entstehe, sobald entsprechende Bedingungen vorherrschen. Aufgrund von Labortests wurden Theorien entwickelt, die davon ausgehen, daß im Frühstadium der Erde solche Bedingungen gegeben gewesen seien, als die Atmosphäre einen "Nährbrei" aus Ammoniak, Methan und Wasser hervorbrachte, in dem Sonnenbestrahlung oder elektrische Ladungen Leben entstehen ließen. Außerdem hat die Entdeckung von Formaldehyd und anderen Begleiterscheinungen organischen Lebens im fernen Weltraum den Gedanken bestärkt, daß die Bausteine des Lebens im ganzen Universum vorkommen.

Alle, die die verschiedenen Feststellungen, Experimente und Theorien unvoreingenommen betrachten, können nicht ausschließen, daß die Forscher möglicherweise vor kaum weniger weitreichenden Schlußfolgerungen stehen, wie es die von Darwin waren. Obwohl ich beeindruckt und interessiert bin, habe ich dennoch das Gefühl, daß in den gegenwärtigen Vorstellungen etwas fehlt. So wie ich es sehe, ergibt sich dieser Mangel aus der Tatsache, daß die Theoretiker und Experimentatoren die offenkundige Dualität allen Lebens außer acht lassen; sie betrachten das Leben ausschließlich vom physischen Aspekt aus, als nur von äußeren Prozessen und chemischen und elektrischen Reaktionen abhängig, ganz in der Art, wie sie in einer Glühbirne vor sich gehen oder wenn ein Metall mit einer Säure in Berührung kommt. Wie jeder bei der Prüfung seines eigenen Bewußtseins feststellen muß, ist das Leben jedoch nicht ausschließlich physikalischen, chemischen und elektrischen Vorgängen unterworfen, sondern es trägt in sich ein undefinierbares Element, das nicht gewogen, gemessen, berührt, gesehen oder gehört werden kann, ohne das jedoch nur unbelebte Materie vorhanden wäre - ein Element, das unterschiedlich bekannt ist als Seele, Geist und persönliches Bewußtsein.

In einfachen Organismen mögen diese nur in rudimentärer Form existieren; in einigen Fällen mag es sich um eine Art "Gruppenseele" handeln, wenn sich zum Beispiel einfache Zellen zu einem vielzelligen Organismus zusammenschließen. Anhaltspunkte für diesen immateriellen Bestandteil, den wir mangels besserer Bezeichnung psychisch oder psychologisch nennen können, wurden bereits in so niederen Lebensformen wie die Amöbe gefunden; er kann sich in Phänomenen wie Hunger, Angst, Abneigung und Zuneigung äußern und ist scheinbar ein Merkmal allen tierischen Lebens und vermutlich auch (wie viele Anzeichen erkennen lassen) des Lebens vieler Pflanzen.

Genau an dieser Stelle übersehen diejenigen, die nach dem Ursprung des Lebens suchen, etwas, das zwar die derzeitigen Forschungsergebnisse nicht ungültig macht, aber ihre Bedeutung weit überbewertet. Ich will damit nicht sagen, daß die Forscher in ihren Schlußfolgerungen, wie das Leben als eine körperliche Wesenheit entstand und sich entwickelte, unrecht haben; auch habe ich keinen Grund zu bezweifeln, daß sie mit ihren Grundlehren recht haben, wie zum Beispiel mit der DNS, dem "genetischen Code", von dem man annimmt, daß er der Mechanismus zur Übertragung von Eigenschaften von Eltern auf Nachkommen ist. Ich meine jedoch, daß die Wissenschaftler in derartigen Dingen merkwürdig einseitig sind, indem sie ganz unkritisch die mechanistische Auffassung akzeptieren, die in der westlichen Welt seit Descartes vorherrscht, obgleich sie in diesem Jahrhundert durch die Kernforschung ernstlich ins Wanken gebracht wurde.

Diese Anschauung ordnet das Geistige der Materie unter. Die Wissenschaftler, die die Entstehung des Lebens erforschen, verfolgen hauptsächlich die rein physische Entwicklung; sie zeigen nur den Mechanismus und nicht das Agens, die mächtige Kraft, die dahinter steht. Sie befassen sich nie mit der überaus wichtigen Frage: Wieso entstand aus Urgestein und Schlamm und Feuchtigkeit und siedenden atmosphärischen Gasen Gefühl und Bewußtsein? Woher kamen individuelle Wesen? Woraus entstand diese Lebenskraft, die uns schließlich nach hundert Millionen oder vielleicht Milliarden Jahren Plato und Aristoteles, Phidias und Praxiteles, Homer, Milton und Shakespeare, Bach und Mozart und Beethoven, Gautama und Jesaia und Christus und die gesamte kleinere Schar schenkte, die einen hellen Schein über unsere kämpfende Menschheit warfen? Was sagt uns die Theorie vom Ursprung des Lebens aus einem chemischen Gebräu über die Entstehung dieser großartigen Menschen? Was war es, was in der Luft und dem Meer der Frühzeit die Elemente dafür lieferte, die den Menschen mit dem Denken und seinen Fähigkeiten begabten? War da nicht in der Tat eine unbekannte Kraft, ein unbekannter Wille und Zweck vorhanden, die den Weg zum Philosophen, zum Dichter und zum Seher bahnten? Und nicht nur für diese und die große Masse der Menschheit, sondern auch für das einfache Bewußtsein der Eidechse oder des Frosches, des Käfers oder der Eintagsfliege - war da nicht etwas vorhanden, das über das Physische hinausging und schon unentbehrlich war, ehe Leben entstehen und sich entwickeln konnte?

Vielleicht ist eine Beantwortung dieser Fragen beim gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse nicht möglich. Aber es wäre für die Wissenschaft möglich, zu erkennen, daß dieses Problem existiert. Wenn wir den Menschen nicht entstellt sehen wollen, wenn wir ihm einen Sinn und eine Würde zuerkennen wollen, die mit materiellen Begriffen nicht gänzlich beschrieben werden können, und wenn wir infolgedessen eine Welt aufbauen wollen, in der materielle Besitztümer und Ziele nicht an erster Stelle stehen, dann müssen wir anerkennen, daß das Leben auch an seinem Anfang auf physikalischem Wege nicht vollständig erklärt werden kann. Wir müssen nicht nur unsere physischen Ursprünge erforschen, sondern auch die Antezedenzien, die Ursachen des Geistes. Und wenn wir uns dieser Mühe unterziehen und weit und tief genug forschen, werden wir sicher Beweise dafür finden, daß das Leben selbst, wie die Sporen, die Arrhenius von Welt zu Welt wandern sah, älter ist als das Sonnensystem, älter als alle Sonnensysteme und daß es die Bereiche zwischen den Milchstraßen seit endlosen Zeitaltern durchwandert hat.

Nimmer vergeht die Seele,

Vielmehr die frühere Wohnung

Tauscht sie mit neuem Sitz

Und lebt und wirkt in diesem.

Alles wechselt, doch nichts geht unter.

- Giordano Bruno

 

 

 

Die großen Ereignisse in unserem Leben sind immer diejenigen, die dazu angetan sind, still zu stehen und - wenn auch nur für einen kurzen, schöpferischen Augenblick - über das Leben und unsere eigene Beziehung zu ihm nachzudenken: Was für einen Sinn hat unser Schicksal, und wo ist unser Standort im Weltall? Dadurch haben wir eine Gelegenheit, aufrecht mit uns und unserem Wollen Bilanz zu ziehen; sind es doch gerade die nachdenklichen Momente, die aus der Tiefe heraus eine gültige Antwort finden lassen.

Der Tod oder das, was wir Tod nennen - das letzte Ereignis unseres Aufenthaltes hier auf Erden -, stand zu allen Zeiten im Mittelpunkt grundlegender Betrachtungen über den Zweck des menschlichen Daseins. Philosophen, Männer der Wissenschaft und der Religion widmeten ihr Denken diesem Phänomen.

Die Naturwissenschaft hat nach gründlicher und methodischer Forschung mit Hilfe von Radar, Elektronenmikroskopie usw. die grobstoffliche Materie als Feld ihrer Untersuchungen verlassen und hat sich den Grenzgebieten zugewandt. Sie wird eines Tages die geistig-göttliche Herkunft des Menschen und mit ihm aller Kreatur anerkennen und bestätigen. Bei dem Versuch, ein besseres Verständnis für die biologischen Ursachen des Alterns zu gewinnen, steht z. B. augenblicklich die Theorie an erster Stelle, daß das Altern und damit folgerichtig auch der Tod Bestandteile des Lebens sind. Die Molekularbiologie hat experimentell festgestellt, zu wieviel Teilungen eine Zelle imstande ist und wann ihr Stoffwechsel aufhört. Das bedeutet, es kann mit großer Genauigkeit nachgewiesen werden, wann der Alterungsprozeß einsetzt. Doch damit ist die Frage 'Warum?" noch nicht gelöst.

Im Augenblick stehen zwei Theorien zur Erörterung:

1) die Mutationstheorie, die besagt, daß Zellen sterben, weil durch Veränderung im Erbgefüge entstehende Fehler nicht mehr korrigiert werden können; und

2) die Programmtheorie, die davon ausgeht, daß es in den Organismen ein angeborenes Lebensprogramm gibt - verankert in den Genen - und daß es gewissermaßen automatisch abläuft bis zum genetisch geplanten Tod.

Von besonderem Interesse ist für unsere Betrachtung die Programmtheorie, weil sie, sobald sie vertieft und vergeistigt wird, das esoterische Wissen vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus untermauert und bestätigt. Viele Steine fehlen noch in dem Mosaik, aber ein genaueres Bild wird nicht eher zustande kommen, bis ernsthafte Forscher und Wahrheitssucher anerkennen, daß wir das Licht des Wissens in der letzten Potenz niemals auf unsere Ebene herabziehen können, sondern daß wir uns zu ihm erheben müssen. Wenn wir mehr wollen als eine Sammlung einzelner Fakten, dann müssen wir alle Dinge von einem erweiterten Blickfeld aus betrachten. Nur Gleiches kann Gleiches erkennen: Nicht dem irrenden Verstand, sondern allein dem schauenden Geist offenbart sich das Wesen eines Atoms, des Menschen, der Welt. Die stoffliche Seite der Natur ist einigermaßen vorhersagbar, sie kann klassifiziert und intellektuell ergründet werden; dem spirituellen Teil müssen wir uns durch eine zunehmende intuitive Erkenntnis nähern.

Die Weisen aller Zeiten haben durch ihre intuitive Einsicht - nicht durch intellektuelle Spekulation, weil es keinen Lehrstuhl für Weisheit gibt - die universale Einheit alles Lebendigen erkannt. Sie lehnten es ab, reine Spekulationen anzunehmen, die zur Voraussetzung haben, daß "Nichts" der Anfang und das Ende allen Seins ist. Wenn dem so wäre, alle unsere Mühe, alle Pflichterfüllung, alles Streben nach Edlem und Gutem, nach Erkenntnis, ja, der gesamte Kosmos würde seinen Sinn und seine Aufgabe verlieren. Es war für sie unleugbar, daß die Essenz aller lebenden Wesen, die Wurzelnatur einer jeden Wesenheit, todlos ist, unsterblich, und daß im Sinn des Lebens der Schlüssel zum Mysterium des Todes liegt. Alles, was geschieht, so sahen sie es, wird von kosmischen Intelligenzen und einem allumfassenden Bewußtsein geleitet - nicht durch einen der Materie verhafteten Mechanismus. Das Universum in seinem ununterbrochenen Wandel ist die Schule des Lebens, durch die alle gehen müssen. Der Mensch ist, so gesehen, statt einer "Eintagsfliege" ein ewiger Pilgrim, eins mit dem universalen Sein und ewig wie das Weltall selbst.

Und das Mysterium Tod, dem die gesamte Natur unterworfen ist und das der Menschheit so tiefe Trauer und Angst einflößt? Das Aufhören der Tätigkeit des pulsierenden Herzens, was für uns das Ende des Lebens bedeutet, ist mit dem Ablegen eines unbrauchbar gewordenen Kleides gleichzusetzen. Es betrifft nur den Körper und die anderen kurzlebigen Hüllen des Geistes. "Was sind wir schon, wir Flüchtigen?" fragt Pindar, der große griechische Lyriker um 500 v. Chr., und er gibt die Antwort: "Ein Traum eines Schattens, das ist der leibliche Mensch. Wir sind ja nicht die Welt an sich, sondern nur der Ausdruck des einen Augenblicks, hinter dem das Wahre lebt und webt."

Der Tod hat nur Macht über die Welt der Formen, über eine objektive und vergängliche Welt, nicht aber über das wahre, unvergängliche Sein, dem Urquell des geistig-göttlichen Menschen und aller Wesenheiten. Im Hinblick auf das Endziel - die Vollkommenheit - ist der Tod eine Notwendigkeit und lediglich eine Episode auf der zeitalterlangen Pilgerschaft der Seele. Es ist ein Abschiednehmen - auf Zeit -, nicht mehr. Der Tod, dieser ernstere Bruder des Schlafes, ist Finale und Ouvertüre zugleich. Plotin (205?-270 n. Chr.), der Hauptverfechter des Neuplatonismus, drückt es in folgendem Gedanken aus: "Es ist schwer zu sagen, welches der Geburtstag ist, denn der Tag der Geburt in dieser Welt ist der Tag des Todes in einer anderen Welt; und der Geburtstag in der anderen Welt ist der Todestag in dieser." Und in jedem Naturreich, auf allen Daseinsebenen, ob Mikroorganismus oder Milchstraßensystem, gibt es kein Atompartikelchen, das nicht diesem Gesetz - Stirb und Werde - unterworfen ist.

Vom Standpunkt der Persönlichkeit aus betrachtet, bleibt das Phänomen "Tod" ein leidvolles Ereignis, raubt es uns doch den Weggenossen, den Gefährten und Freund. Tiefer beleuchtet aber ist es, wie wir sehen, ein ewig sich wiederholendes Opfer für das Höhere. Kein Samenkorn kann zur Pflanze werden und Blüten und Früchte tragen, ohne die Samenhülse zu sprengen. Kein Schmetterling kann in die Lüfte steigen ohne das vorausgegangene Opfer von Ei, Raupe und Puppe. Kein Mensch kann sich zu dem entfalten, was er seinem Wesen nach ist: zu einem reinen Gefäß göttlichen Bewußtseins, ohne die Pforten des "Todes" viele Male durchschritten zu haben. Friedrich Nietzsche schreibt in Ewige Wiederkehr:

Lebe so, daß du von neuem leben möchtest - das ist deine Pflicht, denn du wirst auf jeden Fall wieder leben! Und in jedem einzelnen dieser Kreisläufe menschlichen Lebens wird es eine Stunde geben, wo zum ersten Male ein Mensch und dann viele den Gedanken der ewigen Wiederkehr aller Dinge fassen werden - und das wird dann für die Menschheit die Stunde des Mittags sein.

Der Gedanke an eine zyklische Wiederkehr gibt dem Leben und dem Sterben neue Perspektiven, Äonen der Entwicklung liegen vor uns. Lebensangst und Todesfurcht schwinden. Jede Stunde bringt eine Gelegenheit zu säen und zu ernten: neue Saaten für die Zukunft, Ertrag aus vergangenen Zeiten. Auf diese Weise sind wir die Gestalter unserer zukünftigen Leben, und auf diese Weise haben wir uns den Platz gewählt und ausgebaut, auf dem wir jetzt stehen. Das Bewußtsein, diesem ewigen Kreislauf anzugehören, schenkt uns unendliche Hoffnung und den unzerstörbaren Glauben an den endlichen Sieg des Guten.

Wir sind erfüllt von Ehrfurcht vor dem waltenden Geschick, und Schmerz hinterläßt niemals einen bleibenden Eindruck. Wahrlich, der Tod mit seinen Mysterien ist ein Meisterwerk des Lebens, ein Ausdruck einer höchst aktiven Schöpferkraft.

Porphyrios stand zu Recht in dem Ruf, der fähigste und konsequenteste Verfechter und Repräsentant der Alexandrinischen Schule gewesen zu sein. Er war von semitischer Abkunft und wurde im Jahre 233 in Tyros geboren, als Kaiser Alexander Severus regierte. Er war noch sehr jung, als er Origenes, dem berühmten christlichen Philosophen, anvertraut wurde, der seinerseits ein Schüler von Ammonius Sakkas gewesen war. Danach wurde er ein Schüler von Longinus in Athen, der eine Schule für Rhetorik, Literatur und Philosophie gegründet hatte. Longinus war ebenfalls ein Schüler von Ammonius und wurde als der Gelehrte des Jahrhunderts bezeichnet. Oft wurde er als "lebende Bibliothek" und als "wandelnde Philosophieschule" bezeichnet. Später wurde er Ratgeber der Königin Zenobia von Palmyra, eine Ehre, die ihn schließlich das Leben kosten sollte. Longinus sah den Erfolg seines Schülers voraus und änderte deshalb, wie es damals so üblich war, dessen semitischen Namen Melech (König) in Porphyrios oder Purpurträger um.

In seinem dreißigsten Lebensjahr sagte Porphyrios seinen Lehrern in Griechenland Lebewohl und wurde in Rom ein Schüler in der Schule Plotins. Hier blieb er sechs Jahre. Plotin schätzte ihn sehr und ließ ihn oft die jüngeren Schüler unterrichten und die Fragen von Gegnern beantworten. Bei einer dieser Gelegenheiten - es wurde Platons Geburtstag gefeiert (am siebenten Mai) - trug Porphyrios ein Gedicht vor mit dem Titel Die Heilige Vermählung. Viele der darin enthaltenen Gedanken waren mystisch und okkult, was einen der Anwesenden veranlaßte, ihn für verrückt zu erklären. Plotin war jedoch anderer Meinung und rief entzückt aus: "Du hast dich wahrlich zugleich als Dichter, als Philosoph und als ein Hierophant erwiesen!"

Daß Porphyrios ein Enthusiast war und zu Extremen neigte, war zu erwarten. Er bekam eine Abscheu vor dem Körper mit seinen Begierden und Veranlagungen und erwog schließlich die Absicht, Selbstmord zu begehen. "Das", sagte er, "sah Plotin wunderbarerweise voraus, und als ich allein umherging, stand er vor mir und sagte: 'Deine gegenwärtige Absicht, Porphyrios, ist auf keinen Fall das Gebot eines gesunden Geistes, sondern kommt vielmehr aus einer Seele, die von Melancholie befallen ist.'"

Auf Plotins Ratschlag hin verließ Porphyrios Rom und nahm seinen Wohnsitz in Lilybäum auf Sizilien. Hier erholte er sich bald, und sein Gemüts- und Gesundheitszustand wurden wieder normal. Seinen verehrten Lehrer sah er nicht wieder. Plotin stand jedoch mit ihm in Verbindung, sandte ihm Manuskripte zur Korrektur und Überarbeitung und ermutigte ihn, sich selbst als Schriftsteller zu betätigen.

Nach Plotins Tod kehrte Porphyrios nach Rom zurück und wurde selbst ein Lehrer.

Mit einer aktiveren und praktischeren Veranlagung als Plotin, mit vielseitigeren Fähigkeiten und einem größeren Anpassungsvermögen, mit einer Gelehrsamkeit, die seiner Gewissenhaftigkeit entsprach, untadelig in seinem Lebenswandel, hervorragend in der Erhabenheit und Reinheit seiner Ethik, war er wohl geeignet, alles zu unternehmen, was unternommen werden konnte, um den Lehren, für die er eintrat, Anerkennung und größeren Einfluß zu verschaffen, was für Plotin so unwichtig gewesen war.

- R. A. Vaughan

Sein Ziel bestand darin, den Kult auf ein höheres Ideal auszurichten, abergläubische Vorstellungen abzuschaffen und dem Pantheon, den Riten und den mythologischen Legenden eine spirituelle Auslegung und einen Sinn zu geben. Was gewöhnlich als Götzendienst, Heidentum und Vielgötterei bezeichnet wird, trat in seinen Werken wenig in Erscheinung, es sei denn, sie wurden als solche erläutert. Er machte es wie Plotin, der auf die Frage, warum er nicht in den Tempel gehe und an der Verehrung der Götter teilnehme, antwortete: "Es ist Sache der Götter, zu mir zu kommen."

Zu seinen Lebzeiten faßte die christliche Religion festen Fuß, besonders bei der griechischsprechenden Bevölkerung, wobei ihre Verkünder, anscheinend bis zum äußersten von blindem Eifer beseelt, untolerant waren. Die Ablehnung der alten Bräuche war so offenkundig, daß man am Kaiserlichen Hof starke verräterische Umtriebe vermutete. Ein ähnlicher Verdacht hatte den Römischen Senat veranlaßt, die nächtlichen bacchischen Riten zu verbieten, und auch gegen die abscheulichen Ungeheuerlichkeiten bei der geheimen Verehrung der Venus von Cotytto waren wirksame Maßnahmen ergriffen worden. Den nächtlichen Zusammenkünften der Christen wurde ähnlicher Charakter nachgesagt. Man versuchte daher, das alles energisch zu unterdrücken. Obwohl Porphyrios im allgemeinen sehr vorurteilslos war, lehnte er diese Lehren doch ganz entschieden ab und schrieb fünfzehn Abhandlungen dagegen. Diese wurden später bei der Verbannung durch Theodosius, ohne den Versuch einer Entgegnung, vernichtet.

Gegenüber den theurgischen Lehren und magischen Riten war er in gleichem Maße mißtrauisch. Menschen und Tiere als Opfer und für Weissagungen zu töten wurde von ihm entschieden abgelehnt, da dadurch üble Dämonen angezogen würden. "Eine richtige Auffassung über die Götter und die Dinge selbst ist das beste Opfer", erklärte er.

"Strenggenommen", sagte er, "wird deshalb der Philosoph, der auch ein Priester des Gottes ist, der über allem steht, sich aller tierischen Nahrung enthalten, weil er sich bemüht, nur durch sich selbst dem alleinigen Gott näherzukommen, ohne durch irgend etwas um ihn herum daran gehindert zu werden."

Das war der wahre Kern der neuplatonischen Lehre. "Das", sagt Plotin, "das ist das Leben der Götter und der göttlichen und gesegneten menschlichen Wesen: Freisein von allem Irdischen, ein Leben ohne menschliche Freuden und ein Flug vom Einzeldasein zum Unendlichen."

"Wer ein echter Philosoph ist", fügt Porphyrios hinzu, "ist ein Beobachter und in vielen Dingen erfahren; er versteht das Wirken der Natur, er ist scharfsinnig, enthaltsam und bescheiden und ist in jeder Beziehung der Retter und Erhalter seiner selbst.

Weder die mündliche Sprache noch das innere Mitteilungsvermögen ist passend für den Allerhöchsten Gott, wenn sie durch irgendeine Leidenschaft der Seele besudelt sind; aber wir sollten ihn in der Stille, mit reiner Seele und mit reinen Vorstellungen über ihn verehren.

Es ist nur erforderlich, sich vom Üblen abzuwenden und zu wissen, was in allen Dingen am verehrenswertesten ist, und dann ist alles im Universum gut, freundlich und mit uns verbündet.

Da die Natur selbst eine spirituelle Essenz ist, initiiert sie durch die Höhere Vernunft (nous) jene, die sie verehren."

Obgleich er selbst an Weissagung und an die Verbindung mit spirituellen Wesenheiten glaubte, mißtraute Porphyrios der Bemühung, philosophische Betrachtung mit magischen Künsten oder orgiastischen Bräuchen zu verbinden. Das geht aus seinem Brief an Anebo, den ägyptischen Propheten, hervor, in dem er ausführliche Erläuterungen verlangte über die Künste, Götter und Dämonen zu beschwören, mit Hilfe der Sterne und anderer Mittler zu weissagen, über den ägyptischen Glauben an das Höchste Wesen und über den wahren Pfad zur Seligkeit.

Obgleich wir von keinem formellen Schisma lesen, scheinen doch zwei unterschiedliche Gruppen existiert zu haben - die der Theurgen, vertreten durch Jamblichus, Proklus und ihre Anhänger, und der Schüler des Porphyrios, der Hypathia und anderer Lehrer, die darauf hinwiesen, daß eine intuitive Wahrnehmung bestehe, die in der Seele verankert sei, und daß eine Vereinigung und Kommunion mit der Gottheit durch Ekstase und Ausschaltung des körperlichen Bewußtseins eintreten könne.

Porphyrios sagt:

Durch seine Vorstellungen hatte Plotin mit Hilfe des göttlichen Lichts sich selbst zum Ersten jenseitigen Gott erhoben, und indem er zu diesem Zwecke die Wege benützte, die Plato in seinem Gastmahl erwähnte, erschien ihm die Höchste Gottheit, die weder eine Form hat, noch begriffen werden kann, sondern sich über dem Verstand und jeder spirituellen Wesenheit befindet: von der ich, Porphyrios, also sage, daß ich mich ihr im Alter von achtundsechzig Jahren einmal näherte und mit ihr vereint war. Denn das Ziel und das Bestreben bestand für Plotin darin, sich dem Gott, der über allem ist, zu nähern und mit ihm vereint zu sein. Viermal erreichte er dieses Ziel, während ich bei ihm (in Rom) war, und zwar nicht durch geistige Fähigkeit, sondern auf Grund einer unbeschreiblichen Energie.

Porphyrios lebte bis zur Regierung Diokletians und starb in seinem siebzigsten Lebensjahr. Dem späteren Platonismus hat er eine genau definierte Form gegeben, die jahrhundertelang beibehalten wurde. Selbst nach dem Wechsel der Staatsreligion war die ganze Gewalt der Kaiserlichen Regierung erforderlich, um ihn zu unterdrücken. Selbst als Justinian die Schule in Athen willkürlich schloß und die Lehrer aus Sicherheitsgründen zum König von Persien geflohen waren, gab es immer noch geheime Anhänger der platonischen Philosophie. Später trat sie auch im orientalischen Sufismus und im westlichen Mystizismus in Erscheinung und behielt ihren Einfluß bis zur heutigen Zeit.

Unter den Werken des Porphyrios, die der Vernichtung entgingen, sind seine Abhandlung über Abstinence from Animal Food / Abstinenz von tierischer Nahrung beinahe ganz erhalten; die Cave of the Nymphs / Höhle der Nymphen; Auxiliaries to the Study of Intelligible (Spiritual) Natures / Hilfen zum Studium intelligibler (spiritueller) Naturen; The Five Voices / Die fünf Stimmen; Life of Plotinus / Leben des Plotin; Letter to Anebo / Brief an Anebo; Letter to his Wife Marcella / Brief an seine Frau Marcella; The River Styx / Der Fluß Styx; Homeric Questions / Homerische Fragen; Commentaries on the Harmonies of Ptolemy / Kommentare zu den Harmonien des Ptolemäus. Seine anderen Bücher wurden auf Befehl von Theodosius vernichtet.

Die Cave of the Nymphs / Höhle der Nymphen ist in der Odyssee beschrieben, wonach sie auf der Insel Ithaka liegen soll. Die Bezeichnung ist bildlich und die Geschichte allegorisch zu verstehen. Die Alten wandten viele Gleichnisse an, und der Apostel Paulus hatte keine Bedenken, als er erklärte, daß die Geschichte des Patriarchen Abraham und seiner zwei Söhne allegorisch zu verstehen sei und der Zug der Israeliten durch das Meer und in die Arabische Wüste eine Erzählung sei, die aus Sprachbildern aufgebaut ist. Höhlen symbolisierten das Universum und scheinen in archaischen Zeiten heilige Stätten gewesen zu sein. Es heißt, daß Zoroaster Mithras, dem Schöpfer, eine Höhle geweiht und daß Kronos seine Kinder in einer Höhle verborgen habe. Plato nennt diese Welt eine Höhle und ein Gefängnis. Demeter und ihrer Tochter Persephone wurden in Höhlen Verehrung gezollt. In Norwegen kommen Grotten, die einst als Weihestätten dienten, häufig vor. Mark Twain versichert, daß die "heiligen Stätten" in Palästina von den Katholiken ausfindig gemacht wurden und daß alle Höhlen seien! Die Einweihungsriten wurden in Höhlen vorgenommen oder in einer Reihe von Räumen, die unterirdische Behausungen darstellten, "mit einem schwachen Andachtslicht". Zeus und Bacchus wurden an solchen Orten aufgezogen. Der Mithraskult, der von den Persern übernommen und über die ganze römische Welt verbreitet war, hielt seine Initiationen in Heiligen Höhlen ab.

Die Höhlen hatten zwei Eingänge, einen im Norden für die Sterblichen und einen im Süden für die göttlichen Wesen. Ersterer war für die Seelen, die aus der himmlischen Welt kamen, um als menschliche Wesen geboren zu werden, und der andere für ihr Dahinscheiden von dieser Welt himmelwärts. Ein Olivenbaum, der darüber stand, erklärte das ganze Rätsel. Er versinnbildlichte die himmlische Weisheit und deutete damit an, daß diese Welt kein Produkt des Zufalls ist, sondern die Schöpfung von Weisheit und göttlicher Absicht. Die Nymphen waren ebenfalls Kräfte der gleichen Kategorie. Wer Griechisch kann, wird dies ohne weiteres verstehen. Nymphen hatten die Aufsicht über Bäume und Wasserläufe, die ebenfalls Symbole des Geborenwerdens in diese Welt sind. Numphe bedeutet eine Braut oder ein heiratsfähiges Mädchen; numpheion ist ein Hochzeitsgemach; numpheuma eine Vermählung. Wasser wurde als numphé bezeichnet und bedeutete Zeugung. Kurz, die Höhle der Nymphen mit dem Olivenbaum stellte die Welt dar, mit den Seelen, die aus den himmlischen Regionen herniederstiegen, um hier in einer durch die göttliche Weisheit selbst festgesetzten Ordnung geboren zu werden.

Daraus können wir ersehen, daß die alten Riten und Begriffe, die jetzt als Götzendienst gebrandmarkt werden, nur eidola oder sichtbare Darstellungen geheimer und spiritueller Begriffe waren. Da diese einst mit reiner Verehrung wahrgenommen wurden, geziemt es uns, sie mit Ehrfurcht zu betrachten. Was als heilig angesehen wird, kann nicht ganz und gar unrein sein.

Die Abhandlung über tierische Nahrung umfaßt ein sehr umfangreiches Gebiet, zu dessen Besprechung der Raum nicht ausreicht. Der Kernpunkt ist natürlich, daß ein Philosoph, ein Mensch, der nach höherem Leben und nach höherer Weisheit strebt, einfach und umsichtig leben und sich aus religiösen Gründen enthalten sollte, seinen Brüdern, den Tieren, das Leben für sich als Nahrung zu nehmen. Auch für Opferzwecke Menschen oder Tiere zu töten hält er für abstoßend, dem Wesen der Götter widerstrebend und nur für niedrigere Klassen geistiger Wesen eindrucksvoll.

Er läßt jedoch jene gänzlich aus, die anstrengende Beschäftigungen verrichten. Er erklärt, seine Abhandlung "richtet sich weder an jene, die eine handwerkliche Betätigung ausüben, noch an jene, die sich für athletische Kämpfe verpflichten, oder an Soldaten, Seeleute und Schönredner, auch nicht an Menschen, die ein aktives Leben führen, sondern ich schreibe für den Menschen, der darüber nachdenkt, was er ist, woher er kam und wohin er streben sollte."

Unser Ziel ist, die Betrachtung des Wahren Seins (die Essenz, die wirklich ist) zu erreichen; wobei das erstrebenswerte Ziel ist, soweit es uns möglich ist, eine Vereinigung der betrachtenden Person mit dem Gegenstand der Betrachtung zu erreichen. Der Wiederaufstieg der Seele richtet sich auf nichts anderes als auf das Wahre Sein selbst. Der Geist (nous) ist wirklich existierendes Sein, so daß es das Ziel ist, ein Leben des Geistes zu leben.

Daher werden Reinigung und Glückseligkeit (eudaimonia) nicht durch zahlreiche Diskussionen und Übungen erreicht, noch bestehen sie in literarischen Kenntnissen; andererseits sollten wir uns aber von allem Vergänglichen befreien, das wir angenommen haben, als wir von der ewigen Region in den irdischen Zustand eintraten, und desgleichen auch von der hartnäckigen Neigung, an diesen Dingen festzuhalten. Wir sollten vielmehr unsere Erinnerung an die gesegnete und ewige Essenz, aus der wir hervorgingen, wachrufen und anregen.

Die Abhandlung über intelligible oder spirituelle Naturen ist in Form von Aphorismen geschrieben und bildet den Kern des späteren Platonismus. Wir können daraus nur ein paar Gedanken auswählen. Der Geist als solcher ist ein unteilbares Ganzes. Die Seele ist durch die physischen Leidenschaften an den Körper gebunden und wird befreit, wenn sie leidenschaftslos wird. Die Natur band den Körper an die Seele; aber die Seele bindet sich selbst an den Körper. Daher gibt es zwei Arten des Todes: die eine ist die Trennung von Seele und Körper, und die andere ist die des Philosophen, die Befreiung der Seele vom Körper. Das ist der Tod, den Sokrates in Phaidon beschreibt.

Die Fähigkeiten der Erkenntnis sind Empfindungsvermögen, Imagination und Geist. Das Empfindungsvermögen ist dem Körper und die Imagination ist der Seele zuzuordnen, aber der Geist ist selbstbewußt und wahrnehmungsfähig. Die Seele ist ein Bestandteil ohne Schwere, immateriell, unzerstörbar, sie ist im Leben gegenwärtig und ist aus sich selbst voller Leben.

Die Eigenschaften der Materie sind folgende: sie ist unkörperlich, sie ist ohne Leben, formlos, unendlich, veränderlich und machtlos, sie ist immer im Werden und existent, sie täuscht; sie gleicht einer fliegenden Spottdrossel, die jeder Verfolgung entgeht und sich in Nichts auflöst. Sie scheint voll zu sein und enthält dennoch nichts.

Von jenem Sein, das jenseits des Verstandes ist, werden viele Dinge durch Nachdenken erklärt, aber besser erkannt werden sie durch Einstellen der intellektuellen Tätigkeit. Gleiches wird durch Gleiches erkannt, weil alle Erkenntnis eine Angleichung an den Gegenstand der Erkenntnis ist.

Die Körpersubstanz ist keinerlei Hindernis für das, was essentiell unkörperlich ist; sie kann es nicht daran hindern, zu sein, wo und wie es sein will.

Ein unkörperliches Wesen, eine Seele, ist, wenn sie sich im Körper befindet, nicht darin eingeschlossen wie ein wildes Tier in einem Käfig; sie ist auch nicht darin enthalten wie eine Flüssigkeit in einem Behälter. Ihre Verbindung mit dem Körper kommt durch eine unbeschreibliche Ausdehnung aus der ewigen Region zustande. Sie wird durch den Tod des Körpers nicht befreit, sondern sie befreit sich selbst, indem sie dieses Angekettetsein an den Körper aufgibt.

Gott ist überall gegenwärtig, weil er nirgends ist; und das gilt auch für Geist und Seele. Beide sind überall, weil sie nirgends sind. Da alle Wesen und Nichtwesen von und in Gott sind, deshalb ist er weder Wesen noch Nichtwesen, noch besteht er in ihnen. Denn, wenn er nur überall wäre, könnte er alle Dinge und in allem sein; da er aber gleicherweise nirgends ist, werden alle Dinge durch ihn hervorgebracht und sind in ihm enthalten, weil er überall ist. Sie sind jedoch von ihm verschieden, weil er nirgends ist. Deshalb sind auch Gemüt und Geist überall und nirgends; und das ist auch die Ursache für die Seelen und für die Dinge, die ihnen nachgeordnet sind. Das Gemüt und die der Seele nachgeordneten Dinge sind jedoch nicht die Seele, noch besteht sie in ihnen, weil sie in bezug auf diese nachgeordneten Dinge nicht nur überall, sondern auch nirgends ist. Die Seele ist auch weder Körper noch im Körper, aber sie ist die Ursache des Körpers; weil sie überall ist, ist sie auch in bezug auf den Körper nirgends. Wenn sie aus dem Körper austritt und immer noch mit Geist und Veranlagung - von irdischen Ausdünstungen getrübt - behaftet ist, zieht sie einen Schatten an und wird schwer. Dann lebt sie notwendigerweise auf der Erde. Wenn sie jedoch ernsthaft bemüht ist, sich von diesen Dingen zu trennen, dann wird sie ein strahlender Glanz, ohne einen Schatten und ohne eine Wolke oder einen Nebel.

Es gibt zweierlei Tugenden: gemeinschaftsbezogene und kontemplative. Die ersteren werden gemeinschaftsbezogen oder sozial genannt, weil sie auf eine unschädliche und nützliche Verbindung mit anderen gerichtet sind. Sie bestehen aus Klugheit, Mut, Mäßigkeit und Gerechtigkeit. Diese zeichnen den sterblichen Menschen aus und sind die Vorläufer der Reinigung. "Aber die Tugenden desjenigen, der zum kontemplativen Leben strebt, bestehen in der Abkehr von irdischen Belangen. Daher bezeichnet man sie auch als einen Reinigungsprozeß und betrachtet sie so, daß man von körperlicher Tätigkeit Abstand nimmt und übermäßiges Interesse für den Körper vermeidet; denn sie sind die Tugenden der Seele, die sich selbst zum wahren Sein erhebt." Wer die größeren Tugenden besitzt, hat auch die geringeren, aber umgekehrt trifft es nicht zu.

Wenn behauptet wird, daß das unkörperliche Sein ein Teil ist und dann hinzugefügt wird, daß es aber auch alles ist, so bedeutet das, daß es etwas ist, das durch die Sinne nicht erkannt werden kann.

Der Zweck besteht bei den gemeinnützigen Tugenden darin, die Leidenschaften in ihren praktischen, naturbedingten Auswirkungen in Grenzen zu halten. "Wer den praktischen Tugenden entsprechend handelt oder dazu anspornt, ist ein ehrenwerter Mensch; wer den reinigenden Tugenden entsprechend lebt, ist ein engelgleicher Mensch oder ein guter Dämon; wer allein die Tugenden des Geistes befolgt, ist ein Gott; wer die vorbildlichen Tugenden befolgt, ist ein Vater der Götter."

In diesem Leben können wir die reinigenden Tugenden erlangen, die uns vom Körper befreien und uns mit den Himmeln verbinden. Wir sind jedoch den Freuden und Leiden der Empfindungswelt zugetan und besitzen eine Bereitwilligkeit hierfür. Es ist erforderlich, daß wir uns von dieser Neigung frei machen. "Dies wird dadurch erreicht, daß wir die zwangsläufig auf uns zukommenden Freuden und die Empfindungen dabei lediglich als Heilmittel oder als eine Befreiung vom Schmerz betrachten, so daß die höhere Natur in ihrer Tätigkeit nicht behindert wird."

Kurz, die Lehren des Porphyrios, wie die der älteren Philosophen, lehren, daß wir ursprünglich vom Himmel stammen, aber vorübergehend zu Bewohnern der Erde werden, und daß es das Ziel des wahren philosophischen Lebens ist, die irdischen Neigungen abzulegen, damit wir in unseren ursprünglichen Zustand zurückkehren können.

Gegen die Brandung des Meeres stemmt sich der Bug des Kanus. Die irdischen Wogen werden von der menschlichen Courage überwunden.