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Theosophie entdecken

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Diese aus theosophischen Veröffentlichungen zusammengestellte und gekürzte Sammlung von Artikeln ist eine Einladung für Suchende, die Tiefe und Schönheit der Theosophie zu erforschen und zu genießen. Die Theosophische Gesellschaft widmet sich der Aufgabe, die Universale Bruderschaft verständlicher und in den Herzen der Menschen tiefer spürbar zu machen. Ihre Philosophie ist der universalen Weisheitstradition der Menschheit entnommen, und sie bietet zeitlose Leitsätze, welche intuitives Wissen anregen und auf jede Frage Licht werfen können. Diese Leitsätze stellen interessierten Menschen Werkzeuge zur Verfügung, die Wahrheit in sich entdecken zu können und in die Mysterien der Natur einzudirngen sowie Altruismus und Mitleid für alle Wesen zu fördern.

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© The Theosophical Society
Pasadena, Kalifornien

Copyright © 2007
Stiftung der Theosophischen Gesellschaft Pasadena
Alle Rechte vorbehalten
Titelbild: „Prairie Path“ von Patrice Hughes


Vorwort

Diese aus theosophischen Veröffentlichungen zusammengestellte und gekürzte Sammlung von Artikeln ist eine Einladung für Suchende, die Tiefe und Schönheit der Theosophie zu erforschen und zu genießen. Die Theosophische Gesellschaft widmet sich der Aufgabe, die Universale Bruderschaft verständlicher und in den Herzen der Menschen tiefer spürbar zu machen. Ihre Philosophie ist der universalen Weisheitstradition der Menschheit entnommen, und sie bietet zeitlose Leitsätze, welche intuitives Wissen anregen und auf jede Frage Licht werfen. Diese Leitsätze stellen den Schülern Werkzeuge zur Verfügung, die ihnen helfen können, die Wahrheit in sich zu entdecken und die Mysterien der Natur zu entschlüsseln sowie Altruismus und Mitleid für alle Wesen zu fördern.


1 – Was ist Theosophie?

Es gibt eine Weisheitstradition, die einst universal bei jedem Volk auf dem Antlitz des Globus bekannt war – einen gemeinsamen Schatz der Inspiration und Wahrheit, aus dem die Erlöser und Wohltäter der Menschheit schöpften. In verschiedenen Epochen unterschiedlich bekannt als immerwährende Philosophie, als die Gnosis des griechischen und frühen christlichen Denkens, als esoterische Tradition oder die Mysterienlehren des Heiligtums – ist es diese Gottes-Weisheit, die Jesus mit dem Fischervolk Galiäas teilte; die Gautama dem Fährmann und Prinzen erteilte; und die Plato in Briefen und Dialogen, in Fabeln und Mythen unsterblich machte. Heute wird die moderne Darstellung dieser Weisheit Theosophie genannt.

Was ist Theosophie? Das Wort ist griechischen Ursprungs, von Theos, „Gott“, und Sophia, „Weisheit“, mit der Bedeutung: „Die göttlichen Dinge betreffende Weisheit“. Der Begriff hat eine ehrwürdige Geschichte. Er wurde von den neuplatonischen und christlichen Schriftstellern vom 3. bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. benutzt und ebenso von den Kabbalisten und Gnostikern – in dem Versuch zu beschreiben, wie das Eine zu den vielen wird, wie das Göttliche oder Gott sich in einer Reihe von Emanationen durch alle Naturreiche manifestiert. Das Wort Theosophie wurde während des Mittelalters und der Renaissance gebraucht, und Jakob Böhme wurde wegen seiner Vision des Menschen als Mikrotheos und Mikrokosmos der teutonische Theosoph genannt.

Das Wort Theosophia wird auch mit Ammonius Sakkas von Alexandria in Verbindung gebracht, der seinen Schülern im 3. Jahrhundert n. Chr. ein theosophisches System oder eine Schule des Denkens enthüllt haben soll in einem Versuch, die scheinbar voneinander abweichenden Elemente der archaischen, damals gängigen Weisheit in dieser von Menschen wimmelnden Metropole zu einer universalen Synthese zu verschmelzen. Er hatte einen vorbildlichen Charakter und wurde aufgrund seiner göttlichen Inspirationen, die er erhielt, theodidaktos, „von Gott unterwiesen“, genannt. Ammonius forderte strengste Moralität, und obwohl von seinen Lehren und Praktiken keine Aufzeichnungen gemacht wurden, zeichnete sein Schüler Plotin vorausschauend für die Nachwelt die herausragenden Lehren seines Meisters auf. So haben wir die Enneaden oder „Neun“ Bücher des Neuplatonismus, welche während der folgenden Jahrhunderte einen tiefen Einfluss ausübten.

In Europa verfolgten später die Kabbalisten, Alchimisten, die frühen Rosenkreuzer und Freimaurer, die Feuerphilosophen, Theosophen und andere dieselben Ziele. Einzeln und in Geheimbünden erklärten sie, dass das Eine, das Göttliche, das undefinierbare Prinzip aus sich selbst das gesamte Universum emanierte und dass alle Wesen und die in ihm enthaltenen Dinge schließlich zu jener Quelle zurückkehren. Im Besonderen versuchten sie, der Christenheit in ihren Tagen die spirituelle Wahrheit einzuflößen, dass die mystische Einheit mit dem Göttlichen das Geburtsrecht aller ist, weil in jedem Menschen ein göttlicher Kern existiert.

Somit ist klar, dass das theosophische Streben, seine Lehren und seine Praxis keine neue Bewegung darstellt. Es ist zeitlos und wurzelt in der Unendlichkeit der Vergangenheit genauso fest, wie es in der Unendlichkeit künftiger Äonen verwurzelt sein wird. Die Theosophie hat kein Glaubensbekenntnis, kein Dogma, keine Glaubenssätze, die akzeptiert werden müssen, weil die Wahrheit nicht etwas jenseits oder außerhalb von uns ist, sondern tatsächlich innen ist. Nichtsdestoweniger umfasst sie eine zusammenhängende Gruppe von Lehren über den Menschen und die Natur, die auf verschiedene Arten in den heiligen Traditionen der Welt zum Ausdruck gebracht wurden.

Die moderne theosophische Bewegung begann im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts – eine Intervention zum richtigen Zeitpunkt, denn die vorhergehenden Jahrzehnte wurden Zeuge eines radikalen Umbruchs im spirituellen und intellektuellen Denken. Das Weltbewusstsein war reif für eine Veränderung: Auf der einen Seite hatte der zügellose Materialismus sowohl in der Theologie als auch in der Wissenschaft das unabhängige Forschen im Würgegriff, und auf der anderen Seite wurden viele Menschen, die danach hungerten an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, von der Schimäre spiritualistischer Phänomene in die Irre geführt. Eine kosmische Vision des Menschen und seiner Rolle im Universum war dringend notwendig – eine Vision, die das Vertrauen in das göttliche Gesetz wiederherstellen und eine sinnvolle Erklärung der scheinbar grausamen Ungerechtigkeiten der irdischen Existenz bieten würde.

H. P. Blavatsky, eine Frau mit außerordentlichen Gaben, angetrieben von ihrer furchtlosen Hingabe für die Wahrheit und die Ausrottung der Ursachen menschlichen Leids, wurde die leitende Vertreterin der modernen theosophischen Bewegung. Sie gehörte zu der langen Reihe von ‘Übermittlern’ der universalen Gott-Weisheit und streute elektrifizierende Gedanken, innovative Ideen – Ideen, welche das Denken der Menschheit revolutionieren sollten, in die Gedankenatmosphäre der Welt. Der Hauptgedanke war, dass wir eine Einheit sind. Sie ermutigte die Untersuchung und das Studium des spirituellen Erbes aller Völker, um die Täuschung auszurotten, irgendeine Rasse oder ein Volk wäre das ‘Auserwählte’, hätte die einzige wahre Religion und den einzigen Gott. Sogar eine flüchtige Prüfung anderer Glaubenssysteme erweitert unseren Horizont. Es ist eine spannende Erfahrung, den gleichen goldenen Faden zu erkennen, der jede Tradition durchzieht – ob eine religiöse, philosophische oder sogenannte primitive; wir empfinden sofort Sympathie, eine Empathie mit allen, die diese Wahrheiten besitzen und hegen. Allein das führt zu einer Einheit, zu einem Gefühl des Verständnisses, zu einer Verknüpfung des Schicksals.

Jeder Mensch ist eine Miniatur-Kopie dessen, was die Sonnen und Sterne sind – in Tempeln aus Materie wohnende lebendige Gottheiten. Wir haben eine ebenso lange Pilgerfahrt hinter uns wie vor uns: eine Vergangenheit, erfüllt von langen Erfahrungszyklen, welche die Seele für ihren gegenwärtigen Status reifen ließen, und eine Zukunft mit unbegrenzten Möglichkeiten, während der wir aus unserem Menschsein zum vollkommenen Glanz der Göttlichkeit evolvieren werden. HPB erhebt keinen Anspruch, die Urheberin dieser Lehren zu sein; sie war vielmehr eine Übermittlerin in einer gegenwärtigen Sprache für eine „ausgewählte Anzahl von Fragmenten“ der esoterischen Aufzeichnungen.

HPB lädt uns zu einer Betrachtung einiger „fundamentaler Grundsätze ein, die dem gesamten Gedankensystem zugrunde liegen“ (The Secret Doctrine, 1:13; Die Geheimlehre 1:42), auf welchen die heilige Wissenschaft des Altertums und der religiösen und philosophischen Schulen der Welt gründen. Auf das Essenzielle reduziert besagen sie:

1.) Dass ein ewiges, allgegenwärtiges, unveränderliches Prinzip existiert, das nicht definiert werden kann, da es „jenseits des Raumes und der Reichweite des Gedankens“ ist, und doch emaniert oder fließt aus Ihm alles Leben hervor. Die Theosophie hat für dieses Prinzip keinen Namen, außer es als JENES zu bezeichnen – das Unendliche, Unerschaffene, die wurzellose Wurzel, die ursachlose Ursache. Diese Formulierungen stellen nur den Versuch dar, das Unbeschreibliche zu beschreiben – die Unendlichkeit der Unendlichkeiten, die grenzenlose Essenz des Göttlichen, die wir nicht definieren können. Kurz gesagt – jene wunderbare ursprüngliche Essenz, welche die Genesis als die Finsternis über der Urflut bezeichnet – jene Finsternis, die zu Licht entfacht wurde, als die ‘Elohīm auf die Wasser’ des Raumes atmeten.

2.) Dass Universen gleich sich „manifestierenden Sternen“ in Gezeiten von Ebbe und Flut erscheinen und vergehen – ein rhythmisches Pulsieren von Geist und Materie, wobei jeder Lebensfunke im Kosmos – von den Sternen bis zu den Atomen – dem gleichen zyklischen Muster folgt. Geburt und Tod existieren kontinuierlich, ein Erscheinen und Verschwinden dieser „Funken der Ewigkeit“, da der Rhythmus des Lebens stets neue Lebensformen für zurückkehrende Welten hervorbringt: Galaxien und Sonnen, Menschen, Tiere, Pflanzen und Mineralien. Alle Wesen und Dinge haben ihre Geburts- und Sterbezyklen, weil Geburt und Tod die Tore des Lebens darstellen.

3.) Dass es für alle Seelen, da sie in ihrem Herzen von gleicher Essenz sind wie die „Universale Oberseele“, erforderlich ist, den vollständigen Zyklus von Verkörperungen in den materiellen Welten zu durchlaufen, um aktiv, durch eigene Anstrengung, ihr göttliches Potenzial zum Ausdruck zu bringen.

Weshalb manifestiert sich die Göttlichkeit so oft und in so unterschiedlichen Formen? Jeder göttliche Samen, jeder Gottesfunke, jede Einheit des Lebens muss die großen Zyklen der Erfahrung durchlaufen – von den spirituellsten Reichen zu den materiellsten, um aus erster Hand Wissen über jeden Seinszustand zu gewinnen. Er muss es lernen, indem er zu jeder Form wird, das heißt indem er sich in ihnen verkörpert, während er seinen Lauf durch den materiellen Bogen nimmt.

Hier gibt es eine Vision, welche das Herz erhebt: Die Empfindung, dass jeder Mensch ein notwendiger Teil des kosmischen Zwecks ist, verleiht unseren Bestrebungen, unserem Drang nach Evolution, Würde. Der Grund für diesen großartigen „Zyklus der Notwendigkeit“ ist zweifältig: Während wir als nicht selbstbewusste Gottesfunken beginnen, werden wir, wenn wir alles erfahren haben, was in jeder Lebensform zu lernen ist, nicht nur zu einem volleren Bewusstsein der Vielzahl von atomaren Lebensformen erwacht sein, die als unsere Körper auf den verschiedenen Ebenen dienen, sondern wir selbst werden aus eigenem Recht gottgleich geworden sein.

Wenn wir die enge Beziehung dieser drei Grundsätze für uns selbst erfassen, werden wir erkennen, wie alle anderen Lehren daraus hervorfließen; sie sind wie Schlüssel zu einem größeren Verständnis über Wiederverkörperung, Zyklen, Karma, die Vorgänge nach dem Tod, über die Ursache und die Linderung des Leids, die Natur von Mensch und Kosmos, über das Zusammenspiel von Involution/Evolution und vieles mehr – unentwegt verfolgt die erwachende Seele die ewige Suche.

Die theosophische Philosophie ist so groß wie das Meer: „Unergründlich in seinen Tiefen, gibt es den größten Denkern weitesten Raum und ist an seinen Ufern dennoch flach genug für das Verständnis eines Kindes.“1 Obwohl ihre Wahrheiten tief in kosmologische Feinheiten reichen, durchzieht das Ganze eine schöne Einfachheit: Einssein ist der goldene Schlüssel. Wir sind unsere Brüder, ungeachtet welchen rassischen, sozialen, erzieherischen oder religiösen Hintergrund wir haben. Und diese Affinität ist nicht auf das Menschenreich begrenzt: Sie schließt jedes atomare Leben mit ein, das so wie wir evolviert – alles innerhalb des Netzwerks von Hierarchien, die diesen pulsierenden Organismus, den wir unser Universum nennen, zusammensetzen. Sicherlich war unser großer Fehler, uns als eigenständige, einem feindlichen Universum preisgegebene Teilchen zu betrachten, statt als Gottesfunken, die in der zentralen Feuerstelle des Göttlichen entzündet wurden – als im Wesentlichen eins in der Essenz, wie die Kerzenflamme eins ist mit den Sternenfeuern im Kern unserer Sonne.

Natürlich ist die Anerkennung des Prinzips der universalen Bruderschaft verhältnismäßig einfach im Vergleich damit, sie zu leben. Wir alle haben manchmal Schwierigkeiten, in Harmonie mit uns selbst zu leben, ganz zu schweigen davon, dasselbe mit den anderen zu erreichen. Vielleicht wäre ein erster Schritt, uns selbst zu akzeptieren, Freundschaft mit allem in unserer Natur zu schließen und zu erkennen, dass wir auf diese Weise unsere niederen Neigungen zusammen mit unseren höheren Fähigkeiten annehmen. In dieser Akzeptanz anerkennen wir automatisch die anderen – ihre Unzulänglichkeiten ebenso wie ihre Größe. Das ist tätige Bruderschaft, denn sie zerstreut jene feinen Blockaden, die uns davon abhalten zu empfinden, dass wir alle Einheiten der einen menschlichen Lebenswoge sind.

Bereits das Thema unseres Einsseins mit der Natur hat das moderne Denken und den heutigen Lebensstil revolutioniert. Wieder einmal beginnen wir, uns als Teilnehmer in einem Ökosystem kosmischer Dimension zu erkennen. Wir entdecken, dass wir, die Beobachter, nicht nur das Objekt, das wir beobachten, sondern die Gesamtheit der evolvierenden Wesenheiten maßgeblich beeinflussen. Vor allem erkennen wir – wenngleich bisher nicht in ausreichendem Maß –, dass wir eine Menschheit sind und dass das, was Sie oder ich tun, um jemanden zu unterstützen, allen wohl tut, wir schlagen damit eine klingende Saite der andauernden Symphonie an, die wir gemeinsam komponieren. Obwohl die Last unserer Unmenschlichkeit tatsächlich schwer wiegt, muss sich das Universum sogar über die kleinste Regung von Mitleid in der Seele selbst eines einzigen Menschen freuen.


2 – Die Suche des Menschen nach Wahrheit

Die Wahrheit ist trügerisch. Gelehrte forschen in der Vergangenheit, Wissenschaftler versuchen das Universum, das Atom, den Schmetterling zu erklären; Nachbarn unterhalten sich über den Zaun und bemühen sich, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Diese Phrase, Dinge wie sie sind, ist mächtig. Wir könnten sie provisorisch als Definition der Wahrheit annehmen. Die Dinge, wie sie sind, sind verschieden von dem, was sie unseren Sinnen und unserem beschränkten Denken nach zu sein scheinen.

Unsere Suche nach Wahrheit geht Hand in Hand mit unserer Fähigkeit, sie zu verstehen. Ein Teil dieses Prozesses besteht darin, dass wir unser Wesen mehr öffnen, um besser zu verstehen und mitleidsvoller zu werden. Jene, deren Herz und Denkvermögen größer sind, können tiefer unter die Oberfläche sehen; sie werden durch unsere engen Horizonte nicht begrenzt.

Was hindert uns daran, die Dinge so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit sind? Da spielt natürlich die Täuschung der Erscheinungen, im Osten Māyā genannt, eine Rolle. Unzählige Beispiele bestätigen, dass Erscheinungen täuschen; auch unsere vorgefassten Meinungen stehen uns im Wege. Wir sehen nur, was wir sehen wollen. Wir nähern uns der Realität mit einer Brille, die bereits gefärbt ist. Jede Ära und jede Kultur färbt ihre Brille anders. Wir wollen, dass die Realität sich uns so zeigt, wie wir sie uns vorstellen, anstatt so wie sie ist. Unsere menschliche Natur ist nicht genügend offen und flexibel. Unser Denken ist nicht vorurteilsfrei; und auch unsere Intuition ist nicht lebendig genug, um in das Herz der Dinge einzudringen. Bis jetzt sind wir nur teilweise evolviert oder erwacht.

Jeder hat irgendwie das Verlangen zu wissen, wie die Dinge wirklich sind. „Wie geht es dir?“ fragen wir einen Freund. Wir möchten es wissen. Wir sind mit diesem Menschen verbunden. Sein Wohlergehen und das unsere sind miteinander verknüpft. Wenn es ihm nicht gut geht, fühlen auch wir uns irgendwie schlechter. Was ist wirklich mit ihm los? Nehmen wir an, er sucht einen Arzt auf und wird auf vielfache Weise gründlich untersucht und für gesund erklärt. Was sagt uns das über ihn? Praktisch nichts. Das kommt daher, weil die wichtigsten Aspekte eines Menschen unsichtbar sind. Es ist unmöglich, den wirklichen Menschen nur nach den äußeren Gesichtspunkten zu erforschen, denn er ist viel mehr. Sollten wir nicht dieselbe Beweisführung auch auf andere Gebiete anwenden? Auf Vögel und Blumen, auf den Wind und den Regen, auf Kometen und Sonnen? Besitzen die Dinge hinter dem äußeren Schein nicht auch eine innere Wirklichkeit? Die Dichter verspüren das sehr stark, denn darum geht es in der Dichtkunst.

Was ich sagen möchte ist, dass wir für die innere Wahrheit ebenso offen und empfänglich bleiben sollten, wie wir wachsam sind, sichtbare Erscheinungen zu beobachten und zu klassifizieren. Oft ist es wichtiger, ein Gefühl für die Dinge zu erlangen, als sie zu analysieren, zu messen und zu wiegen. Die Suche nach der Wahrheit ist kein intellektuelles Spiel. Es ist ein Schauen nach innen und ein Schauen nach außen. Was wir außen sehen, würde nichts bedeuten, würde es nicht etwas in uns zünden. Wie können wir Schönheit, Größe, Mut erkennen, wenn diese Eigenschaften nicht in uns sind und wir darauf reagieren? In diesem Sinn wohnt die Wahrheit als ein göttliches Potenzial in uns oder wie Browning es ausdrückte: „In uns allen gibt es ein Zentrum, / wo Wahrheit in Fülle wohnt.“ Aus diesem stillen Zentrum entspringen Strahlen und Einsichten. Der Mystiker oder Weise, der Künstler oder Dichter bringt diese Strahlen zum Ausdruck; und diese haben die Kraft, uns zu erwecken.

Die Wahrheit wohnt im Herzen des Herzens aller Wesen, ob groß oder klein. Einige haben für diese Wahrheit mehr Verständnis entwickelt. Wir sind auf der menschlichen Stufe des Erkenntnisvermögens und des Selbstausdrucks. Vögel sind Vögel auf Grund desselben Prozesses. Götter sind Götter, weil sie das Göttliche entwickelt haben, deshalb war die Suche nach Wahrheit zu allen Zeiten mit der Vorstellung des Pfades verbunden – des Pfades, auf dem die latenten Fähigkeiten entfaltet werden. Wir befinden uns auf diesem Pfad, der uns zur vollen Blüte des Menschseins führt, ob wir das erkennen oder nicht. Wenn wir aber unser Gesichtsfeld erweitern, so dass es mehrere Leben oder die Reinkarnationen umfasst, dann erkennen wir, dass uns die Zeit zur Verfügung steht, die wir brauchen, um unsere höheren Fähigkeiten zu entwickeln. Jene, die darin erfolgreich waren, sind die großen Lehrer und Philosophen: Christus, Buddha, Zoroaster und viele andere, unter ihnen Plato und Pythagoras.

Wahrheit braucht keine äußere Macht, denn sie überzeugt durch ihre innere Wahrhaftigkeit. Nach welcher Art von Wahrheit suchen wir? Religiöse, philosophische oder wissenschaftliche Wahrheit? Mitunter wird angenommen, dass diese drei unvereinbar sind. Das ist jedoch nicht der Fall, denn sie sind Facetten der einen Wahrheit – im Menschen, in der Natur, im Kosmos. Der eine mag sich der Realität vom spirituellen Gesichtspunkt aus nähern, ein anderer vom intellektuellen, ein dritter betrachtet die materielle Welt mit all ihren Wundern und ihrer Schönheit. Sie könnten sich gegenseitig nicht mehr widersprechen als die Tatsache, dass ich eine Seele bin, der Tatsache widerspricht, dass ich auch einen Körper besitze. Richtig verstanden kann die Weisheit eines jeden Zweigs des Lernens die anderen nur vermehren und erweitern, denn jeder Zweig nähert sich derselben Realität von einem anderen Blickwinkel.

Das große Universum umgibt uns von allen Seiten. Es ist unser Elter; wir wurden von und durch das Universum geboren. Alles, was wir im Kleinen darstellen, muss das Universum in einem unermesslich größeren Maßstab sein. Wir brauchen nur nachts hinauszugehen, wenn die weisen, alten Sterne leuchten. Wenn wir in die unermesslichen Himmelsreiche hinausblicken, regt sich etwas in uns – ein Gefühl, das über den begrenzten Verstand hinausgeht. Die Seele sehnt sich nach der Unendlichkeit, die sie nicht erfassen kann: eine Tiefe, die nach Tiefe ruft.

Nach den alten Traditionen hat unser Universum eine bestimmte Struktur und funktioniert auf bestimmte Weise. Es wurde geboren, wie wir geboren wurden, es lebt sein Leben und wird eines Tages sterben, ruhen, wie wir selbst. Und irgendwann in der fernen, fernen Zukunft wird es wiedergeboren werden. Religion, Wissenschaft und Philosophie suchen dafür eine Erklärung und auch für unsere Beziehung zu ihm. Sie suchen nach der Wahrheit des Universums und nähern sich dem Problem von ihrem jeweiligen Gesichtspunkt aus, wobei sie ihre eigene Ausdrucksweise anwenden. Allerdings kann es keine endgültige Darlegung der Wahrheit geben. In dem Maß, in dem jemand in das Mysterium eindringt und ehrlich über seine Entdeckungen berichtet, in demselben Maß werden seine Schlussfolgerungen mit den ebenso ehrlichen Entdeckungen anderer übereinstimmen, ganz gleich ob diese metaphysisch oder physisch sind. Wenn aber der Geist des freien Forschens eine Organisation verlassen hat, die dazu bestimmt war, diesen Geist zu beherbergen, dann bleiben nur leere, zeremonielle, sterile, verstandesmäßige Allgemeinplätze zurück.

Wir sind alle Lernende und teilen miteinander; wir würden sehr wenig lernen, würden wir nur jene um Rat fragen, die unseren Standpunkt vertreten. Oft können wir von jenen mehr lernen, die scheinbar anders denken als wir. Manchmal kann jedoch das Hindernis der Bedeutungen die Menschen, deren Glaubensvorstellungen tatsächlich dicht beieinander liegen, trennen. Würden wir nach Gemeinsamkeiten suchen anstatt nach Unterschieden, fänden wir auf dem weiten Feld der allgemeinen Prinzipien Übereinstimmung. Was ist der Unterschied zwischen dem Karma des Ostens und dem Säen und Ernten im Neuen Testament? Es gibt nur eine Wahrheit, das kann nicht anders sein, aber die Pfade dahin sind so zahlreich wie die Suchenden.

Das bedeutet, dass alle Anstrengungen, die im Verlauf der Zeiten zur Erklärung des Universums gemacht wurden, auf bestimmten, allen gleichermaßen bekannten Prinzipien und Erfahrungen beruhen, ja beruhen müssen, das Mystische und Poetische eingeschlossen.

Eine Art, die Wahrheit in unserem Herzen lebendig und wachsend zu erhalten, besteht darin, sie ständig neu auszudrücken. Sonst werden wir zu Anbetern von Komma und Semikolon, und die Wahrheit wird in gedankenlosen Mantras begraben liegen, die endlos wiederholt werden. Im Verlauf der langen dahingleitenden Jahrhunderte wird der lebendige Geist der Wahrheit in seinen eigenen Institutionen eingekerkert. Dogmen wachsen im menschlichen Denken. Einstmals waren sie Symbole der lebendigen Botschaft, aber früher oder später wurden sie gleich Muscheln, die man an einsamen Stränden findet, oft wunderschön, aber ein Gehäuse, aus dem das Leben und die Bedeutung entflohen sind. Die Antwort auf unserer Suche nach Wahrheit liegt nicht in Institutionen, sie liegt in uns selbst.

Der Geist des Allerhöchsten befindet sich in allen Dingen. Im Wind, der über unser Gesicht weht, im Sperling, im Gänseblümchen und im Kieselstein, in den Leidenden und in denen, die sich freuen, im Schönen und im Hässlichen und in jenem Hässlichen, das durch den Geist im Innern verschönt wird. Die Weisesten der Menschheit haben den Menschen als Kind des Kosmos dargestellt. Sie sahen die Welten, die in den Weiten des Raumes verstreut sind, belebt durch kosmische Gottheiten, in denen wir leben und weben und unser Dasein haben; sie sahen, dass das Leben, das das Universum belebt, auch in uns atmet, und dass auch wir die Nutznießer seiner heiteren Gesetze sind.

Die Wahrheit ist dort außen und hier innen. Sie ist die Art und Weise, wie die Dinge in uns und in unserer Welt sind. Wir werden angetrieben durch die Kräfte in uns, durch die Seelen-Qualität, danach zu suchen. Wieviel erfahren wir durch Leiden? Wie viel durch freudige Erlebnisse? Wie viel dadurch, dass wir tagtäglich auf den Ruf der Pflicht hin unser Bestes geben? Wie viel durch unsere Liebe zu unseren Mitmenschen, bekannten und unbekannten, die mit uns auf dem Lebenspfad wandern?

***

Elektrizität hat es von Anfang an auf der Welt gegeben. Wie viele Millionen von Menschen nahmen ihre Wirkungen wahr, bevor einer sie entdeckte? Gold hat es von Anfang an auf der Welt gegeben. Wie viele gehen an seinem Versteck vorbei, bevor einer gräbt und es findet! Weisheit hat es von Anfang an im Universum gegeben, aber nur jene Denker sind für sie offen, die die Wahrheit vom Gesehenen ableiten können.


3 – Karma

Ein Menschenleben ist voller Ungerechtigkeiten: Unterschiede in den materiellen Voraussetzungen, in den Möglichkeiten und Fähigkeiten und ebenso natürliche oder von Menschen gemachte Katastrophen bringen für hunderte Menschen Leiden ohne irgendeine erkennbare Ursache auf der Seite der Opfer. Gibt es in einer solchen Welt Gerechtigkeit? Können die hinter diesen Ereignissen stehenden Ursachen gefunden werden?

Gewiss leben wir nicht in einem willkürlichen Universum. Physische Ursache und Wirkung bilden die Grundlage sowohl der wissenschaftlichen Erkenntnis als auch der tagtäglichen Entscheidungen. Aber oft verfehlen wir zu erkennen, dass die physische Welt nur die Wirkung oder die äußerste Hülle eines Kosmos ist, der beinahe gänzlich aus Bewusstseins- und Substanzstufen zusammengesetzt ist, die von unseren Sinnen nicht leicht wahrgenommen werden können. Er besteht aus den Körpern von lebenden Organismen, die ein grenzenloses Netz von miteinander verbundenen Leben bilden, die miteinander agieren und aufeinander reagieren.

Diese universale Aktion und Reaktion oder Ursache und Wirkung wird Karma genannt, ein Sanskritwort mit der Bedeutung „Tätigkeit“. Obwohl einige religiöse Überlieferungen es als den persönlichen Willen eines göttlichen Wesens darstellen, ist Karma allgemein gültig und unpersönlich, eine der Natur innenwohnende Eigenschaft. Jede Handlung, jeder Gedanken oder jedes Gefühl ist eine Energie, die sich auf das Universum auswirkt. Das Universum reagiert selbstverständlich, und früher oder später fällt die Kraft wieder auf ihre Quelle zurück. Aktivitäten, die mit den natürlichen Mustern in Harmonie sind, erhalten und stärken jene Harmonie, was dann auf den Erzeuger wieder reflektiert wird; Aktivitäten, die mit den Naturmustern in Konflikt stehen, schaffen Disharmonie, die auch auf den Initiator zurückgeworfen wird. Wenn wir das als Strafe oder Belohnung bezeichnen, projizieren wir damit nur unsere eigenen Gefühle auf den natürlichen Prozess, durch welchen das Gleichgewicht wieder hergestellt wird, nachdem Individuen durch die Anwendung ihres Willens Ursachen erzeugten.

Da wir den direkten Grund unseres Charakters, der Umstände, Beziehungen, der Freuden und Leiden, nicht erkennen, sind wir geneigt, diese als Zufall, Glück, Schicksal oder als den Willen Gottes zu erklären. Die Ungleichheiten im menschlichen Leben sind jedoch von den betroffenen Menschen verursacht – als Einzelperson oder Gruppe. Das geschieht unbemerkt, besonders wenn wir uns als bei der Geburt gänzlich neu geschaffen betrachten, anstatt als Ausdruck eines spirituellen Bewusstseinszentrums mit einer vorherigen Geschichte, die so alt ist wie das Universum selbst.

Wesen, die das menschliche Stadium erreicht haben, haben auf der Erde bereits viele Leben als Menschen verbracht. Sie haben aus sich selbst heraus und als Reaktion auf die Umstände besondere Eigenschaften entwickelt und haben gewisse Fähigkeiten und Mängel verstärkt. Ferner hat jedes Individuum im Kontakt mit anderen Ursachen in Bewegung gesetzt, die ihn zu bestimmten Menschengruppen hinziehen, um die Wirkungen zu erfahren. Jeder Mensch wird mit vielen Neigungen und Beziehungen geboren, die in einer neuen Reihe von Umständen auf eine Gelegenheit warten, sich zum Ausdruck zu bringen und modifiziert zu werden. Wenn wir die vielen Ursachen betrachten, die wir in nur einer Lebenszeit in Bewegung gesetzt haben, brauchen wir uns nicht über die Vielfalt der Umstände auf der Welt zu wundern.

Warum erinnern wir uns nicht an die Ursachen?

Der Grund, warum wir uns vieler von uns in Bewegung gesetzter Ursachen nicht bewusst sind, liegt in unserer komplex zusammengesetzten Struktur. Während des Lebens identifizieren wir uns beinahe gänzlich mit unserer Persönlichkeit und unserem Körper, aber diese Persönlichkeit oder dieses alltägliche psychologische Selbst überlebt den Tod genauso wenig unversehrt wie der Körper. Wenn sich die spirituellen Aspekte aus unserem psychologischen „Körper“ zurückziehen, zerstreuen sich die ihn zusammenhaltenden Kräfte und er zerfällt in psychologische „Atome“, die genauso durch die Natur zirkulieren wie die physischen Atome unseres Körpers nach dem Tod. Wenn die Zeit der Wiedergeburt kommt, sammelt sich das meiste dieser mental-emotionalen Substanz erneut, um die neue Persönlichkeit zu bilden, und die neu zusammengesetzten Elemente haben keine Erinnerung an die Persönlichkeit, bei deren Aufbau sie vorher mitgeholfen haben. Weil diese Atome nichtsdestoweniger eine Prägung der Qualitäten und Neigungen in sich tragen, die ihnen in der letzten Verkörperung eingeprägt wurden, ist die „neue“ Persönlichkeit die direkte Folge und die reihenmäßige Fortsetzung der vorherigen. Wir werden von diesem Karma, das wir nicht gänzlich verstehen oder an das wir uns nicht ganz erinnern, berührt, weil es buchstäblich ein Teil von uns ist, von uns gestaltet wurde.

Dennoch sind wir mehr als psycho-mentale Wesen. Unsere spirituellen Aspekte sind beständig und bewahren die Aufzeichnungen unserer Vergangenheit. Würden wir unser Bewusstsein auf diese Ebenen konzentrieren, könnten wir unsere vergangenen Leben kennen – obwohl das eine sehr ernüchternde Erfahrung sein könnte. Wenn unser tägliches Bewusstsein universaler wird, wächst es allmählich hin zu seiner spirituellen Abstammung – bis die Zeit kommt, wenn wir den Tod und die Wiederverkörperung bewusst durchlaufen und fähig sind, die Ursachen zu verstehen, die unser Leben formen.

Ist Karma Fatalismus?

Wenn alles eine Ursache hat und nichts zufällig geschieht, folgern manche Menschen, dass wir von der Vergangenheit in einem vorherbestimmten und unentrinnbaren Schicksal gefangen sind. Eine solche Anschauung übersieht die Idee, dass wir Wesen sind, die nicht nur aus Materie oder Denken bestehen, sondern in unserem Innern grundlegend mit der kosmischen Göttlichkeit identisch sind. Jedes Wesen in der Natur hat einen freien Willen, obwohl seine Freiheit durch sein Evolutionsniveau und seine Beziehungen mit anderen Wesenheiten begrenzt ist. Diese Begrenzungen bedeuten jedoch nicht, dass wir unseren freien Willen nicht zum Ausdruck bringen können.

Unsere Gewohnheiten des Denkens, Fühlens und Handelns sind machtvolle Kräfte, und es ist einfach, auf dem Weg des geringsten Widerstandes dahinzugleiten. Aber wenn unser Verlangen und unsere Hingabe stark genug sind, können wir uns verändern. Obwohl wir unausweichlich mit den Folgen unserer Handlungen umgehen müssen, müssen wir nicht davon kontrolliert werden. Aus unseren Reaktionen, Motiven und Haltungen entstehen ständig neue karmische Wirkungen, so dass wir in jedem Moment eine neue selbst erschaffene Wesenheit darstellen. Die Persönlichkeit, welche die Auswirkungen vergangenen Karmas empfängt, kann sehr verschieden sein von derjenigen, welche das Karma ursprünglich erschuf – genauso wie sich der reife Mensch gewöhnlich von dem unterscheidet, der er als Jugendlicher war, obwohl er das gleiche Individuum ist und mit den Folgen seiner Entscheidungen als Jugendlicher umgehen muss. Seine gegenwärtige Perspektive kann es ihm sogar möglich machen, den unglücklichen Wirkungen aus seiner Vergangenheit kreativ zu begegnen und etwas potenziell Negatives in eine Gelegenheit zum Lernen und Wachsen zu verwandeln.

Indem wir Ursachen mit einer harmonischeren Qualität erschaffen, können wir viele der früher von uns geschaffenen unharmonischen Wirkungen lindern und vielleicht positive Aspekte finden, während wir Samen einer neuen Art für die Zukunft pflanzen. Somit erlaubt uns Karma, unser Schicksal zu wählen und zu formen, es schenkt uns die Gelegenheit, unser Leben zu leiten, indem wir uns selbst beherrschen und bestimmen, wie sich die Umstände auf uns selbst auswirken.

Karma und Mitleid

Manchmal wird Karma falsch interpretiert als die Rationalisierung der Herzlosigkeit und als die Bewahrung des momentanen Stands von Leid und Ungerechtigkeit – sowohl individuell als auch sozial. Solche Argumentationen ignorieren die Tatsache, dass schwierige Situationen zu erleben nicht nur das persönliche Karma mit einschließt, sondern gleichzeitig anderen die Möglichkeit gibt, zu helfen. Wenn wir anderen gegenüber unnahbar sind, schaffen wir in uns ein Karma, das uns selbst begrenzt. Als Teile einer organischen Einheit, in der Essenz mit jedem und allem eins, ist es unsere Verantwortung, die anderen nach unseren besten Fähigkeiten zu unterstützen. Mitleid und mitmenschliches Gefühl für alle ist der wichtigste Weg zu Wachstum und die Ausdrucksform dessen, was wahrhaftige und edle Menschlichkeit ist.

Der Schlüssel, die Gegenwart zu verstehen, liegt im Erkennen, dass alles eine Ursache und eine Wirkung hat, denn das Universum und alles in ihm wurde durch vergangene Aktivitäten gestaltet. Wir alle haben uns selbst durch zahllose Leben genau zu dem gemacht, was wir gegenwärtig sind, und durch unsere gegenwärtigen Gedanken, Handlungen und Wünsche gestalten wir unser künftiges Selbst. Unsere Reaktionen auf die Menschen um uns bilden Muster von Ursachen, die in künftigen Beziehungen mit jenen Menschen ausgearbeitet werden müssen. Und genauso wie wir das große Lagerhaus unseres vergangenen Karmas sind, so ist jede Wesenheit der Natur ihr eigenes Karma. Als Menschen sind wir Teil größerer Wesenheiten – wie die Erde und das Sonnensystem –, die ebenfalls Karma erschaffen, das die Menschheit genauso beeinflusst wie unsere Handlungen die kleineren Leben berühren, die unseren Körper zusammensetzen.

Zwischen allem bestehen Wechselwirkungen und Reaktionen, denn das Universum ist eine vollständige Einheit, ein allein stehender lebender Organismus, nicht eine Ansammlung von oberflächlich verwandten Teilen, wie es manchmal den Anschein hat. Jeder Teil berührt das Ganze in jedem Augenblick und wird von ihm berührt, und diese Wechselbeziehungen lassen das Universum funktionieren wie es funktioniert. Unser Leben hat einen Einfluss auf alles in und um uns herum; was wir denken, machen und fühlen möchten, ist in seinen Wirkungen nicht auf uns oder jene begrenzt, die wir kennen. Wenn wir über unsere engen selbstzentrierten Aspekte hinausschauen und in Übereinstimmung mit den weit reichenden Interessen von Myriaden uns umgebender Wesen leben können, werden wir zu einem positiven Einfluss von planetarischer Reichweite werden und Karma schaffen, das zu einer gegenwärtigen und künftigen Segnung wird.

***

Fürchte dich nicht, denn jede erneute Anstrengung macht alle früheren Fehler zu Lektionen, alle Sünden zu Erfahrungen. Im Lichte der erneuten Anstrengung verändert sich das Karma deiner gesamten Vergangenheit; es ist nicht länger bedrohlich. Aus dem Blickwinkel der Seele betrachtet steigt es von der Ebene der Bestrafung zur Ebene der Unterweisung auf.


4 – Reflexionen über Die Stimme der Stille

Hilf der Natur und arbeite mit ihr zusammen, dann wird die Natur dich als einen ihrer Schöpfer betrachten und dir gehorsam sein.

Die Stimme der Stille

Unter H. P. Blavatskys Schriften hat ihr hingebunsvoller Klassiker Die Stimme der Stille all die Jahre hindurch eine große Anziehung ausgeübt. Die Unverfälschtheit der universalen Wahrheit ist auf jeder Seite dieses kleinen Büchleins klar zu erkennen, das dem „Dem Buch der goldenen Vorschriften“ entnommen ist, welches seit unzähligen Jahrhunderten die Schritte von Schülern der Mystik auf der Suche nach dem spirituellen Pfad geleitet hat. Die ursprünglichen Vorschriften enthalten ungefähr „neunzig verschiedene kleine Abhandlungen“, von denen HPB neununddreißig auswendig lernte. Kopien sind auf dünnen Scheiben graviert, die „allgemein auf den Altären von Tempeln aufbewahrt werden, die Zentren“ der Mahāyāna-Schulen angehören. In ihren späteren Jahren übersetzte und kommentierte sie ausgewählte Fragmente aus den Vorschriften und gestaltete so dieses Büchlein von großer Schönheit.

Die Stimme umfasst drei „Fragmente“ – Die Stimme der Stille, Die Zwei Pfade und Die Sieben Pforten – gewidmet dem Erwecken des niederen Selbst zum höheren Selbst, dessen Anregungen, Weisheit und tonlose Stimme nicht voll verstanden wird, solange wir dieses Selbst nicht werden, „der Handelnde und auch der Zeuge, … das Licht im Ton und auch der Ton im Licht“.

Mitleid ist die motivierende Kraft sowohl im Mahāyāna Buddhismus als auch in der Theosophischen Gesellschaft. Der bekannte Gelehrte des Zen-Buddhismus, Dr. D. T. Suzuki, schrieb über Die Stimme der Stille:

Zweifellos war Madame Blavatsky in gewisser Weise in die tiefere Seite der Mahāyāna-Lehre eingeweiht worden und brachte dann, was sie für weise hielt, der westlichen Welt als Theosophie heraus.

The Eastern Buddhist (old series), 5:377

Die göttliche Einheit des Lebens, die gerechten und unfehlbaren Wirkungsweisen Karmas und unsere zyklischen Wiedergeburten hier auf Erden bilden die breite Leinwand, auf der die Aspekte der menschlichen Konflikte und Möglichkeiten objektiv dargestellt werden. Es werden auch verschiedene Arten der Illusion behandelt, die aus der „Ketzerei des Sonderseins“ stammen, und die Schulung und Ausübung der Pāramitās oder Tugenden, die für einen aufrichtigen Schüler oder Lehrer erforderlich sind. Diese umfassen Nächstenliebe, Harmonie in Wort und Tat, Geduld, Beharrlichkeit, Gleichmut gegenüber Freude und Schmerz, die durch Dhyāna (Kontemplation) zu Erleuchtung – Prajñā – führen. „Die Zwei Pfade“ und „Die Sieben Pforten“ erklären den Unterschied zwischen dem Pfad des Pratyeka Buddha, der im Höhepunkt seiner Entwicklung äonenlange nirvanische Seligkeit wählt, und dem Pfad des Buddha des Mitleids, den es dazu drängt, seinem wohlverdienten Nirvana zu entsagen, um auf der Erde verbleiben zu können und dabei zu helfen, das menschliche Leid zu lindern. Der Pfad „für sich allein“ wird das Dharma des Auges oder des Intellekts genannt, das Äußere und das Vergängliche; der Pfad, anderen zu helfen ist das Dharma des Herzens, das Beständige und Ewige, bekannt als das wahre Siegel esoterischer Weisheit.

Diese Erde ist unsere Heimat, auf der wir seit langer Zeit die Früchte vergangener Handlungen und Gedanken ernten, manchmal voller Freude, manchmal erfüllt von Leid und Schmerz. Auf sie wird als Halle des Leidens – Myalba (die Hölle) – verwiesen, wegen der Prüfungen, die wir selbst in früheren Leben verursacht haben. Während wir uns durch die Halle des Lernens zur Halle der Weisheit begeben, wird uns allmählich bewusst, dass wahre Freude davon kommt, dass man dem Dharma des Herzens folgt, wenn man das Persönliche dem Selbstlosen und Universalen opfert, die Finsternis der Angst dem Herzenslicht des Mutes.

Zahlreich sind die tröstlichen Gedanken, wenn wir dem eigenen Karma als absolute Gerechtigkeit des karmischen Wirkens positiv begegnen:

Keine einzige Anstrengung, und wäre sie noch so klein, ob in der richtigen oder falschen Richtung, kann aus der Welt der Ursachen verschwinden. Nicht einmal unnützer Rauch verschwindet spurlos … Nie wird die Pfefferstaude Rosen tragen, niemals des süßen Jasmins Silberstern in Dornen oder Disteln sich verwandeln.

– S. 51

Es ist faszinierend, in Der Stimme die Anwendung des Paradoxons zu erforschen. Ein Paradoxon zeigt zwei einander scheinbar widersprechende Seiten derselben Wahrheit als Mittel, um Intuition und Fähigkeiten zu erwecken, die verschieden sind von den rein in der Vernunft begründeten. Sie halten das Denkvermögen davon ab, auf eine Meinung fixiert zu werden, sodass es frei walten kann, um die Möglichkeiten der Bedeutung zu erforschen. Wahrheit ist für immer lebendig und fortschreitend, aber sobald sie in ein Schema gepresst wird, verliert sie ihre Vitalität und wird zum Dogma: „Die Samen der Weisheit können im luftleeren Raum nicht sprießen und wachsen.“

Die Bedeutung des Pfades ist ein in Paradoxa eingebettetes Paradoxon. Individuell sind wir der Pfad, der zum Herzen des Universums führt: „Du bist DU SELBST, das Objekt deiner Suche.“ Kollektiv als Menschen befinden wir uns allerdings alle gemeinsam auf dem Pfad und lernen hier die Lektionen, die zu unserem Stadium des Selbstbewusstseins gehören. Selbstbewusst zu sein ist jedoch nicht gleichbedeutend damit, sich unserer spirituellen Hoffnung bewusst zu sein. Die Herausforderungen und Gelegenheiten sind für jeden von uns gemäß der „karmischen Früchte all unserer früheren Gedanken und Handlungen“ verschieden. „Der Lehrer kann nur den Weg weisen. Für alle gibt es nur einen Pfad; die Mittel, das Ziel zu erreichen, müssen für jeden Pilger verschieden sein.“ Wir leiten bereits unsere eigene Evolution, aber mit jeder weiteren Stufe des Willens und der Verpflichtung, die wir innerlich eingehen, übernehmen wir wachsende Verantwortung für alle unsere Gedanken und Handlungen. Sobald wir einen Schritt mit edler Absicht vorwärtsgehen, sagt das Leben „beweise es“, und die Herausforderungen nehmen zu. Es ist ein langer und immer wieder abwechslungsreicher Weg, da wir im Verlauf unserer Reise durch Versuch und Irrtum oft in Sackgassen und auf Umwege geraten. Dennoch gibt es immer wieder Ermutigungen. „Erinnere dich, … jeder Fehlschlag ist ein Erfolg, und jeder aufrichtige Versuch bringt mit der Zeit seinen Lohn.“ „Wenn du die Sonne nicht sein kannst, sei der bescheidene Planet … Weise den ‘Weg’ … gleichwie der Abendstern jenen leuchtet, die ihrem Pfad im Dunkeln folgen.“

Die Dualität des Denkvermögens ist ein wichtiges Paradoxon, denn das Denken ist die Nabe unseres Menschseins und kann entweder als „Spielplatz der Sinne“ oder als ein Instrument der Seelenweisheit benützt werden. Wir schwanken zwischen dem „Ich bin ich“-Bewusstsein und der „Ich bin ein Teil aller Dinge“-Erkenntnis. Nicht vom Spirituellen erhellte Kopfgelehrsamkeit fällt dem trügerischen Licht der Illusion zum Opfer, welche die Sinne betört und „das Denken blendet“. Sie führt zu Egoismus, Selbstsucht, Grausamkeit und Ehrgeiz, während Bescheidenheit und Unpersönlichkeit die Tore zu Selbsterkenntnis öffnen. Auf der allerersten Seite wird uns gesagt: „Der niedere Gehirnverstand ist der Schlächter des Wirklichen. Der Schüler muss daher den Schlächter erschlagen.“ Das ist eine Anweisung dazu, die negativen Aspekte des Denkvermögens zu überwinden und die Führung zu übernehmen. Der folgende Abschnitt erläutert die wahre Funktion des Denkvermögens:

Der Verstand gleicht einem Spiegel; während er reflektiert, sammelt er Staub an. Er braucht der Seelenweisheit sanfte Brisen, um den Staub unserer Illusionen hinwegzuwischen. Suche, o Anfänger, deinen Verstand und deine Seele in eines zu verschmelzen. … Suche im Unpersönlichen nach dem „ewigen Menschen“, und wenn du ihn gefunden hast, dann schaue nach innen: Du bist Buddha.

– S. 42-43

Durch Erfahrung lernen wir, die Urteilskraft zu üben. Unser größter Lehrer ist das Leben und die Wechselwirkung mit anderen. Das vertraute Paradoxon „gib das Leben auf, wenn du leben möchtest“ bedeutet offensichtlich nicht, die eigene Verantwortung aufzugeben, die Familie zu verlassen und sich in die Berge zurückzuziehen, um spirituell zu werden. „Der Mensch, der seine vorgeschriebene Arbeit im Leben nicht erfüllt – hat umsonst gelebt“:

Folge dem Rad des Lebens, folge dem Rad der Pflicht gegenüber der Rasse, der Verwandtschaft, dem Freund und Feind und verschließe dein Gemüt gegen Freude und Schmerz. Schöpfe das Gesetz karmischer Vergeltung aus.

– S. 53-4

Indem man den Brennpunkt der Aufmerksamkeit auf sinnvollere Prioritäten verlagert und Bindungen an das Persönliche und Selbstsüchtige aufgibt, werden wir „die Hochburg der Seele“ finden, die beständig ist; dabei verwandeln wir die passive Annahme des Lebens in ein aktiveres Wissen und Handeln.

Poetische Bildersprache und Natursymbolik eignen sich für mystisches Denken; und da sich Aspekte des menschlichen Bewusstseins in den Handlungsweisen der Natur spiegeln, haben Symbole, wie zum Beispiel die Lotusblume, Macht zur Inspiration:

Lasse deine Seele jedem Schmerzensschrei ihr Ohr leihen, so wie der Lotus sein Inneres enthüllt, um die Morgensonne aufzunehmen.

Lasse die feurige Sonne keine einzige Schmerzensträne wegtrocknen, bevor du selbst sie nicht vom Auge des Leidenden hinweggewischt hast.

Doch lasse jede heiße Menschenträne auf dein Herz tropfen und dort verweilen. Wische sie erst weg, wenn der Schmerz, der sie gebar, beseitigt ist.

Oh du, dessen Herz erfüllt von Mitleid ist, diese Tränen sind die Ströme, die die Gefilde der unsterblichen Barmherzigkeit tränken. Auf solchem Boden wächst die mitternächtige Blüte Buddhas. …

– S. 28

Könnten die Schmerzenstränen der Menschheit nicht der Ruf sein, der den Buddha des Mitleids dazu führt, seine letzte Wahl zu treffen und Nirvana zu entsagen? „Das Mitleid spricht und sagt: ‘Kann Seligkeit bestehen, wenn alles, was da lebt, leiden muss? Sollst du errettet sein und den Schmerzensschrei der ganzen Welt hören?’“

Das ist die Qualität der Verpflichtung, der Grad des Selbstopfers eines Bodhisattvas oder eines Buddhas des Mitleids, der sich selbst völlig hingibt, um sich „ohne Dank und von den Menschen unbemerkt“ denjenigen anzuschließen, welche den die Menschheit beschützenden Schutzwall aufbauen und erhalten, um uns und diesen Planeten „unsichtbar vor noch größerem Übel“ abzuschirmen.

Wir treffen täglich Entscheidungen, und diese wirken sich in zunehmendem Maß aus – entweder sind sie immer universaler mitleidsvoll oder spirituell selbstsüchtig, wofür der Pratyeka Buddha ein Beispiel ist, der – obwohl völlig rein – dennoch von seinem Ziel Nirvana ohne Rücksicht auf andere geblendet ist. Die edelsten Dinge, die man erwerben kann, stammen aus einfachen Anfängen. Am Beginn der „Stimme“ ist die Maxime zu lesen: „Tritt aus dem Sonnenlicht in den Schatten, um mehr Platz für andere zu schaffen.“ Das ist so klar, dass ein Kind es verstehen kann, und ein wunderbarer Weg, um das Prinzip der Rücksichtnahme lieber auf andere als auf sich selbst anzuwenden. In diesem Büchlein kommen auch Gedanken zum Ausdruck, die so tief sind, dass es viele Leben dauern kann, sie zu verstehen. Wie wenig sehen wir von der großen Wirklichkeit, die wir im Innern sind. Wir alle sind das, wozu wir uns bis jetzt selbst gemacht haben; und unsere Anwesenheit spiegelt sowohl das Unsichtbare als auch das Sichtbare. Das, was Leben um Leben fortdauert, ist tief im Innern verborgen, ungesehen und unbemerkt:

Richte den Blick deiner Seele fest auf den Stern, dessen Strahl du bist, auf den flammenden Stern, der in den dunklen Tiefen des Immerseienden, den grenzenlosen Gefilden des Unerkennbaren, leuchtet.

– S. 48

Die Schönheit dieser Worte führt Gedanken und Gefühle hinweg von dem irdischen Pfad zu jenen grenzenlosen Gefilden des Unerkennbaren, in denen das innerste Selbst zu Hause ist. Diese Art der Nachdenklichkeit verleiht dem täglichen Leben tiefere Obertöne und macht es möglich, ein oder zwei Zeilen aus diesen Vorschriften zu entnehmen und sie tagelang fest im Gedächtnis zu behalten. Das ist eine natürliche Form der Meditation, die immer weiter andauern kann, ohne die gewöhnlichen Tätigkeiten zu unterbrechen, denen man volle Aufmerksamkeit schenken sollte. Und man weiß nie, wann eine plötzliche Intuition durch das Denkvermögen blitzt und wertvolle Erkenntnisse auslöst. Denn diese Worte haben eine Kraft – die lebendige Kraft der zeitlosen Wahrheit, der Weisheit des Göttlichen und der Stimme der Stille.

***

Deshalb übe, übe ständig deinen Willen. Öffne dein Herz mehr und mehr. Gedenke der Göttlichkeit in deinem Innersten, der innersten Göttlichkeit in dir – dein Herz, dein Kern. Liebe andere, denn diese anderen bist du selbst. Vergib ihnen, denn dabei vergibst du dir selbst. Hilf ihnen, denn dabei stärkst du dich selbst.


5 – Spirituelles Wachstum oder spiritueller Behaviorismus?

Viele Möglichkeiten, sich mit dem Thema persönlichen Wachstums auseinanderzusetzen, wetteifern heutzutage um Anhänger, und es ist schwer zu unterscheiden, was nützlich oder schädlich und was nur belanglos ist. Die moderne Haltung trübt die Angelegenheit, indem sie die Betonung auf Bequemlichkeit, schnelle Ergebnisse und technische Lösungen und darauf, dass alles von unserer Seite aus mit möglichst minimalem Einsatz geschehen kann, legt. Unser Interesse gilt den Symptomen und dem Verhalten, weniger ihren Ursachen. Wir hätten gerne eine Pille, eine Technik, ein Gerät – fertig verpackt, automatisch, schnell wirkend, narrensicher –, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Wir erkennen diese Haltung des spirituellen Behaviorismus in Selbsthilfe-Tonbändern, die versprechen, dass der Hörer sich verändern und Fortschritte machen wird, wenn er sie immer wieder anhört, wobei unterschwellige Tonbänder keinerlei bewusste Anstrengung erfordern. Es klingt sehr angenehm: Eine schmerzlose, wirksame Lösung für so viele Probleme und ein leichter Weg zu persönlichem und spirituellem Wachstum – es fällt schwer, einem Versuch zu widerstehen. Wenn es bei dieser Art des Vorgehens auch „Ergebnisse“ geben mag, bleibt es dennoch unklar, ob sie imstande ist, eine sinnvolle, persönliche Entwicklung zu fördern.

Religiösen Überlieferungen haben die Jahrhunderte hindurch versichert, dass die Menschen sowohl göttliche wie psychische und physische Wesen sind. Menschliches Wachstum ist eine Langzeit-Angelegenheit; aus der Perspektive der Reinkarnation ist es tatsächlich ein langfristiges Projekt. Gegenüber diesem Panorama der menschlichen Existenz wird eine sofortige Befriedigung irrelevant. Wir evolvieren langsam, um mitleidsvolle, selbstbeherrschte Meister jener Charakteristika zu werden, die uns von den Tieren unterscheiden. Auf dieser evolutionären Reise zählt das Unterwegssein viel mehr – die Bemühungen, die Motive, das Verhalten – als das Erreichen eines bestimmten Ziels oder der Besitz besonderer Eigenschaften und Fähigkeiten. Wirkliches Wachstum liegt in unserer Verwandlung, so dass Vervollkommnung als natürliches Ergebnis folgt und nicht als etwas, das uns aufgepfropft wurde. Indem wir äußere Erfolge zu einem Nebenprodukt der inneren Entwicklung und nicht zu einem Ziel an sich machen, sind wir immer mehr imstande, alles, was auf uns zukommt, in einer positiven, selbstbewussten Art anzunehmen. Wenn wir uns andererseits verändern lassen, ohne die Anstrengung selbst zu unternehmen, geschieht es leicht, dass wir immer passiver werden und immer offener sowohl für die Einflüsse anderer als auch für die unserer unentwickelten Aspekte. Passive Methoden, die mehr mit den Symptomen unseres inneren Zustands als mit diesem Zustand selbst zu tun haben, untergraben gerade die Qualitäten, die wir am nötigsten brauchen, um vollkommene Menschen zu werden: Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, ein aktiver Wille und das Vertrauen in unsere eigene Stärke und Weisheit.

Diese Situation legt eine Analogie nahe: Um den Ertrag zu steigern, sind die Landwirte zur Benutzung von Kunstdünger, Pestiziden, Herbiziden, zu unüberlegter Bewässerung und Monokultur übergegangen. Während diese Praktiken Gewinn abwerfen, ruinieren sie mit der Zeit den Boden und verursachen die Verschmutzung und Senkung des Grundwasserspiegels. Organische Prozesse gestatten es den Pflanzen, ohne Schaden für die Umgebung zu gedeihen und den Boden zu verbessern, so dass der Ertrag weiterhin steigen kann. Wie bei der organischen Landwirtschaft hängen nutzbringende Entwicklungsmaßnahmen von einer sorgfältigen Vorbereitung und der Einbindung in die Naturprozesse ab. Sie sind keine schnellen Hilfsmittel, die massenweise hergestellt werden können. Wenn wir unser Denkvermögen und unsere Energien kultivieren und kontrollieren, so dass unser Dasein auf die Weiterentwicklung gerichtet ist, wird Wachstum beginnen und anhalten. Ein derartiges Programm hängt nicht von dramatischen Resultaten ab, die auf Kosten der Zukunft produziert werden. Techniken wie Hypnose, Selbsthypnose und eine unterschwellige Programmierung bringen oberflächliche Ergebnisse, während sie die grundlegenden Faktoren, die wir zum ständigen spirituellen Wachstum brauchen, untergraben. Wenn wir schnelle Resultate aus solchen Praktiken erzielen, werden wir wahrscheinlich erschöpft und an einem Punkt zurückgelassen, der unter unserem gegenwärtigen Wachstumsniveau liegt.

Die großen Antreiber für die Verwendung der Chemie in der Landwirtschaft sind wiederum die Hersteller, deren Gewinne vom Verkauf und der steigenden Anwendung abhängen. Die Konzernvertreter waren für die Landwirte die primäre Quelle bezüglich dieser Methoden. Auch im Bereich der menschlichen Entwicklung sind oft diejenigen die wichtigsten Befürworter einer besonderen Technik oder Ansicht, die finanziell von ihrer Annahme profitieren. Ein weiterer Grund, dass jeder selbst denkt und nachforscht und vorsichtig ist, Praktiken anzunehmen, die ein anderer zu verkaufen versucht.

Aus einer anderen Sicht kann die Anwendung von mechanischen oder passiven Methoden eine Entwicklung forcieren, für die wir noch nicht vorbereitet sind, so dass wir leichter innerlich aus dem Gleichgewicht geraten. Es ist viel leichter, uns für bestimmte Erfahrungen und Energien zu öffnen, als sie, wenn wir einmal damit angefangen haben, zu beherrschen oder uns davor zu schützen. Große Unterscheidungsfähigkeit ist erforderlich, um die Ergebnisse zu bewerten. Hatha Yoga wird zum Beispiel gewöhnlich als ein auf den Körper bezogenes Übungssystem für Fitness und Gesundheit angeboten. Es kann jedoch die psychischen Zentren des Körpers aktivieren, was die Hindu Yogis sehr gut verstehen. Gleich jenen Techniken, die entwickelt wurden, um Kundalini und ähnliche Energien zu erwecken, können sie dramatische Resultate erzeugen und zu beunruhigenden Erfahrungen führen, mit denen schwierig umzugehen ist, selbst wenn ein kompetenter Lehrer dabei ist. Die meisten von uns sind noch nicht imstande, diese Phänomene zu kontrollieren, weil wir in uns noch nicht das Fundament gelegt haben, das die Anwendung dieser Methoden für uns natürlich macht.

Außerdem kann die Anwendung von Methoden zur persönlichen Veränderung, die an unserem Selbstbewusstsein vorbeigehen, dazu führen, dass wir die Verbindung mit jenen Bereichen in uns verlieren, die laut nach unserer Aufmerksamkeit rufen. Deutet eine Veränderung im Verhalten oder im mentalen Muster an sich auf inneres Wachstum hin oder lediglich auf das Unterdrücken von unerwünschten Symptomen? Wir alle möchten hin und wieder unseren Unvollkommenheiten und Schwierigkeiten entkommen, aber sind diese nicht lediglich Hinweise auf Bereiche in uns, die verändert werden müssen? Genauso gut könnten wir meinen, es wäre wunderbar, physischen Schmerz zu eliminieren; aber ohne die negative Rückwirkung unseres Körpers würden wir sehr bald krank. Wir wüssten nicht, ob wir verletzt sind oder wann wir reagieren oder unser Verhalten ändern müssen. Lepra ist ein Beispiel für die traumatischen Wirkungen, wenn man die Wahrnehmung der physischen Verletzung verliert, wenn der Körper verwundet, infiziert und schließlich deformiert wird, weil dem Leidenden die normale physische Empfindung fehlt. Ähnlich können wir ohne den heilsamen psychischen Schmerz – wenngleich unwillkommen – zu spirituell Aussätzige werden, zunehmend entstellt in unserem spirituellen Körper, weil die dementsprechende Rückmeldung über unser inneres Umfeld fehlt.

Vielleicht lautet die grundlegendste Frage: Warum möchten wir uns überhaupt „verbessern“? Der primäre Gewinn, der zu Gunsten vieler verfügbarer Techniken aufgelistet wird, besteht darin, erfolgreich zu sein – persönlich, finanziell, mental, sozial, spirituell und physisch. Während wir das allgemein als ein normales, sogar empfehlenswertes Motiv akzeptieren, spiegelt es eine egozentrische und keine universale Einstellung. Anstatt uns zum spirituellen Zentrum unseres Wesens zu führen, neigt das eher dazu, uns auf unsere Persönlichkeit zu konzentrieren, und damit wird der Haltegriff des Egos auf uns verstärkt. Der Mahāyāna-Buddhismus weist klar auf die Gefahr spiritueller Selbstsucht hin. Wer um seines persönlichen Erfolgs wegen nach der Verbesserung seiner Selbst strebt oder dem Schmerz des menschlichen Daseins entkommen möchte, kann große spirituelle Fortschritte machen sowie psychische und spirituelle Fähigkeiten daraus entwickeln, aber dennoch ist das grundsätzlich ein „selbstzentrierter“ Weg und daher begrenzt. Bei dieser Betrachtungsweise besteht immer die Gefahr, destruktiv selbstsüchtig und in der Entwicklung rückläufig zu werden, sowohl zum Schaden anderer als auch zum eigenen. Der Mensch, dessen Wachstum aus einer allumfassenden Liebe und aus dem Wunsch resultiert, für alle um ihn herum hilfsbereiter zu sein, selbst wenn das eine Verzögerung oder gar Ausbleiben seines eigenen persönlichen Fortschritts bedeutet, hat sein Ziel auf einen Zustand jenseits persönlicher Begrenzung gerichtet. Wenn wir uns auf Resultate, Erscheinungsbilder und das Konkrete konzentrieren, sind wir geneigt, das Motiv als metaphysischen Faktor und deshalb folgewidrig aufzugeben. Das Motiv ist jedoch der Hauptfaktor in der menschlichen Entwicklung; es zeigt die Richtung an, in die wir gehen und welche Art von Mensch wir letztlich werden möchten – und was wir uns wünschen, werden wir mit der Zeit.

Wie können wir nun den Wert der verschiedenen Entwicklungsprogramme ermitteln? Es ist äußerst wichtig, dass jeder Mensch seine eigene Unterscheidungskraft anwendet. Allerdings sind die beiden Schlüsselelemente des Nachdenkens die Selbstlosigkeit und die Universalität. In dem Maß, in dem eine Technik an unser Verlangen appelliert, etwas für uns selbst oder umsonst zu erreichen, in dem Maß konsolidiert es unser Ego, statt seine Beherrschung unseres Bewusstseins aufzulösen. Das schließt nicht aus, dass sich mit zunehmendem Verständnis verbesserte Lernmethoden auftun – obwohl nur jene Erfahrungen, die in unserem tieferen Selbst erarbeitet sind, unserem Charakter dauerhaft hinzugefügt werden, während die oberflächlichen Gewohnheiten sich nach dem Tod mit unseren physischen und psychischen Körpern auflösen. Wir müssen jedoch über die Resultate hinausgehen und zu einer Bewertung gelangen, die auf Motiven, Einstellungen und der natürlichen Funktion spiritueller Kräfte in uns beruht. Was ist im menschlichen Leben wirklich wichtig? Die Bhagavad Gītā gibt uns den Rat nach Weisheit zu suchen, „indem wir dienen, eingehend forschen, Fragen stellen und Demut zeigen“ – die Tätigkeiten betonend, ohne persönliches Anhaften an den Resultaten. Zum inneren Wachstum gibt es keine Abkürzungen, denn es ist ein aktiver Prozess, der nicht nur bedeutet, aufnahmebereit zu sein. Die Konzentration unseres Bewusstseins auf das Göttliche und das Herangehen an unsere Handlungen vom Standpunkt des Höchsten statt von unserer Persönlichkeit aus – das ist der zeitlose Pfad zu spirituellem Wachstum. Wenn wir eine weniger selbstbezogene Haltung einnehmen und uns auf das Dienen konzentrieren, werden wir erkennen, dass wir die nötigen Qualitäten besitzen und effektiv mit unseren Problemen und Unvollkommenheiten umgehen können.


6 – Unendliche Unvollkommenheit

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Wenn wir unsere Erde, Gaia, betrachten, ist es schwer zu übersehen, dass wir zusammengehören. Viele von uns sind irgendwo auf diesem Foto. Wenn wir es so betrachten, hilft es uns daran zu denken, dass wir alle buchstäblich zusammen gehören – wieviele Pfade es auch immer geben mag, grundlegend befinden wir uns auf demselben Pfad. Wenn wir das Bild genau betrachten, sehen wir ein Lebewesen, beseelt wie wir, evolvierend und wachsend wie wir. So wie Gaia evolviert, evolvieren wir und umgekehrt.

Aber wohin evolvieren wir? Heilige Texte verkünden oft, dass das höchste Ziel Vollkommenheit ist. Zum Beispiel berichtet die Prajñāpāramitā Sūtra, eine der wichtigsten Lehren des Mahāyāna Buddhismus, von sechs Vollkommenheiten (von Geben, Moral, Geduld, Kraft, Konzentration und Weisheit), aber sollen wir glauben, dass es eine Moral- oder Geduldebene gibt, die nicht verbessert werden kann? Die Bibel sagt uns: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Matthäus 5:48). Vollkommenheit bedeutet gewöhnlich, dass keine weitere Evolution möglich ist und impliziert klar ein schließliches und definitives Ende. Man fragt sich also, ob Vollkommenheit eine tatsächliche Realität oder eine funktionale Vorstellung ist; ein erreichbares oder ein wertvolles Ziel. Wenn wir die Immensität unseres Universums, sichtbar und unsichtbar, bedenken, können wir uns wirklich einen endgültigen Abschluss vorstellen, eine letzte Episode, jenseits der keine weiteren Kapitel geschrieben werden, eine Unendlichkeit, die endet?

Die Theosophie spricht nur von vorübergehenden Enden, relativen Vollkommenheiten und Mini-Vollendungen, bis die nächste Phase der Reise beginnt. Mit ihrer Implikation, dass etwas vollendet wurde, steht Perfektion immer in Beziehung zu einem Kontext. Könnte es in einem unendlichen Universum überhaupt eine schließliche Perfektion oder eine endgültige Zahl geben? Während wir so an vorübergehende Grenzen, zu begrenzten Ruhepunkten und momentanen Vollkommenheiten gelangen können, hält die theosophische Philosophie daran fest, dass es im Herzen unserer Pilgerfahrt ein endloses, voranschreitendes Werden gibt:

Die Geheimlehre lehrt die fortschreitende Entwicklung von allem, sowohl von Welten als auch von Atomen; und diese erstaunliche Entwicklung hat weder einen erfassbaren Anfang noch ein vorstellbares Ende. Unser „Universum“ ist nur eines von einer unendlichen Zahl von Universen, … wobei jedes von ihnen zu seinem Vorgänger in Beziehung einer Wirkung und zu seinem Nachfolger in der einer Ursache steht.

Das Erscheinen und Verschwinden des Weltalls wird als das Aus- und Einatmen des „Großen Atems“ geschildert, welcher ewig und – als Bewegung – einer der drei Aspekte des Absoluten ist – die beiden anderen sind Abstrakter Raum und Dauer. Wenn der „Große Atem“ ausgestoßen wird, heißt er der Göttliche Atem und wird als das Atmen der Unerkennbaren Gottheit – der Einen Existenz – betrachtet, welche gewissermaßen einen Gedanken ausatmet, der zum Kosmos wird … Desgleichen verschwindet, wenn der göttliche Atem eingezogen wird, das Weltall wieder in den Schoß „der Großen Mutter“, die dann „in ihre unsichtbaren Gewänder gehüllt“ schläft.

– H. P. BLAVATSKY, SD 1:43, GL 1:44

Das wurde 1888 geschrieben, als die westliche Wissenschaft glaubte, dass es im Universum nur eine Galaxie gibt – unsere. In ihren Schriften beschreibt H. P. Blavatsky eingehend, wie das Universum immer auf der Grundlage von Prinzipien handelt. Eines jener Prinzipien ist, dass jede Manifestation periodisch erfolgt, zyklisch. „Manifestieren“ bezieht sich auf alles, das eine Form annimmt – Gedanken, Ideen, Gefühle und auch sichtbare physische Formen. Auf einem solchen Verständnis für Zyklen beruhend können wir die Philosophie von Karma (Zyklen des Handelns) und Reinkarnation (Zyklen der Wiedergeburten) anerkennen.

Die eigentliche Natur des Geistes, der sich selbst durch Materie zum Ausdruck bringt, ist zyklische Bewegung. Der Wechsel von Tag und Nacht, von Licht und Dunkelheit ist so tief mit unserem Sinn für die Zeitfolge verbunden, dass man leicht übersehen kann, dass die planetarischen Rhythmen aus der Rotation der Erde um ihre Achse entstehen. Wenn man in einem Zimmer sitzt, ist die Illusion der Ruhe so real, dass man schnell vergessen kann, dass Gaia, und wir mit ihr, am Äquator mit ungefähr 26 Kilometern pro Minute rotiert – das sind etwa 1.500 Kilometer pro Stunde (36.000 Kilometer pro Tag). Gleichzeitig rast das Wesen, das wir unser Sonnensystem nennen, mit 180 Kilometern pro Sekunde um sein galaktisches Zentrum durch den Raum. Die taumelnde Erde und Sie und ich flitzen rund um die Sonne und durcheilen dabei jährlich mehr als 880 Millionen Kilometer unerforschten Raums – wobei wir die ganze Zeit über innerhalb unseres Milchstraßen-Galaxis-Raumschiffs getragen werden und mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Sekunde dahinschießen. Wenn wir unsere Geburts- und Jahrestage in den Kalender eintragen, denken wir vielleicht an unsere Tage, unser Leben, unsere Jahre, die immer wieder kreisend dorthin zurückkehren, wo sie ihren Ausgang nahmen, aber eigentlich nehmen wir an einer Reise durch brandneues Territorium im Raum teil: Jede Sekunde sind wir an einem neuen Ort, obwohl uns die vertrauten Orientierungspunkte der Tag-und-Nacht-Gleichen und Sonnenwenden geschenkt sind.

Wenn wir darüber nachdenken, können wir erkennen, dass alles – Seelen, Gedanken, Menschen – seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Bewegung hat. Die Erde umkreist die Sonne, der Mond die Erde und die Jahreszeiten, die aus diesem Herumwirbeln und Drehen entstehen, sind Parallelen zu den Zyklen von Geburt, Erblühen, Tod und Wiedergeburt, an denen wir psychologisch, intellektuell und spirituell teilhaben. Zyklen innerhalb von Zyklen: Unser Blut pulsiert, unser Atem zirkuliert und in der Nacht bewegen wir uns durch Schlafzyklen. Als Kinder der Sonne, des Mondes und der Erde nehmen wir gemeinsam mit ihnen an fortlaufenden Zyklen der Evolution und Involution teil, inneren und äußeren, die aus dem universalen Puls des Kosmos – der seinerseits das Herz des Herzens der Göttlichkeit als Zentralsonne hat – hervorfließen und mit ihm synchron sind. Die Ähnlichkeit der Struktur eines Atoms mit der des Sonnensystems betrachtend können wir uns sogar vorstellen, wie unsere Körper aus Miniatur-Sonnensystemen zusammengesetzt sind. Jedes von ihnen ist aus unzähligen Leben aufgebaut. Drei oder vier Tage nach der Befruchtung eines menschlichen Eies hat es sich tatsächlich geteilt und vervielfältigt und ist selbst so gewachsen, dass es wie ein kleiner Planet aussieht.

Genauso wie sich jeder von uns als ein Wesen wahrnimmt, so ist auch das Sonnensystem ein Wesen. In der Hindutradition wird unser gesamtes Sonnensystem als das Ei Brahmas bezeichnet. Es kann betrachtet werden als

ein gewaltiger, eiförmiger, zusammengesetzter, im Raum schwebender Körper. Wenn ein Astronom auf einem fernen Globus in den stellaren Tiefen unser ‘Ei des Brahmā’ sehen würde und wenn er es von der geeigneten höheren Ebene oder Welt aus sehen könnte, dann würde ihm unser ganzes Sonnensystem als ein eiförmiger Lichtkörper erscheinen – als ein eiförmiger, unauflöslicher Nebel, … zusammengesetzt aus konzentrischen Sphären, die ihren Mittelpunkt in der Sonne haben. Jede einzelne dieser Sphären ist eine kosmische Welt. Ihr Herz – das Zentrum jeder einzelnen – ist die Sonne. Die Welt oder Sphäre unserer Erde ist eine dieser Sphären. Sie umgibt die Sonne als eine Sphäre dichter Substanz und der Kern dieser Sphäre oder in diesem Ei – denn das ist es – ist das, was wir gewöhnlich unsere Erde nennen. Das Gleiche gilt für die Sphäre des Merkurs, für die Sphäre der Venus, für die Sphäre des Mars, des Jupiters und des Saturns …

– G. DE PURUCKER, Die vier heiligen Jahreszeiten, S. 17-18

Der Umlauf der Erde ist also nicht bloß ein unsichtbarer Durchgang, sondern beschreibt eigentlich den Umriss des Wesens der Erde. Der Körper des Planeten, den wir sehen, ist ein vorübergehender Fokus für die spirituellen und materiellen Kräfte jenes Wesens. Die Umlaufbahn der Erde liegt innerhalb des Umlaufs von Mars, wie eine russische Matroschka-Puppe, nicht wie die festgelegten kristallinen Sphären, die sich die meisten vorstellen, sondern mehr wie einander völlig durchdringende Reiche. Wie Ezekiel sagte: „Räder innerhalb von Rädern.“ Die Umlaufbahn von Mars liegt, Zwiebelschalen gleich, innerhalb der von Jupiter, und die Umlaufbahn des Sonnensystems rund um das galaktische Zentrum beschreibt noch eine weitere Ebene oder ein weiteres Reich oder eine andere Bewusstseinswelt, belebt mit einer unendlichen Anzahl von Bewusstseinsarten.

Wenn wir unsere spiralförmige Galaxie betrachten, beginnen wir zu verstehen, worauf sich das Prajñāpāramitā Sūtra beziehen mag, wenn es von „all den bewussten Wesen in diesem Milliarden-Weltsystem“ spricht. Jeder Planet, Mond und Stern ist ein Ausdruck, ein vorübergehender Brennpunkt eines kosmischen Wesens, das sich in verschiedenen Welten oder Reichen manifestiert und von Wesenheiten und Bewusstseinsarten bevölkert ist – konzentrische Sphären, von denen jede alle anderen miteinschließt. Das ist die evolutionäre und revolutionäre Struktur des Universums – des Universums um uns herum genauso wie jenes in uns. Wir Menschen sind Zellen im Körper der Erde, des Sonnensystems und der Galaxie; und genauso wie unser Körper aus lebendigen Bewusstheiten aufgebaut ist, so ist auch jeder Einzelne von uns ein lebendiger Teil des Planeten Erde. Wir können uns vorstellen auf der Erde zu leben, aber wir leben in ihr so wie wir in der Sonne leben. Die Sterne sind Millionen von Kilometern entfernt, während des Tages für uns unsichtbar; trotzdem ist immer irgendein Aspekt von ihnen anwesend – ungesehen, weit weg, aber gegenwärtig.

Der wahre Mensch ist unsichtbar. Jeder von uns könnte ein Auge verlieren oder ein oder zwei Gliedmaßen und doch noch er selbst bleiben (es ist seltsam darüber nachzudenken, auf wie viel von unserem physischen Körper wir verzichten und doch noch gegenwärtig sein könnten). Wir sind essenziell unsichtbare Wesen, die sich durch eine Vielfalt von Vehikeln des Geistes, des Denkens und der Wünsche manifestieren, und wir sind auch kosmische Reisende. Wenn die Inkarnation auf Erden beginnt, tragen wir einzellige „Raum“-Anzüge. Unsere Körper verändern sich, unsere Vehikel verändern sich, das Leben schreitet voran. Wie die Sonne, die die Planeten in ihre Umlaufbahnen zieht, sammelt und hält unsere göttliche Sonne alle Aspekte unseres Wesens in einem kohärenten Ganzen. Wir sind alle wie ein Sonnensystem mit spirituellen Kräften, die durch unsere innere göttliche Sonne strömen. Und sehr oft sind wir auch wie jene Teleskope, von denen William Q. Judge schrieb, und zeigen dorthin, wo das Reale nicht ist, wobei wir vergessen, uns nach innen zu wenden, zu der unsichtbaren Sonne im Herzen unseres Wesens. Wir müssen immer tiefer schauen, unter der Oberfläche unseres gegenwärtigen Verständnisses, da das Leben unendlich komplex ist. Es gibt kein endgültiges Ende dieser Zyklen, keine schließliche Vollkommenheit ein für alle Mal, sondern eine weitergehende Reihe sich immer weiter perfektionierender Vorgänge.

Es ist sehr tröstlich zu entdecken, dass sich die Natur selbst unentwegt wiederholt. Irgendwie ist sie sowohl endlos kreativ als auch endlos wiederholend in Bezug auf Form und Funktion. Genau wie das hermetische Axiom vorhersagt ist jede irdische Struktur selbst wiederum aus kleineren Strukturen gebildet, die das Muster wiedergeben und wiederholen und alle jene darunter transzendieren und umfassen. Jedes Leben ist auch aus einer vorübergehenden Konzentration von kleineren Leben gebildet, wie Arthur Koestlers Idee eines Holon: „Eine Wesenheit, die selbst ein Ganzes ist und gleichzeitig ein Teil eines anderen Ganzen.“ Alles ist lebendig und ein Leben. Die göttliche Reise bedeutet nicht, uns von der Natur zu befreien, weil die menschliche Natur, die Mutter Natur und die kosmische Natur alle eins sind. Es geht darum, uns von der Illusion zu befreien, dass sie essenziell verschieden sind. Der göttliche Pfad bedeutet, unseren Brennpunkt zu vergrößern, um nicht nur die Erde und ihre Umlaufbahn zu umfassen, sondern alle Planeten in unserem ganzen System. Es geht darum, unser persönliches Gravitationszentrum, unser Zentrum des kleinen Selbst-Fokus, zu verschieben und es von Neuem in die göttliche Sonne zu verlegen.

***

Die meisten Menschen gehen unentschlossen, ungewiss auf das von ihnen gewählte Ziel zu; ihr Lebensstandard ist unbestimmt; folglich wirkt ihr Karma auf eine verwirrte Art. Wenn jedoch die Erkenntnisschwelle erreicht ist, nimmt die Verwirrtheit ab. Infolgedessen nehmen die karmischen Resultate gewaltig zu, denn wir handeln alle in der gleichen Richtung auf all den verschiedenen Ebenen. Die Individualität hat sich auf Grund des Wachstums einem Zustand der Verantwortlichkeit genähert, von dem sie nicht zurückweichen kann.


7 – Reinkarnation

Das, was wir heute sind, sind wir in einem langen evolutionären Prozess geworden – psychologisch, spirituell und auch physisch. Das begründet sich in dem Bedürfnis unseres Wesenskerns, sein Potenzial durch manifestierte Erfahrung auszudrücken. Wie können wir hoffen, auch nur einen Bruchteil unserer momentanen Fähigkeiten in einem einzigen Leben zum Ausdruck zu bringen? Die Begrenzungen von Zeit und Bedingungen zwingen uns unausweichlich dazu, unter vielen Möglichkeiten zu wählen. Deshalb versetzen uns nur wiederholte Verkörperungen schließlich in die Lage, unsere gesamten latenten Qualitäten hervorzubringen.

Wiederverkörperung oder zyklische Manifestation ist ein kosmischer Prozess. Das Universum ist keine statische Ansammlung von unveränderlichen Teilen, sondern ein großes Ein- und Ausströmen von Substanzen und Kräften aus Materie und Bewusstsein, die einer ständigen Veränderung unterliegen. In dieser konstanten Veränderung gibt es eine Kontinuität von göttlichen Bewusstseinszentren, die ihre Ausdrucksart modifizieren, um ihre stets wachsenden Wahrnehmungszustände anzugleichen. Wiederverkörperung ist das universale Mittel, um aus den individuellen Funken der Göttlichkeit ihre inneren Fähigkeiten herauszuziehen, damit sie jeden Aspekt des Bewusstseins erfahren und assimilieren können.

Reinkarnation und menschliche Evolution

Wir sind daran gewöhnt, die Evolution so zu betrachten wie die verschiedenen Spezies oder Naturreiche nach dem darwinistischen Schema beurteilt werden, das die Entwicklung von materiellen Körpern betont. In der Theosophie sind es jedoch die individuellen unvergänglichen Wesen, die durch die Naturreiche evolvieren, so wie Kinder die Schulklassen nacheinander durchlaufen. Die fünfte Schulklasse evolviert nicht in die sechste, sondern vielmehr wandert eine Schülergruppe durch das fünfte Schuljahr und geht dann, wenn der Einzelne darauf vorbereitet ist, in die sechste. Ebenso konzentriert sich der evolutionäre Vorgang in Individuen, die durch wiederholte Verkörperungen in einem Naturreich heranwachsen, bis das für jenes Naturreich typische Bewusstsein erreicht ist.

Da wir unsere Fähigkeiten über das tierische Bewusstseinsstadium hinaus entfaltet haben und daran arbeiten, unsere gegenwärtige menschliche Wahrnehmung zu vervollkommnen und darüber hinauszuwachsen, verkörpern wir uns immer wieder als Menschen auf der Erde. Wir wiederverkörpern uns nicht als Tiere oder Pflanzen, weil deren physischer und psychologischer Apparat nicht in der Lage wäre, die Eigenschaften zum Ausdruck zu bringen oder zu enthalten, die für unsere fortgeschrittenere Entwicklung zentral sind. Indem wir voranschreiten, werden jene Menschen, die ihr Bewusstsein auf eine universale Stufe heben können, zu spirituellen Wesen, Göttern. Wer diesen Punkt im gegenwärtigen Zyklus nicht erreichen kann, wird in einer weiteren evolutionären Epoche die Gelegenheit haben, weiter fortzuschreiten.

Warum werden wir erneut auf der Erde geboren?

Warum sollten wir auf die Erde zurückkehren, statt uns an einem anderen Ort wiederzuverkörpern? Oder vielmehr: Warum sollten wir erwarten, den Resultaten unserer Handlungen an einer anderen Stelle zu begegnen als dort, wo wir diese Energien erzeugten? Wenn wir Samen in einem Garten pflanzen, erwarten wir nicht, dass diese auf der anderen Straßenseite aufgehen. Wir werden immer wieder zur Erde zurückgezogen, weil wir ein Teil dieses Planeten sind – nicht nur zufällige Erscheinungen auf ihrer Oberfläche – durch starke Bande von Ursache und Wirkung mit all ihren Bewohnern verbunden. Wir sind auch mit unseren eigenen Zellen, Emotionen und Gedanken verbunden und werden zu ihnen hingezogen und umgekehrt. Dies geschieht durch verständnisvolle Beziehungen, die wir in jedem Augenblick neu schmieden. Alle Wesen sind durch eine Kette von Folgen verknüpft, die sich letztendlich zum Ausdruck bringen müssen.

Die Reinkarnation hat eine tiefe Wirkung auf unsere Selbstbetrachtung, da wir unsere Aufmerksamkeit auf die unsichtbaren, aber sehr realen Teile unseres Wesens ausrichten. Während viele Theorien versuchen, den Menschen lediglich in physischen Begriffen mittels der Umwelt und der biologischen Herkunft zu erklären, fügt die Reinkarnation einen anderen, fundamentaleren Faktor hinzu: unsere innere Selbst-Vererbung.

Wir neigen dazu, der physischen Welt derartig viel Aufmerksamkeit zu schenken, dass Bewusstsein und Geist oft als Abstraktionen oder Wirkungen erscheinen – und nicht als die hinter der gewöhnlichen Erfahrung stehenden Ursachen. Dennoch sind wir essenziell spirituelle Wesen, und obwohl wir durch materielle Welten reisen, werden wir letztendlich von ihnen nicht eingegrenzt. Wir werden von ihnen beeinflusst, denn das gesamte Leben ist durch unauflösliche Bande verknüpft, aber wir sind es, die für unsere gegenwärtigen und zukünftigen Umstände verantwortlich sind. Unseren Charakter, unsere Fähigkeiten und Umstände haben wir aus früheren Leben mitgebracht. Wir sind nicht Opfer von zufälligen Geschehnissen; es gibt kausale Gründe, warum wir in einer bestimmten Familie an einem gewissen Ort und zu einer gewissen Zeit geboren werden. Die sich wiederverkörpernde Wesenheit wird zu jenen Eltern hingezogen, die ihm die zu seinen innewohnenden Charaktereigenschaften bestmöglich passende Lebenssituation bieten können. Das Kind ist seinerseits am besten geeignet, die karmischen Bedürfnisse seiner Familie zu erfüllen. Solche Dinge sind nicht einfache materielle Prozesse oder eine zufällige Angelegenheit.

Reinkarnation und Geschichte

Die Zivilisation, die Gesellschaft und der tägliche Umgang bekommen durch die von der Idee der Wiederverkörperung gebotene längere Perspektive eine andere Note. Statt alle Ursachen auf Ereignisse in unserem gegenwärtigen Leben, der Umwelt oder auf einen überirdischen Erlass zurückführen zu müssen, eröffnet die Reinkarnation die Möglichkeit, dass viele Ursachen aus unserer eigenen fernen Vergangenheit herrühren.

Die Menschheit ist eine große, aber endliche Gruppe von Wesen, die sich wiederholt auf der Erde verkörpern und komplexe Beziehungen eingehen. Menschen, die sich zusammen verkörpern, bringen eine Disposition für gewisse Handlungen und Arten zu denken mit sich – aufgrund dessen, was sie in der Vergangenheit waren und wie sie handelten: karmische Ursachen, die sich zur Manifestation bringen müssen. Die Muster der Verursachung und des menschlichen Fortschritts setzen sich nicht in einer ununterbrochenen Linie von Generation auf Generation oder von Zivilisation auf Zivilisation fort. Ursachen können ausgedehnten Perioden zwischen den Inkarnationen von einzelnen Menschen überspringen – vielleicht Tausende von Jahren – und kommen dann zur Wirkung, wenn die Beteiligten in den folgenden Jahrhunderten wieder vereint sind. Somit gibt es ein zyklisches Auftauchen von Menschengruppen und sogar ganzen Kulturen.

Kann Reinkarnation bewiesen werden?

Reinkarnation lässt sich nicht physisch beweisen, wie wir es gewöhnlich von der Wissenschaft verlangen, denn es handelt sich um Bewusstseinszustände und nicht-physische Substanzen und Energien. Die meisten von uns können sich nicht an ihre vergangenen Leben erinnern, denn wir neigen dazu, uns mit unseren Aspekten zu identifizieren, die sich mit dem Tod verflüchtigen – mit unseren Emotionen, Gefühlen und dem Intellekt – statt mit unseren dauerhafteren Teilen.

Dennoch wird uns gesagt, dass die Menschen ihr Wachbewusstsein in den spirituellen Teilen ihres Wesen zentrieren können – durch viel Training und Disziplin. Das macht es ihnen möglich, bewusst durch den Schlaf und letztendlich durch den Tod zu gehen und, wenn erfolgreich, mit einer direkten Kenntnis über diese Zustände zurückzukehren. Jene, die diesen Zustand erreicht haben, können sich angeblich verkörpern, ohne ihr persönliches Bewusstsein zu verlieren, und ihre vergangenen Leben zurückrufen, weil sie in ihren unvergänglichen Teilen leben, wo unsere gesamte Erfahrung dauerhaft aufgezeichnet ist. Letztendlich werden wir alle diesen Entwicklungsstand erreichen und in der Lage sein zu wissen statt lediglich zu spekulieren oder zu glauben.

Wir schaffen uns und die Bedingungen selbst

Bei der Betrachtung der Wiederverkörperung sehen wir, dass alles eine Rolle spielt, sogar wenn wir die Ergebnisse in einem Leben nicht erkennen können. Keine Handlung oder Entscheidung ist bedeutungslos oder geht verloren. Ihre Essenz wird ein Teil von uns und hilft dabei, uns zu dem zu machen, was wir sind. Sie formt auch die Welt um uns herum, und jene Wirkungen werden in kommenden Zeiten erneut mit uns verbunden. Gewiss werden wir die Menschen, denen wir jetzt begegnen, wieder und wieder treffen, bis die karmischen Energien zwischen uns einen Zustand des Gleichgewichts erreichen. Uns selbst aus dieser größeren Perspektive zu betrachten legt nahe, dass alle Augenblicke in jedem Leben wichtig und kostbar sind. Jede Begegnung mit unseren Mitmenschen bietet uns die Gelegenheit, zu lieben und anderen zu helfen und somit jenes grenzenlose göttliche Potenzial, das wir essenziell sind, in zunehmender Fülle zu verkörpern.

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Nur in der Stille erstarkt die Seele, denn dann ist sie auf ihre eigenen Energien und Kräfte angewiesen und lernt, sich selbst zu erkennen. Einer der besten Wege, schnell und sicher mit einem Problem fertig zu werden und die Intuition zu entwickeln, ist der, die Mühe der Problemlösung nicht jemandem zuzuschieben, von dem man glaubt, er könne einem helfen. Lösungen zu erkennen und Schwierigkeiten zu entwirren, ist eine Angelegenheit der Schulung und des inneren Wachstums. Eine der ersten einem Neophyten gelehrten Regeln lautet, niemals eine Frage zu stellen, bevor er nicht selbst ernsthaft und wiederholt versucht hat, sie zu beantworten. Der Versuch, die Antwort zu finden, ist ein Appell an die Intuition. Es ist auch eine Übung. Es stärkt die eigenen inneren Kräfte. Fragen zu stellen, ohne vorher versucht zu haben, sie selbst zu beantworten, zeigt lediglich, dass wir uns anlehnen, und das ist nicht gut. Unsere Fähigkeiten anzuwenden bedeutet, Wachstum, Stärke und geistige Gaben zu erlangen.


8 – Das Universum: ein lebender Organismus

Ein Universum tritt ins Dasein, weil sich eine kosmische Wesenheit verkörpert; und ein Universum stirbt, so wie ein Mensch stirbt, weil es einen Zustand erreicht, in welchem der größte Teil seiner Energien bereits in die unsichtbaren Reiche übergegangen ist. Universen verkörpern sich genauso wie menschliche Egos. Die gleichen fundamentalen Gesetze herrschen im Großen wie im Kleinen. Es besteht kein wesentlicher Unterschied. Die Unterschiede sind in den Einzelheiten zu finden, nicht in den Prinzipien. Tod ist nur ein Wechsel, Leben ist nur eine Erfahrung. Das einzig Bleibende ist reines, ungetrübtes Bewusstsein, denn es schließt alles andere ein.

Für gewöhnlich denken die Menschen, dass sie bis zur vollen Entwicklung reifen und dann nicht mehr weiter wachsen, dass sie für eine Zeitlang in diesem Zustand verbleiben und anschließend langsam verfallen. Eine derartige Phase des Stillstands existiert nicht. Die Kräfte, welche den Menschen zusammensetzen und ihn zu einem Wesen machen, bewegen sich ständig auf dem gleichen Pfad, der das Baby zur Geburt führt, das Kind zum Erwachsenen macht und der den Erwachsenen zum Tod führt. Von dem Augenblick an, in welchem in einem beliebigen Leben der Höhepunkt der Fähigkeiten und Kräfte eines Menschen erreicht ist, beginnt der Zerfall, wobei dieser ‘Zerfall’ einfach bedeutet, dass der innere Mensch bereits beginnt, seinen Weg und seinen neuen Körper in den unsichtbaren Welten zu erschaffen.

Der Mensch ist auf vielen Ebenen zu Hause. Er ist tatsächlich überall zu Hause. Unser Erdenleben ist nur ein kurzer Bogen auf dem Kreis des Daseins. Wie absurd wäre es zu sagen, dass irgendein besonderer Ort wie unsere Erde das Richtmaß sei, nach dem die ganze Wanderung des Menschen beurteilt wird. Genauso ist es bei der Verkörperung und dem Wachstum eines Universums. Es hat ebenfalls seinen Höhepunkt und seinen Verfall, dem dann der Tod folgt. Verursacht wird die Verkörperung dadurch, dass die kosmische Wesenheit aus den unsichtbaren Sphären in die materiellen Bereiche heraustritt, sich in den Substanzen dieser Bereiche verkörpert, aus ihnen ein materielles Universum aufbaut und dann wieder verschwindet. Wenn dieses Dahinschwinden dem Ende entgegengeht, befindet sich das Universum in den Stadien seiner Auflösung.

So ist es auch bei einem Stern oder bei einer Sonne oder deren Heimat-Universum. So ist es bei jeder Wesenheit: Leben ist endlos, es hat weder Anfang noch Ende; und ein Universum unterscheidet sich im Wesentlichen keineswegs von einem Menschen. Wie könnte es auch, der Mensch stellt doch nur das dar, was das Universum als das Urgesetz verkörpert. Der Mensch ist der Teil, das Universum ist das Ganze.

Schaut hinauf in das violette Gewölbe der Nacht. Betrachtet die Sterne und die Planeten: Jeder von ihnen ist ein Lebensatom im kosmischen Körper, jeder von ihnen ist der organisierte Wohnort einer Vielzahl kleinerer Lebensatome, welche die leuchtenden Körper, die wir sehen, aufbauen. Überdies, jede funkelnde Sonne, die den Himmel schmückt, war zu irgendeiner Zeit ein Mensch oder ein dem Menschen gleichwertiges Wesen, das in gewissem Grad Selbstbewusstsein, intellektuelle Kraft, Bewusstsein, spirituelle Vision und einen Körper besaß. In längst vergangenen kosmischen Manvantaras2 waren die Planeten und die Myriaden von Wesenheiten auf diesem Planeten, die solch einen kosmischen Gott, einen Stern oder eine Sonne umkreisen, selbst die Lebensatome jener Wesenheiten. Während sie viele Zeitalter hindurch hinterherzogen, lernten sie alle und schritten voran. Doch ihr Führer, die Quelle ihres Daseins, war auf dem Pfad der Evolution immer voraus.

Durch unsere Handlungen beeinflussen wir ständig das Schicksal der zukünftigen Sonnen und Planeten, denn wenn wir die eingeborenen Kräfte des Gottes im Innern hervorgebracht haben und zu herrlichen, in den kosmischen Tiefen strahlenden Sonnen geworden sein werden, dann werden die Nebel und Sonnen um uns herum die entwickelten Wesenheiten sein, die jetzt unsere Mitmenschen sind. Infolgedessen werden die karmischen Beziehungen, die wir miteinander auf der Erde oder auf anderen Globen unserer Planetenkette oder sonstwo haben, mit Sicherheit ihr Schicksal ebenso beeinflussen wie unser eigenes.

Ja, jeder Einzelne von uns wird in weit entfernten Äonen der Zukunft eine Sonne sein, die in den Räumen des Raums leuchtet. Das wird dann geschehen, wenn wir die Gottheit im Innersten unseres Wesens entwickelt haben und wenn diese Gottheit ihrerseits zu noch größeren Höhen fortgeschritten sein wird. Jenseits der Sonne gibt es andere Sonnen, die so hoch stehen, dass sie für uns unsichtbar sind, deren göttlicher Begleiter unsere Sonne ist.

Die Milchstraße, ein vollständiges und in sich abgeschlossenes Universum, ist als Gesamtheit nur eine kosmische Zelle im Körper einer superkosmischen Wesenheit, die ihrerseits wiederum nur eine von weiteren unendlichen Größen ihrer Art ist. Das Große enthält das Kleine; das Größere enthält das Große. Alles lebt für und mit allem anderen. Das ist der Grund, warum Sondersein die „große Ketzerei“ genannt wurde. Es ist die große Täuschung, denn es gibt kein Sondersein. Nichts kann für sich allein leben. Jede Wesenheit lebt für alle, und das All ist ohne diese eine Wesenheit unvollständig und lebt daher für sie.

Der grenzenlose Raum ist unsere Heimat. Dorthin werden wir gehen und dort sind wir tatsächlich auch jetzt. Wir sind nicht nur durch unzertrennliche Glieder mit dem wahren Herzen der Unendlichkeit verbunden, sondern wir selbst sind dieses Herz. Das ist der stille, schmale Pfad, von dem die Philosophen des Altertums lehrten; der Pfad des spirituellen Selbst im Innern.

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Unser Schicksal liegt in unseren eigenen Händen, und wir können uns selbst fördern oder verderben. Kein Gott verbietet, kein Gott zwingt; wir sind Kinder des Göttlichen und daher Teilhaber an der göttlichen Willensfreiheit. Wir erarbeiten unser Schicksal auf unsere eigene, schwache Weise als nur teilweise entwickelte Seelen.

So wie wir unser Leben gestalten, so wird unser Leben werden: gut, schlecht, wohlgestaltet, entstellt, schön oder hässlich. Wir machen es so. Darin liegt kein Fatalismus. Die Natur, die uns umgibt, unterstützt uns nicht nur, sondern sie behindert uns seltsamerweise auch gleichzeitig in gewissem Maß, um uns die Gelegenheit zu geben, unsere Stärke an der Opposition zu üben; das ist der einzige Weg, gute Muskeln zu entwickeln!

Übung bildet Stärke heran. Gäbe uns die Natur keine Gelegenheit, den Gott in uns selbst zu erproben, würden wir niemals wachsen. Daher ist die Natur nicht nur eine sehr schöne, hilfreiche Mutter, sondern auch eine strenge Amme, die mit unendlich mitleidsvollem Auge über uns wacht. Und mit ihrem Wirken und mit ihren Reaktionen auf das, was wir tun oder mit unserem Willen verfolgen, drängt sie darauf, dass dieser Wille durch Übung an Stärke zunimmt und dass unser Verständnis durch Anwendung klarer und schärfer wird.


9 – Abstieg in den Hades – Aufstieg in den Himmel

Aus dem Unwirklichen führe mich zum Wirklichen!
Aus der Finsternis führe mich zum Licht!
Aus dem Tode führe mich zur Unsterblichkeit!

Brihad-Āranyaka Upanishad, 1.3.28

Der Prozess, durch den die Sterblichen unsterblich werden, wurde früher überall in der Welt hoch geachtet. Die Menschen vergangener Kulturen glaubten, dass unser Bewusstsein, wenn es vom Körper befreit ist, vielfältige Bereiche der Erfahrung betritt, und auch an die Möglichkeit, die Reisen unserer Seele in der Nacht und nach dem Tod im Bewusstsein zu behalten. Man beschrieb diese Abenteuer in verschiedenen Erzählungen über Abstiege in den Hades und Aufstiege in den Himmel. Von Jesus wird uns erzählt, dass er in die Hölle abstieg, um die Menschen von ihren Ketten zu befreien, dass er am dritten Tag vom Tode auferstand und später zu seinem Vater auffuhr. Hiob ging auf seine Art ebenfalls durch die Hölle und triumphierte, gedemütigt, aber weiser. Arjuna, der Prinz der Pāndavas und Schüler von Krishna, wurde laut Indiens Mahābhārata durch die Tochter des Schlangenkönigs unter die Wasser von Pātāla gezogen. Das deutet auf eine Art Bewusstseinstransformation hin, denn Schlangen stehen weltweit als Symbol für diese fortgeschrittenen Menschen, welche die drei Welten bereisen und daran Anteil haben. Als Hüter der verborgenen Wahrheit geben sie Teile davon an vertrauenswürdige Individuen und Gemeinschaften weiter, um den Fortschritt der Menschheit zu unterstützen.

Eine interessante Version vom Abstieg in die Unterwelt wird in der KathaUpanishad erzählt. Die Episode beginnt damit, dass Naciketas, nachdem er beobachtet hatte, wie sein Vater fast alles, was er besaß, den Göttern opferte, erschreckt ausruft: „Mein Vater, wem wirst du mich verschenken?“ Der Vater, verärgert über diese Unterbrechung, rief: „Ich werde dich Yama geben“ (dem Totengott).

Naciketas war bestürzt, erinnerte sich aber daran, dass „der Sterbliche wie das Korn reift und vergeht und erneut geboren wird“, und ging zum Haus des Todes. Dort angekommen sah er, dass Yama fort war, und er wartete. Drei Tage später kam Yama zurück. Bekümmert darüber, dass der Junge so lange ohne Nahrung und Gastfreundlichkeit gewartet hatte, bot er ihm an, drei Wünsche äußern zu dürfen. Als erstes bat Naciketas um eine glückliche Heimkehr zu seinem Vater. Als zweites bat er darum, das Feueropfer verstehen zu können, wodurch die Himmelsbewohner Unsterblichkeit erlangen und befreit werden vom Leid und von der Furcht vor dem Alter.

Der dritte Wunsch wurde ihm nicht ohne weiteres gewährt. Als Naciketas darum bat, das Leben nach „dem großen Hinscheiden“ zu ergründen, erklärte Yama, dass ein so subtiles und heiliges Wissen den Sterblichen nicht enthüllt werden könne. Er bot ihm Reichtum an, Söhne und Enkel, Pferde, Elefanten, ein langes Leben, Ruhm – alles, was sein Herz begehrte. „Das alles schenke ich dir, oh Naciketas, aber frage nicht nach dem Tod.“ Da der Jüngling einen flüchtigen Blick in das Jenseits geworfen hatte, wollte er nichts Geringeres haben als „die Belohnung, in das Mysterium einzudringen“. Schließlich gab Yama nach und enthüllte seltsame und wunderbare Wahrheiten, wobei er hinzufügte, dass man, um unsterblich zu werden, weltliche Gedanken und Wünsche aufgeben und sein Herz Ātman, dem Höchsten Selbst, öffnen müsse.

Was ist Ātman, das Höchste Selbst? Es ist die spirituelle Essenz in jedem einzelnen Menschen, das, was den Tod der physischen Formen und die Transformationen überlebt. Es ist höher als das Denkprinzip; es steht über dem spirituellen Verstehen, es ist das – wenn es jemand mit seinem Herzen und mit seinen Gedanken erkennt –, was ihn befähigt, sowohl das, was gesehen, als auch das, was nicht gesehen werden kann, zu begreifen. Wer das Selbst erkennt, erklärte Yama, wird unsterblich.

Die Zusicherung, dass wir unsere Sterblichkeit überschreiten und bewusst an den Dimensionen jenseits des Physischen teilhaben können, wird durch vergleichbare Erzählungen in anderen Überlieferungen bestätigt. Die alten Perser berichten von einem jungen Priester, Ardai Viraf, der die unsichtbaren Bereiche betrat, „um die Intelligenz der Geister zu erlangen“, die ihre Religion wiederherstellen würde. Während sein Körper schlief, stieg sein Geist auf und erblickte höchst bemerkenswerte Wunder. Später erzählte er davon und schilderte das Schicksal der verschiedenen Seelen: Jene, die im Leben anderen Gutes getan hatten, genießen nach dem Tod die herrlichsten Freuden; aber diejenigen, die selbstsüchtig und grausam gewesen waren, erleiden Qualen, die zu schrecklich sind, um sie sich vorzustellen. Er sprach auch von den Geheimnissen, die er von den Regenten der verschiedenen planetarischen „Stationen“ erfahren hatte. Jeder von ihnen hatte ihm die Gesetze und Bedingungen der Systeme und Sphären, über die er herrschte, erklärt.

Die griechisch-ägyptische „Vision von Hermes“ bietet ähnliche Lehren und erzählt, wie der jugendliche Hermes „höchst wunderbares“ Wissen erlangte. Als er einen Abgrund betrat, wurde er „von schrecklicher Dunkelheit eingehüllt“ und dann, „beim Aufstieg in die weiteren Regionen darüber“, war er Zeuge der leuchtenden Geburt und Entfaltung von Welten. Er beobachtete unter anderem den Ab- und Aufstieg der Seelen, während sie in den sieben Sphären der Planeten ihre Erfahrungen machten.

Diese Berichte bestätigen unser intuitives Empfinden, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Sie machen sowohl die heutigen Berichte über die Nahtod-Erfahrungen als auch theosophische Lehren glaubhaft, welche besagen, dass wir von Kräften, Substanzen, Intelligenzen und Regionen umgeben sind, die, wie Yama dem Naciketas erzählte, mit sterblichen Augen „nicht gesehen werden können“.

Dichter und Priester haben diese Regionen mit Engeln und Dämonen bevölkert, während philosophische Schriften Einzelheiten über deren hierarchischen Struktur liefern. Frühchristliche Lehren beschreiben die vielen „Kreise“ der Hölle oder der „Infernos“ (Höllen) als Stufen des Fegefeuers und Regionen des „Himmels“. Die Hindu nennen die abgestuften Regionen Lokas und Talas, die bipolaren, sich durchdringenden Sphären und Zustände des Bewusstseins, an denen wir auch jetzt teilhaben.

Viele Traditionen deuten an, dass alle Lebewesen periodisch in die materiellen Reiche „absteigen“, um ihre Qualitäten und Talente in vollem Umfang zu entfalten und zu entwickeln. Interessanterweise ist die Erde – die wegen der dort zu erfahrenden Leiden als Gegenpol (oder Hölle) bezeichnet wird –, der Ort, an welchem die Seelen erwachen und anfangen, ihre mentalen und spirituellen Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen, die sie in die Lage versetzen, selbstbewusst aufwärts fortzuschreiten. Schließlich, nach Zeitaltern der Prüfung und der Anstrengung, werden sie sich des höchsten Selbst voll bewusst und eins mit ihm und erreichen Unsterblichkeit – die Belohnung, die Naciketas in Yamas Reich suchte.

Diese Ideen waren den Assyrern und Babyloniern vertraut, deren große Mutter, die Göttin Ishtar, die Unterwelt betrat und auf jeder Stufe des Abstiegs einen Teil ihres Schmucks oder ihrer Kleidung zurückließ. Diese Ideen wurden von den Ägyptern symbolisch in der Geschichte von Isis dargestellt, die in die Unterwelt abstieg, um den zerstückelten Leib ihres Gatten Osiris – des Sonnengotts – zurückzugewinnen und wieder zusammenzufügen. Griechen und Römer verewigten dieses Thema in den Erzählungen von Odysseus in der Begegnung mit den Schatten aus dem Haus des Hades; von Kupido und Psyche; von Demeter, die ihre Tochter Persephone aus dem Reich des Todes befreite; und von Orpheus, dessen Bemühungen, seine geliebte Eurydike zurückzugewinnen, fehlschlugen. Als er sie nach oben zum Licht führte, blickte er zurück – die Mahnung des Gottes vergessend – und verlor, was er am meisten liebte.

Herkules bewältigte ebenfalls den gefahrvollen Abstieg. Als Teil seiner zwölften und letzten Aufgabe überwand er Cerberus, den dreiköpfigen Hund, der die Pforten zum Hades bewacht, und befreite auf seiner Reise Prometheus, den Wohltäter der Menschheit. Seine Fähigkeit, in solchen Prüfungen zu siegen, brachte ihm einen Platz unter den Unsterblichen des Olymp ein – wobei Unsterblichkeit hier nicht bedeutet, dass man niemals stirbt, sondern dass das Bewusstsein während der Transformationen beibehalten wird.

Die Bedeutung dieser metaphorischen Ab- und Aufstiegserzählung kann im Zusammenhang mit folgenden Gebieten erforscht werden: 1. Mit einer tiefenpsychologischen Untersuchung, 2. mit einer wissenschaftlich-philosophischen Interpretation des evolutionären „Falls“ und der „Auferstehung“ der Menschheit, 3. im Hinblick auf Initiationsprüfungen, in welchen die Kandidaten durch wirkliche Erfahrung Kenntnisse von den unsichtbaren Naturreichen erlangen, und 4. in Bezug auf die periodischen Inkarnationen von Avatāras, Christussen und Buddhas.

Psychologische Ab- und Aufstiege sind uns bekannt: Wer von uns kennt nicht die Empfindung einer Art spiritueller Erhebung, wenn er ein Missgeschick überwunden hat; wer von uns wurde nicht schon von den Wellen des Schmerzes und der Niedergeschlagenheit „erdrückt“ oder von bewussten und unbewussten Leidenschaften und Ängsten gefangen gehalten? Das sind die furchterregenden Ungeheuer der Unterwelt. Die Hierophanten des Altertums und heutige Psychologen helfen ihren Schülern und Patienten, sie zu verstehen, ihnen dann entgegenzutreten und sie zu transzendieren. Dass wir freier, weiser und psychologisch stark genug werden, um auf den höheren Ebenen des Bewusstseins zu wirken, geschieht aufgrund der Verwandlung der Kräfte, die unser Leben ständig ins Chaos führen, zum Guten.

Wissenschaftlich-philosophische Interpretationen befassen sich mit dem astronomisch-landwirtschaftlichen Zyklus. Dieser Zyklus, dessen Muster der jährliche Durchgang der Sonne durch die zwölf Monate oder durch die Tierkreiszeichen ist, erreicht seinen Höhepunkt zur Wintersonnenwende. Die Sonne (oder der menschliche Initiand) ist von ihrer siderischen Höhe der Sommerzeit „herabgestiegen“, betritt nun den unterirdischen Gegenpol (Hades, Pātāla) und bleibt vom 21. oder 22. Dezember an drei Tage und Nächte lang im Hause des Todes gefangen. Danach erhebt sie sich neugeboren als Sol Invictus, die „Unbesiegbare Sonne“, bringt Gaben mit sich, welche die Welt verjüngen. Die Geschenke der Weihnachts- und Neujahrszeit stellen sowohl die Samen dar, die befruchtet im Schoß der Natur eine reiche Ernte sichern, als auch die spirituellen Lehren, welche unsere Seele bereichern und zu neuem Leben erwecken.

Wenn gute Samen, gute Gedanken und Handlungen gesät werden, wird mit dem Initiationszyklus sichergestellt, dass der Charakter verfeinert und die spirituellen Möglichkeiten entwickelt werden. Um das zu erreichen sind Jahre (vielleicht Lebenszeiten) intensiver Instruktion, Selbstdisziplin und Läuterung unbedingt erforderlich. Andernfalls verstricken wir uns, wie Orpheus, in Illusionen aus der Vergangenheit. Erfolg kommt durch Unpersönlichkeit und Loslassen. Wenn der Aspirant darüber verfügt, macht er den gefahrvollen Abstieg sicher und steigt auf in die himmlischen Regionen, aus denen er, laut Cicero, „eine erweiterte Betrachtung des Lebens und eine lebendigere Hoffnung in Bezug auf den Tod mitbringt“.

Die inspirierendste Interpretation vom Auf- und Abstieg ist mit dem Kommen großer Lehrer verbunden. Mitleidsvolle, hoch evolvierte Seelen antworten auf die Rufe der leidenden Welt und „steigen herab“ zu dem, was für sie eine Hölle darstellt. Sie arbeiten auf jede mögliche Weise, um Licht zu bringen sowie Befreiung aus den Fesseln von Unwissenheit und Angst. Die Liebe und das Licht von Jesus haben zweitausend Jahre lang die Gläubigen inspiriert, während im Osten Buddha und die geliebte Kwan Yin entsprechende Verkörperungen des Mitleids und der Liebe sind. Als Reaktion auf das vor Zeitaltern gegebene Versprechen, allen fühlenden Wesen Erleuchtung zu bringen, unterstützen sie die Welt auf „abertausendfache Art“.

Wenn man über diese verschiedenen Geschichten vom Ab- und Aufstieg nachdenkt, gelangt man zu der Überzeugung, dass ein Teil unserer Natur sogar jetzt in unsichtbaren Welten über und unter uns lebt. Somit können wir in dem Maß ein Teil unseres Höheren Selbst sein und eins mit ihm werden, wie wir unsere Aufmerksamkeit vom Persönlichen und Materiellen zum Unpersönlichen und Spirituellen transformieren. Wenn wir das tun, entfalten sich allmählich höhere Fähigkeiten, bis wir eines Tages die höchst erstaunlichen Wunder „sehen“, die Naciketas, Hermes, Herkules und anderen enthüllt wurden. Wenn das geschieht, dann werden wir, wie sie, frei von der Angst vor dem Sterben und imstande sein, aus diesen unsichtbaren Bereichen Erkenntnisse mitzubringen, die das Leben auf der Erde glücklich und das Danach durch „Hoffnung heller und schöner machen“.

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Die Kraft der Göttlichkeit im Innern und die besten und edelsten Dinge, nach denen wir gestrebt und die wir vergessen haben, bleiben ungeachtet all unserer Fehler ein Licht, um unseren Pfad in die Ewigkeiten zu beleuchten.


10 – Inneres und äußeres Karma

Wenn wir sagen, dass alles Karma ist, das Ergebnis früher in Bewegung gesetzter Ursachen, dann müssen wir unsere Perspektive menschlichen Karmas weit in die Vergangenheit ausdehnen, tatsächlich Millionen Jahre zurück, bis ins frühe Zeitalter, als der Mensch zum ersten Mal die Frucht des Wissens kostete und von da an zu lernen begann, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Es ist offensichtlich, dass wir seit jener lang zurückliegenden Zeit nicht nur für das, was wir dachten und taten, die volle Verantwortung zu tragen haben, sondern dass wir auch für die Wirkungen, welche unser Denken und Handeln zu allen Zeiten auf andere hatte, mitverantwortlich sind.

Wir können uns daher vorstellen, dass jede einzelne der Milliarden von menschlichen Seelen, welche sich während Tausenden und Abertausenden von Jahrhunderten auf dieser Erde verkörpert haben und wieder verschwanden, zahllose Anziehungen und Abstoßungen entwickelt und unzählige Ursachen in Bewegung gesetzt haben muss – Ursachen, die sich irgendwann, irgendwo und unter den richtigen Bedingungen unvermeidlich als Folgen auswirken werden. Karma ist jedoch keineswegs ein unbarmherziger Kreislauf von Säen und Ernten, ohne jede Möglichkeit, dieser Tretmühle zu entkommen. Keinesfalls. Das Leben, alles bewegt sich immer spiralförmig und nicht in einem geschlossenen Ring oder Kreis. Hier machen wir den größten Fehler, wenn wir erstmals auf die Idee von Wiedergeburt und Karma stoßen.

Wenn wir davon ausgehen, dass alles durch ein universales Gesetz regiert wird und dass der Kosmos auf Gerechtigkeit gründet, dann kann nichts zufällig geschehen; alles muss ein Ausdruck der Wirksamkeit des Gesetzes des Ausgleichs sein, des Gesetzes der Anziehung und Abstoßung, der Aktion und Reaktion. Wenn wir diesen Gedanken in all seiner logischen Konsequenz durchdenken, dann muss jeder von uns, der heute auf dieser Erde lebt, seit jenem sehr frühen Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte, als wir zum erstenmal auf selbstbewusste Art den Unterschied zwischen richtig und falsch erkannten, viele hunderte Lebensspannen durchlebt haben. Ganz gewiss muss es eine ununterbrochene Folge von Rückwirkungen geben, sonst hätten wir ein verrücktes Universum ohne Sinn und Zweck; und könnte es für die ewige Seele ein besseres Mittel zu Wachstum geben als sich zu entwickeln und aus den Wirkungen ihrer vergangenen Handlungen Nutzen zu ziehen?

Wenn wir diesen Weitblick haben, ist es nicht schwierig, den mächtigen Schwung des Schicksals zu spüren, welcher die Zivilisation auf ihrem Evolutionsweg bewegt. Es muss Zeiten schrecklichen Leidens geben, weil wir irgendwann, irgendwo das Gleichgewicht durch falsches Denken und durch unrichtiges Handeln gestört haben. Wir können uns kaum vorstellen, welche Menge von Karma jede Seele – ganz zu schweigen von den Völkern und Rassen – seit Urzeiten erzeugt hat. Es besteht ein Rückstand von Karma, der mit der Zeit abgetragen werden muss.

Es gibt viel mehr Arten von Karma als nur den physischen Aspekt, der uns zeigt, dass Feuer brennt und dass wir nass werden, wenn wir bei Regen hinausgehen. Wenn Karma ein universales Gesetzt ist, dann muss es auch universal wirken – das heißt auf der göttlichen, spirituellen, mentalen, emotionalen und physischen Ebene. Das bedeutet, dass wir ein göttliches Karma haben, ein spirituelles, ein mentales und ein emotionales Karma und ebenso ein physisches. So wie wir oft vom Höheren Selbst des Menschen sprechen und von seiner gewöhnlichen Persönlichkeit, können wir genauso sagen, dass es ein inneres Karma gibt, das zu seinem Höheren Selbst gehört, zu seinem Schutzengel, der seinen Ursprung in der inneren Göttlichkeit hat, und ein äußeres Karma, das zur alltäglichen Persönlichkeit gehört.

Gelegentlich scheint uns etwas in unserem Innern in Schwierigkeiten zu bringen. In gewisser Weise geschieht genau Folgendes: Das innere Karma, jenes Karma, das aus unserem Höheren Selbst kommt, macht sich in bestimmten Augenblicken bemerkbar; wir spüren beinahe, dass wir in eine bestimmte Richtung geführt werden, vielleicht sogar auf einen schwierigen Umweg, aber das Karma, das zu unserer Persönlichkeit gehört, scheint uns in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen. Dadurch entsteht ein Konflikt zwischen dem Gefühl tief im Innern, dass ein bestimmter Weg befolgt werden sollte, und den entgegengesetzten Impulsen der äußeren Natur. Wie können wir diesen Zwiespalt überbrücken, damit das innere und das äußere Karma harmonisch arbeiten können?

Wir müssen unseren Blick höher hinaufrichten, ihn vom Niederen abwenden und dorthin lenken, wohin er von rechts wegen gehört. Wenn wir das tun, erkennen wir, dass unser Vater oder Schutzengel seine Impulse fortwährend in unser menschliches Selbst schickt und, wenn unser Wunsch dahin geht, so zu leben, dass das Höhere in allen unseren Handlungen und in unserem Denken die Vorherrschaft hat, dann gibt es keine unnötige Belastung. Wenn wir unter diesen inspirierenden Einflüssen jedoch intuitiv erkennen, dass ein bestimmter Weg der richtige ist, unsere Aufmerksamkeit aber zum größten Teil auf unser gewöhnliches Bewusstsein gerichtet war, kann es sein, dass wir schrecklich verwirrt werden. Dann kann es zu einem echten Konflikt zwischen dem inneren und dem äußeren Karma kommen, zu einem Konflikt, der nicht aufhört, bis wir uns endgültig entschließen, der Weisung unseres Schutzengels zu folgen, dessen Ziel es ist, aus der Dunkelheit Licht zu erschaffen, die Evolution des Niederen in das Höhere.

Anfangs denken vielleicht viele, dass Karma entweder gut oder schlecht ist. Es ist keines von beiden – es ist nur unsere Reaktion auf die Lebensumstände, die uns entweder angenehme oder unangenehme Erfahrungen bringen. In Wirklichkeit ist das gesamte Karma eine Gelegenheit. Es ist einleuchtend, dass, wenn wir viele, viele Leben gelebt haben, es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, die volle Last aus seiner gesamten Vergangenheit in einer einzigen Inkarnation abzutragen. Die Natur ist durch und durch gerecht und passt die Last den Schultern an – ein Gesetz, das universal und mitleidsvoll arbeitet.

Das innere Karma, das aus der Göttlichkeit im Inneren kommt und durch unser Höheres Selbst arbeitet, beeinflusst unauffällig die gesamte Konstitution. Wenn das menschliche Selbst die Berührung dieser göttlichen Eingebungen spürt, tut man gut daran darauf zu achten und das äußere Karma so gut wie möglich mit dem inneren Karma in Einklang zu bringen. Wenn wir versuchen, unsere Persönlichkeit von dem strahlenden Glanz von oben zu isolieren, dann kommt es zu Spannungen und Konflikten.

Das Leben ist nicht immer eine einfache, gerade Linie der Pflicht – manchmal werden wir einigen schwierigen Entscheidungen gegenübergestellt, aber wenn wir zur Seite treten und sie aus der höheren Perspektive betrachten, können wir sicher sein, dass unser Höheres Selbst uns in Zeiten echter Not nie im Stich lassen wird. Wir sollten für die gütigen Impulse dankbar sein, die uns in neue Lebenslagen führen. Wenn das innere Karma mit dem äußeren in Konflikt zu kommen scheint, können wir das als ein Zeichen des Fortschritts betrachten, als ein Zeichen dafür, dass es für das persönliche Selbst notwendig ist, die Dinge von einem höheren Ausgangspunkt aus zu sehen. Das ist der Grund, warum wir die praktische Wichtigkeit betont haben sich zu bemühen, die tägliche Schrift unseres Lebens zu lesen, weil unser Höheres Selbst in Verbindung mit den natürlichen Angelegenheiten des täglichen Lebens versucht, uns auf Wege der Erfahrung zu führen, auf welchen die Seele an Stärke und Verständnis wachsen kann.

Wir haben die Verantwortung zu erkennen, dass jedes Karma eine Gelegenheit ist. Ich wiederhole es nochmals, weil es der wichtigste Schlüssel ist, um dem Leben ohne Verzweiflung entgegenzutreten, ganz gleich wie die Verhältnisse oder Situationen sein mögen. Die sogenannten angenehmen Situationen können sogar eine noch größere Herausforderung darstellen als die schwierigen: weise damit umzugehen, sie nicht nur als Belohnung für Gutes in der Vergangenheit zu betrachten, sondern vielmehr als ein Mittel, unseren Segen mit allen zu teilen. Ich spreche hier natürlich von spirituellen Werten.

Die unangenehmen Bedingungen stellen an sich schon eine große Gelegenheit dar, weil oft die schwierigsten Erfahrungen, die zuerst wie sehr bitteres Gift erschienen, sich am Ende als das „Wasser des Lebens“ erweisen. Das ist so, weil unser Schutzengel sieht, dass wir für seine Anweisungen zunehmend sensitiver werden. Er beginnt, uns stärker zu bedrängen und in Prüfungsperioden „zu treiben“. Wir alle haben die Erfahrung gemacht, dass Leid und Mühsal, wenn wir ihnen mutig entgegentreten, uns nicht mehr erdrücken, weil unsere tapfere Haltung es dem inneren und dem äußeren Karma erlaubt, harmonisch zusammenzuwirken. Einfacher ausgedrückt, wir müssen lernen allen Umstände, die aus unserem Karma – aus uns selbst – fließen, zu begegnen und weise damit umzugehen, ohne an uns selbst zu denken.

Alles ist Karma, inneres und äußeres, höheres und niederes, spirituelles und physisches. Der Herr des inneren Karmas ist die Göttlichkeit im Innern, die im Kern unseres Wesens wohnt. Der Herr des äußeren Karmas ist Ihre und meine menschliche Persönlichkeit. Alles ist Bewusstsein; und unsere ganze Aufgabe, das Niedere durch das Höhere emporzuheben, besteht darin, selbstbewusst das unedle Metall unseres gewöhnlichen Bewusstseins in das Gold der inneren Göttlichkeit umzuwandeln.

Die karmischen Fäden sind fein gesponnen, und nicht einer geht in dem größeren Muster unserer Evolution verloren. Daher kann es letzten Endes nichts anderes geben als Gerechtigkeit; was nur die Herstellung des Gleichgewichts von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung, von Säen und Ernten ist. Warum, glauben Sie, haben alle großen Religionen und Philosophien diese eine Lehre betont: die Waagschalen des Schicksals ins Gleichgewicht zu bringen? Benutzten nicht die alten Griechen die Waage als Symbol der universalen Gerechtigkeit, der Ordnung und des Ausgleichs? – ein Symbol, das wir im Westen getreulich bewahrt haben. Betonten die Ägypter nicht auch diese Wahrheit in ihrer dramatischen Szene vom Totengericht, wie es in ihren Papyri und Tempeln dargestellt wird, das „Wiegen des Herzens gegen die Feder der Wahrheit“?

Alles in der Natur strebt zur Harmonie, es möchte vom Geringeren zum Größeren wachsen. Warum also sollte der Mensch eine Ausnahme bilden? Wenn Gerechtigkeit in den physischen Bereichen herrscht, warum nicht auch in den moralischen und spirituellen Regionen der Erfahrung?


11 – Spiritueller Fortschritt

Windet sich der Weg immer weiter nach oben?
Ja, bis zum letzten Ende.
Und dauert die heutige Reise den ganzen langen Tag?
Vom Morgen bis zum Abend, mein Freund.

Christina Rossettis Zeilen sind wie ein Abriss des Lebens derer, die den Pfad zu höheren Dingen tatsächlich beschreiten. Welche Unterschiede auch in den verschiedenen Darstellungen der Esoterischen Lehre bestehen, wie auch immer sie sich in jedem Zeitalter in neue Gewänder kleidete, findet man doch in jeder einzelnen dieser Lehren in einem Punkt vollste Übereinstimmung – über den Weg zur spirituellen Entwicklung. Eine unabdingbare Regel ist für den Neophyten immer bindend gewesen, und sie ist auch heute noch bindend – die völlige Unterwerfung der niederen Natur unter die höhere. Wie viel wir auch in den Bibeln jeder Rasse und jeder Kultur forschen mögen, wir finden nur einen einzigen Weg – einen harten, schmerzhaften, mühsamen –, auf dem der Mensch echte spirituelle Einsicht gewinnen kann. Und wie könnte es auch anders sein, da doch alle Religionen und alle Philosophien nur Varianten der ersten Lehren der Einen Weisheit sind, welche dem Menschen am Anfang des Zyklus vom Planetengeist gegeben wurden?

Der wahre Adept, der entwickelte Mensch, so wurde uns stets gesagt, muss werden – er kann nicht gemacht werden. Es ist ein Prozess des Wachsens durch Evolution und bringt unvermeidlich eine bestimmte Menge Schmerz mit sich.

Die Hauptsache des Schmerzes liegt darin, dass wir ständig das Dauerhafte im Unbeständigen suchen. Wir suchen es nicht nur, sondern handeln, als ob wir schon das Unveränderliche in einer Welt gefunden hätten, in der die eine sichere Qualität, über die wir eine Aussage treffen können, der ständige Wechsel ist; und immer, wenn wir gerade meinen, das Unveränderliche fest im Griff zu haben, verändert es sich unter unserem Zugriff und bringt Leid mit sich.

Ich wiederhole, die Idee des Wachsens beinhaltet auch die Idee des Zerbrechens, nämlich dass das innere Wesen ständig seine umschließende Hülle oder Behausung durchbrechen muss. Und ein solches Zerbrechen muss auch von Schmerz begleitet sein – nicht physisch, sondern mental und intellektuell.

Und so geschieht es im Verlauf unseres Lebens: Die Unannehmlichkeit, die uns trifft, ist unserem Gefühl nach immer das Ärgste, was uns treffen kann – es ist immer gerade das, was uns dann als völlig untragbar erscheint. Wenn wir es von einem höheren Standpunkt aus betrachten, werden wir erkennen, dass wir gerade dann versuchen, unsere Schale an ihrem verwundbarsten Punkt zu knacken; und dass unser Wachstum, wenn es wirkliches Wachstum sein soll und nicht das kollektive Ergebnis einer Reihe von Auswüchsen, ganz gleichmäßig vor sich gehen muss, wie der Körper eines Kindes wächst – nicht zuerst der Kopf und dann die Hand und dann vielleicht ein Bein, sondern in alle Richtungen zugleich, gleichmäßig und unmerklich. Der Mensch neigt dazu, sich um jeden Teil gesondert zu kümmern und die anderen Teile inzwischen zu vernachlässigen – jeder heftige Schmerz wird durch die Erweiterung eines vernachlässigten Teils verursacht. Diese Erweiterung wird durch die Wirkungen der Kultivierung, die anderswo gewährt wird, schwieriger.

Böses ist oft die Folge von Überängstlichkeit. Die Menschen versuchen immer zu viel zu tun, sie sind nicht damit zufrieden, etwas sich selbst zu überlassen. Sie sollten nur das tun, was der Augenblick gerade verlangt und nicht mehr. Sie übertreiben jede Handlung und schaffen so Karma, das sich in zukünftigen Geburten auswirken muss.

Eine der subtilsten Formen dieses Übels ist die Hoffnung auf und das Verlangen nach Belohnung. Es gibt viele, die – wenn auch oft unbewusst – alle ihre Bemühungen zunichte machen, indem sie diesen Gedanken an Belohnung hegen und es zulassen, dass er in ihrem Leben ein aktiver Faktor wird, und damit öffnen sie die Tür für Verzagtheit, Zweifel, Angst, Verzweiflung – Misserfolg.

Das Ziel eines Menschen, der nach spiritueller Weisheit strebt, ist es, in eine höhere Daseinsebene einzutreten. Er muss ein neuer Mensch werden, in jeder Beziehung vollkommener als er es jetzt ist. Wenn ihm das gelingt, werden seine Fähigkeiten und Anlagen entsprechend an Umfang und Kraft zunehmen, gerade so wie wir in der sichtbaren Welt sehen können, dass jede Stufe auf der evolutionären Leiter von einer Zunahme an Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Auf diese Weise wird der Adept mit wunderbaren Kräften ausgestattet, aber das Wichtigste, woran man sich erinnern muss, ist, dass diese Kräfte die natürlichen Begleiterscheinungen der Existenz auf einer höheren Ebene der Evolution sind, so wie die gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten die natürlichen Begleiterscheinungen der Existenz auf der gewöhnlichen menschlichen Ebene sind.

Viele Menschen scheinen zu glauben, Adeptschaft sei nicht so sehr die Folge einer tiefgreifenden Entwicklung als die einer zusätzlichen Ausbildung. Sie scheinen zu denken, dass ein Adept ein Mensch ist, der ein festgelegtes Übungsprogramm absolviert, das aus gewissenhafter Befolgung einer Reihe willkürlicher Regeln besteht. Dadurch erlangt er erst die eine Fähigkeit und dann die andere, und wenn er eine bestimmte Anzahl solcher Kräfte erworben hat, wird er zum Adepten ernannt. Da sie diese falsche Vorstellung haben, glauben sie, der erste Schritt zur Erlangung der Adeptschaft sei, „Kräfte“ zu erwerben – Hellsehen und die Fähigkeit, den physischen Körper zu verlassen und in die Ferne zu reisen – das fasziniert die Menschen am meisten.

Jenen, die derartige Kräfte zu ihrem eigenen persönlichen Vorteil erwerben wollen, haben wir nichts zu sagen; sie trifft die Missbilligung, welcher alle unterliegen, die um rein selbstsüchtiger Ziele handeln. Es gibt aber auch andere, welche die Wirkung mit der Ursache verwechseln und ernsthaft glauben, der Erwerb von ungewöhnlichen Kräfte sei der einzige Weg zu spirituellem Fortschritt. Diese Menschen betrachten unsere Theosophische Gesellschaft nur als das geeignete Mittel, das sie am schnellsten in die Lage versetzt, in dieser Richtung Wissen zu erlangen, und sie betrachten sie als eine Art okkulte Akademie, als eine Institution, die zur Unterweisung sogenannter Wundervollbringer gegründet wurde. Trotz wiederholter Proteste und Warnungen gibt es einige Menschen, in denen diese Vorstellung anscheinend unausrottbar festsitzt. Diese geben ihre Enttäuschung lautstark bekannt, wenn sie entdecken, dass das, was man ihnen anfangs gesagt hat, durchaus stimmt, nämlich dass die Gesellschaft nicht dafür gegründet wurde, neue und leichte Wege zur Erlangung von „Kräften“ aufzuzeigen; dass es ihre einzige Aufgabe ist, die Fackel der Wahrheit abermals anzuzünden, die mit einigen wenigen Ausnahmen für alle so lange erloschen war, und die Wahrheit durch die Bildung einer Bruderschaft der Menschheit lebendig zu erhalten – denn das ist der einzige Boden, auf dem der gute Same wachsen kann. Die Theosophische Gesellschaft möchte wirklich das spirituelle Wachstum jedes Einzelnen, der in ihren Einflussbereich kommt, fördern, aber ihre Methoden sind die der alten Rishis (Seher); ihre Lehren sind die der ältesten Esoterik. Sie verteilt keine Patentrezepte für Wundermittel, die aus so schädigenden Arzneien zusammengesetzt sind, dass kein ernsthafter Heiler es wagen würde, sie anzuwenden.

Es hat den Anschein, dass seit der Gründung der Theosophischen Gesellschaft verschiedene Gesellschaften entstanden sind, welche alle aus dem von der TG in Bezug auf die psychische Forschung geweckten Interesse Nutzen ziehen und Mitglieder zu gewinnen versuchen, indem sie ihnen versprechen, leicht psychische Kräfte erwerben zu können. In Indien sind wir längst damit vertraut, dass es Scharen von falschen Asketen aller Art gibt, und wir befürchten, dass in dieser Richtung sowohl hier als auch in Europa und in Amerika erneut Gefahr besteht.

In diesem Zusammenhang möchten wir alle unsere Mitglieder warnen, und andere auch, die auf der Suche nach spirituellem Wissen sind, sich vor Leuten zu hüten, die einfache Lehrmethoden anbieten, um psychische Fähigkeiten zu erlangen. Derartige Fähigkeiten sind tatsächlich durch Kunstgriffe verhältnismäßig leicht zu erwerben, aber sobald der Nervenimpuls sich erschöpft, schwinden sie dahin. Die wahre Seherschaft und Adeptschaft, die von echter psychischer Entwicklung begleitet ist, geht nie verloren, wenn man sie einmal erlangt hat.

***

Das Motiv und nur das Motiv allein entscheidet, ob die Anwendung okkulter Fähigkeiten zu schwarzer, unheilvoller oder weißer, heilbringender Magie wird. Ist auch nur der leiseste Schatten von Selbstsucht in dem Ausübenden verblieben, ist es für ihn unmöglich, spirituelle Kräfte zu verwenden. Denn wenn die Absicht nicht gänzlich rein ist, wird das Spirituelle sich ins Psychische verwandeln, auf der Astralebene wirken, wodurch furchtbare Folgen hervorgerufen werden können. Die Kräfte und Mächte der animalischen Natur können ebenso von Selbstsüchtigen und Rachsüchtigen wie von Selbstlosen und Versöhnlichen benutzt werden; die Mächte und Kräfte des Geistes werden nur dem verliehen, der vollkommen reinen Herzens ist – und das ist GÖTTLICHE MAGIE.

Es muss daran erinnert werden, dass die Gesellschaft nicht als eine Pflanzschule zur beschleunigten Aufzucht von Okkultisten gegründet wurde – als eine Fabrik zur Herstellung von Adepten. Die Absicht war, den Strom des Materialismus, der spiritistischen Phänomene und der Totenanbetung einzudämmen. Sie sollte das jetzt beginnende spirituelle Erwachen leiten und nicht psychischen Süchten Vorschub leisten, die nur eine andere Form des Materialismus sind. Denn mit „Materialismus“ ist nicht nur eine antiphilosphische Verneinung des reinen Geistes gemeint und, was schlimmer ist, Materialismus im Verhalten und Handeln – Brutalität, Heuchelei und vor allem Selbstsucht –, sondern auch die Früchte aus dem ausschließlichen Glauben an materielle Dinge, ein Unglaube, der während des letzten Jahrhunderts enorm zugenommen hat und der viele Menschen, nachdem er jede andere Existenz außer der materiellen leugnet, zu einem blinden Glauben an die Materialisierung des Geistes führt.


12 – Okkultismus versus psychische Kräfte

Wahrer Okkultismus oder Theosophie ist die „Große Entsagung des SELBST“, unbedingt und absolut in Gedanken und Handlungen. Es ist ALTRUISMUS.

– H. P. BLAVATSKY

Zwischen Okkultismus und der Kultivierung psychischer Kräfte besteht ein großer Unterschied. Es gibt viele unterschiedliche psychische Kräfte, Phänomene wie Hellsehen, Psychometrie, Telepathie, Kinästhesie, Channelling und Trance-Mediumschaft miteingeschlossen. Oft lassen sich auf natürliche Weise psychisch veranlagte Menschen auf die Entwicklung dieser Kräfte ein; oder sie handeln lediglich aus Neugier, ohne zu wissen, worauf sie sich einlassen, denn die psychische Welt ist wesentlich illusorischer als die physische Welt, mit der wir vertraut sind. Solche Kräfte gehören jedoch in den meisten Fällen nicht zu den spirituellen Kräften. Wie W. Q. Judge bemerkt:

Wenn ein Schüler den Pfad betritt und beginnt, Strahlen des Lichts zu erkennen, die hier und da aufblitzen, oder Kugeln aus goldenem Feuer, die an ihm vorbeirollen, bedeutet das nicht, dass er beginnt, das wahre Selbst zu sehen – reinen Geist. Ein dem Schüler gegebener Augenblick tiefsten Friedens oder wunderbarster Offenbarungen stellt nicht den erhebenden Augenblick dar, in welchem er seinen spirituellen Führer und noch viel weniger seine eigene Seele erkennt. Psychische Sensationen bestehen auch nicht aus blauen Flammen, und Visionen nicht aus Dingen, die später geschehen, noch sind es die Einblicke in kleine Ausschnitte des Astrallichts mit seinen wunderbaren Fotografien der Vergangenheit oder Zukunft, noch stellt das plötzliche Erklingen von fernen, zauberhaften Glöckchen irgendeinen Beweis dafür dar, dass man die Spiritualität fördert. Diese Dinge – und noch sonderbarere – werden auftreten, wenn Sie eine kleine Strecke auf dem Weg gegangen sind, aber sie sind lediglich die Vorposten eines neuen Landes, das selbst völlig materiell ist und nur einen Schritt weg von der Ebene des groben, physischen Bewusstseins.

Echoes of the Orient, 1:45

Nach dieser Art von Phänomenen zu trachten hat gewöhnlich einen lähmenden Einfluss auf unsere höheren Bestrebungen, die physische Nachgiebigkeit bewirkt dasselbe. Judge sprach in Verbindung mit diesen Dingen von der Gefahr „astraler Vergiftung“, da der Durst nach Phänomenen so unersättlich sein kann wie der nach Alkohol oder Drogen:

Die Kraft der Natur, uns zu täuschen, ist endlos; und wenn wir bei diesen Dingen anhalten, wird sie uns nicht fortschreiten lassen. Das bedeutet nicht, irgendjemand oder eine Naturkraft hätte befohlen, dass wir stehen bleiben müssten, täten wir dieses oder jenes. Wenn aber jemand von dem verzaubert wird, was Böhme „die Wunder Gottes“ nannte, ist das Resultat eine Vergiftung, die eine Verwirrung des Intellekts hervorruft. Würde zum Beispiel jemand jedes Bild, das er im Astrallicht sieht, als eine spirituelle Erfahrung betrachten, dann könnte er nach kurzer Zeit zu diesem Gegenstand bestimmt keinen Widerspruch mehr ertragen. Aber das wäre nur deshalb so, weil er von dieser Art von Wein betrunken ist.

– Ebenda 1:46

Wenn die menschliche Evolution fortschreitet, werden psychische Kräfte zunehmend als die natürliche Entwicklung innerer Qualitäten auftreten, sobald neue Sinne und Organe zu aktiver Funktion gelangen. Jeglicher Versuch jedoch, diesen Prozess vor der Reife zu forcieren, ist für die Gesundheit und sogar für den Geisteszustand gefährlich. In Zeiten wie diesen, wenn die Grenze zwischen den ätherischen, inneren Welten und unserer physischen Welt schmal wird, können wir eine Zunahme psychischer Sensitivität erwarten. In solchen Epochen ist es von lebensnotwendiger Wichtigkeit, der sich daraus ergebenden Flut von Phänomenen eine positive Richtung zu geben, indem man das menschliche Gedankenleben auf spirituelle Wirklichkeiten lenkt.

Okkultismus wird oft mit Psychismus verwechselt; und deshalb schrecken die Menschen vor ihm zurück. Das Bild von Okkultismus im öffentlichen Bewusstsein ist das von Séancen, Zukunftsdeutern, Scharlatanen, wandernden Gurus, die ihre Kräfte anpreisen, Schwarzmagie – alles Dinge, die heutzutage überhandnehmen. Aber wahrer Okkultismus ist das Studium der verborgenen Bereiche der Natur. In seiner weitesten Anwendung wird er manchmal esoterische Philosophie genannt, die sich mit der Struktur und den Wirkungsweisen des Kosmos und dem Ursprung und Schicksal der ihn zusammensetzenden Wesen befasst. Ein fundamentaler Grundsatz okkulter Philosophie ist, dass alle Dinge leben und Teile eines Ganzen sind; dass Universen, Galaxien, Sonnen und Planeten alle Lebewesen sind, die sowohl im Inneren als auch im Äußeren aus Scharen von größeren und kleineren Wesenheiten zusammengesetzt sind. In derselben Weise bilden die Atome, Moleküle, Zellen und Organe unserer eigenen Körper – zusammen mit den Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und dem Verständnis, die aus den höheren Teilen unserer Natur emanieren – dieses lebende Universum, das wir Mensch nennen.

Angenommen wir betrachten einen unserer Freunde, den wir vermeintlich sehr gut kennen, und fragen uns, was genau ist dieser Freund? Ist er oder sie die physische Erscheinung oder ist der wahre Mensch das Bewusstsein, die Intelligenz, das Gute? Sicherlich letzteres. Dieser innere Mensch, das wahre Individuum, ist vom Standpunkt unserer physischen Sinne aus unberührbar und unsichtbar. Der Intellekt und die Seelenqualitäten werden von spirituellen und psychologischen Gesetzen geleitet; sogar die sogenannten physischen Naturgesetze sind nicht im mindesten physisch. Auch sie sind unsichtbar, werden nur aufgrund der Art, wie sie die materielle Welt kontrollieren und organisieren, berührbar und beobachtbar. Sie selbst können ansonsten durch unser gewöhnliches Sehvermögen nicht wahrgenommen werden.

Wenn wir diese Denkweise auf den Kosmos anwenden, können wir verstehen, dass das wirkliche kausale Universum ein unsichtbares Universum ist. Wenn menschliches Leben, Bewusstsein, Güte und Stärke unsere Realität sind, trifft das auch auf das Universum zu, das uns hervorbringt. Es wird ebenso von Intelligenz und Bewusstsein geleitet wie wir selbst. Was ist die Natur dieser Intelligenz und dieses Bewusstseins? Es ist die überschattende Aktivität von intelligenten, bewussten Wesen.

Jeder von uns ist wahrhaftig ein Universum im Kleinen, und in uns befinden sich Bereiche oder Ebenen des Seins und des Bewusstseins, die wir momentan nur vage wahrnehmen und nur teilweise verstehen. Und so wie es Scharen von Leben unterhalb der menschlichen Ebene gibt, muss es auch Scharen von höheren Wesen geben, eine Anschauung, die von allen großen Religionen vertreten wird. Die verschiedenen Lebensebenen, vom Atom bis zum Kosmos, repräsentieren die aufsteigenden Stufen der Leiter der kosmischen Evolution. Die sogenannten Naturgesetze sind der spirituelle Lebensstil höherer Wesen, deren Gegenwart die Harmonie der Sphären sichert. So ist das Universum spirituell so wirklich, wie es für uns physisch greifbar ist.

Die drei von H. P. Blavatsky im ersten Band ihres Werkes Die Geheimlehre gegebenen Grundsätze sind das wahre Herz des Okkultismus, denn sie erwecken das Göttliche in uns und zeigen das Universum als einen riesigen Organismus, von dem all die Reiche, vom Elektron bis hinauf zu den höchsten Göttern, integrale, evolvierende Teile sind. Der erste Grundsatz beschreibt das Endlose, die unerkennbare Quelle, aus der alle Dinge hervorströmen – ein ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip. Der zweite Grundsatz beschreibt das universale Gesetz der Periodizität, das Leben, den Tod und die Wiedergeburt aller Dinge – von Welten, Göttern und Menschen. Sie alle erscheinen periodisch: Es gibt Zeiten der Ruhe und Zeiten der Aktivität oder Manifestation. Augenblick für Augenblick, Jahr für Jahr, ein kosmischer Zyklus nach dem anderen – schreitet die Evolution aller lebenden Wesen voran. Der dritte Grundsatz betont die essenzielle Einheit jeder Seele mit der universalen Oberseele. Er beschreibt auch, wie jeder göttliche Funke durch jede Form der phänomenalen Welt evolviert und schließlich Individualität erlangt. Der göttliche Funke erreicht das durch eine fast unendliche Reihe von Wiederverkörperungen, wobei er über kosmische Zeiten durch alle Grade der Intelligenz steigt – vom niedrigsten zum höchsten.

Dieser großartige Prozess ist es, der in dem Wort Okkultismus enthalten ist: Wie das Sichtbare aus dem Unsichtbare hervortritt; wie der kleinste Funke göttlichen Lebens mit der Zeit zum Menschen wird; und wie wir Menschen Götter werden können. Wie weit ist diese majestätische Anschauung von den armseligen Kräften entfernt, die mit Psychismus und den sogenannten „okkulten“ Künsten verbunden werden! Wir wollen dagegen unsere Aufmerksamkeit auf das spirituelle Herz dieses riesigen, uns umgebenden Universums richten, das auch das spirituelle Herz im Kern unseres eigenen Wesens ist, da wir danach streben, den Göttern gleich zu werden.

***

Der Begriff okkult hat einen edlen, aber großteils vergessenen Ursprung. Hergeleitet von dem lateinischen occultus, mit der Bedeutung „verborgen“, definiert er richtig all das, was nicht freigelegt, verborgen oder nicht leicht wahrzunehmen ist. Frühe Theologen sprachen zum Beispiel von „dem okkulten Urteil Gottes“, während „ein okkulter Philosoph“ eine Bezeichnung für einen Wissenschaftler vor der Renaissance war, der die unsichtbare Ursache suchte, welche die Phänomene der Natur bestimmen. In der Astronomie, wird der Begriff noch verwendet, wenn ein himmlischer Körper durch einen anderen „okkult wird“, wenn dieser vor ihm vorbeizieht und uns vorübergehend die Sicht auf ihn versperrt.

Vor einem Jahrhundert geschrieben, als das Wort noch nicht die heutigen vermischten Nebenbedeutungen angenommen hatte, definierte H. P. Blavatsky Okkultismus als „Altruismus“ – die göttliche Weisheit oder verborgene Theosophie in allen Religionen. Okkultismus gründet auf dem Prinzip, dass Göttlichkeit verborgen in allen Lebewesen ist – transzendent, jedoch immanent. Als spirituelle Disziplin ist Okkultismus die Entsagung von der Selbstsucht; es ist der „stille schmale Pfad“, der zu Weisheit führt, zu der richtigen Unterscheidung zwischen Gut und Böse und der Ausübung von Altruismus.


13 – Die immerwährende Philosophie

Diese Lehren sind also nicht neu; es sind keine heutigen Erfindungen, sie wurden vielmehr schon vor langer Zeit gebracht, wenn auch nicht so klar ausgedrückt. Unsere Lehren sind die Erklärung jener früheren; und die Tatsache, dass diese Lehren alt sind, kann von Platons eigenen Schriften bezeugt werden.

– Plotin, Enneaden, V. 1, 8

In einem der Dialoge Platons, dem Symposium (§202-204), kommt der eindrucksvolle Gedanke vor, dass die Liebe die Mitte zwischen Unwissenheit und Weisheit ist, der Mittler zwischen den Menschen und Göttern und dass wir spirituelles Verständnis durch Liebe erreichen.

Auch Paulus sprach in einem der schönsten Abschnitte der Bibel von der Liebe, indem er sagte: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte, wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ Es ist – treu dem Gebot seines Meisters: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“ Im Buddhismus bezeichnet man den idealen Menschen, den Bodhisattva, der zur hinter den Illusionen des Lebens stehenden Wirklichkeit „erwacht“ ist, als jemand, der das „große, liebende Herz“ besitzt. Er hat das „andere Ufer“ der Erleuchtung erreicht, geleitet und gestärkt durch die Vervollkommnung der beiden wichtigsten Tugenden der buddhistischen Philosophie – Karuna und Prajnā, „Liebe“ und „unterscheidende Weisheit“, aus Altruismus geboren.

Das gleiche Thema durchdringt das Wort Philosophie – das eine Erfindung von Pythagoras sein soll –, denn das Wort besteht aus zwei griechischen Wurzeln: Philos, „Liebe“ und Sophia, „Weisheit“. Obwohl das Wort gewöhnlich mit „Liebe zur Weisheit“ übersetzt wird, kann Philosophie genauso gut die Weisheit der Liebe bedeuten oder alternativ „liebende Weisheit“ sein. Unter den verschiedenen griechischen Ausdrücken für Liebe bezeichnet jeder einen anderen Aspekt; Philos und sein verwandtes Philia bedeuten zugleich Freundschaft und Zuneigung – wie bei der Philanthropie, die „Liebe zum Menschen“, die zu Barmherzigkeit führt, und Philadelphia, „brüderliche Liebe“. Theon von Smyrna (2. Jahrhundert n. Chr.) schrieb, dass die Philosophie mit der Einweihung in die Mysterien verglichen werden kann, wovon der letzte Teil oder der krönende Erfolg die „Freundschaft und die innerliche Vereinigung mit der Gottheit ist“.

Auf diese Weise können wir sehen, dass das Hauptziel der griechischen Philosophie – wie im Buddhismus und im Christentum – darin bestand, sich in Liebe und Weisheit zu vervollkommnen, als Mittel, um mit der Quelle des Lebens eins zu werden. Außerdem bedeutet jede dieser Überlieferungen, dass die spirituelle Suche eigentlich mit Liebe beginnt und in Weisheit endet; dass die Tore zum Herzen des Wesens sich jenen öffnen, die ergriffen sind von der Leidenschaft nach Wahrheit und einem tiefen Interesse für das Wohlergehen aller. „Zum Wohle der Menschheit zu leben ist der erste Schritt“ – das ist eine universale, immerwährende Botschaft. Ebenso anhaltend ist die Suche der Menschheit nach einer einigenden und rettenden Weisheit.

Die Vorstellung von einer immerwährenden Philosophie, von einem gemeinsamen Nenner – oder besser von einem höchsten gemeinsamen Faktor –, der die Grundlage der Wahrheit in den vielen religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Gedankensystemen der Welt ist, ist mindestens Tausende von Jahren alt. Der römische Staatsmann und Philosoph Cicero erwähnt zum Beispiel, als er von der Existenz der Seele nach dem Tod spricht, dass er damit nicht nur als Autorität für die gesamte Antike spricht, sondern auch die Lehren der griechischen Mysterien und der Natur auf seiner Seite habe, und dass „diese Dinge bereits sehr alt seien und dazu von der universalen Religion bestätigt würden“ (Tusc. Disp. I.12-14).

Es war jedoch der deutsche Philosoph Leibniz, der im 17. Jahrhundert den lateinischen Ausdruck philosophia perennis populär machte. Er benutzte ihn um zu beschreiben, was notwendig war, um sein eigenes System zu vervollständigen. Das Ziel war eine eklektische Analyse der Wahrheit und der Unwahrheit aller Philosophien, der alten und der modernen, mit deren Hilfe man „das Gold von der Schlacke, den Diamanten von der Kohle und das Licht vom Schatten trennen kann; und das wäre eigentlich eine Art immerwährender Philosophie“. Ein ähnliches Ziel der Versöhnung verschiedener religiöser Philosophien wurde von Ammonius Saccas angestrebt (3. Jahrhundert n. Chr.), der Plotinus und die neuplatonische Bewegung anregte.

Leibniz behauptete jedoch nicht, den Ausdruck erfunden zu haben. Er sagte, er habe ihn in den Schriften von Augustinus Steuchus gefunden, einem Theologen des 16. Jahrhunderts, den er für einen der besten christlichen Schriftsteller aller Zeiten ansah. Steuchus beschrieb die immerwährende Philosophie als die ursprünglich enthüllte absolute Wahrheit, die dem Menschen vor seinem Fall bekannt gegeben wurde, welche dann in völlige Vergessenheit geriet und in der späteren Geschichte des menschlichen Denkens nur allmählich und unvollständig wiedererlangt wurde.

In neuerer Zeit (1945) stellte Aldous Huxley eine Auswahl aus religiösen und mystischen Überlieferungen der ganzen Welt zusammen, worin viele charakteristische Merkmale enthalten sind, die mit der „Philosophie der Philosophien“ übereinstimmen. In seinem Vorwort definiert er es folgendermaßen:

Philosophia perennis – … jene Metaphysik, welche eine göttliche Wirklichkeit als unabdingbar für die Welt der Dinge, des Lebens und Denkens erachtet. Sie ist jene Psychologie, die in der Seele etwas der göttlichen Realität Ähnliches oder sogar damit Identisches erkennt. Sie ist jene Ethik, die das letzte menschliche Ziel in die Erkenntnis der immanenten und transzendenten Grundlage allen Seins legt – in das, was unsterblich und universal ist. Bruchstücke dieser immerwährenden Philosophie können in der überlieferten Tradition primitiver Völker in jeder Region der Welt gefunden werden, in ihren vollentwickelten Formen findet sie sich in jeder bedeutsamen Religion.

Huxley wies darauf hin, dass er sich beim Zusammenstellen seines Buches nicht an die Schriften „professioneller“ Philosophen gehalten habe, sondern an einige jener seltenen Individuen in der Geschichte, die – wie er sich ausdrückt – sich dazu entschlossen haben, bestimmte Bedingungen zu erfüllen: „Sich selbst zu liebenden Menschen zu machen, die reinen Herzens und geistig arm [bescheiden] sind“ – wodurch es ihnen gelang, die göttliche Wirklichkeit unmittelbar zu erfassen. Er meinte, wenn man kein Weiser oder kein Heiliger sei, dann sei das Beste, was man tun könnte, „die Werke jener zu studieren, die Wissen von übermenschlicher Art und Bedeutung erlangen konnten, weil sie ihre rein menschliche Lebensweise umgewandelt hatten“.

Es ist nicht so außergewöhnlich, dass die inneren Lehren jeder größeren spirituellen Philosophie ähnlich sind, auch wenn die Überlieferungen geografisch, kulturell und durch große Zeiträume voneinander getrennt sind. Es war doch dieselbe Theosophia oder göttliche Weisheit, die von jedem Weisen und Lehrer universal verkündet wurde, dieselbe „unerschöpfliche, geheime, ewige Lehre“, die Krishna vor Äonen Vivasvat (der Sonne) enthüllt hatte, und die von Zeitalter zu Zeitalter periodisch weitergegeben wurde (Bhagavad Gītā, Kap. 4).

Die umfassendste moderne Darstellung dieser „Theosophia perennis“, mit den Beweisen für die Verbreitung der Theosophie in jedem Zeitalter auf der ganzen Welt, kann man in den Schriften von H. P. Blavatsky finden, insbesondere in ihrem großen Werk Die Geheimlehre, mit dem Untertitel „die Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie“. Sie selbst wurde von weiter fortgeschrittenen Schülern unterrichtet. Sie schrieb, dass

die in diesen Bänden, wenn auch noch so fragmentarisch und unvollständig enthaltenen Lehren, weder der indischen, der zoroastrischen, der chaldäischen oder der ägyptischen Religion, noch dem Buddhismus, Islam, Judentum oder Christentum ausschließlich angehören. Die Geheimlehre ist die Essenz von allen diesen. Die in ihrem Anbeginn aus ihr entsprungenen verschiedenen religiösen Systeme werden nunmehr in ihr ursprüngliches Element zurückgeleitet, aus dem jedes Mysterium und Dogma entsprossen ist, sich entwickelt hat und materialisiert wurde.

– 1:XXV

Neben der Ausarbeitung der fundamentalen Lehren und dem Hinweis auf die Analogie dieser Lehren in der Natur, erklärt H. P. Blavatsky, wie das geheime „Wissen von göttlichen Dingen“ der Menschheit „enthüllt“ und im Lauf der Geschichte periodisch erneuert wurde. Indem sie sich auf ein historisches Ereignes bezieht, allegorisch dargestellt in der Erzählung vom Garten Eden, in der Mythe vom Feuer des Prometheus und auch in der hinduistischen Überlieferung vom Abstieg der Mānasaputras („Söhne des Denkens“) schildert sie, wie vor etwa 18 Millionen Jahren göttliche Wesen, „vervollkommnete“ Menschen aus früheren Zyklen, Bewohner höherer, unsichtbarer Sphären des kosmischen Lebens, einen Teil ihres Bewusstseins mit der entstehenden Menschheit verschmolzen und sie mit überlegender Intelligenz entflammten. In diesem Akt des Opfers und der evolutionären Notwendigkeit prägten sie die „plastische Denksubstanz“ der Menschheit wichtige Wahrheiten über das Leben unauslöschlich ein, so dass sie nie wieder völlig verloren gehen konnten. Das ist auch das Grundprinzip Platos, dass Lernen eigentlich ein Prozess der „Reminiszenz“ ist – ein „Erinnern“ oder „Wiederentdecken“ von ursprünglichem Wissen, das in den unsterblichen Teil der Seele eingebettet ist.

Seit jenen uralten Zeiten ist in jedem Teil der Erdkugel regelmäßig versucht worden, die Weisheitstradition wieder herzustellen, und zwar vor allem aus zwei Gründen: Erstens wegen der zersetzenden Kräfte, die mit der Zeit jede Darstellung entstellen. Man erinnert sich nur noch unvollständig an die ursprünglichen, in der Regel mündlich überlieferten Lehren, oder vergisst sie gar, Texte gehen verloren. Kopien und Übersetzungen werden editiert, Wortbedeutungen ändern sich, und die Menschen legen Essenzielles oft falsch aus oder übersehen es.

Der zweite und zwingendere Grund ist der, dass mit der Evolution der Menschheit sich auch ihre Bedürfnisse entwickeln; und wenn der gemeinsame Ruf aus den menschlichen Herzen stark genug ist, erfolgt von der richtigen Seite eine Antwort, welche die Bedürfnisse des dann beginnenden Zyklus erfüllen wird. Es ist allgemein bekannt, dass die Messiasse, Avataras, Buddhas, Propheten und die von „Gott Unterwiesenen“ in allen Völkern als Reformer und Überbringer kamen, nicht als Begründer von irgendetwas Neuem – bis auf das „irdische Gewand“, in dem sie es brachten, das aus dem zur Verfügung stehenden Material gewoben war. Es ist aber auch zu beachten, dass die Boten selten von ihren Zeitgenossen erkannt wurden, und auch die Bedeutung ihrer Botschaft wurde nicht voll verstanden. Jede Neuerung zieht Opposition an; mächtige Drachen umgeben den Gral.

Wie jedes andere auch ist unser eigenes Zeitalter überreich an „falschen Propheten“, deren oft beeindruckende Mischung von Wahrheit und Irrtum viele auf unproduktive, sogar gefährliche Abwege geführt hat. Wie sollen wir dann, mögen wir fragen, zwischen dem, was unverfälscht aus dem Spirituellen kommt und der Spreu unterscheiden? Obwohl dazu ein ausdauerndes und unterscheidendes Studium benötigt wird, können wir die Prüfung des Immerwährenden und der Universalität anwenden: Wurde die Lehre eindeutig von allen großen spirituellen Weltlehrern dargelegt oder impliziert? Und was ebenso wichtig ist, trägt sie das Kennzeichen des Geistes: Ist sie ein Aufruf an die selbstlose, altruistische Seite unserer Natur?

Das Universum, physisch und metaphysisch, ist insgesamt eine Realität; der einfachen Logik entsprechend kann es aber nur eine Wahrheit geben, wie begrenzt, verschieden und scheinbar abweichend ihr Ausdruck in der menschlichen Sprache auch sein mag. Der trennende Einfluss der dogmatischen Theologien, einschließlich der Wissenschaft und der Philosophie, in dem Versuch, die Wahrheit unter irgendeiner Flagge für sich in Anspruch zu nehmen, kann das menschliche Wohl nur negativ beeinflussen.

Vielleicht ist es am besten zu bedenken, dass die meisten von uns sich, wie die Liebe, „in der Mitte“ zwischen Unwissenheit und Weisheit befinden. Wenn wir auch nur eine Andeutung haben, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt, über die wir mehr wissen möchten, oder wenn wir nur danach streben, eine aktive Kraft für das Gute in der Welt zu sein, aber eine Philosophie benötigen, die uns helfen kann, die Stürme des Lebens und auch die Depressionen durchzustehen, können wir zuversichtlich sein, dass es ein solches Wissen gibt, das sowohl das Herz wie auch den Intellekt befriedigt. Die Menschheit ist der barmherzigen Führung durch die Götter nicht beraubt und ist es auch nie gewesen. Sie und ihre irdischen Repräsentanten haben stets den Kompass der liebevollen Weisheit als sichersten Führer zu unserer Bestimmung angeboten. Wenn wir dem Kurs folgen, der von diesen vorausgegangenen Wanderern vorgezeichnet wurde, werden wir nicht nur entdecken, was im Leben wahr ist und was nicht; wir werden uns auch geeignet machen, die immerwährenden Qualitäten des Geistes zum Ausdruck zu bringen.


14 – Der Pfad zum Herzen des Universums

Es ist ein Hunger in jedem Menschenherzen, den nichts befriedigen oder stillen kann – ein Hunger nach höherer Wahrheit, als den Menschen des Alltags bekannt, ein Hunger nach dem Wirklichen, ein Hunger nach dem Erhabenen. Er ist das göttliche Heimweh der Seele, der Geistseele des Menschen. Diese Sehnsucht entspringt dem Gefühl der Heimatlosigkeit, der Erinnerung der Seele an unsere spirituelle Heimat, aus der wir kamen und zu der unsere Reise nun wieder zurückführt. Jedes menschliche Herz empfindet es. Es ist die rettende Macht im Menschen, die Kraft, die ihm Hoffnung verleiht und sein höhergeistiges Streben weckt, die seine Seele erhebt durch die Wiedererkennung der Herrlichkeit, die ihm einst innewohnte. Licht für den Geist, Liebe für das Herz, Verstehen für den Verstand – alle drei müssen in jedem Menschen befriedigt werde, ehe er wahren Frieden findet.

Es gibt einen Pfad, einen erhabenen Pfad der Weisheit und Erleuchtung, der für jeden Menschen in irgendeiner seiner Verkörperungen auf dieser Erde beginnt und dann nach innen führt; denn es ist der Pfad des Bewusstseins und der spirituellen Verwirklichung. Jede Fähigkeit, jede Energie, alles ist in dem innersten Kern deines Wesens enthalten, der sozusagen dein Weg ist, auf dem du aus dem Herzen des Seins hervorgehst, das deine spirituelle Selbstheit ist.

Der Pfad zum Herzen des Universums ist nur einer, und doch ist er für jeden Menschen verschieden. Dies bedeutet, dass jeder Mensch selbst jener Pfad ist – jener Pfad, der aus Denken, Bewusstsein und dem Gewebe seines eigenen Wesens gebildet ist. Er besteht aus der Substanz des Herzens der Natur.

Es gibt einen Weg, der ist lang und auch breit. Das ist der Weg, auf dem dich der dahinziehende Energiestrom der Natur mitführt. Wenn du diesem Weg folgst, wirst du in entsprechender Zeit Vollkommenheit erlangen; es ist jedoch der Weg langsamer, langwieriger Entwicklung, der dich im Verlaufe unberechenbarer Zeiten in jedem Erdenleben nur ein kleines Stückchen vorwärts bringt.

Es gibt aber auch einen anderen Pfad, steil und dornig, schwierig zu begehen. Das ist der Weg, den die Großen der Menschheit eingeschlagen haben. Er ist der kürzere Pfad, doch auch der schwierigere. Er ist der Pfad der Selbstüberwindung, der Pfad der Selbsthingabe für das Ganze, der Pfad, auf dem der persönliche Mensch zum unpersönlichen Buddha, zum unpersönlichen Christus wird; der Pfad, auf dem alle Eigenliebe aufgegeben und das ganze Leben erfüllt wird von der Liebe zu allen Dingen, groß oder klein. Er ist ein mühevoller Weg, denn er ist der Weg der Einweihung; er ist der steile und dornige Pfad zu den Göttern. Denn wer die Höhen des Olymps erklimmen will, muss dem Pfad folgen, wie er vor ihm liegt.

Schön sind die Pfade, erhaben das Ziel und schnell die Füße derer, die dem Weg der stillen, leisen inneren Stimme folgen, dem Weg, der zum Herzen des Universums führt. Dies ist der Kern der Botschaften der großen Mysterien des Altertums – die Vereinigung des einfachen Menschenwesens mit seinem göttlichen Ursprung, mit seiner eigenen Wurzel, die mit dem ALL verbunden ist: Denn jener Kern ist ein Funke des zentralen Feuers, ein Funke der Gottheit; und dieser Funke ist in jedem.

Das Göttliche wohnt in deinem Herzen. Es ist deine Wurzel. Es ist der letzte, allerinnerste Kern deines Wesens; und du kannst auf dem Pfad des spirituellen Selbst emporsteigen, lässt Schleier um Schleier der verdunkelnden Ichheit hinter dir, bis du die Vereinigung mit jenem inneren Göttlichen erreichst. Das ist das erhabenste Unternehmen, das Menschen kennen – die Erforschung des innersten Selbst des Menschen. Wenn du diesem inneren Pfad der Selbsterkenntnis folgst, wirst du nicht nur die Höhen des Parnass und des Olymps erklimmen, sondern du wirst mit der Zeit so an Verständnis und innerem Schauen wachsen, dass deine Augen weite Gebiete und Räume inneren Lichts umfassen und dir die heiligsten und schönsten und deshalb erhabensten Mysterien des grenzenlosen Universums offenbar werden.

Der erste Schritt auf dem Pfad zum Herzen des Universums ist die Erkenntnis der Wahrheit, dass alles von innen kommt. Alle genialen Inspirationen, alle großen Ideen, welche die Zivilisationen aufbauten und zerstörten, all die wunderbaren Botschaften, die von den Großen der Erde an ihre Menschenbrüder gerichet worden sind – sie alle kommen von innen. Der Kampf um die Vereinigung, um das Einssein, um die Verschmelzung mit deinem inneren Gott ist mehr als zur Hälfte gewonnen, wenn du diese Wahrheit erkennst.

Das Innerste deines Inneren ist ein Gott, eine lebendige Gottheit; und von dieser göttlichen Quelle fließen hinunter in dein menschliches Bewusstsein all die Dinge, die den Menschen groß machen, alles, was Liebe und mächtige Hoffnung, Begeisterung und höheres Streben wachruft und, das Edelste von allem, Selbstaufopferung.

In dir selbst liegen alle Mysterien des Universums. Durch dein inneres Selbst, durch deine spirituelle Natur, hast du einen Weg, der zum innersten Herzen des Universums führt. Wenn du vorwärts dringst auf jenem Pfad, der immer weiter nach innen führt, wenn du in dich gehen und Schleier um Schleier der Selbstheit wegziehen und immer tiefer in dich eindringen kannst, dann dringst du auch immer tiefer in die wundersamen Mysterien der universalen Natur ein. Dieser Pfad wird als „Weg“ bezeichnet; dabei handelt es sich jedoch um die Erschließung des menschlichen Herzens – nicht des physischen Herzens, sondern seines Wesens Kern, der Essenz des Menschen, mit anderen Worten, um die Erschließung und Entwicklung seiner geistigen, intellektuellen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten. Das ist die Herzenslehre, die geheime Lehre, die verborgene Lehre. Die Augenlehre betrifft das Sichtbare und ist mehr oder weniger offenbar.

Jene, die die Intuition von etwas Größerem in sich haben, von etwas Herrlichem und Erhabenem, von etwas, das der knospenden Blume gleich in Herz und Geist heranwächst – sie sind es, die schließlich mehr sehen werden.

Es gibt keine Bevorzugung in der Natur. Der Mensch ist ein untrennbarer Teil des Universums, in dem er lebt und webt und sein Dasein hat. Es besteht keinerlei Trennung zwischen seinem Ursprung und dem Ursprung des Universums; es liegt kein Abstand zwischen beiden. Dasselbe Universale Leben strömt durch alles, was da ist. Derselbe Bewusstseinsstrom, der in dem gewaltigen Ganzen und durch das mächtige Ganze des Universums fließt, durchströmt deshalb auch den Menschen – ein untrennbarer Teil jenes Universums. Das bedeutet, dass es einen Pfad gibt, auf dem du in enge Beziehung zu dem Herzen des Universums selbst kommen kannst; und dieser Pfad bist du, dein eigenes inneres Wesen, deine eigene innere Natur, dein spirituelles Selbst. Nicht das Ich des gewöhnlichen physischen Menschen, das nur ein armseliger Widerschein des spirituellen inneren Glanzes ist, sondern jenes innere Selbst aus reinem Bewusstsein, aus reiner Liebe für alles, was da ist, unbefleckt von allem irdischen Makel.

Wie kann man sein Leben so führen, dass man auf diesem Pfad vorwärtsdringt? Ein reines Herz, ein lauterer Geist, ein scharfer Verstand, das Streben nach ungetrübter spiritueller Einsicht: Das sind die ersten Sprossen der goldenen Leiter, auf der du zum Weisheitstempel der Natur emporsteigen wirst. Dieses „Leben des Lebens“ hat nichts zu tun mit törichtem Asketentum wie Martern des Körpers und anderen nutzlosen Verfahren der Selbstzerstörung. Nicht im mindesten. Dein Wille und deine Verstandeskräfte sind es, die du schulen musst, denn dann erziehst du dich selbst, dann wirst du zu einem echten Menschen und bist auf dem Pfad zum Gottmenschentum.

Töte nicht deine Persönlichkeit; vernichte nicht deine Persönlichkeit im Sinne einer Auslöschung. Du hast sie selbst ins Dasein gebracht; sie ist ein Teil von dir, der empfindsame und psychische Teil, der niedere mentale Teil, der leidenschaftliche Teil von dir, das Ergebnis einer äonenlangen Entwicklung in der Vergangenheit. Erhöhe die Persönlichkeit. Läutere sie, erziehe sie, mache sie wohlgestaltet und bringe sie in Übereinstimmung mit deinem Wollen und Denken, nimm sie in Zucht, mache sie zum Tempel eines lebenden Gottes, so dass sie zu einem geeigneten Gefäß, zu einem reinen und sauberen Kanal wird, durch den die glänzenden Strahlen des inneren Gottes in das menschliche Bewusstein strömen können – diese glänzenden Strahlen sind Strahlen des Geistesbewusstseins, des spirituellen oder göttlichen Bewusstseins.

Die Erniedrigung des Persönlichen macht den spirituellen Menschen nicht frei, die Erhöhung des Persönlichen ins Spirituelle ist die Aufgabe der Evolution. Das ist das gleiche Ziel, das die gewöhnliche Evolution in ihrem langsamen Werdeprozess im Laufe der Zeitalter zu erreichen bestrebt ist – das Niedere zum Höheren emporzuheben – aber nicht, es zu töten oder zu erniedrigen.

Sei so heilig, edel und rein, wie du dir nur vorstellen kannst; dann kannst du deinen Körper vergessen; dann kannst du deine Persönlichkeit vergessen, die durch den Körper zum Ausdruck kommt, den niederen mentalen und emotionalen Teil von dir.

In dem Maß, wie du dich mit deinem eigenen inneren Gott verbindest, mit jenem Quell des Göttlichen, der beständig dein inneres Wesen durchströmt, in demselben Maß steigt dein Bewusstsein und wächst an Kraft und Reichweite, so dass mit dem inneren Wachstum nicht nur eine größere Vision eintritt, sondern durch das erweiterte Bewusstsein auch die Fähigkeit, diese Vision zu deuten.

Oh wie wundervoll, heilig, erhaben und inspirierend wie keine andere ist diese Wahrheit: dass in jedem einzelnen ein unaussprechlicher Brunnquell der Stärke, der Weisheit, der Liebe, des Mitleids, des Verzeihens, der Reinheit ist! Verbinde dich mit diesem Urquell der Stärke; er ist in dir, niemand kann ihn dir je nehmen. Sein Wert ist kostbarer als alle Schätze des Universums, denn wenn du ihn kennst und eins mit ihm wirst, bist du Alles geworden.

Eine klare Intelligenz tritt uns deutlich in allen Dingen entgegen. Was in den Sternen ist, ist auch in den Blumen zu unseren Füßen; und die instinktive Erkenntnis dieser Qualität des Schönen lässt den Dichter von der Blume als einem herrlichen Stern sprechen. Die gleiche Lebenskraft durchpulst Blume und Stern. Die gleiche klare Flamme der Intelligenz gibt ihr ihre erlesene Form, Gestalt und Farbe, und die gleiche klare Flamme der Intelligenz lenkt auch den Zug der Sterne auf ihren kosmischen Wegen. Diese innere Göttlichkeit ist die Quelle, der Brunnen aller Dinge, was uns wahrhaft zum Menschen macht, groß, erhaben und edel; was ihm Verständnis, Erkenntnis, Mitleid, Liebe und Friede gibt.

Verbinde dich in der Stille mit deinem inneren Gott, mit jener lebendigen inneren Tempelkammer in dir, in der du, wenn du achtsam lauschst, das Flüstern des Göttlichen vernehmen kannst, des Göttlichen, das jene Kammer erfüllt. Dort liegen Wahrheit, Weisheit, Verstehen und unnennbarer Frieden. Öffne die Pforten deiner menschlichen Ichheit den Strahlen der göttlichen Sonne im Innern; tritt ein in diese Kammer in deines Herzens Tiefe, werde eins mit deinem Selbst, mit deinem göttlichen Selbst, mit dem Gott in dir; sei der Gott, der du in den Tiefen deines Wesens bist!

Fußnoten

1. William Q. Judge, <@Kursiv>Das Meer der Theosophie<@$p>, S. 15. [back]
2. Manvantara ist eine Zusammensetzung von zwei Worten, Manu-antara, mit der Bedeutung „zwischen zwei Manus“. Der Ausdruck wird daher technisch für die Periode manifestierter Tätigkeit zwischen dem eröffnenden oder Wurzel-Manu und dem abschließenden oder Samen-Manu eines jeden Globus angewendet. Durch die Erweiterung des Gedankens hat dieser Ausdruck die allgemeine Bedeutung für die Lebenszeit eines beliebigen Eies von Brahmā angenommen, ganz gleich, ob es sich um einen Planeten, um eine Sonne oder um eine Galaxis handelt. Daher steht Manu kollektiv für die Wesenheiten, die zu Beginn einer Manifestation erscheinen und von denen alles abgeleitet wird. [back]